Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Bekehre Dich, Kirche,
von deiner Rechthaberei!

Gedanken zum achtzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn", mahnt die zweite Lesung (Eph 4,23) wie die Epheser von damals so auch uns, nicht nur als einzelne sondern auch sofern wir miteinander die Kirche sind. Darf, kann, wird sie ihre Friedensidee von vor vierhundertzwei Jahren aufgreifen und zu einer Arznei gegen die vielfachen Risse ausarbeiten, die derzeit den Leib der Menschheit verletzen?

Im August 1607 erging ein päpstliches Dekret besonderer Art. Von dem "überraschend undogmatischen" Papst Paul V., seit zwei Jahren im Amt, wurde allen Katholiken feierlich verboten - was? Dieses oder jenes über Gott, Christus, Maria zu sagen? (Immerhin war erst vor sieben Jahren der unglückliche Giordano Bruno nach harter Haft wegen seiner Äußerungen verbrannt worden.) Nein. Nicht gegen eine Häresie trat der Vatikan jetzt auf. Sondern verteidigte, im Gegenteil, die Gläubigen gegen den Häresievorwurf. Die hatten sich damals zerstritten über der Frage: Freiheit oder Gnade? Geschaffene Freiheit kommt unserem Verstand als Widerspruch vor, als hölzernes Eisen - bis gläubige Vernunft die Grenzen des Verstandes einsieht. Luther verglich unseren Willen mit einem Maultier, das - unfrei - bald von Gott bald vom Teufel geritten wird. Das Gegenextrem verkünden die Freimaurer: Gott sei der Weltbaumeister, greife aber fernerhin in sein Werk nicht mehr ein. Gegen beide Einseitigkeiten hält die katholische Kirche sowohl an Gottes All-Ursächlichkeit wie an der menschlichen Freiheit fest. Das kann unser Verstand freilich nur, solange er sich nicht in die Tiefe des Problems verbeißt. Tut er das, gelangt er bald zu Sätzen, die einander glatt widersprechen.

So war es damals zwei mächtigen Orden ergangen. Der spanische Dominikaner Domingo Bañez verteidigte die Macht der göttlichen Gnade so, daß für die menschliche Freiheit scheinbar kein Raum mehr blieb; umgekehrt trat der gleichfalls spanische Jesuit Luis de Molina derart für diese Freiheit ein, daß die Gegenseite Gottes Ehre verkürzt sah. Beide Orden setzten sich auf Lehrstühlen und in Schriften so heftig für den eigenen und gegen den fremden Gelehrten ein, daß einem äußeren Beobachter so gut wie die ganze katholische Christenheit irrgläubig vorkommen mußte; denn natürlich beschoß man einander mit dem Vorwurf der Ketzerei. Natürlich? Allerdings. Wer sich mit seinem natürlichen Verstand in den einen Pol einer übernatürlichen, unendlichen Spannung vertieft, kann gar nicht anders als den Gegenpol "logischerweise" zu verfehlen. Nur eine unendliche Einsicht kann beider Seiten Vereinbarkeit begreifen.

Was tat in dieser aussichtslosen Lage der Papst? Kann ein organisatorischer Apparat den zerstörerischen Leerlauf logischer Apparate abstellen? Paul V. konnte es. Nicht auf der logischen Ebene freilich. Da ist die Schlacht der Argumente Jahrhunderte lang weitergegangen. Noch Ende der fünfziger Jahre hörte ich einen römischen Jesuiten gestehen, daß er durchaus nicht einsehen könne, wieso die Bañezianer die Freiheit nicht leugnen; vermutlich hörte man an Dominikanerfakultäten Ähnliches über die Unfähigkeit der Molinisten, Gott die gebührende Ehre zu geben. Sich gegenseitig des Irrglaubens anklagen aber dürfen die Streithähne seit 1607 nicht mehr, das hat ihnen der Papst in jenem Sommer mit apostolischer Autorität verboten. Zu diesem Beschluß des höchsten Hirtenamtes führt die Einsicht: Weil der menschliche Verstand die göttlichen Geheimnisse nicht voll begreifen kann, deshalb dürfen wir aus unvermeidbaren theoretischen Widersprüchen nicht die praktisch lieblose Folgerung ziehen, uns gegenseitig die Wahrheit abzusprechen.

Ahnen Sie, wie der Papst 402 Jahre später jenen Friedensbefehl segensreich aktualisieren könnte? Ich weiß nicht, was Paul V. persönlich in jener Frage dachte. Neigte er einer der beiden Seiten zu? Hielt er die Kontroverse für eine typische Gelehrtendummheit? Darauf kommt es nicht an. Was ein Papst privat oder als Angehöriger seiner Meinungsgruppe denkt, ist das eine. Was er, für das Gemeinwohl zuständig, als praktische Richtschnur verlautbart, ist das andere.

