Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Mittler für alle

Gedanken zum dreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"Jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen" (Hebr 5,1).

Als der uns sonst unbekannte Verfasser des Hebräerbriefes an jüdische Christen diesen Satz schrieb, war dessen Inhalt schon Vergangenheit. Seit Roms Sieg lag der Jerusalemer Tempel in Trümmern, vor einer seiner gewaltigen Mauern gedenken Juden bis heute klagend der Katastrophen ihres Volkes. Seit fast zweitausend Jahren amtet kein Hoherpriester mehr.

Unter den ersten Lesern unseres Briefes hatten die Älteren diese Figur ihrer Religion noch erlebt und waren traurig, dass es mit all dem aus sein sollte. Ihnen ruft der Verfasser zu: Seid getrost! Der Hohepriester lebt. Wofür dessen Amt ein Vorzeichen war, hat sich an Christus endgültig erfüllt. ER hat sich selbst als Opfer für die Sünden aller Menschen dargebracht, seine Auferstehung beweist: Gott nimmt sein Opfer an. Aus diesem Vertrauen schöpfen wir Christen die innere Kraft, die den Leuten früher bei der Wallfahrt zum Tempel geschenkt wurde.

So ungefähr lässt unsere Lesung sich verstehen: als damals vernünftige Lösung eines aktuellen Glaubensproblems. Kann sie dasselbe auch für uns werden? Möglich sein muss das, sonst würde sie uns nicht als "Wort des lebendigen Gottes" verkündet. Was kann aber mit diesen alten Worten jemand anfangen, dem nicht nur der jüdische Hohepriester fremd ist sondern auch der weiß gewandete in Rom, gar jeder Priester?

Er muss, um an Christus zu glauben, nicht den Umweg durch ein religiöses Weltverständnis nehmen, das ihm nichts sagt. Ebenso wie am Anfang des Christentums ein Weltmensch dazu nicht erst Jude werden musste. Diese Parallele hat einer der wegweisenden Martyrer unserer Zeit entdeckt, doch bricht seine Einsicht sich in den Kirchen nur langsam Bahn. Am 30. April 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer im Berliner Kerker: "Die paulinische Frage, ob die Beschneidung Bedingung der Rechtfertigung sei, heißt m.E. heute, ob Religion Bedingung des Heils sei." Sie ist es also nicht.

Lässt sich einem säkular fühlenden Gemüt Jesu Priestertum erklären? - Was in einem religiösen Denksystem der Priester ist, heißt allgemein: Mittler. Ein Mittler gehört verschiedenen Lebenskreisen an und kann deshalb die Anliegen des einen im andern wahrnehmen. Solche Mittler kennt jeder, viele Berufe tun diesen Dienst. Ein Anwalt vermittelt zwischen Bürger und Gericht, ein Wirtschaftsingenieur erklärt dem Techniker, wieviel ein Teil kosten darf, und dem Kaufmann, warum ein billigeres es nicht täte.

Christus vermittelt zwischen Erde und Himmel, d.h. zwischen unserem Alltag und dem unbegreiflichen Ganzen, das ihn sinnvoll macht wie einen Buchstaben der Liebesbrief, einen Celloton der Walzer, zu dem er gehört. Ist ein Menschenkind versucht, sich und das Seine für sinnlos zu halten, erinnert der Gekreuzigte und Auferstandene es daran: auch dir steht, unverlierbar, ein Platz im Ganzen zu. Will eine andere Person einen Mitmenschen verachten, weil sie mehr Geld auf dem Konto, gescheitere Ideen im Hirn oder sonst irgendeinen Vorrang hat, so vertritt Christus vor ihr den Anspruch des Ganzen: ICH allein bin groß, du nur weil ICH auch in dir leben will - doch eben auch in deinem Mitmenschen da, drum gib deinen Hochmut auf, sonst stehst du bald als das Nichts da, zu dem du dich isolierst.

Die Existenz-Spannung zwischen dem Alles-Sein im Ganzen und dem Nichts-Sein eines Bruchstücks ist eine Grundwahrheit jedes Menschen, ob religiös oder nicht. In Christus ist sie Gestalt geworden. Packend symbolisiert wird sie vieltausendfach vom Ewigen Licht in katholischen Kirchen: Hier bin ICH, das Ganze in Person, wirklich für dich da. Sogar im säkularen Stockholm des Bestsellers Millennium (II, Kap. 20) hat der leitende Ermittler anscheinend diesen Eindruck.

"Er setzte sich in eine der hinteren Bänke und bewegte sich über eine Stunde lang nicht. Als Jude hatte er theoretisch in einer katholischen Kirche nichts verloren, trotzdem war sie ein ruhiger Ort, den er regelmäßig aufsuchte, sooft er seine Ideen in Ordnung bringen musste. Jan Bublanski war überzeugt, Gott werde ihn nicht missbilligen. Zudem gab es einen großen Unterschied zwischen Katholizismus und Judentum. In die Synagoge ging er, weil er Gesellschaft suchte, mit anderen beisammen sein wollte; die Katholiken gingen in die Kirche, um mit Gott allein zu sein. Die Kirche lud zum Schweigen ein und mahnte, ihre Besucher nicht zu stören."


Zum heutigen Weltmissionssonntag hier zum Lesen oder Hören:

Mission und Dialog brauchen einander
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 11. Oktober 2009


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s30.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann