Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Verstehen die anderen
Weihnachten besser?

Gedanken zum Weihnachtsfest


"Erschienen ist die Güte und Menschenliebe Gottes unseres Retters" (Tit 3,4).

Weihnachtsmuffel gibt es, sie sind aber nicht die Mehrheit. Warum schwingen viele Menschen sich in die Weihnachtsstimmung ein, obwohl sie an Gottes Menschwerdung in Christus gar nicht ernsthaft glauben? Der tiefe Grund dafür ist noch überraschender als die Tatsache selbst. Ich sehe ihn darin, dass "Ungläubige" einen wichtigen Sinn des Weihnachtsereignisses leichter erfassen können als überzeugte Christen. Das ist ein Fall von Betriebsblindheit, wie wenn Orchestermusiker manchmal vor lauter Tönen die Schönheit eines Klanggewebes nicht wahrnehmen oder im Duftgewirr der Großküche das Aroma einer feinen Soße sich verflüchtigt.

Ähnlich können Christen sich schwer tun, den wahren Sinn von Weihnachten zu würdigen. Fest blicken sie auf dieses eine Kind in Bethlehem und auf den Mann Jesus, zu dem es heranwächst; dabei muss ihnen undeutlich werden (denn niemand kann alles zugleich bedenken), was das Zweite Vatikanische Konzil in einem so erstaunlichen wie unbekannten Satz über Christus verkündet hat: "Er hat sich bei der Menschwerdung irgendwie [quodammodo] mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22). Wie ist dieses Irgendwie näher zu verstehen? [Auf jeden Fall stärker, als das gewissermaßen der offiziellen Übersetzung nahelegt. Es geht keineswegs um einen ungefähren Vergleich, vielmehr um eine echte Weise (modus) von Einung.]

Christus "ist das BILD des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15), jenes WORT vor aller Zeit, in dem Gott sich selbst ganz aussagt, ähnlich wie Sie, wenn Sie "ich" sagen, sich selber meinen. "Ehe Abraham ward, BIN ICH", weiß die unendliche Person (Joh 8,58). Wahrhaft Mensch wird das göttliche "ICH"-Wort nicht in Jesus allein, sondern auf je anders bestimmte Weise in jedem von uns Gliedern seines gottmenschlichen Leibes, ähnlich wie Sie nicht nur in Ihrem (Sie ganz und gar meinenden) Wort "ich" selbstbewusst leben, vielmehr je anders in jedem wachen Glied Ihres Leibes. So jetzt auch ich: Als Fuß spüre ich mich stehend, als Ohr der Standuhr lauschend, als Finger die Buchstaben formend, die ich als Auge erblicke.

Für das Weihnachtsverständnis entscheidend wird die Einsicht: Mein Finger ist zwar, wie Fuß, Auge, Ohr, "auf bestimmte Weise" ich selbst, aber nicht weniger als mein Selbst-WORT "ICH" überhaupt. Sollte ein Hund mir einen Finger abbeißen, wäre der allerdings nicht mehr ich; dem entspricht die grausige Gefahr, dass totale Lieblosigkeit ein Glied aus dem Leib Christi reißen könnte. Solange ein Glied aber im Leib mitlebt, bin ich es selbst und sage insofern zu ihm nicht du, sondern ich.

Mindestens dann, wenn es sich so auf seine besondere Aufgabe konzentriert, dass ich gar nicht dazu komme, die Differenz Glied / ICH aktuell zu bedenken. Sooft ich mich im Dunkeln barfuß die Treppe hinab taste, bin ich ganz und gar der eben auftretende Fuß. Nichts sonst. Eben das ist die innere Situation eines Menschen, der von der Weihnachtsstimmung ergriffen ist, ohne an Gottes Menschwerdung in Jesus Christus zu glauben. Er spürt sich deutlich als bestimmtes Ich, das aber unbegreiflich mehr ist als nur ein bedeutungsloses Mensch-Atom mit Namen und Adresse. Ohne Worte fühlt sie oder er: Es gibt nicht bloß Frau X, Herrn Y, sondern auch als ich lebe ICH, der Sinn der Welt. Darum beschenke ich meine Lieben und lasse mich von ihnen beschenken, denn was außer Liebe könnte Sinn des Ganzen sein?

