Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Für eine goldene Mitte,
die nicht langweilig ist

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Wo Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten" (Jak 3,16). Ehrgeiz führt zu bösen Taten, sagt nicht nur die Bibel, der Zeitungsleser erfährt es jede Woche. Doch macht ein Kind, das keinerlei Ehrgeiz entwickelt, den Eltern wenig Freude.

Wie ist das Problemfeld Ehrgeiz - Größe - Erfolg christlich zu bewerten? Auf den Punkt bringt Jakobus es einige Sätze später: "Wißt ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, der wird zum Feind Gottes" (4,4). Wie aber - ist die Welt nicht von Gott gemacht, zur Freude seiner Kinder? Nie vergesse ich den Rat eines weisen Benediktiners: "Gott hat die guten Dinge nicht nur für die Bösen geschaffen." Christliche Mönche waren es, die aus dem verwilderten Europa der Spätantike dank ihrem Motto "Ora et labora" [Bete und arbeite] einen Teppich blühender Landschaften gemacht haben. Wie ist es zu erklären, daß ausgerechnet die Franziskaner schon in der zweiten Generation das schönste aller Pariser Studienhäuser betrieben? Was umgekehrt aus einem Volk wird, dem man jeglichen Ehrgeiz austreibt, zeigt am erschütterndsten das Beispiel Kambodscha zwischen 1975 und 1979, als im Interesse totaler Gleichmacherei alle irgendwie Gebildeten totgeschlagen oder durch Zwangsarbeit ausgerottet wurden. Nein: "Keine Unterschiede machend [adiákritos]", dieses Lob unserer Lesung (4,17) für die Weisheit von oben ist höchst zweischneidig, wird nur dank klaren Unterscheidungen recht verstanden. In welchem Sinn macht die Weisheit von oben keine Unterschiede? In welchem Sinn ist "Gottes Weisheit vielbunt" (Eph 3,10), Ursprung all der Unterschiede, die unser Leben bereichern?

Aus der hohen Zeit griechischer Philosophie stammt die Vorstellung, alle Tüchtigkeit sei eine maßvolle goldene Mitte zwischen zwei üblen Extremen. Weder verschwenderisch noch geizig sollen wir sein, weder feig noch leichtsinnig, weder hektisch noch träg. Wie stellen wir es aber an, daß die goldene Mitte nicht selbst zum Extrem wird, zur äußerst langweiligen Bravheit des "juste milieu" der Spießbürger? "Mittelmäßig" zu werden - dieses öde Programm kann doch nicht gemeint sein.

Versuchen wir es wieder mit einem mathematischen Gleichnis. Nicht der tote Punkt oder eine kurze Strecke zwischen zwei Extremen ist die goldene Mitte, vielmehr deren gespanntes Gleichgewicht. Wenn sie und er auf einem Balken verliebt wippen, sollen beide gerade nicht zueinander in die Mitte rutschen! Je weiter auseinander, um so besser. Sobald ein Partner fällt oder abspringt, ist es auch um den anderen geschehen. Juste milieu, richtige Mitte meint also nicht die sinnlose Null als Resultat von erst plus a, dann minus a. Wenn gegensätzliche Werte (durch solche Subtraktion) einander vernichten, wurde das falsche Programm eingesetzt.

Dieser Fehler passiert häufig. Eine spanische Soziologin sieht in ihm einen Hauptgrund für die derzeitige Misere der Jugend: "Wir haben den jungen Leuten widersprüchliche Werte beigebracht, die ihnen eine große Verwirrung geschaffen haben. Einerseits sagen wir ihnen, sie müßten arbeiten und den Wettbewerb suchen, anderseits sprechen wir ihnen aber von Solidarität, Chancengleichheit ... Werten, die sie in der Realität nicht sehen."

