Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Das Geheimnis des Weberschiffchens

Gedanken zum fünften Sonntag im Jahreskreis



"So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert ... Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, daß mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück." Aus alter Zeit klingt Ijobs Aufschrei zu uns her, aber veraltet ist an ihm nichts. Viele fühlen wie er. Auf immer gleiche Weise saust das Weberschiffchen des Daseins hin und her, vom Morgen zum Abend, und zum Morgen zurück, scheinbar stets im Gleichmaß der Uhr, in Wahrheit aber, der inneren nämlich, zusehends schneller. Wollen Sie einen Zwanzigjährigen schockieren? Dann erklären Sie ihm, daß er jetzt ungefähr die Hälfte seines Lebens hinter sich hat. Fragt er erstaunt "wieso das denn?", so erinnern Sie ihn daran, wie wunderbar lang dem Grundschulkind die Zeit von einem Weihnachten zum nächsten gewesen sei, wieviel schneller sie ihm jetzt vergehe, und diese subjektive Zeitbeschleunigung nehme im Lauf der Jahrzehnte noch zu.

"Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage." Manches Mal wird die Sinnlosigkeit dieses Hin und Her jemandem so unerträglich, daß er seinen Lebensfaden selbst zerreißt. Ein Engländer, so wird erzählt, hat sich einst an seinen Hosenträgern aufgehängt, weil es ihm zu langweilig geworden war, sich jeden Morgen anzuziehen und jeden Abend wieder aus. Er übertrieb, was viele weniger extrem auch treiben, wenn sie sich nicht ganz aber hochprozentig umbringen, indem sie Mittwochs früh im Büro "ach wär's doch schon Freitag!" seufzen. Kann sein, es steht unsichtbar eine böse Fee daneben und erfüllt diesen Wunsch, so daß die Zeit bis Freitag so gut wie tot ist. Wohl eilen noch Finger über Tasten, aber (vor dreißig Jahren) in der Seelen-Maschine ist kein Farbband oder (heute) in ihrem System lauert schon das Virus, das vor dem Ausdruck alles Getippte ungespeichert abstürzen läßt.

Die Epoche des Schreibmaschinengleichnisses hat gerade ein Jahrhundert gedauert, manche Kinder von heute haben noch nie ein Farbband gesehen. Ijobs Vergleich hält sich länger. Weberschiffchen sehen jetzt zwar anders aus als vor viertausend Jahren, funktionieren aber ebenso. Die Weberei ist eine der ältesten Menschheitskünste, schon aus dem alten Ägypten sind prachtvolle Gewebe erhalten. Das Prinzip ist bis heute dasselbe: Längsfäden werden abwechselnd nach oben und unten auseinandergespreizt, das Schiffchen bringt den Querfaden ein, dann gehen die oberen Längsfäden nach unten, die unteren nach oben, und der nächste Querfaden wird vom zurückschwirrenden Schiffchen eingefügt. So entsteht allmählich aus Fäden ein Stoff.

Hat Ijobs Dichter zum Vergleich mit dem Weberschiffchen deshalb gegriffen, weil in diesem Bild auch schon die Lösung des Rätsels der Zeit versteckt ist? So daß dieses Wort des lebendigen Gottes nicht nur unsere gemeinsame Krise offenbart sondern heimlich auch schon SEINe erlösende Antwort? Wissen kann das niemand, das will mein Glaube auch nicht. Ihm genügt es, im alten Bild neu zu vernehmen, was ihn seit langem immer wieder begeistert. "Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus", des Lebens-Gewebes Querfaden, dank welchem aus dem Nebeneinander vieler Längsfäden während der Webzeit eine Stoffbahn geworden ist. Bei jedem Hin wie Her des Schiffchens wird sie etwas länger. Und wenn der Faden ausgeht, das Schiffchen nicht mehr weiter eilt? Dann bleibt der fertige Stoff. Abgeschnitten wird der Faden der Werdezeit, nicht verloren geht das gewordene Sein. Welche Weberin wirft den liebevoll gewirkten Stoff gleich weg? Nein, die himmlische Herrin von Fausts Erdgeist ist so dumm nicht, SIE bewahrt das Werk ihrer Kunst.

"So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid."

Bestimmt kannte der Ijob-Dichter kostbare Stoffe und konnte aus dem Stolz ihrer Besitzer schließen, auch seines eigenen Lebensfadens Abriß werde nicht das Gewebe vernichten. Ja, süßes Himmelslicht, bald wird es Abend, und du bist wieder einmal vorbei. Wohin sind dann deine Strahlen? Fragen wir nicht physikalisch sondern geistlich, dann kenne ich keine herrlichere Auskunft als die eines namenlosen antiken Christen vermutlich in Ägypten.

