Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Das tiefe Geheimnis der Ehe

Gedanken zum einundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


In der Lesung aus dem Epheserbrief wird die Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe verglichen mit der zwischen Christus und der Kirche. Da stelle ich mir zwei Frauen vor, die aus verschiedenen Gründen über diesen Vergleich empört sind, aus aktuellen die eine, aus prinzipiellen die andere.

I.

Wie "die Kirche" sich in unseren Tagen der Öffentlichkeit zeigt, bringt auch tief überzeugte Christen gegen sie auf. Z.B. schreibt in der hochangesehenen katholischen Zeitschrift "THE TABLET" die englische Journalistin Libby Purves über ihr Dauerspiel mit "Mutter Kirche": "Gerade während sentimentale Erinnerungen an gute Nonnen, freundliche Priester und feierliche Liturgien mich wieder zu ihren Röcken hin kriechen lassen, wirbelt die alte Dame herum und zeigt mir eine gräßliche, nerverschütternde Maske greulicher Böswilligkeit, und ich scheue wieder zurück, ‚sorry, war ein Fehler' murmelnd.
Des Vatikans - nun ja, Kardinal Ratzingers - Angriff auf die Zivilehe für homosexuelle Paare hat das in der letzten Woche wieder einmal geschafft ... ‚Legalisierung des Bösen' ist ein starker Ausdruck für die Zuerkennung praktischer Eigentumsrechte und des Angehörigen-Status an Männer oder Frauen, die einander lebenslang lieben. Zudem ist es ein ziemlich starkes Stück für eine Kirche mit einer langen Tradition monastischer Waisenhäuser, wenn sie es ‚schwerwiegend unsittlich' nennt, auch zwei gleichgeschlechtlichen Menschen zu erlauben, ein Kind aufzuziehen."

Was sage ich einer Frau, die aus solchen Gründen nicht mit der Kirche verglichen werden will? Als unser Brief geschrieben und seinen ersten Hörern vorgelesen wurde, war das erfahrbare Gesicht der Kirche schon ebenso zweideutig wie heute. Auch damals gab es nicht nur freundliche Glaubensboten und zu Herzen gehende Gemeindefeiern sondern Anmaßung, Wankelmut und Streit bei den maßgeblichen Leuten. Um unseren Text zu verstehen, mußte man "die Kirche" also von Anfang an nicht von ihrer öffentlich erfahrbaren Sicht aus deuten sondern ihre allein dem Glauben vernehmbare Tiefenwahrheit in den Blick fassen, jenes dem oberflächlich eingestellten Auge unzugängliche Hologramm, dem gemäß die Kirche wahrhaft herrlich anzuschauen ist, "ohne Flecken, Falten oder andere Fehler, heilig und makellos" (V. 27). Wie diese ihre ewig-wahre Gestalt sich zu ihrer wechselnden historischen Oberfläche verhalte - diese wichtige Frage sei heute nicht unser Thema. Wer das Hologramm erblickt, findet selbst seine Antwort; wer nicht, dem ist sie von außen nicht mitteilbar. Sollte eine Frau wegen der Selbstdarstellung der Kirche nicht mit ihr verglichen werden wollen, ist diese Haltung zwar verständlich, beruht aber auf einem Mißverständnis des im Epheserbrief Gemeinten. - Schwerer zu widerlegen als dieser aktuelle Protest ist der grundsätzlich-theologische.

II.

In der "Sprache seiner Zeit", so wird uns erklärt, beschreibt der Epheserbrief das rechte Verhältnis von Mann und Frau in der christlichen Familie. Da liegt die Frage nahe, wie dieselbe Botschaft in der Sprache unserer Zeit klingen könnte. Stellen wir uns vor, mit welchen Gefühlen wohl, Jahrhunderte hindurch, so manche Braut während ihrer Trauung die Worte aus der heutigen zweiten Lesung vernommen hat: "Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen." War die Braut biblisch gebildet, fiel ihr vielleicht der Grundsatz des heiligen Paulus ein: "Es gibt nicht mehr Mann und Frau, denn ihr alle seid Einer in Christus Jesus" (Gal 3,28); zudem heißt es ja in der Hochzeitslesung gleich darauf: "Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst." Nun, mochte sie denken, wenn er das Seine tut, kann ich auch sorglos das Meine tun: Wer mich liebt, wird niemals so befehlen, daß der Gehorsam mir schwer fällt.

Trotzdem heißt es einsehen, daß dies tatsächlich die Sprache einer vergangenen Zeit ist. Mit der heute in Staat und Gesellschaft geltenden Gleichberechtigung von Mann und Frau scheinen die Sätze der Lesung schwer vereinbar. Wenn Mann und Frau in der Ehe sich wie Christus und die Kirche verhalten: wie kann diese Beziehung dann jemals ausgeglichen sein - wo doch für unseren Glauben Christus eine göttliche Person ist, die Kirche hingegen nur ein Geschöpf? Gleichheit zwischen Gott und Geschöpf ist unmöglich. Das Versprechen, mit dem die Schlange im Paradies die Sehnsucht der Menschen aufgereizt hat ("ihr werdet sein wie Gott"), enthält einen inneren Widerspruch. Es läßt sich nicht einhalten. Wie Gott kann niemand werden, neben dem Unendlichen ein anderer Unendlicher sein, das geht nicht.

