Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Den Walfisch Pluralismus überleben!

Gedanken zum dritten Sonntag im Jahreskreis


»Jonas rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott« (Jona 3,4-5).

In einer Hinsicht hatte Jonas es leichter als wir heute. Zwar war sein Auftrag ungeheuer: Allein in eine fremde Riesenstadt zu gehen und im Namen Gottes deren Untergang anzukündigen auf die Gefahr hin, dass Gott ihn zuletzt blamiert. Verständlich, dass Jonas den Auftrag erst annimmt, nachdem er im Walfisch begriffen hat, dass man Gott nicht entkommt. Doch hat der Prophet in allen äußeren und inneren Abenteuern eins gewusst: Die Situation ist klar, mir und den Heiden in Ninive. Denn die Vernünftigen dort haben die Ohnmacht ihrer Götzen längst durchschaut und wissen: Mit Ihm, der mich sendet, dem wirklichen Gott, ist nicht zu spaßen.

Solche Helle fehlt uns inzwischen. In der Christenheit wissen nicht nur abgehobene Intellektuelle, sondern alle wachen Herzen, dass diese oder jene »Anderen« im Angesicht der innersten Wahrheit, die Gott selber ist, nicht schlechter dastehen als »wir Rechtgläubigen«. Das stürzt nicht wenige, denen ihr Glaube wichtig ist, immer wieder in ähnliche Finsternis, wie sie Jonas im Walfisch umgibt. Wer dieses Gefühl gar nicht kennt, ist wie die Kinder nicht geworden sondern geblieben – was eine gute Herkunft ist aber kein brauchbares Ziel.

Wie wird reifer Glaube damit fertig, dass er fremdem Widerspruch nichts erwidern kann, dem wirklichen Gegenüber sogar herzlich Recht gibt? Ein Beispiel: Die fromme Mutter eines jungen Holländers wird bald an Kehlkopfkrebs sterben, da besuchen sie zwei Älteste ihrer streng reformierten Gemeinde und machen beiden die Hölle heiß: »Wir bitten Dich darum, oh Herr, dass Du diesen jungen Bruder, dessen Herz verhärtet und dessen Geist verstockt ist gegenüber Deinen Gesetzen und Deiner Ordnung, zu Dir und zu Deinem Dienst zurückrufst, damit er niederkniet vor dem Thron der Gnade und Dich als unseren einzigen Herrn und Heiland anerkennt. Oh, Herr Christus, erbarme Dich über unsere Schwester, die Du schon bald abberufen wirst aus dieser irdischen Bedrängnis. Sie, oh Herr, durchwandert gerade im Schatten des Todes das finstere Tal, und auch ihr Herz ist verhärtet gegen Deine Gesetze und Gebote. Auch sie ist eine Sünderin, die für immer verstoßen, für ewig, ja ewig verloren sein wird, wenn sie sich nicht bekehrt. Eine Sünderin, zu der Du sagen werdest: gehe hinweg von Mir, du ungetreue Magd, gehe in die äußerste Finsternis, wo das Feuer nicht erlischt und der Wurm nicht stirbt, wo sie leiden wird, unsagbar leiden wird für ihre Sünden, ein Leid, von dem Du sie schon jetzt einen Vorgeschmack kosten lässt.«

Da rastet der Junge aus, geht auf die beiden los, sie fliehen, es folgt eine Jonas-Szene: »Ich renne nach draußen, dass der Kies unter meinen Füßen aufspritzt, hebe den Ältesten mit beiden Händen hoch, trage ihn zum Wasser und werfe ihn in die wütenden, schäumenden Fluten.« Später zieht er ihn aus dem Wasser und bleibt allein zurück. » Der strömende Regen spült die ersten Tränen fort, aber trotz dieser Tränen empfinde ich Genugtuung, als ob Rechnungen beglichen worden sind, als ob alte Schulden abgetragen wurden. Während ich umherlaufe, weiß ich plötzlich, und zwar mit der unerschütterlichen Gewissheit, von der die Calvinisten immer reden, dass das Christentum Betrug ist, ja, dass das ganze Leben eine infame Lüge ist und dass jetzt irgendwo fern im Weltall Gott über meinen Kummer satanisch lacht, der Gott des 10. Sonntags, der meiner Mutter mit väterlicher Hand eine Krankheit hat zukommen lassen, einen Vorgeschmack des Leidens in der Hölle« [Maarten 't Hart, Ein Schwarm Regenbrachvögel (1971) suhrkamp TaBu 2927,86-88].

Über diesen Ausbruch nachdenkend, entdecke ich die rettende Unterscheidung. Es ist zwar im Alltag und in der Wissenschaft dasselbe, bei Glaubensfragen aber nicht dasselbe, ob ich etwas sage oder etwas Gehörtem zustimme! Sagst du »Zwei mal zwei ist fünf« und stimme ich dir zu, dann ist das ebenso, als hätte ich selbst den Unsinn gesagt. Anders beim Glaubensgespräch. Im Mund jenes tief verletzten Sohnes drückt der Satz »das Christentum ist Betrug« seine existentielle Wahrheit aus, seine unerschütterliche Gewissheit trügt ihn nicht.

Eben diese meine Überzeugung darf ich ihm auch mitteilen. Freilich nicht so, dass auch ich das Christentum Betrug nenne. Dann hätte ich Christus verleugnet, davor bewahre mich Gott. Bei jedem solchen Gespräch ist der abstrakte Begriff »das Christentum« gar nicht das wirkliche Thema. Beide mögen so sprechen, doch geht es immer um dein Christentum und mein Christentum, d.h. um die ganz persönliche Perspektive, wie das riesige historische Gebilde, das aus Jesu Impuls geworden ist, dich und mich trifft. Kurz: Die scheinbar so schlichte Frage nach dem Christentum ist eine falsche Frage, lässt keine Antwort zu, ähnlich wie meistens die berühmte Frage »Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen, ja oder nein?«

Nicht für »das Christentum« soll ein Christ Zeugnis ablegen sondern für seinen Glauben an Jesus Christus. Bei mir gehört dazu auch der Glaube an die kat-holische Kirche – keineswegs aber an all die Lügenmasken, womit menschliche Bosheit und apparatliche Arroganz im Lauf der Jahrhunderte das Antlitz der Kirche verschandelt haben. (Das Wort Erbsünde z.B. hasse ich nicht weniger als irgendein liberaler Humanist – dem, was das Dogma meint, stimme ich zu.)

Die Unterscheidung zwischen Sagen und Gehörtem Zustimmen ist nicht relativistischer Indifferentismus vielmehr dessen Gegenteil. Im Heiligen Geist relational zu differenzieren ist das einzige Heilmittel gegen geistlosen Fundamentalismus, der die von Gott gewollte Buntheit im engen Farbton der eigenen Ideologie verschwinden lassen will. Erst »am Ende werden wir wissen, wer recht hatte«, mahnte Kardinal Martini in seiner Predigt am 8. Mai 2005 zu Mailand, als er seines Ex-Kollegen Ratzinger Relativismus-Verurteilung durch das Recht auf einen »christlichen Relativismus« ausbalancierte. Nur als belebende Spannung zwischen meinem beschränkten So und deinem begrenzten Anders kann unser volleres Sein gelingen, das sich dann in jeder Spannung zu euch als gleichfalls beschränkt erweist, bis es – für uns fassbar jedoch erst DANN – gleichberechtigt im unendlichen Konzert mitklingt.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s3.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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