Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr B

Eucharistie und Mess-Opfer

Gedanken zum dreiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


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Eine schwer verständliche Lesung

[Will Gott Opfer?]

Vollzieht das Opfer des Neuen Bundes sich auch in unseren Kirchen?

Nein, meinen die einen: Christi Opfer sei abgeschlossen.

So wehrt man sich mit Recht gegen frühere Mißbräuche

Ja, glauben die anderen:

Jetzt geschieht das Mysterium

Jetzt werde ich in Christi Opfer einbezogen

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Eine schwer verständliche Lesung

"Durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt ... wo aber die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Sündopfer mehr" (Hebr 10,14.18).

Mit einem Satz sieht der Zuhörer der zweiten Lesung sich in eine fremde Denkwelt geschleudert. Vielleicht hat er vor dem Gang zur Kirche im Sonntagsblättchen noch von lauter verständlichen Dingen gelesen, Fußballergebnissen oder Straßenverbreiterungsplänen, da wird ihm während der Feier des heiligen Meßopfers aus dem Hebräerbrief vorgelesen, daß Christus durch sein einziges Opfer für die Sünden es geschafft hat, daß die Sünden vergeben sind und es kein Sündopfer mehr gibt. Wie soll er das alles verstehen?

Verlangt der gute Gott wirklich Opfer, damit er uns unsere Lieblosigkeiten verzeihen kann - obwohl er uns doch gemacht hat und weiß, wie schwach wir sind? Als die Spanier vor fünfhundert Jahren die blutigen Menschenopfer in Mexiko mit ansahen, waren sie entsetzt über diese heidnischen Greuel; und doch haben jene Götzen nur das Blut von Kriegsgefangenen verlangt und nicht - wie anscheinend Gott - das Blut des eigenen Sohnes! Hat er dies Opfer aber wirklich gefordert, so ist es doch - sagt unsere Lesung - auf jeden Fall ein für allemal geschehen, so daß es jetzt "kein Sündopfer mehr gibt" - wieso heißt unsere Feier dann Meß-Opfer, in welchem Sinn bringen wir Gott ein Opfer dar?

Fragen über Fragen. Viele lassen sie einfach fromm an sich vorbei rauschen, weil es ja wohl Theologen gibt, die das alles verstehen, und weil man einen guten Wein genießen kann, auch ohne seine chemische Zusammensetzung zu kennen. Nun hängt gewiß Lebendigkeit und Tiefe eines Glaubens nicht von der Klarheit des Glaubensverständnisses ab. Trotzdem ist der Weinvergleich schief. Denn Wein wirkt direkt auf unseren Körper und erst von dort aus auf den Geist, der Glaube hingegen bestimmt unseren Geist. Zu verstehen, was wir glauben, mag weniger wichtig sein als wem und wie intensiv wir glauben, dennoch ist das Glaubens-Verständnis dem Glauben innerlich und keineswegs, wie die Kenntnis der Weinchemie, ein für die Wirkung unerheblicher äußerer Umstand. Immerhin hat die große heilige Teresa, wenn sie zwischen einem frommen oder einem gelehrten Seelenführer wählen sollte, sich für den gelehrten entschieden.

Wollen wir die Lesung verstehen, gilt es zwei unter Christen umstrittene Fragen zu klären:

[Will Gott Opfer?]

In welchem Sinn diese Frage zu verneinen, in welchem zu bejahen sei, war schon einmal Thema, deshalb wenden wir uns heute gleich der anderen Frage zu:]

Vollzieht das Opfer des Neuen Bundes sich auch in unseren Kirchen?

Nein, meinen die einen: Christi Opfer sei abgeschlossen.

Nein, sagen Protestanten und auch bestimmte katholische Kreise, in denen der traditionelle Ausdruck "Meßopfer" verpönt ist, als politisch nicht korrekt gilt, man sagt "Eucharistiefeier". In einer "linkskatholischen" Verlautbarung stand jüngst zu lesen: Die von Rom aus "geforderte Wiederbelebung des Opfergedankens in der Eucharistiefeier ist theologisch seit langem überholt. Denn das, was insbesondere der Hebräerbrief uns zeigt, ist: Das ‚Opfer' Christi ist ein für alle Mal geschehen, es muss nicht wiederholt werden, es ist abgeschlossen. Die Eucharistiefeier ist vielmehr eine Dankes- und Gedächtnisfeier."

So wehrt man sich mit Recht gegen frühere Mißbräuche

So zu denken ist unter Christen erlaubt und ehrenwert. Niemand kann alle Glaubensaspekte zugleich im Sinn haben. Und wer sich der "Schnappmessen" von dazumal noch erinnert, begreift sehr wohl, wie jemand den Vorstellungskreis, der zu solchen Mißbräuchen führte, als ganzen ablehnen und ins gegenteilige Extrem verfallen kann. Weil jedes Meßopfer, als Repräsentation des Opfers Christi, einen unendlichen Wert hat, wurde noch vor vierzig Jahren großer Wert auf jede einzelne Messe gelegt. Freilich ist zwölfmal unendlich nicht mehr als einmal unendlich, das vergaß man aber und so kam es dazu, daß in Häusern, wo viele Priester zusammenlebten, morgens an zahlreichen Seitenaltären zugleich je ein Priester samt einem Ministranten murmelnd das heilige Opfer "feierte". Ein einschlägiger Witz vermutet, daß in einem Rundbau der liturgische Text leicht abgewandelt werden mußte. Die Priester an den Altären drehten sich zur Mitte und sagten "Dominus tecum", worauf der Ministrant "et cum spiritibus vestris" antwortete. Das ist grimmig übertrieben, drückt aber ironisch das Nein zu einer liturgischen Realität aus, die dann vom Konzil gleichfalls kritisiert wurde und heute eher selten geworden sein dürfte. Nochmals also: Verständlich ist es, wenn jemand das Wort "Meßopfer" nicht mag.