Während einer Trauerfeier betrachtete ich das Glasfenster der Auferstehungskirche im Abendlicht und erblickte plötzlich das riesige Bild der göttlichen Sonne, wie sie ihre Strahlen, die wir sind, zuletzt wieder zu sich holt, zurückzieht (re-surrectio), hinaufnimmt (ana-stasis) vom irdischen Wirkort in ihr himmlisches Fest. Nicht ästhetisierende Vertröstung ist dieses Sonnengleichnis, vielmehr ein hinreißender Ausdruck der christlichen Wirklichkeitserfahrung: Christus unsere Sonne ist auferstanden und wir gehören zu ihm, tagsüber als seine Strahlen hier auf Erden, abends zu ihm heimkehrend und nachts für immer bei ihm. Im altkirchlichen (von Klaus Berger neu verbreiteten) "Brief an Rheginos" lesen wir: "Der Heiland hat den Tod verschluckt, denn er hat die vergehende Welt abgetan. Er hat sich in eine unvergängliche Überwelt gewandelt und ist auferstanden, nachdem er das Sichtbare durch das Unsichtbare verschluckt hat, und er gab uns den Weg unserer Unsterblichkeit. In der Tat (wie der Apostel sagt): Wir haben mit ihm gelitten, sind mit ihm auferstanden, und mit ihm in den Himmel aufgefahren. Wenn wir nun, ihn anhabend, in dieser Welt erscheinen, sind wir seine Strahlen, von ihm bis zu unserem Versinken umfaßt, das heißt unserem Tod in diesem Leben. Wir werden durch ihn zum Himmel gezogen wie Strahlen von der Sonne, nichts hält uns mehr zurück."

O Freude! Der Faden, den dein Weberschiffchen mal munter mal trübe Tag um Tag ins Weltgewebe fügt, er ist in Wahrheit ein einziger langer Strahl der göttlichen Sonne, abends zieht sie ihn samt den mit ihm verwobenen Längsfäden in ihren Glanz zurück, kein Stückchen geht verloren. Die vielen anderen Strahlen, all deine Lieben die schon dort sind, erwarten dich. Gräm dich also nicht sondern tu - wieder und immer wieder - den Sprung aus der irgendwann abbrechenden Querdimension deines Alltagsfadens in die dazu senkrechte andere Dimension des ewig bleibenden lebendigen Sonnentempel-Teppichs der du am Werden bist.


Zum Weiterdenken:

Brief "an Rheginos": aus dem Internet-Englisch übersetzt, Kap. 4

Andere Dimension: Das geometrische Heilsgleichnis [Fassung von 1970] gibt es in zwei Formen. Entweder wird - wie oben beim Webe-Vergleich - die unmittelbare Erfahrung als scheinbar nur eindimensionale Linie verstanden (hier des Querfadens), die erst zusammen mit der anderen Dimension (der zunächst vergessenen Breite des Fadens) die wirkliche Fläche ergibt (während die dritte Dimension Höhe hier nichts bedeutet). Oder das Eigentliche ist die echt räumliche Welt, während das empirisch Erlebte als um die entscheidende Dimension reduzierte bloße Fläche erscheint. Schön ausgeführt hat das Anthony Burgess in seinem bezaubernden Denkspiel "The Eve of St. Venus" (New York 1970, p. 108). Nachdem die total begeisternde Epiphanie der Göttin LIEBE abgeklungen ist, stellt Ambrose traurig fest: "Ich bin frei. Frei wozu? Frei, zu sein was ich bin. Eine Dimension ist weggenommen worden. Es ist so, als wäre man beim Verkosten der erfreulichen dreidimensionalen Welt plötzlich in einen Film verhext worden. Jetzt bin ich bloß Leinwand. Oder Karton. Flach, monochrom. Ich wurde über das mechanische Zeitkarussell erhoben, aus dem Geschichtsstrom herausgesogen, von IHR auf die zeitlose Ebene eines Mythos erhöht. Adonis ist jetzt tot. Tod ist einfach ein anderer Name für den Zustand, ich selbst zu sein. Ambrose Rutterkin, der mäßig erfolgreiche Ingenieur, dessen Studienverlauf nicht besonders herausragend war, der ziemlich beliebt ist weil man sich auf ihn verlassen kann und er den Leuten immer recht gibt. Was gibt mir jetzt Einzigkeit? Ich bin der Mann morgens in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, ununterscheidbar vom Rest der Herde, zappelig bei Kleinigkeiten aber ohne wirkliche Überzeugungen. Die Wirklichkeit hat sich anscheinend verabschiedet. Da kann ich gleich die gewöhnliche Maske wieder anlegen, die von jetzt an immer mein Gesicht sein wird."

Eine ausführlichere Predigt für heute findet sich hier.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s5.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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