Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Tragbar oder untragbar?

Gedanken zum fünfzehnten Sonntag im Jahreskreis


Der Hymnus am Anfang des Epheserbriefs ist ein begeisternder Text, als Student habe ich ihn gern laut gesungen. Was hatten jene ersten Christen für ein unglaubliches Bewußtsein ihrer Würde! Äußerlich war von der Kirche noch nichts zu sehen. Stellen wir uns ein Europa ohne Kathedralen, Dorfkirchen und Orgelmusik vor, nichts anderes war die Christenheit als ein verborgenes Netz winziger Gemeinden, ohne Einfluß auf die Öffentlichkeit. Und einer dieser Niemande stellt sich hin und jubelt:

"Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade. Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat: Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist."

Alles. Auch meinen Mitsänger im Kirchenchor, der mir in einer Probenpause zuflüsterte: "Ich bin kein Christ. Ich habe auch manchen Mist gebaut, aber mich drückt nicht sehr der Sünden Last." Auf daß er beim Singen nicht lügen muß, und damit andere seiner Denkart die Christen nicht für sündfixierte Tröpfe halten, sei versucht, unser fein ausbalanciertes Wahrheits-Mobile so darzustellen, daß auch andersgläubige Humanisten ihren Platz darin finden können. Nicht um sie zu vereinnahmen, aber damit sie von den christlichen Schätzen auch ihrer Kultur nicht ausgesperrt seien.

Soll eine Last mich nicht drücken, gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder da ist keine Last. Oder sie ist zwar da, wird aber von jemand anderem von oben her gehalten, so daß ich sie nicht spüre. In diesem Fall sprechen beide wahr: wer von der Last weiß und ihrem Träger dankt, und wer sich unbefangen lastlos fühlt, weil - was er selbst gar nicht wissen muss - der Lastträger kein Fremder, vielmehr seine eigene innerste Mitte ist.

Bedenken wir wohl: Nicht als historisches Individuum befreit Christus uns Menschen von der Sünden Last, so daß wir ihm ähnlich zu danken hätten wie ein Neffe seiner Tante, die gnädig seine Schuld bezahlt. Sondern schon "vor Erschaffung der Welt" sind wir erwählt, "im Voraus dazu bestimmt, durch Jesus Christus seine Söhne zu werden". Das Befreitsein von der Sündenlast kommt uns nicht nachträglich von außen zu sondern innerlich von Anfang an. Es gehört zu unserem Sein. Doch kann jemand es ablehnen, wie ein Selbstmörder das ihm geschenkte Dasein wegwirft. So sagt, wer absichtlich Böses tut, zu seiner Erlöstheit Nein, durchschneidet gewissermaßen das Seil, an dem die Sündenlast über ihm vom Erlöser gehalten wurde, und wird dann allerdings von ihr im eigentlichen Tod zermalmt, auch wenn er biologisch lebendig bleibt.

Wie Paulus den Griechen ein Grieche und den Juden ein Jude wurde (1 Kor 9,20), so kann die Christin mit beiden Geschwistern einmütig verbunden sein, mit den leichtlebenden Glückskindern, die sich keiner Bürde bewußt sind, wie auch mit den so oder anders Geplagten, die unter ihrer Last fast zerbrechen. Beiden gegenüber wird sie sich wie der Bahnhofsvorstand verhalten, dem an abschüssiger Strecke das Herannahen eines losgerissenen Waggons voll schreiender Kinder gemeldet wird. Wie kann er sie retten? Nur indem er auf demselben Gleis eine Lok vor dem Wagen herfahren läßt, bis sie in seiner Nähe fast ebenso schnell ist. Erst sobald er sanft an sie stößt, treten die starken Bremsen in Aktion und der Ausreißer wird zurückgebracht. So kann ein Christ sowohl der leichten wie der beschwerten Seele anfangs zustimmen und dann, wenn geistige Einheit gefühlt wird, respektvoll und geduldig die Gegenwahrheit ausrichten: der leichten, daß sie ihre Unbeschwertheit nicht ihrem armen Ego zu verdanken hat sondern der Güte eines andern; der Gedrückten, daß ihr Leidensdruck, wenn sie nur will, von einem andern mitgetragen und dadurch nicht nur tragbar wird sondern "prinzipiell" - in ursprünglichster Wahrheit - längst "aufgehoben" ist.


Zum Weiterdenken:

Der Sünden Last: Der Text der Bach-Kantate 118 heißt: "O Jesu Christ, meins Lebens Licht, mein Hort, mein Trost, mein Zuversicht, auf Erden bin ich nur ein Gast und drückt mich sehr der Sünden Last."

Im eigentlichen Tod


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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