Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Gibt's was Neues? Und ob!

Gedanken zum siebten Sonntag im Jahreskreis


oder, sollte Ihnen das Thema an diesem Sonntag zu ernst sein,
finden Sie hier zwei Texte aus dem alten Predigtkorb:
Fasching / Karneval

Lachen ist christlich

Heiliges Gelächter


"Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?" Nein, oft merken wir es nicht. Wissen wir doch, daß DU der Ewige bist, älter als die ganze Welt. Nicht nur Karikaturisten, auch große Maler haben dich als alten Mann mit weiß wallendem Bart dargestellt; kein Wunder, daß dieses Bild in ihren Tiefenschichten auch Menschen beeinflußt, die es mit Worten als lächerlich abtun. "Wir haben den Vater in den Wolken alle in die Seele geschrieben bekommen" (Ludwig Weimer). "Er der nie begonnen, Er der immer war", haben wir schon als Kinder gesungen. Er, den auch Mutter und Vater als ihren Vater angebetet haben, wie sollten wir mit ihm die Worte "jung" oder "neu" zusammenfühlen?

Heute sei das versucht, sonst verstünden wir die erste Lesung nicht und unser Gottesbild bliebe so einseitig, daß es falsch heißen müßte. Zum einen übersteigt Gott ja alle unsere Vorstellungen so unendlich, daß jede mehr falsch als wahr ist, zum andern ist unser Denken des Ganzen auf Vorstellungen angewiesen, hätte ohne sie keinerlei Kraft fürs Leben. Um weder von fixierten Bildern zu Götzendienst verführt noch durch ihr Fehlen in bildlose Blindheit verbannt zu werden, bleibt uns nur die Mühe um eine "Mystik der Vorstellungserfindung" (L.Weimer), so daß gegensätzliche Bilder miteinander abwechseln.

Dann kann vernünftiger Glaube gewissermaßen - noch ein Bild - aus jeder Vorstellung ihre Wahrheit herausdestillieren und in sich aufnehmen, während ihr Falsches zur Bildseite geschlagen und vernachlässigt wird. Obwohl solche Unterscheidung im einzelnen vom Verstand nicht scharf gefaßt und schon gar nicht weitergereicht werden kann - deshalb muß jede Generation und jeder Einzelne damit neu beginnen - wird ein glaubendes Herz sich hier doch zusehends klarer, erfährt den immer gewandteren Wechsel der Sinn-Bilder im Innersten schließlich als ruhige Schwingung, ähnlich wie die vibrierende Gitarrensaite ihren hellen Ton erzeugt.

"Seht her, nun mache ich etwas Neues." Was wir gerade wieder erleben dürfen: der Übergang vom Winter zum Frühling ist eine Weise, wie der erste Schritt des geschöpflichen Aufstiegs vom Nichts zur Gottheit sich uns offenbart. Wenn der fast erstickte Taucher endlich Luft schnappt, der Genesende die ersten wackligen Schritte ins Freie tut oder wenn eine lang weggeschobene Aufgabe endlich angepackt wird und gelingt: überhaupt bei jedem Anfang strömt des Schöpfers Schaffensfreude auf uns über und quillt aus innerster Tiefe als Lust des Beginnens ins Bewußtsein. Der Gesunde verspürt sie an jedem Morgen beim Aufwachen; "Ewiges Leben, das heißt: Tag um Tag Neues Leben" (Wilhelm Klein).