Läßt diese Unterscheidung sich auf die heutigen Verhältnisse übertragen, wo vielerorts gegensätzliche Glaubensweisen, christliche wie andere, friedlich zusammenleben müssen? Dazu müßte der Papst allerdings über einen noch gewaltigeren Schatten springen als den seiner persönlichen Meinung oder seiner Zugehörigkeit zur einen oder anderen Richtung der Theologie. Er müßte auch seine römisch-katholische Überzeugung insgesamt als nur ein Wahrheitsorgan im Verbund der Gott-menschlichen Sinnwahrheiten anerkennen und als geistlicher Hirt der eigenen Gemeinschaft seinen Katholiken untersagen, einen Andersgläubigen allein deshalb schon als irrend zu bezeichnen, weil er nicht ebenso denkt wie sie.

Ist eine solche Selbstrelativierung des Lehramtes aber denkbar? Kann man im Vatikan mit der pluralistischen Religionstheologie je Frieden schließen? Mir scheint: Nein, sofern vor der Öffentlichkeit der eigene Glaube bezeugt wird. Sie verlangt Klarheit. Heißt die Frage also: Was ist euer Glaube? - dann gelten Credo, Dogmen und der Anspruch des Lehramts auf Unfehlbarkeit. Heißt die Frage jedoch: Folgt aus solcher Gewißheit, daß irrt, wer euren Glaubenssätzen widerspricht? - dann sollte das Hirtenamt erklären: Nein, das folgt nicht. Und anordnen: Katholiken sollen ernsthaft damit rechnen, daß auch Andersgläubige in einer von Gott gewollten Wahrheit leben.

Diese Toleranz hat Grenzen. Wo ein Glaube zu Bösem anleitet, offiziell Menschenrechte verletzt, da irrt er und verdient Widerspruch. Judenhaß, Witwenverbrennung, weibliche Beschneidung, Selbstmordattentate, Apartheid, diese Greuel sind eindeutig zu verurteilen. Auch solche christlichen Bräuche wie Ketzerverbrennung oder das noch vor wenigen Jahrzehnten kraft Konkordates in Italien geltende Verbot, verheiratete Priester auch nur als Trambahnschaffner zu beschäftigen. Am Rand dieser jetzt klaren Zone gibt es trübe Bezirke, wo gestritten wird, ob man es hier mit einem nachwachsenden gesunden Organteil zu tun hat oder mit einer Krankheit. So ergeht es derzeit der anglikanischen Gemeinschaft mit der dornigen Frage, ob praktizierende Homosexuelle Bischof werden dürfen.

Sehen wir jetzt von unmenschlichen Glaubensweisen und schwierigen sittlichen Streitfragen ab. Auch wie wahrscheinlich es sei, daß ein Papst sich schon bald oder erst zum Halbjahrtausendgedenktag oder nie zu dem hier vorgeschlagenen Diskriminierungsverbot durchringen wird, muß uns nicht kümmern. Eine Predigt hat es immer mit Hier und Jetzt zu tun. Da ist die Botschaft klar. "Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht!" Des alten Menschen Rechthaberei, die aufgrund eigener Evidenz fremdes Denken schlechtmacht, herrscht nicht nur zwischen theologischen Schulen sondern auch in Familien und Büros. "In diesem Haus reden alle schlecht über alle, und alle haben recht" - wo das so ist, braucht es nicht so zu bleiben. Warum nicht in einem Mitmenschen, wo du bisher nur die Oberfläche siehst, einmal das Hologramm entdecken? Du kannst heute noch damit anfangen, mit neuem Blick das unter fremdem Dreck verborgene Gute freizulegen. Was der bloß logische Verstand nicht schafft, erreicht die der Gnade gehorsame Vernunft. Warum ihr nicht trauen, längst vor einem päpstlichen Dekret? Warum eigentlich nicht?


Zum Weiterdenken:

"Überraschend undogmatisch" nennt die Encyclopaedia Britannica diesen Papst.

Irrend: Dann wäre die Kirche endlich offiziell über die Verwechslung hinaus, die Simone Weil im Mai 1942 an Pater Perrin so häßlich fand: "Sie haben mir auch sehr weh getan, als Sie eines Tages das Wort 'falsch' gebrauchten, als Sie 'nicht-orthodox' sagen wollten ... Es ist unmöglich, daß dies Christus gefällt, der die Wahrheit ist. Es scheint mir sicher, daß dies bei Ihnen eine ernstliche Unvollkommenheit darstellt. Und warum sollte es Unvollkommenheit in Ihnen geben? Es paßt sich durchaus nicht für Sie, daß Sie unvollkommen sind. Das ist wie eine falsche Note in einem schönen Gesang." [Attente de Dieu, Paris 1966,78]
Es ist bemerkenswert, wie dieselbe Einsicht, weil das Umfeld sich geändert hat, die Begriffe vertauschen mußte. Der Papst sagte den Professoren: Ihr dürft die gegnerischen Ansichten zwar (als Denker) falsch nennen, aber nicht (als Katholiken) unorthodox. Simone Weil mahnt den Dominikaner: Sie dürfen fremde Glaubensweisen zwar (als Katholik) unorthodox nennen aber nicht (als vor Gott gleichberechtigter Mitmensch) falsch.
Trotz des Widerspruchs drückt sich beide Male dieselbe Einsicht aus: Erlaubt ist die theoretische Abgrenzung gegensätzlicher Systeme, die unser Verstand nicht vereinbaren kann, deren Zusammenstimmen im Unendlichen wir aber hoffen. Untersagt ist es hingegen, den fremden Glauben vor dem absoluten Horizont der göttlichen Wahrheit negativ zu bewerten, an seinem blinden Fleck sich zu weiden, während man den eigenen nicht nur übersieht (was unvermeidbar ist) sondern leugnet. Solchen Selbstprivilegierern gilt Jesu Drohung: "Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde" (Joh 9,41).