Ja, glauben die anderen:

Trotzdem betone ich jetzt, um der kat-holischen Fülle willen, die katholische Gegenwahrheit. Nein, eine Heilige Messe ist nicht nur Eucharistie, also Dank und Gedächtnis. Sie ist auch die Vergegenwärtigung von Christi Opfer. Natürlich wird es weder wiederholt noch gar vervielfacht, bleibt vielmehr das eine, einzige und endgültige Opfer des neuen Bundes. Es ist aber keineswegs (wie es in jener Verlautbarung hieß) abgeschlossen, versperrt, sondern weit offen für uns, will uns in sich aufnehmen, und eben das wird beim Meßopfer uns bewußt.

Jetzt geschieht das Mysterium

Lassen Sie die folgenden Sätze des Benediktiners Odo Casel aus dem Jahre 1926 langsam auf der Zunge Ihres Herzens zergehen:

"Jene eine Tat auf Golgotha ist ein für allemal geschehen, ist, wie jede andere geschichtliche Tat, als solche in der Vergangenheit versunken. Sie kann unmöglich wieder zur Wirklichkeit werden. Sie kann auch nicht wiederholt werden; denn dann müßte Christus ja nochmals sterben; aber er ist ein für allemal durch sein Opfer in die ewige Verklärung eingegangen und sitzet zur Rechten des Vaters. Soll sie aber doch für die Gläubigen, die nicht unter dem Kreuze standen, wirklich gegenwärtig sein, so kann das nur geschehen im Mysterium, das heißt in ritueller Symbolhandlung. Hier tritt also die Liturgie als notwendig ein. Liturgie ist Symbol, rituelle Begehung göttlicher Tat. Im Symbol ist es möglich, die eine Tat, nicht nach ihren zufälligen geschichtlichen Einzelheiten, sondern in ihrem ewigen Kerne wiederhinzustellen, so daß sie vor unserem Auge sich vollzieht; freilich, unser äußeres Auge sieht nur den Ritus, das Glaubensauge aber sieht dahinter die Wirklichkeit. Das Mysterium besteht also aus Äußerem und Innerem, Bild und Inhalt, Begehung und Wirkung, Feier und Gnade."

Jetzt werde ich in Christi Opfer einbezogen

Und beide Dimensionen verwirklichen sich auch in mir, der - vorn am Altar oder hinten in der Bank - dabei sein darf. "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist", sagt jetzt auch in meinem furchtsamen Herzen der Einziggeborene zu seinem Gott und ist gewiß, er fällt nicht ins Nichts. Obwohl auch ich - jetzt oder irgendwann oder zuletzt - nicht mehr weiß, wozu du, mein Gott, mich verlassen hast. Nur Gott selbst kann Gott alles so opfern, daß es annahmewürdig ist, und je bewußter ich das heilige Meßopfer mit begehe, um so eindringlicher wird für mich wahr, was immer schon an sich wirklich ist: der unendliche Gnadenstrom durchpulst auch mich, denn ich gehöre zur Welt und "durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst" damals, und dieses Damals ist nicht in der Vergangenheit versunken sondern ist personhaft jenem göttlichen HEUTE geeint, das jegliche Zeit, auch dieses mein winziges Jetzt in der kalten Kirche, rettend umfängt. Dank dir, mein Gott, daß deine Liebe nicht an mir Maß nimmt sondern an IHM, der sich DIR ganz opfert und mich in diesen Schwung hineinreißt und in den Jubel: "Wo die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Sündopfer mehr", da braucht es keine Münchhausen-Faxen, mich mit allerlei selbstquälerischen Verrenkungen aus dem Sumpf ziehen zu wollen, da darf ich mich nehmen wie ich bin und dort gleich wieder lassen, verlassen auf dich, dessen Opfer jetzt auch mit mir sich ereignet.

Ungefähr so fühlen katholische Gläubige seit zweitausend Jahren, in Katakomben und Kathedralen, heimlich im KZ, festlich bei der goldenen Hochzeit und tröstlich in der Klinikkapelle. Den Schacher der Schnappmessen hat diese Gläubigkeit ertragen und überwunden, auch vor der Opfervergessenheit eines aktuellen Zeitgeists muß ihr nicht bange sein.


Zum Weiterdenken:

Linkskatholisch: 1960/61 traf sich im Germanikum ein Studentenzirkel zu diesem Thema. Einen Kategorien-Vorschlag des Jesuiten Gaston Fessard abwandelnd, versuchte ich anderthalb Jahre vor Konzilsbeginn, innerkirchliche Spannungen, statt - wie üblich - mit soziologischen Begriffen, lieber mit heilsgeschichtlichen Typisierungen denk-, sag- und ertragbar zu machen. Ob dieser Ideenkeim sich noch einmal auswächst? (Das damalige scharfe Urteil über den "Lügenpropheten" traue ich mir heute nicht mehr zu - doch was ist eine "eigentliche" Exkommunikation?)

Nicht nur Eucharistie, also Dank und Gedächtnis: Das ist ein definiertes Dogma (Tridentinum, Sess. 22, can. 3, D [alt] 950).

Odo Casel: Mysterium der Ekklesia (Mainz 1961), 221f

"Wozu?", nicht "warum?" ist die richtige Übersetzung von Ps 22,2, lernen wir Christen vom jüdischen Gelehrten Pinchas Lapide.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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