Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Obst vom inneren Baum

Gedanken zum zweiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten." Ein wunderbar erhellendes Gleichnis steckt in diesem Satz des Jakobusbriefes; wer sich auf es einläßt, versteht sich und sein Glauben klarer als zuvor. Solche Aufklärung tut immer wieder not, wie in der großen Geschichte so in der Lebensgeschichte eines jeden von uns. Hintergrund der folgenden Gedanken ist die Herausforderung durch einen frechen Absatz in einem spanischen Bestseller. Von einer Dame gefragt, ob er gläubig sei, antwortete Fernando Savater mit der Gegenfrage "Gläubig woran? Meine Gesprächspartnerin zuckte lächelnd mit den Achseln und sagte mir: ‚An das Übliche halt'. Daraufhin, schon auf festerem Grund, erwiderte ich, daß ich in der Tat an das Übliche glaube; woran ich nicht glaube, ist an das Übernatürliche. Ich hätte anfügen können, daß ich auch nicht glaube, daß die zu glauben Glaubenden mehr als ich wissen, woran sie glauben. Will sagen, ich bin nicht nur im religiösen Sinn des Begriffs nicht gläubig sondern glaube auch nicht, daß die Gläubigen glauben."

Hübsch gesagt, und ein Fortschritt. Max Weber erklärte sich selbst für "religiös unmusikalisch", hier wird trompetet, daß die angeblich Musikalischen in Wahrheit gleichfalls nichts hören. Hat der Spötter gar recht? frage ich mich beklommen. Weiß ich, was ich glaube? Fühlen kann ich es, gewiß - wenn er dieses Gefühl nun aber für Einbildung erklärt? Wer sich an einer Mozart-Melodie erfreut, mag dem Unmusikalischen, dem sie bloß Geräusch ist, freilich erwidern: Schade, daß ich dir meine Wahrheit nicht mitteilen kann - wir sollen die Frohe Botschaft aber nicht nur fühlen sondern aller Welt verkünden, auch dem noch getauften aber von der staatsfrommen Franco-Kirche abgestoßenen südlichen Aufklärer und seinen vielfach ungetauften nördlichen Kollegen. Das heißt: zuvörderst uns selbst, sofern deren Zweifel auch uns verwirren. Sobald wir mit ihren skeptischen Ohren die uns gesagten alten Worte hören, entweicht aus ihnen alle Kraft. "Gott" meint dann nicht mehr das LEBEN selbst ("mein Glück, meine Liebe, mein GOTT!"), sondern die Ober-Instanz des grausamen Weltapparats, den höchsten Anderen ("mein Chef, allmächtiger Herr-Gott!"), dessen angeblichen Stellvertretern samt ihren Zumutungen man sich am besten entzieht, wenn man kann. Soll ich solche, die es konnten, zurück in die Unfreiheit zu zerren versuchen, und solche, die noch in ihr stecken, dort festhalten? Gewiß nicht. Wie, in welcher Sprache kann ich ihnen dann die rettende Wahrheit sagen? Wir haben doch nur die eine gemeinsame Menschensprache!

Das schon. Wir können ihre Wörter aber verschieden gebrauchen. Vergleichen wir sie mit Früchten. Es macht einen Unterschied, ob jemand einen auf dem Weg gefundenen Apfel verschenkt oder einen im eigenen Garten gewachsenen. Nicht irgendwo aufgelesene Glaubensworte sollen wir weitergeben sondern "das Wort, das in euch eingepflanzt worden ist", indem es dem Wildbaum, der du von Natur aus bist, als Edelreis aufgepfropft wurde, welches dann, statt Holzäpfel, köstliches Obst wachsen läßt - aus dir.

Es mag schon noch - weniger als früher - "Gläubige" geben, die "halt das Übliche" zu glauben vermeinen aber tatsächlich nicht wissen, was sie glauben. Irgendwann einmal haben sie gelernt, mit den großen Wörtern der christlichen Tradition umzugehen, doch eher wie ein Grundschulkind, das den Faust-Monolog auswendig lernt - fehlerfrei vielleicht, aber nicht so, daß die Worte ihm zu eigen werden. Dann verschrumpeln die fremden Äpfel im Keller, das Edelreis wächst nicht an; wenn der Mensch seine Holzäpfel als Äpfel weitergibt, nimmt das Apfel-Image Schaden.

Der Vergleich will nicht diskriminieren. Ich meine nicht, nur in christlichen Gärten wachse edles Obst. Was dem einen Geschmack als untauglicher Apfel vorkommt, ist dem andern ja vielleicht in Wahrheit eine gelungene Birne. Es gibt freilich auch Holzbirnen. Nicht nur Glaubensworte lassen sich unverstanden nachplappern, den Ideen der Aufklärung geht es nicht anders, "Aufkläricht" hat Ernst Bloch das Ergebnis genannt.