Der blinde Fleck
Beim Fixieren des Kreuzes mit dem linken (rechten) Auge aus geeignetem Abstand, während das andere Auge verdeckt bleibt, verschwindet das linke (rechte) Dreieck.
Probieren Sie es aus! Die Wirkung ist verblüffend.

Kirche und Pluralismus: Unterscheiden wir zwei Beziehungen. Beim direkten Verhältnis werden beide Anschauungen verglichen, sofern sie je ihre Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen geben. Für die Kirche ist das Jesus Christus, für die Pluralisten gibt es statt einer Antwort allein das Dauergespräch der verschiedensten Antwort-Versuche. Insofern, bezogen auf die direkte Sinnfrage also, widerspricht die Kirche dem Pluralismus.
Anders, wenn es nicht um den Sinn des Ganzen geht sondern, indirekt, um die Bewertung fremder Glaubensweisen und ihrer Anhänger. Da dürfen wir schlicht unser Unwissen eingestehen. Dessen sind wir aber gewiß.
Das Verhältnis der Kirche zum Pluralismus kann mithin nur durch zwei Sätze zusammen angemessen erklärt werden. Zweierlei glauben wir fest: zum einen, daß der SINN des Ganzen uns in Jesus Christus ein für allemal geoffenbart worden ist, zum andern, daß wir nicht wissen, ob und wie sehr die Anhänger anderer Glaubensweisen sich irren oder aber Facetten der Wahrheit erblicken, die uns noch nicht aufgeleuchtet sind, weil ihre Vereinbarkeit mit der unseren den Verstand bisher überfordert. Solche theoretische Ungewißheit ermöglicht praktisch die klare Pflicht zur Achtung des Glaubens der anderen und zur Hoffnung, das von ihnen eigentlich Gemeinte sei vor Gott nicht minder wahr als unser unfehlbarer Glaube. Anders kann ich, nach einem Vierteljahrhundert WCRP-Erfahrung, nicht christlich denken.

Unfehlbarkeit: Vor diesem Anspruch muß man nicht erschrecken, er gehört vielmehr ausgeweitet. Glaube ist als solcher unfehlbar, lehrt ein kluger Jesuit: "Letztlich läßt sich die Unfehlbarkeit nicht einmal auf die Kirche einschränken. Vielmehr versteht sich die Kirche im Glauben als ‚das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit'. Sie verkündet überhaupt allen Menschen die Möglichkeit eigener Unfehlbarkeit im Glauben, weil alle ‚in Christus' geschaffen sind" (Peter Knauer, Der Glaube kommt vom Hören, Graz 1978, 227).
Der schönste Küng-Witz hat schon Papst Paul VI. erheitert. Eine vatikanische Abordnung kommt nach Tübingen und fragt im Auftrag einer Gruppe von Kardinälen bei Hans Küng an, ob er die Wahl zum Papst annähme. Der Professor erbittet sich einen Tag Bedenkzeit und teilt den Abgesandten dann mit: Nein. - Warum? - Dann wäre ich ja nicht mehr unfehlbar.

Hologramm: Ein solches ist zu bewundern im Pariser Holographie-Museum.

Neuer Blick: "Ich gestehe vor Gott und den Menschen, daß ich gegen meine Nachbarn zuerst in meinem Herzen Haß verspürte. Ich hatte das Gefühl, als hätten sie mir etwas genommen; sie ließen mich wirklich nicht in Ruhe. Ich grollte meinem bösen Schicksal, das mich mit diesen wunderlichen Geschöpfen zusammengebracht hatte. Aber als ich sie näher beobachtete, vollzog sich in meinem Herzen ein Wandel zu ihren Gunsten, und ich begann, anders über sie denken. Mein Herz wollte vor Mitleid mit ihnen zerspringen." (Jakob Abramowitsch, in: Jiddische Erzählungen [Bremen 1962], 20)

Päpstliches Dekret: Wer Lust hat, schaue in meine Utopie von 1974 hinein, die Antrittsenzyklika des Papstes Johannes XXIV.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s18.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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