Das sehe ich anders. Nicht das Beibringen widersprüchlicher Werte ist schuld, es ist vielmehr notwendig und das einzig Richtige. Falsch ist die kurzschlüssige Subtraktions-Beziehung, die in Ideologie-anfälligen Gemütern automatisch zwischen diesen Werten hergestellt wird: Stimmt der eine, müsse der andere falsch sein. Statt dessen heißt es im Prinzip ausdrücklich das Modell der Wippe anwenden: Wahr ist allein das Gleichgewicht, links gilt minus a, rechts gilt plus b. Zu einer Subtraktion kommt es nur, was jeweils den praktischen Ausdruck betrifft. Da kann ich mich allerdings nicht zugleich sparsam und großzügig verhalten. Besser als eine spießbürgerlich enge Normal-Mitte ist das Programm kluger Abwechslung: "Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn" (Teresa).

Führt Ehrgeiz zu bösen Taten? Ja, wenn er "herrscht", nämlich ohne Rücksicht auf sein Gegenprinzip Solidarität sich durchsetzt (dieser Zusatz im deutschen Text ist berechtigt). Wie eine Klavier- oder Schreib-Tastatur unbrauchbar ist, wenn die Federn so stark sind, daß die Tasten sich nicht niederdrücken lassen, ebenso unnütz aber auch, wenn meinen Fingern gar keine Kraft widersteht, so auch beim Mit- und Widereinander gegensätzlicher Werte. Welcher jetzt Feder sei, welcher sie als Finger überwinde, entscheidet jeweils das Gewissen in seiner Situation. Die durch den Entschluß zur geringeren gemachte Kraft wird aber nicht prinzipiell abgewertet, nur bleibt ihre Wirkung für diesmal verborgen. Wer bei der Vorbereitung aufs Examen seinen Mitstudenten nicht hilft (weil er sich für später bessere Chancen ausrechnet, je schlechter seine Wettbewerber jetzt abschneiden), handelt schäbig; jener Knabe, der während der Schulaufgabe sein Blatt für den Hintermann hochhielt, war allzu naiv, erhielt seinen Verweis mit Recht. Ehrgeiz und Frieden stiftende Gerechtigkeit schließen sich nicht aus, grundsätzlich soll, wenn der eine wächst, die andere Schritt halten, während praktisch mal der volle Einsatz des Stürmers dran ist, mal der Pfiff des "Unparteiischen" (V. 17), ohne dessen mäßigende Klugheit es zu "Unordnung und bösen Taten jeder Art" kommen müßte.

"Wer ein Freund der Welt sein will, wird zum Feind Gottes." Der Satz definiert die Welt von ihrem Widerspruch zu Gott her. So stimmt er, gilt freilich auch für jede Welt von Frommen, die ihrem Gott voll "Eifer" dienen (Röm 10,2: "zelos"; dasselbe Wort wird in unserer Lesung als "Ehrgeiz" übersetzt), dadurch aber der Zweideutigkeit ihrer Welt nicht enthoben sind, sondern aus der Perspektive einer anderen Welt zu Recht als Feinde des sie begründenden Gottes erscheinen. Dabei müssen wir gar nicht an das Geheimnis der Beziehungen von Juden, Christen und Muslimen denken, in vielen Familien führt Eifer für eine fromme aber enge Welt zu - scheinbar? - gottlosen Ergebnissen. In einer spanischen Zeitung stand zu lesen: "Viele, die eine konfessionelle Erziehung bekommen, häufig unter dem Druck der Eltern oder des Milieus, fallen schließlich in Einstellungen des Atheismus, Agnostizismus, religiöser Gleichgültigkeit oder, schlimmer, leidenschaftlicher Ablehnung der Religion in jeglicher inhaltlicher Form sowie kulturellen und gesellschaftlichen Äußerung. Vor kurzem fragte man einen angesehenen spanischen Intellektuellen, ob er gläubig sei, worauf er antwortete: Natürlich nicht, ich wurde in einer Jesuitenschule erzogen."

Such also lieber nicht die eine Wahrheit deines Lebens, das verführt zu verblendeter Einseitigkeit. Such lieber die Tastatur, wo kräftig gefederte Tasten auf den leicht stärkeren Druck deiner Finger warten, und trainiere nicht nur die Finger sondern pflege auch die Federung. Um sein Ich opfern zu können, muß man erst eines sein.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s25.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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