Selbstverständlich können auch Christen das innerlich vollziehen, nicht weniger als die anderen. Sie müssen dabei allerdings für einen Augenblick von ihrer Du-Beziehung zu Jesus absehen. Das ist nicht schlimm, beim Zeitung-Lesen tun sie es auch. Es kann ihnen freilich passieren, dass sie bei solcher Identitäts-Meditation plötzlich erschrecken: Herr, was tu ich da? Ich bin doch gar nicht DU, sondern ein armes sündiges Geschöpf. Dann dürfen sie vielleicht hören: "Das bist du zwar, aber trotzdem will ich auch du sein. Fürchte dich nicht! Wenn ich im 21. Jahrhundert als du leben will, so wie du jetzt als Fuß dastehst, dann wehr dich nicht, sondern tritt beherzt auf und präge meine Spur dem Boden ein. Denk an Mozart, wie er mit klammen Fingern Noten aufs Papier wirft. Als Finger spürt er beides: Ich schaffe dieses unsterbliche Werk, und gleich darauf: Ich friere. Beides ist, obwohl nicht zugleich denkbar, doch kein Widerspruch. Ebensowenig bei dir, wenn du dich jetzt als MEINE Präsenz und dann als abhängiges Geschöpf erlebst." Ja: Weil mitten im überlogischen Geheimnis, können wir nicht beides zugleich gläubig vollziehen und dennoch - über unseren Glauben nachdenkend - beide Ich-Weisen als wahr bekennen.

Nicht nur beim Marien-Thema denken Päpste verschieden. Joseph Ratzinger betont schon 1968 im Kommentar zu GS (LThK-Konzilsband III,351a) die Differenz, nämlich "die ganz persönliche Betroffenheit von Christus ... der nicht einfach ein großes Super-Ego darstellt ... sondern der konkreteste Mensch ist, der mich, gerade mich anblickt und nicht bloß in der Beziehung einer großen Korporativpersönlichkeit zu mir steht, sondern im persönlichen Gespräch der Liebe."

Nicht bloß unser allgemeines Ich ist Christus: dem stimmen alle Christen zu. Aber eben, sei hier betont: auch unser gemeinsames ICH. Und deshalb die wunderbare innerste Wahrheit auch solcher, die sich Tannenzweige besorgen, obwohl man sie nie oder höchstens während der Heiligen Nacht mit Freunden in einer Kirche sieht. Anders als sein Nachfolger hat der schon todkranke Papst Johannes Paul unseren Konzilstext kommentiert. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2005 zitierte er ihn und verband ihn mit einem anderen zu dem ergreifenden Aufruf gerade an die Nicht-Profis in der Kirche, doch endlich unsere überkonfessionelle Christus-Identität mutig und aktiv allen zu bezeugen: Nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und von Christus, "der sich irgendwie mit jedem Menschen vereinigt hat",(GS 22) erlöst, kann [d]er [erlöste Mensch] aktiv am Triumph des Guten mitwirken. Das Wirken des Geistes des Herrn "erfüllt den Erdkreis" (Weish 1, 7). Die Christen, besonders die gläubigen Laien, "sollen diese Hoffnung aber nicht im Innern des Herzens verbergen, sondern in ständiger Bekehrung und im Kampf 'gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister des Bösen' (Eph 6, 12) auch durch die Strukturen des Weltlebens ausdrücken".(LG 35)

Der polnische Papst weiß, wovon er spricht. Als junger Mann hat er die bösen Nazi-Strukturen erlitten, als Kirchenführer geholfen, die bösen Strukturen des menschverachtenden Kommunismus zu stürzen, und sich gegen die kriegerische Arroganz aus Nordamerika gewandt. Wer seine Worte als Aufruf zu heiligem Krieg für irgendeine Politik lesen wollte, trüge für solch unchristliche Deutung selbst die Verantwortung. Ich verstehe sie anders: als Weckruf an uns, die universale Bedeutung von Weihnachten ("in jedem Menschen lebt Christus, gerade auch in deinem angeblich ungläubigen Nachbarn!") angstlos gegen alle böse Enge - gerade auch einer wenig geistlichen Christenheit - nicht nur heimlich zu ahnen, sondern laut und deutlich allseits mitzuteilen.

Wohlan denn: Tretet auf, nicht aus!

Gekürzt veröffentlicht: Christ in der Gegenwart 52/2008,578. Dazu schreibt mir Helena Hennek: Wenn Sie mich vorher gefragt hätten, wo dieser Satz wohl zu finden sei: "Christus irgendwie mit jedem Menschen vereinigt", hätte ich gesagt: Vielleicht in einem wunderbaren science-fiction-Roman über die Zukunft der Kirche. ... Und das in einer Verlautbarung der Amtskirche!


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-weihnacht.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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