Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Spannungseinheit von
Urvertrauen und Verantwortung

Gedanken zum vierundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Heute werden uns aus dem Jakobusbrief die berühmten Sätze vorgelesen, die einem wichtigen Grundsatz des heiligen Paulus scheinbar glatt widersprechen. Genau dieser logische Widerspruch wurde vor bald fünfhundert Jahren zu einem Haupt-Trennpunkt der Kirchenspaltung zwischen Protestanten und Katholiken. Zwar haben beide Seiten im Herbst 1999 feierlich erklärt, daß diese Frage die Kirchen nicht länger trennt (im Grunde also nie wirklich getrennt hat!), doch gibt es nach wie vor beiderseits Kräfte, die diese gemeinsame Erklärung als faulen Kompromiß bekämpfen. Aus sündigem ["Sünde" kommt von "(ab)sondern"] Identitäts-Wahn? Oder mit gutem, vor Gott gültigem Grund? Oder hat das sog. schlichte Christenvolk recht, das von der Debatte um die Rechtfertigung angeblich nicht einmal die Frage versteht? Obwohl es doch kaum sein kann, daß eine Lebensfrage, die unsere Ahnen derart tief ergriff, uns gar nichts mehr bedeutet: wahrscheinlich tritt sie heute nur in anderer Gestalt auf.

Die protestantische Wahrheit steht im Römerbrief (3,28): "Wir sind der Überzeugung, daß der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes." Das katholische Gegenstück hören wir heute (Jak 2,14): "Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?" Worauf kommt es also an: auf den Glauben, daß Gott uns unbedingt liebt, einfach weil wir seine Kinder sind, oder darauf, daß wir etwas tun? Aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen beiden Bibelsätzen lernen wir: dies ist eine falsche Frage. Beides ist notwendig. "Den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist", darauf kommt es an. So lehrt Paulus anderswo (Gal 5,6). "Das Tun folgt dem Sein." Wenn ein vorgeblicher Glaube an Gott den von Gott geliebten Mitmenschen nichts Gutes tut, dann ist er gar nicht wirklich da, wird bloß durch Worte vorgetäuscht, warnt Jakobus: "So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat."

Ist das nicht selbstverständlich? Wie konnten kluge Menschen sich Jahrhunderte lang hier so erbittert streiten? Erinnern wir uns aber an Jesu Herzensbotschaft, wie er sie in der Perle seiner Gleichnisse ausgedrückt hat, der Geschichte der Verlorenen Söhne. Wer hat da Werke vollbracht? Nur der Ältere. Er hat sich täglich für die Eltern auf dem Feld abgerackert. Der Jüngere hingegen hat seinen Vermögensanteil als reisender Playboy verpraßt, erst als er nichts mehr hatte, kam er zerlumpt nach Hause zurück. Und was tut der Vater? Fragt er ihn nach seinen Werken? Kein bißchen. Er fällt ihm um den Hals, kleidet ihn neu ein und läßt zur Feier seiner Heimkehr ein großes Fest veranstalten. Begreifen wir, daß der ältere Bruder sauer wird? "Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet."

Was hat den Jüngeren gerettet? Irgendein Werk? Er hatte keins. Allein die grundlose Güte des Vaters und daß der Sohn an sie im innersten Herzen glaubte. Hätte er das nicht getan, hätte er die Werke für entscheidend gehalten, so wäre er unterwegs verzweifelt, und elend umgekommen. Dieses zentrale Gleichnis scheint also doch den Protestanten gegen die Katholiken rechtzugeben, ebenso wie die kürzere Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,14): "Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück (obwohl er nichts Gutes getan sondern im Dienst der Römer und aus Eigensucht seine Mitmenschen finanziell ausgequetscht hatte), der andere nicht" (obwohl er zweimal pro Woche fastete und zehn Prozent Kirchensteuer zahlte). Nein, die Werke machen es nicht! Und doch sagt derselbe Jesus, nach gut jüdischer Art (Mt 7,20 f): "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Nicht jeder, der (weil er intensiv zu glauben vermeint) zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt."

Wie löst sich das Rätsel? Das ja auch uns Heutige angeht, wir müssen nur die geforderten Werke richtig bezeichnen: Solidarität mit den Hungrigen im Süden, Bewahrung der Schöpfung vor den Folgen der verbrecherischen Gier in unseren nicht unter- aber runterentwickelten Ländern ...

Die Wahrheit ist einleuchtend aber nicht einfach sondern doppelt. Zur Verwirrung kommt es, wenn man die Antwort auf die eine Frage versehentlich der anderen zuschlägt. Die beiden Fragen sind:
a) Wie werde ich heil in Gott?
b) Wie lebe ich heil vor Gott?

Was wird der jüngere Sohn nach dem Fest tun? Ich stelle mir vor, wie die Familienkonferenz ihm seine Aufgabe zuteilt und wie er sich bemüht, sie zu erfüllen. Heil geworden ist er durch kein Werk sondern allein dank zuvorkommender Güte, die den Verlorenen ohne sein Zutun liebreich umfängt, heil leben kann er nur, wenn er sich auch selber tätig in die Energie dieser Güte einschwingt.

Ein genaues Gleichnis beider Heilsdimensionen hat jeder Mensch in der Kindheit erfahren. Lebendig geworden ist er im Schoß seiner Mutter, wo es ihm gut ging. Später hat er gelernt, den Willen von Vater und Mutter zu tun, damit es ihm gut gehe. Unbedingtes Glück in der Mutter, bedingtes Glück unter dem Blick von Mutter und Vater: die Spannung zweier zeitlicher Etappen stellt die Dauerspannung innerhalb jedes späteren Moments dar. Wie der Embryo im Mutterleib, so ist das Kind in der Familie und der Bürger in der entwickelten Gesellschaft geborgen: auch die nichtsnutzige Tochter darf mitessen, auch der Verbrecher hat in unserem Land ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Zum vollen Glück gehört freilich nicht nur das Wohlsein im Unbedingten sondern auch die aktiv verdiente Geltung vor dem Richterblick, der Mutter und des Vaters in der Kindheit, der Mitbürger in der Gesellschaft.

Auch im Unendlichen unterscheiden sich beide Heilsdimensionen, in jedem Augenblick. Stets neu werden wir ohne unser Zutun im Mutterschoß der Ungeschaffenen Gnade belebt. Nicht weil ich gestern irgend etwas Gutes tat sondern weil ich eben jetzt aus dem Nichts heraus begnadigt werde, deshalb erfreue ich mich des göttlichen Lebens in mir. Im Grunde das, scheint mir, meint die protestantische Wahrheit: Nicht verdienen kann ich mir mein Sein in Gott, nur als reines Gnadengeschenk kann ich es im Glauben annehmen, insofern rechtfertigt allein der Glaube ohne Werke.

Gott ist aber nicht nur unendliche Mutterliebe, in der wir ungefragt leben, sondern auch der Vater, der uns als bewußte, immer reifere Mittäter seiner guten Taten will. Wer sich diesem Willen versagt, widerspricht seinem Heil, glaubt es nicht mit dem Herzen, höchstens mit dem Mund, gleicht einem Abgestürzten, der das rettende Seil selber kappt. Gottes mütterliche und väterliche Beziehung zu uns sind seine eine Liebe. Wer durch absichtliche Lieblosigkeit dem Vater widersteht, muß auch die Mutter verlieren. Das ist die katholische Wahrheit unserer Lesung: Ohne Mitwirkung mit dem geschenkten Heil kein Heil.

Diese Zweidimensionalität schließt beide Mißverständnisse aus: die protestantische Versuchung billiger Gnade ebenso wie die katholische der Werkgerechtigkeit. Stets den eigenen Glauben nur beteuern und nicht einmal versuchen, ihm gemäß auch zu leben, wäre nicht evangelisch sondern eine Karikatur. Sich wegen frommer Heldentaten als Heiliger vorkommen oder wegen übler Vergangenheit als aussichtslos verloren, statt jeden Augenblick neu als gratis Begnadigter sich annehmen, wäre nicht katholisch (auch nicht wahrhaft jüdisch) sondern heidnischer Aberglaube.