Dennoch wird unsere unendliche Sehnsucht nicht enttäuscht. Zu wenig hat die Lüge versprochen! Wie Gott zu sein wäre nicht genug. Was die Liebe uns schenkt, ist mehr: Wahrhaft in Gott werden wir aufgenommen, zu ihm dürfen wir gehören: "Keiner hat je seinen eigenen Leib gehaßt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes." Der Leib, die Gesamtheit der Glieder, ist nicht weniger als die Person, ist von ihr nicht getrennt. Wo war ein Dürer mehr er selbst als in seinen Augen und seiner malenden Hand, wo ein Mozart mehr als im Ohr und den Fingern auf den Tasten!

Dank Gottes Heilsratschluß gehört die Kirche nicht bloß der geschaffenen Ordnung an, sondern tief in ihr vollzieht sich göttliches Leben. Und das nicht nur, sofern sie als Leib Christi seine eigene Wirklichkeit ist, sondern auch sofern sie sich, wie die Frau zu ihrem Mann, in Liebe zu ihm verhält. Eben das ist die geheimnisvolle Botschaft unserer Lesung und der Grund, warum die katholische Kirche der Ehe die Würde eines Sakramentes zuerkennt. Um die Ehe gleichberechtigter Personen nicht nur als äußerliches Zeichen sondern als echten Mitvollzug der Beziehung zwischen Christus und der Kirche zu glauben, müssen wir diese Beziehung als streng gleichrangiges Verhältnis auffassen, so daß seiner göttlichen Person auch ihre göttliche Person entspricht. Besinnen wir uns darauf: Herz der Kirche ist der Heilige Geist, SIE, die innergöttliche Liebe.

Sogleich ist die scheinbar so unbalancierte Aussage unserer Lesung ins Gleichgewicht gebracht: "Der Mann ist das Haupt der Frau" und die Frau ist das Herz des Mannes. Das Haupt bestimmt des Leibes Wirken nach außen, das Herz durchpulst ihn mit innerem Leben. Haupt und Herz sind gleichrangig und gleich lebenswichtig. Selbstverständlich ist die Aufteilung ihrer Funktionen auf Frau und Mann nicht exklusiv und absolut zu verstehen sondern als ein lebensnahes Bild. Als symbolische Darstellung der Polarität männlich/weiblich ist es notwendig und wahr, so gewiß Männer auch ihre weibliche Seite, Frauen auch ihre männliche leben sollen. Denken wir an die alte Zeit, als schwangere und stillende Frauen wehrlos in der Höhle das Leben pflegten, während die Männer, draußen spähend, es gegen Raubtiere und Hunger verteidigten. Damals erhielt die Unterscheidung von Herz und Haupt ihr biologisches und soziologisches Recht; als kraftvolles Sinn-Bild gilt sie immer, mag auch bei mancher heutigen Familie er als Hausmann und sie als Führungskraft wirken. "Weiblich" und "Männlich" behalten ihren Bild-Sinn sogar für ein Paar, bei dem sie sich umgekehrt realisieren.

Es heißt einsehen, daß "Kirche" ein ungeheuer vieldeutiger Begriff ist, auch noch "inseits" der historischen Oberfläche (auf der Papst Pius IX. einmal scherzhaft (?) "L'Église c'est Moi" gemeint haben soll). Maria wird von nicht wenigen katholischen und orthodoxen Christen als die geschaffene Person der Kirche verehrt, als geschöpfliche Partnerin Gottes, in deren Schoß seine menschliche Natur entstanden ist. Göttliche Würde kommt der Kirche schließlich in doppeltem Sinn zu: zum einen, weil Christus ihr ICH sich mit jedem einzelnen Glied seines Leibes identifiziert, zum andern, weil der Heilige Geist sie innerlich belebt. In diesem letzten Sinn, scheint mir, sagt unsere Lesung (V. 32) "Christus und die Kirche".

An der Ranggleichheit beider Beziehungspole "im Himmel" können Frau und Mann ihre vollkommene Ebenbürtigkeit auf Erden ablesen. So verstanden, hat das "tiefe Geheimnis" nichts für eine Frau Demütigendes. Denn nicht im (stets aktuellen) Weg von der erlösungsbedürftigen Menschheit und Kirche hin zur heiligen Kirche liegt die Parallele; insofern sind zwar wir-die-Kirche unserem Erlöser Christus dankbar, nicht aber eine Frau ihrem Mann - oder doch er nicht minder auch ihr. Vielmehr wirkt sich in der Ehe das volle Heils-Ergebnis aus, die innige Beziehung zwischen dem in Christus erschienenen Gott der Heilsgeschichte und der die erlöste Menschheit zuinnerst beseelenden unendlichen Liebeshuld IHRER, der Heiligen Ruach. Er:Sie = ER:SIE. Unser Zusammensein reicht von Fleisch über Geist und Seele bis in die unbedingte Gültigkeit des Göttlichen selbst: solches zu wissen und immer wieder sich bewußt zu machen schenkt ein Glück, das Worte so wenig beschreiben können wie den Geschmack einer Orange. Kostet und erfahrt!


Zum Weiterdenken:

"THE TABLET": 9. August 2003, S. 9

Hologramm

So wird uns erklärt: Im Meßbüchlein von 1970.

SIE, die innergöttliche Liebe: Begriff und Vorstellung haben sich 1961 aus einer rein theoretischen "trinitäts-mathematischen" Überlegung heraus ergeben, das Ergebnis konnte 1980 im CiG veröffentlicht werden.

Maria, die geschaffene Person der Kirche, wurde den Studenten im Germanikum von ihrem Spiritual Wilhelm Klein SJ verkündet, in einem MC-Vortrag habe ich die Idee damals erläutert.

Christus ihr ICH: Diesen Begriff gab es in der Antike noch nicht. Was er behauptet, ist aber z.B. in dem Wort "Einer" von Gal 3,28 enthalten!

Ruach: Eine Pfingstpredigt.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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