Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Der Tafel-Anschrieb

Gedanken am Sonntag der Taufe Christi


"Da öffnete Petrus seinen Mund und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist" (Apg 10,34).

Petrus sah nicht aus wie heute ein Papst, weder er noch seine Hörer kannten seinen Titel, dennoch war dies, für unseren Rückblick, eine päpstliche Ansprache. Eine, wie sie in solcher Klarheit wieder einmal fällig wäre! Spräche aber Benedikt XVI. genau diese Worte aus dem Fernseher und sähe die kleine Simone mich fragend an: "Toll. Wozu aber dann noch Kirche?" - was würde ich ihr sagen?

Auf eine Frage (welche, ist mir entfallen) meldet sich kein Kind, die Lehrerin versucht es beim Hellsten ihrer Schüler: Moritz, du weißt das doch bestimmt. - Ich weiß es, Frau Axmacher, und Sie wissen es. Aber sagen Sie selbst: Ist das eine Frage für die erste Klasse? Dort schreibt die Lehrerin kurz vor den großen Ferien "ALLE BUCHSTABEN" an die Tafel. "Stimmt das?" fragt sie die Kinder. Die meisten meinen: Ja. Es ist richtig geschrieben. Nur Simone meldet Zweifel an: "Eigentlich stimmt es nicht. Es sind ja nicht alle Buchstaben. Die meisten fehlen." "Du hast recht. Trotzdem stimmt, was an der Tafel steht. Damit ALLE BUCHSTABEN alle Buchstaben bedeutet, dürfen es nicht alle Buchstaben sein. Wenn ich die anderen dazuschreibe, so: ACLFLJEKQBMURCXHYSWTZADBGEONP - heißt es nichts mehr. Das Zeichen ist kaputt. Aber deine Wahrheit ist auch wichtig. Nur kannst du sie nicht ins Zeichen hineinschreiben, sondern daneben, vielleicht so: ZU ALLEN BUCHSTABEN GEHÖRT AUCH X." - "Auf englisch gehört auch das R zum Zeichen", meldet sich John: "ALL LETTERS". "Und auf spanisch sind U und B draußen, O und D drin", ergänzt Manuel: "TODAS LAS LETRAS". "Richtig", fasst die Lehrerin zusammen. "In den verschiedenen Sprachen sind andere Buchstaben ein- und andere ausgeschlossen. Aber in jeder Sprache müssen viele Buchstaben ausgeschlossen sein, damit das Zeichen seinen Sinn bedeuten kann."

Als "Mater et Magistra", Mutter und Lehrerin will unsere Kirche wirken. Christentum heißt: HEIL FÜR ALLE. Damit es das bedeuten kann, sind in christlicher Sprache bestimmte Denk- und Lebensformen ungültig. Weil zum Beispiel für den Verstand der Vielen (der auf der öffentlichen Zeichen-Ebene maßgebend ist) Buddhas oder Feuerbachs Botschaft der christlichen widerspricht, deshalb muss diese vor jeder Vermischung mit jenen freigehalten werden. Dogmatische Rechtschreib-Strenge muss das Prinzip des Buchstabens bleiben, aber nur, um den wahren geistlichen Sinn des Zeichens den Menschen ins Herz zu leuchten: Jeder, ob Jude oder Christ, Moslem oder Bahai, Buddhist, Skeptiker oder Atheist, ist samt seiner persönlichen Wahrheit von Gott geliebt und von den Christen hochzuachten, auch wenn sie die überlogische Vereinbarkeit der fremden Wahrheiten mit der eigenen christlichen auf Erden nicht begreifen. Mystiker und Brückenmenschen, die solche Vereinbarkeit ahnen, vermitteln Normalchristen hilfreiche Impulse; wichtig ist aber, dass auch die Kirche deutlicher als bisher den Sinn ihrer Botschaft erklärt. Wird sie es in Zukunft besser können?

Hoffen wir zuversichtlich: Ja. Mindestens in dem lebendigen (oder künftigen?) Glied, das dies gerade liest ...


Eine erfrischend links-katholische Ansprache für heute vernimmt 2012 die spanische Kirche; hier auf deutsch.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-taufe.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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