Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Der eine Gott, die eine Atmung, das eine Kind

Gedanken zum siebzehnten Sonntag im Jahreskreis


»Ich ermahne euch, dass ihr wandelt würdig des Rufes, der an euch erging, in aller Demut, Sanftmut, Langmut, als solche, die einander in Liebe aushalten, eifrig bestrebt, die Einheit des Geistes zu wahren im Band des Friedens« (Eph 4,1-3).

Sind wir spätgeborenen Germanen schlechter dran als Juden und Griechen, die Gottes Wort in der eigenen Sprache vernehmen? Keineswegs. Alle Zeiten und Orte umspannt, erfüllt die Einheit des Heiligen Geistes. Wo wir laut dem offiziellen Text ermahnt werden, »ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist«, wählte Luther ein offeneres Wort mit kostbaren Anklängen, so dass Gottes Wort auf deutsch voller klingt als selbst im Original: »dass ihr wandelt, wie sich's gebührt eurer Berufung«. Darauf horchend, vernimmt dann Adrienne von Speyr, die kluge Freundin des großen Theologen Hans Urs von Balthasar, diese Botschaft:

»Und als Gefesselter ermahnt er die Seinen, würdig der Berufung zu wandeln. Denn wandeln sollen sie. Der Glaubende darf nie stehen bleiben. Er muss wandeln auf den Spuren des Herrn, die Entwicklung mitmachen, die der Glaube von ihm fordert, und die Wandlung über sich ergehen lassen, die die Liebe in ihm bewirkt. Und diese Wandlung muss würdig vor sich gehen, in einer überwachten, angemessenen Bahn.«

Ebenso packend erklärt den Fortgang des Satzes Heinrich Schlier: »Im Verhältnis der Glieder der Kirche untereinander wird sich ein gemeinsames Denken und Trachten nur dann herausbilden, wenn sie unter Verzicht auf den Hochmut sich durch das "Niedere" leiten lassen und darin mit dem anderen konkurrieren. Demut ist die Gesinnung und das Verhalten desjenigen, der von dem anderen mehr hält als von sich selbst, und das nicht wiederum, um sich dadurch über ihn zu erhöhen, sondern aus echter Bescheidenheit, die das dem anderen und ihm selbst von Gott Beschiedene als solches erkennt und anerkennt. Das einmütige Denken und Trachten, welches ist das Aussein auf Dasselbe, nicht auf das Gleiche

[Wie vorhin der Doppelsinn von »wandeln« ist auch die Unterscheidung Dasselbe/das Gleiche ein Vorrecht des Deutschen. Es ermöglicht eine hochwichtige ökumenische Einsicht, die uns leichter fallen sollte als anders Sprechenden],

setzt also die Ablösung von Ehrgeiz in jeder Form voraus ... In solcher unauffälligen, aber entschiedenen Selbstbescheidung eines sich Gott und dem Nächsten schickenden Herzens wirkt sich die Hoffnung aus. Denn in ihr hofft ja der Hoffende für sich und den anderen auf etwas, was jeden Vorrang und jedes Vordrängen irrelevant macht.«

Später weist Schlier auf eine Feinheit hin, die im Deutschen untergeht. Die Dreiheit Herr, Glaube, Taufe enthält auf griechisch alle drei Geschlechter: der eine Herr, die eine Glaubensbotschaft, das eine Taufereignis. Das nehme ich zum Anlass, durch dieselbe grammatikalische Dreiheit das »Gloria Patri ...« so zu verdeutlichen, dass es für Brevierbeter und Chorsängerinnen endlich dem heutigen Sinn für Gleichberechtigung entspricht: EHRE SEI DEM EINEN GOTT DEM VATER UND DEM KIND UND DER HEILIGEN ATMUNG.

AMEN


An diesem Sonntag, dem 29. Juli 2012, um 8.05 Uhr sendet der Bayerische Rundfunk in der Reihe "Katholische Welt" (BR2) meine Sendung:

[http://mediathek-audio.br.de/index.html?playeronly=true&channelId=b2]

Das Geheimnis der Kellertreppe


Meister Eckhart - Vorbild selbstbewusster Christen

Wie können Christen ihren Glauben, ihre Wahrheit jenen Mitmenschen erklären, für die Religion nichts als ein Haufen alter Märchen ist? Das fällt schwer, vor allem weil der Christ ihnen manchmal recht geben möchte: Auch ich will selbst wer sein, nicht bloß am Schnürchen eines großen Puppenspielers zappeln. Man merkt: Es geht um mich selber. Bin ich durch und durch von Gott abhängig? Oder ein echt freies Selbst? Beides! Von dieser zunächst rätselhaften Antwort wird die Christenheit seit 700 Jahren in Atem gehalten. Wir verdanken sie dem großen Denker Meister Eckhart aus Thüringen, hoch verehrt von den einen, von anderen als Irrlehrer beschimpft. 1329 wurden viele seiner Sätze vom Papst als "Teufelssaat" verdammt; neuerdings haben Forscher genauer als je zuvor herausgefunden, was Eckhart gedacht hat. Kurt Flasch, ihr prominentester, kann deshalb "kein Christ mehr sein". Anders unser Autor, er versteht das Wort "hinabgestiegen" aus dem Glaubensbekenntnis frei nach Eckhart in aufregend neuem Sinn. Gegen religiöse Selbstentfremdung wie dummen Ichstolz führen Himmelsleiter und Kellertreppe nur miteinander in unsere göttliche Wahrheit.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s17.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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