"Nempt das Wort an mit sanfftmut / das in euch gepflantzet ist", aus der Mahnung der Luther-Bibel von 1545 entnehme ich den Rat: Lagert die Offenbarung, die euch durch die überlieferten Worte zukommt, nicht als fremde Information unverarbeitet in euch ein, indem ihr diese Schublade "Glauben" nennt. Versteht vielmehr euer Glauben als die Einwilligung eines wilden Obstbaums, sich mit dem Pfropfreis einer Edelsorte bereichern zu lassen und dann aus sich selbst dessen Früchte zu bringen, in Wort und Tat. Dann könnt ihr auf die Frage "Was glaubst du?" eine Antwort geben, die nicht orthodox-richtig aber auswendig-unverstanden-lächerlich daherkommt sondern als euer eigenes lebendiges Zeugnis.

Klingt das aber nicht verdächtig nach Subjektivismus? Der gilt nicht! "Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn" (2 Kor 4,5). Christen, die allzu eifrig eigene Geistesfrüchte austeilen, werden häufig zurückgepfiffen. - Selbstverständlich gehört, erstens, zum lebendigen Wort Gottes, das wir hören und uns einpflanzen lassen, immer auch das Echo, welches den alten Worten durch unsere Mitchristen vermittelt wird, von den Bischöfen bis zur schlichtesten Laiin. Und wer, zweitens, mit Glaubensfragen wissenschaftlich umgeht, ist allerdings zur Mühe um Objektivität verpflichtet, darf als Exeget nicht sein Verständnis der Sache dem Autor unterschieben, als Dogmatiker einen Konzilsbeschluß (der in der Regel als Kompromiß zustande kommt) nicht bloß von der ihm genehmen Seite aus darstellen.

Unser Thema ist jetzt aber nicht die wissenschaftliche Behandlung vergangener Glaubens-Äußerungen sondern das existentielle Äußern des eigenen Glaubens. Diesen Unterschied lohnt es sich immer wieder zu bedenken. Fragt dich wer "was glaubst du?", dann laß nicht Katechismussätze abschnurren sondern "gib Zeugnis", erzähl deine Geschichte mit Gott. Ob sie den Angesprochenen über-zeugt? Darauf kommt es nicht an, Glaubensverkündigung ist kein Fingerhakeln. Mag sein, jeder Apfelgeschmack ist ihm derzeit verekelt und er lebt gesund von anderem Obst, das dir nicht bekommt (oder nur angefault auf deinen Teller kam). Das muß nicht so bleiben. Vielleicht wünscht er sich eines Tages deine Äpfel und weiß dann, wo er sie findet. Denn er erinnert sich der Stunde, da du ihm von deinem Obst anbotest, und wie sehr von innen deine Worte kamen.

Leute gibt es, die lassen die schönsten Früchte ihres Gartens vergammeln, machen sich nicht die Mühe der Ernte. Ihnen wollen wir nicht gleichen. Warum sich nicht einmal hinsetzen und einen Abschnitt der heiligen Schrift in diesem Geist lesen? Also nicht fragen: Was erfahre ich hier Neues? Dafür gibt es Zeitungen. Sondern fragen: Was ist im Lauf der Jahrzehnte, die diese Botschaft in mir leben will, an meinem inneren Lebensbaum gewachsen? Wie sage ich - mir und meinen Mitmenschen - mit eigenen Worten das, was ich hier lese? Ich weiß ja, daß ich durch und durch aus fremdem Material bestehe: von den Genen meiner Eltern bis zu der gestern aufgenommenen Nahrung und Nachricht stamme ich von woanders her - ich bin das Eigene, was ich aus all dem (deshalb nicht mehr Fremden!) gemacht habe. Am wenigsten fremd ist, recht vernommen, Gottes Wort; "hört, und ihr werdet leben", spricht Moses zum Volk Israel oder auch: "Hört, damit ihr lebt!" Nicht Befehle von außen sondern den ganz innen tönenden Quellklang meiner selbst. Welche Worte, Taten, Werke ergeben sich, wenn ich mir DEIN in mich gepflanztes Lebenswort zu Herzen nehme?

Laßt genügend Christen immer wieder so fragen, und um die Zukunft der Kirche muß uns nicht bange sein.


Zum Weiterdenken:

Lebensgeschichte: Walter Bouman, Theologiedozent aus Columbus, Ohio, macht im Sommer 1983 als Luther-Pilger Station in Nürnberg. Wir unterhalten uns über den Einfluß der Sprache auf das Denken des Christen. So unterscheidet der Deutsche "derselbe'' von "der gleiche'' und kann so die persönliche Identität eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre leichter ausdrücken; auf Englisch tut man sich da schwerer, bin ich "the same'' oder nicht? Gibt es, frage ich Walter, auch Fälle, da das Englische genauer unterscheidet? Sure, sagt er, euer Wort "Geschichtstheologie'' heißt "theology of history'', es gibt aber bei uns neuerdings auch eine "theology of story''; jeder einzelne lebt ja täglich seine besondere Geschichte, die auch mit Gott zu tun hat. Das könnt ihr nicht so gut sagen.

Fernando Savater: Mira por dónde (Autobiographie, Madrid 2003), 149 f


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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