Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Gott als Rächer?
Kein veraltetes Bild!

Gedanken zum dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten (Jes 35,4).

Stimmt, was vor fast vierzig Jahren der Beuroner Redakteur des Messbüchleins feststellte: Der heutige Leser kann mit solchen Aussagen nicht viel anfangen ? Vielleicht war das damals weithin so, seither ist der Kuschelgott der Aufgeklärten uns Nachmodernen schon wieder im Nebel verschwunden.

Mit der prophetischen Verheißung dagegen bin ich herzlich einverstanden: Ja, Herr, komm mit Deiner Vergeltung, nimm Rache für die Ängste der Ausgeplünderten, lass Blutsauger, Finanzhaie, Drogen- und Waffenhändler ihre bösen Erfolge nicht bis zuletzt genießen, höchstens bis zu dem Moment, da DU kommst, die von ihnen in den Dreck Getretenen zu erheben, damit sie, jeder eine Facette im Richterauge, ihre Peiniger verurteilen.

Nicht um die Bösen auf ewig zu verderben, sie in Höllenqualen sich winden zu sehen, das nicht. Diese Vorstellung war – neben der Feindschaft gegen die Juden – ein anderer schlimmer Irrtum der Christenheit bis zum letzten Konzil. Wohl aber muss die Gerechtigkeit den Grausamen ihre Prachtgewänder abreißen, bis sie vor aller Blicken ebenso elend dastehen wie ihre Opfer. Wie sonst als durch ein zerbrochenes Herz kann Christus der Herr eintreten? fragt, selbst gebrochen, der Zuchthäusler Oscar Wilde, nachdem ein Frauenmörder gehenkt worden war.

Ah! happy they whose hearts can break
And peace of pardon win!
How else may man make straight his plan
And cleanse his soul from Sin?
How else but through a broken heart
May Lord Christ enter in?

[The Ballad of Reading Gaol, siebtletzte Strophe]

Ungebrochen kann niemand Verzeihung erbitten noch empfangen. Auch in jedem Einzelleben gilt die heilsgeschichtliche Reihenfolge Gerechtigkeit => Erbarmen. Jüdische wie christliche Bibel offenbaren, weil Gottes Wort, je beide Etappen. Vater vergib ihnen ist eins der letzten Worte eines Juden; Christus selbst scheucht (Mt 25) beim Jüngsten Gericht die Bösen ins Feuer des Gerichts. Nicht zwischen Glaubensweisen scheidet die göttliche Spannung GERECHT/ERBARMEND, wohl zwischen Etappen eines jeden Glaubensweges. Das krebsig ego-verkrampfte Glied an Gottes Leib muss an der Gerechtigkeit zerbrechen, das aussätzig welkende wird durch das Erbarmen geheilt, In einer ihrer genialsten Einsichten bringt Simone Weil unser Geheimnis auf den Punkt: Hochmütig sein heißt vergessen, dass man Gott ist.

Eine andere Predigt für heute


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s23.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann