Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Viele Gestalten der einen Schöpfung
vor ihrem Schöpfer

Gedanken zum zweiten Sonntag nach Weihnachten


»Da gab der Schöpfer des Alls mir Befehl; er, der mich schuf, wusste für mein Zelt eine Ruhestätte. Er sprach: In Jakob sollst du wohnen, in Israel sollst du deinen Erbbesitz haben. Vor der Zeit, im Anfang, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht« (Sir 24,8-9).

So spricht in der ersten Lesung die Weisheit. An ihr scheiden sich die Erklärer. Die meisten Theologen halten sie für »eine poetisch-literarische Personifikation« [LThK (1965) X,1000]. »Da sie in Wirklichkeit die göttliche Weisheit selbst ist, steht sie Gott bei der Weltschöpfung zur Verfügung«, belehrt uns ein offizieller Kommentar in der Einheitsübersetzung [AT 1980,1352]. Kirchenväter beziehen die Stelle auf Christus, schon Origenes schreibt [EvJoh I,34], »dass Christus in einem tiefen Sinne Gottes Weisheit ist«.

Wie am 1. Januar lege ich den Akzent auf das Wort erschaffen. Eben deshalb sieht die betende, liturgisch feiernde Kirche in der Weisheit seit langem gerade nicht Christus sondern, auf IHN bezogen, das erste aller Geschöpfe. Bis zum Konzil war die Parallelstelle zu unserem Text [Spr 8] die Lesung vom Hochfest des 8. Dezember. Jene reine Schöpfung in Person ist in der Fülle der Zeit als Mirjam von Nazaret eine Jüdin geworden, wie ihr Schöpfer als Jesus ein Jude. »In Israel sollst du deinen Erbbesitz haben«, sagt zur Weisheit ihr Schöpfer und Freund. An ihrer beider Liebesbeziehung vor, in, nach der Zeit denken wir heute, das doppelte »im Anfang« unserer Lesung [warum sagt die auch hier unsensible Einheizübersetzung »am Anfang«?] und des Evangelium-Beginns weist auf die ewige Tiefe der Großen Liebesgeschichte hin, die in der Liebe von Maria und Jesus zwischen Nazaret und Golgatha ihren deutlichsten Ausdruck findet und in jeder menschlichen Liebe nicht bloß abgebildet sondern neu verwirklicht wird.

Wie verhält SIE, die vor der Zeit erschaffene Weisheit, sich zu ihr selbst als Braut Gottes, wie Israel sich glaubend erlebt, wenn am höchsten Fest aus dem Hohen Lied vorgelesen wird; zu ihr selbst als der »Hochbegnadeten«, wie Maria vom Erzengel angesprochen wird (Lk 1,28); wie zur christlichen Kirche, in der Marias Ja zu Gott durch die Zeiten weiter klingt; wie zu jeder Seele, die wortlos oder ausdrücklich überzeugt ist: Gott »will uns als Maria« [Pater Klein 1959]; wie zu ihr, »geahnt in sicher unsäglich zweideutigen Ausdrücken in der Mythologie« anderer Glaubenswelten [Pater Klein im Brief an Karl Barth]? Ein japanischer Freund sagte zu Walter Romahn: "Unsere Kannon ist doch eure Maria, nicht wahr?" Genau das ist sie, antwortete er ohne zu zögern.

Das Geheimnis solch gestufter wie bunter Selbigkeit lässt sich besser ehrfürchtig meditieren als begrifflich aufdröseln, deshalb schließe ich mit dem Rat: Fühl bei jedem Marienbild in Kirche oder Museum stereo: a) Das bist DU, die reine Schöpfung in Person, hilf uns gegen alles Böse, das uns DIR entreißen will. b) Das bin ich, Gottes vielgeliebte Du, schon erfüllt mit manchem neuen Keim seiner selbst, den ich austragen und zur Welt bringen darf, später dann auch bei seinem Ende begleiten muss, ehe er mit mir und allen zusammen für immer aufersteht.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-sw2.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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