Anfang ist etwas Göttliches. Gott ist von Ewigkeit her, insofern also uralt - auch diese Wahrheit verdirbt aber sofort, wenn sie nicht von ihrer Gegenwahrheit ausbalanciert wird: Gott ist immer, auch jetzt und bis zum Jüngsten Tag, der/die ewig Neue. In uns und unseren Nachkommen hat das schöpferische Prinzip noch unfaßbar viel vor, voll Begeisterung stürzt der kreative Schwung des Alls sich auf die frischen, unverbrauchten Möglichkeiten. Die Lust des Buben, der sein neues Rad einweiht, ist darum ebenfalls göttlich, nicht nur die Andacht des Großvaters beim Bibellesen. Heil ist, wer die Prinzipien Treu und Neu in knisternder Spannung hält. Als Augustinus und seine Zeitgenossen vor den germanischen Barbaren zitterten und das absehbare Ende ihrer Kultur mühsam genug ertrugen, da ahnten sie nichts von einer Bach-Fuge im Kölner Dom. Welche Kirche wird im globalen Dorf von übermorgen stehen? Wer nur die heutige von vorgestern kennt, dem ist mit Recht bange. Hat Bertolt Brecht aber vielleicht, ohne es zu ahnen, in seinen schönen Zeilen ein Gleichnis der göttlichen Freude über den künftigen Glaubensfrühling gedichtet?

"O Lust des Beginnens! O früher Morgen!
Erstes Gras, wenn vergessen scheint
Was grün ist! O erste Seite des Buchs
Des erwarteten, sehr überraschende! Lies
Langsam, allzuschnell
Wird der ungelesene Teil dir dünn! Und der erste Wasserguß
In das verschweißte Gesicht! Das frische
Kühle Hemd! O Beginn der Liebe! Blick der wegirrt!
O Beginn der Arbeit! Öl zu füllen
In die kalte Maschine! Erster Handgriff
und erstes Summen
Des anspringenden Motors! Und erster Zug
Rauchs, der die Lunge füllt! Und du
Neuer Gedanke!"


Zum Weiterdenken:

Mehr falsch als wahr: Beim 4. Laterankonzil wurde 1215 feierlich erklärt, daß "zwischen Schöpfer und Geschöpf keine solche Ähnlichkeit festgestellt werden kann, daß zwischen ihnen nicht eine größere Unähnlichkeit festzustellen wäre" [Denz. 432].

Gegensätzliche Bilder: Bei der prachtvollen Nürnberger Luther-Ausstellung ging mir 1983 auf: Der Geist des alttestamentlichen Bilderverbots verpflichtet uns mindestens insofern, als wir kein einzelnes Gottesbild derart für die Wahrheit nehmen dürfen, daß wir über ihm Gottes Unbegreiflichkeit vergäßen und zu wissen meinten, wie Gott ist. Dieses Prinzip gilt allerdings nicht nur für gemalte und gemeißelte Bilder, sondern auch für all die Vorstellungen, welche in den Wörtern, die wir von Gott aussagen, heimlich aber kräftig am Wirken sind. Wie der Karikaturenstreit zeigt, ist die bildlose Religion des Islam vor einem mörderischen Götzenbild keineswegs geschützt. Innere Bildlosigkeit halten höchstens einige Mystiker aus, nicht aber ganze Völker; versucht man sie doch, so wird wahrscheinlich irgendein einseitiges Bild unerkannt die Seelen beherrschen.
Darum tut die Kirche gut daran, vielerlei Glaubensbilder zu fördern: Gerade durch ihre Gegensätzlichkeit werden sie dem Sinn des Bilderverbots gerecht. Vor ihrer Vielfalt wird dem Gläubigen anschaulich bewußt, daß Gott alle unsere Bilder übersteigt. In unserer hochreflexen Kultur geht es nicht an, irgendein - überkommenes oder neu zu wagendes - Glaubensbild als die Wahrheit festzulegen. Nur wenn die verschiedensten Ausdrucksweisen einander ausbalancieren, bleibt Gottes Geheimnis bewahrt und der Glaube unideologisch frei.

Übergang vom Winter zum Frühling: Predigten zu den vier jahreszeitlichen Übergängen, samt den entsprechenden Tageszeiten, wie Michelangelo sie gemeißelt hat, finden sich von hier aus.

"Treu und Neu" war der Titel meines Zölibats-Artikels 1980 in "Geist und Leben". Karl Rahner hatte Spaß an ihm.

Gedanken auch zur zweiten Lesung von heute finden sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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