Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Danke für den Honig des Evangeliums !

Gedanken zum siebenundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


»Es war Gottes gnädiger Wille, dass Jesus für einen jeden den Tod geschmeckt hat« (Hebr 2,9).

Der Sinn dieses Satzes wird leicht verfehlt. Oberflächlich verstanden, klingt er wie Lästerung; nicht wenige Christen möchten dem Moslem beistimmen, der an einen solchen Gott nicht glauben will. Ob es in irgendwelchen Palästen tatsächlich die Einrichtung des Prügelknaben gegeben hat, müssen wir nicht untersuchen; falls ja, wurde jedenfalls ein Niedriger für die Streiche des adligen Sohnes gezüchtigt. Dass – umgekehrt – der Allmächtige die Sünden seiner Geschöpfe im armen Fleisch seines eigenen Sohnes straft und solches Tun »Gnade« nennt: Was fangen wir an mit diesem »Wort des lebendigen Gottes«?

Gültig ist ein Wort nur innerhalb seines Zusammenhangs. »Ich möchte dich auffressen« heißt etwas anderes, ob ein Kannibalenhäuptling es hungrig zum Missionar sagt oder eine junge Mutter lachend zu ihrem appetitlichen Baby. Ähnlich dürfen wir dem Satz über Jesu Tod nicht von außen nahen, aus der Sicht ängstlicher Sklaven, die sich wegducken vor der Willkür des Herrn. Nicht wie es leider zugeht in Werkstätten, Büros, Kasernen und überall, liefert uns den Schlüssel zum Rätsel des Ganzen, sondern erst im Oster- und Pfingstlicht zeigt sich einem Christen die Wirklichkeit.

»Nicht mehr Knechte sondern Freunde« nennt Jesus seine Gefährten am Vorabend seines Sterbens, danach zeigt der Auferstandene sich ihnen in neuem, jetzt unsterblichem Glanz, »Rubinen gleich die Wunden all«. Diese grundstürzende Erfahrung füllt ihnen den Mund ihres Herzens derart selig mit dem Wein der Siegesgewissheit, dass aller bittere Todesgeschmack weg gespült wird. Sooft der uns die Lebensfreude vergällen will, überwindet der süße Glaube an Jesu endgültigen Schritt ins Helle, den ER ja eben »für einen jeden« getan hat (im voraus auch schon in jedem Glaubenden), jenen widerlichen Fusel.

Mein Gott, welche Freude: Wir gehören zusammen! Wir Menschen scheinen zwar lauter wertlose Bruchstücke, jedem fehlt das meiste, was die anderen sind. Weil der eine Unsterbliche aber in seinem Tod all unsere Tode versammelt und besiegt, nur deshalb ist der amerikanische Optimismus nicht verstiegene Schwärmerei sondern die schlichte Wahrheit: "Menschen sind manchmal grausam aber der Mensch ist gütig. Menschen sind manchmal gierig aber der Mensch ist großzügig. Menschen sind sterblich aber der Mensch ist unsterblich" [Adlai Stevenson].

Ja: Denn beim stündlichen Sterben sind wir nicht allein. Bei uns ist der Sieger. Rot vom Blut des Löwen, der uns fressen wollte, strahlt in der Morgensonne sein Schwert. Noch schüttelt der Raubtiergestank uns durch, trotzdem gehen wir sorglos auf den greulichen Kadaver zu. Unser Freund hat das Untier gestellt und erschlagen. Weil Christus den Tod geschmeckt [dreimal wehe dem Komitee der Einheizübersetzung, warum mussten die Kerle auch dieses Bibelwort verschmieren?] und ausgespien hat, weicht auch unsere Todesgalle dem Oster-Wein.

Ein Fachmann erklärt unseren Satz so: »Es erweist sich, dass die göttliche Idee "des Menschen" größer ist als die Bosheit und dass sie letzten Endes triumphieren wird: "Der Mensch" ist mehr, als Menschen je zu verunzieren und zu zerstören vermögen. Denn "der Mensch" ist die Gemeinschaft der Kinder Gottes mit dem Sohn Gottes, dem die Aufgabe zufällt, "den Menschen", d. h. die göttliche Heilsfamilie ihrer endgültigen Bestimmung zuzuführen ... Jesus sollte durch Gottes Gnadenwillen für alle den erlösenden Tod verkosten, um dadurch alles für sich und seine Brüder zu unterwerfen ... Durch seinen Tod hat Jesus die Pforten des Lebens und der Auferstehung geöffnet. Damit verlor die Todesfurcht ihren Schrecken: bis dahin hatte sie wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der Menschen geschwebt und jeden Augenblick des Lebens bedroht, so dass die Menschen ein Leben von Sklaven führten ... Christus hat uns durch seine einmalige Tat zu "Vollendeten" gemacht. Die Tat hat irdisch gesehen ihre zeitliche Bezogenheit auf die historische Stunde des "damals". Da aber diese Tat "überhaupt" geschehen ist, und da sie "im Himmel" vollzogen wurde, ist sie jederzeit, auch uns heute und der Zukunft unmittelbar gegenwärtig ... Christus hat unsere Heiligung damals vollzogen, wir empfangen sie jeder zu seiner Zeit. Der zeitliche Unterschied wird überbrückt, ja er gilt im himmlischen Bereich nicht. Es ist das Geheimnis des "Heute" der neutestamentlichen Gegenwärtigkeit des Heiles, das in der einmal-endgültigen Tat Christi beschlossen liegt« [Alois Winter im Werkheft von bibel und kirche, S. 9.11.48].

Ungefähr in diesem Sinn werden Jesu Mitmenschen durch seinen Tod erlöst. An diesem Glauben kann ich nichts Blutrünstiges, Unwürdiges, Entfremdendes finden. Allerdings ist er Rotwein, nicht rosa Limo. Seit wann gehört aber das ganze Christentum in den Kindergarten?


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s27.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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