"Glauben oder Werke?" kommt vielen Zeitgenossen als tote Frage aus längstvergangen-unaufgeklärter Epoche vor. Anders klingt sie, sobald wir statt Glauben: Urvertrauen sagen und Statt Werke: Verantwortung. Ähnlich wie sich, als Spannung zwischen dem Urvertrauen ins unbedingte Wohlwollen der Mutter und der dem Elternwillen geschuldeten Verantwortlichkeit, allmählich das freie Ich des Heranwachsenden bildet (weil der fordernde Elternwille aus dem verschlingenden Einerlei der Großen Mutter errettet, und die unbedingte Mutterliebe vor dem zerschmetternden Druck des übermächtigen Anderen), so auch im Großen. Das Urvertrauen zum bergenden Ganzen und die Verantwortung angesichts von dessen Willen zum Guten machen miteinander das freie Selbst aus, christlich: ein lebendiges Glied am Leib des einzigen göttlichen Kindes, je individuell bestimmte Ich-Konzentration des universalen ICH, wie in meinen dies schreibenden Fingern wahrhaft ich den Füller führe, derselbe der anderseits die Wellen als Auge sieht, als Gehör plätschern hört, und als Haut Wind und Sonne genießt. Nein, das Vertrauen zur mich ins Dasein strahlenden Güte und die Bereitwilligkeit, ihrer auch selbst ein tätiger Ausdruck zu werden, sind kein Widerspruch, eben diese seelische Polarität darf und will ich sein.

Ist der konfessionelle Gegensatz in der Rechtfertigungsfrage überwunden? Ja: als Streit zweier einseitiger Ideologien. Nein: als gesellschaftliche Repräsentation einer nicht nur für uns notwendigen sondern dem Dreieinigkeitsglauben wahrhaft innergöttlichen Polarität, zwischen dem Urvertrauen des Ewigen Kindes, das unaufhörlich "im Heiligen Geist jubelt" (Lk 10,21), und seinem Gehorsam gegen den Willen des Vaters. Sie ist aber nicht kirchentrennend sondern - indem sie zwei gültige Spiritualitäten aufeinander bezieht - Kirche begründend. Laßt uns miteinander, im Glauben an die Gnade, für das Gute wirken, unverdrossen, soviel uns auch mißlingt, Tag um Tag neu. Nie versiegt die Quelle, seien auch wir nie für dauernd verschlammt.


Zum Weiterdenken:

Gemeinsame Erklärung: Sie in meiner Gemeinde zu erläutern, habe ich diesen Denk-Vorschlag 1999 entwickelt.

Das Tun folgt dem Sein: Agere sequitur Esse, lernte im europäischen Hochmittelalter jeder Student, an der Gregoriana in Rom noch 1960.

Mütterliche und väterliche Beziehung: Ihr Gegensatz bedeutet zwar symbolisch die Spannung von unbedingter und bedingter Liebe, beide leben aber in beiden Eltern. Köstlich die Geschichte, wie die heimkehrende Mutter eine kindliche Untat entdeckt und droht: Wart nur bis dein Vater heimkommt! - Der hat es schon gesehen. - So? Und, was hat er gesagt? - Wart nur bis deine Mutter heimkommt!

Große Mutter: Das Standardwerk schrieb Erich Neumann, Die große Mutter. Eine Phänomenologie weiblicher Gestaltungen des Unbewußten, 9. Auflage Olten 1989

Nicht kirchentrennend: Luther selbst kam mit dem Gegensatz gut zurecht; hätte er ihn in seiner Bibel sonst derart scharf hingestellt?
"So halten wir es nu / Das der Mensch gerecht werde / on des Gesetzes werck / alleine durch den Glauben." (Röm 3,28)
"So sehet jr nu / Das der Mensch durch die werck gerecht wird / nicht durch den glauben alleine." (Jak 2,24)


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s24.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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