Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Friede zwischen den anders Verlorenen

Gedanken zum zweiten Sonntag im Jahreskreis


»Rede, Herr, Dein Diener hört.«

»Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?«

Gott sei Dank! Ich kann dies schreiben. Meine Finger sind nicht amputiert, nicht abgefault, nicht einmal eingeschlafen oder eiseskalt. Sie tun, was ich will. Wie, im Großen, jener Knabe Samuel, als er zum Propheten herangewachsen war, auf seinen Herrn hörte und seinen Willen tat. Meistens, sonst würden Volk und Wort Gottes ihn nicht so hoch schätzen. Einmal war es anders. »Samuel hat Gott missverstanden«, sah Martin Buber ein, während er mit einem strenggläubigen Juden um den Sinn des biblischen Berichtes rang, dass jener Prophet einen heidnischen König auf Gottes Geheiß in Stücke hieb (1 Sam 15,33). Und, o Wunder, nach einiger Zeit entspannten sich die harten Züge von Bubers Gesprächspartner und erleichtert bekannte er: »Ja. So sehe ich es auch.«

Dürfen wir als Christen vermuten, dass beide Juden diese Deutung ihres Glauben dem anderen jüdischen Propheten verdankten, jenem Jesus, den schon Mose ihnen angekündigt hatte (Dt 18,15 - Joh 5,46) und in dessen Wirkkreis seit bald zweitausend Jahren auch Israel lebt, obwohl es dem, was über ihn die Heiden denken, nie zustimmen konnte? Ich bin überzeugt: Wir dürfen es, solange wir zugleich betonen, dass "wir Christen" insgesamt Jesu Weisung nicht williger befolgen als seine jüdischen Volksgenossen. Was angebliche Christen in Amerika, Afrika und Australien den Ureinwohnern antaten, ist schändlicher als alles, was Bibel und Zeitung über Israels Methoden in Palästina berichten. Dieses konnte und kann sich wenigstens auf einen Buchstaben seiner Religion berufen (Gott habe ihm das Land geschenkt); jene Christenhorden handelten ausdrücklich gegen die Weisungen ihres Stifters.

Jesus selbst hat nicht ohne Krisen den Schritt aus naivem Nationalismus zur Einstimmung in Gottes grenzenloses, niemanden ausschließendes Wohlwollen getan. Nicht nur zu individuellem Egoismus wollte das Böse ihn verführen (davon handeln die Evangelien im Mythos seiner drei Versuchungen durch den Teufel), auch zu dem kollektiven Wahn, der um ihn her als selbstverständlich galt. Als er eine Hilfe suchende Heidin abweisend Hündin nannte, gab die nicht auf sondern spürte, dass nur seines Volkes, kein eigener Hochmut aus ihm sprach, und erreichte durch ihre ungekränkte Antwort, dass Jesus sich schämte und ihr half. Mithin war es ganz in seinem Sinn, dass die Kirche nach Pfingsten auch die Heidenvölker an dem in Christus erfüllten Heil Israels teilhaben ließ.

Uns allen, Christen aus dem Judentum wie aus der Völkerwelt, schreibt Paulus in der zweiten Lesung: "Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?" Als leibhaftig beseelte Glieder des Gottmenschen leben wir in der ungeheuren, mit dem Verstand nie voll begreifbaren Spannung von Du- und Ich-Schaltung. Wie meine dies schreibenden Finger zugleich mir gehorchen und ich sind, so verhalten wir uns zu Christus.

Fromme und Unfromme müssen voneinander lernen: Die Unfrommen von den Frommen, dass ich nicht unvernünftig meinem Eigenwillen folgen soll sondern dem Gewissen. Wenn meine Finger gesund sind, wollen sie eben das schreiben, was ich ihnen auftrage; sooft einer sich vertippt, nimmt er die Korrektur gern selber vor, empfindet solche Pflicht überhaupt nicht als Verletzung seiner Würde. Aber auch die Frommen sollen von den Unfrommen lernen, in langem Bildungsprozess immer mutiger unterscheiden zwischen den Zumutungen herrischer Überich-Instanzen und dem guten Willen des Ganzen an mich. Dessen Winke kommen nicht von einer fremden Autorität, sondern von meinem innersten, wahrsten SELBST. Der jüngere der Verlorenen Söhne hat, heimgekehrt, den Vater besser verstanden als sein unreif SELBST-entfremdeter Bruder.

Auf die Bibel als ganze geschaut, hat – in Jesus – nicht nur der verlorene Adam heimgefunden, sondern auch der daheim gebliebene Abraham erkannt: Barmherzigkeit, nicht Opfer will unser aller Vater. Diesen Großen Frieden bedeutet die Kirche, deshalb ist die Spannung zwischen dem Menschlichkeitsfest Weihnachten und dem Glaubensfest Ostern »wahrer« als jedes Fest für sich allein. Ebenso, wie (laut Chesterton) für den Unglauben Ostern ein Frühlingssymbol ist, für den Glauben aber der Frühling ein Symbol für Ostern, so ist Weihnachten für alle Christen Jesu Geburtstag, für den Unglauben eine Winterlichtfeier, für reif Glaubende (Christen oder nicht) das Fest der einen unteilbaren Gottesgeburt in Jesus und jedem seiner Geschwister – Tag für Tag neu.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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