Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Ökumenisch Missionar sein - wie geht das?

Gedanken zum vierzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Er sagte zu mir: Menschensohn, ich sende dich." (Ez [Hes] 2,3)

Christen sind von Gott gesandt. Alle Christen, nicht nur die Missionare. "Geht, und macht zu Jüngern alle Völker" (Mt 28,19), der Auftrag des Auferstandenen gilt noch immer, und er richtet sich nicht nur an Hauptamtliche. Allein können die es nicht schaffen, zumal ihr Zeugnis immer dem Einwand ausgesetzt ist: Der muß ja so reden, er wird dafür bezahlt. Um diesen Missionsauftrag soll es uns heute gehen. Vor Jahrhunderten hat er unsere Väter im Glauben in die germanischen Wälder aufbrechen lassen, um unsere biologischen Vorfahren aus der Finsternis des Heidentums ins christliche Licht zu führen. Damit wir heute, auf unsere Weise, den Missionsauftrag ebenso begeistert erfüllen, dazu braucht es eine gründliche Besinnung. Denn die Situation hat sich radikal geändert.

Den Wechsel beleuchtet blitzhaft ein Ereignis vor sechs Jahren. Wer hat beim Berliner Kirchentag die meisten Zuhörer angezogen? Ein Bischof? Der päpstliche Nuntius? Ein kritischer Protestant? Nein, der Dalai Lama. Was hätten die ihm lauschenden Christenscharen wohl auf die Frage geantwortet: Wünschen Sie, daß dieser verstockte Buddhist sich endlich bekehrt?

Offensichtlich heißt Mission heute etwas anderes als früher. Die all-entscheidende helle Wahrheit in eine Welt der Finsternis zu bringen, diese Aufgabe konnte ein Herz allerdings machtvoll ergreifen. Vor vierzehn Jahrhunderten schrieb Papst Gregor I. an Hospito, Herzog der Barbariciner: "Da aus deinem Volke noch keine einzige Seele an Christus glaubt, so halte ich dich eben deswegen, weil du allein das Christentum angenommen hast, für den bessern Mann in deinem Volke. Indem alle Barbariciner noch wie vernunftlose Tiere leben, den wahren Gott nicht kennen, und Holz und Steine anbeten: so beweisest du eben durch die Anbetung des wahren Gottes, wie weit du über sie alle erhaben bist. Aber den Glauben, den du angenommen hast, mußt du auch mit guten Taten und mit einem schönen Bekenntnisse öffentlich dartun.
So opfere denn Christo, an den du glaubst, auch das, was du bist, weihe ihm alle deine Vorzüge, führe ihm, soviel du kannst, auch deine Untertanen in seine Arme! Berede sie zur Taufe, und ermahne sie zur Liebe des ewigen Lebens! Wenn dich aber deine andern Geschäfte daran hindern, so erhöre mein freundliches Bitten, und laß unsern Boten, die wir in dein Land gesendet haben, meinem Bruder und Mitbischof Felix, und meinem Sohn Cyriacus, dem Knechte Gottes, in allem deine Hilfe angedeihen, damit du durch Förderung ihrer Arbeiten dem allmächtigen Gott deine Treue bezeugen, und er alle deine guten Unternehmungen segnen möge, so wie du seine Diener in ihrem guten Werke unterstützest!"

Nicht viel anders dachten opferwillige Missionare auch noch im 20. Jahrhundert, wenn sie sich von Europa nach Afrika oder von Amerika nach China aufmachten. Sitze hingegen ich einem muslimischen, buddhistischen oder Bahai-Freund gegenüber, dann denke ich nicht so. Mitunter schäme ich mich dann, z.B. als ein junger Bahai sich spöttisch wunderte, was das Christentum denn für eine Religion sei: noch nie habe, hier mitten in der Christenheit, ein Christ versucht, ihn zu bekehren. Ich habe es damals auch nicht getan.

Wie also - lasse ich Christi Missionsauftrag nicht gelten? Weiß ich mich nicht zur Glaubensverkündigung gesandt? Doch, aber nicht als Licht zur Finsternis.

Wieviel Finsternis sich in der Christenheit herumtreibt, ist wachen Christen schmerzlich bewußt. Nicht nur an Schwachheiten und Sünden einzelner Mitglieder leidet die Kirche sondern an faulen Stellen in ihrem tatsächlichen Sinngebäude. Nicht was die Absichten ihres Stifters und den Zusammenhang ihres unfehlbaren Glaubens angeht: im lebendigen Zentrum ist unsere Kirche "sine macula et sine ruga", ohne Makel noch Runzel. Dieser Ort des Heils wird jedoch zwar geglaubt und immer wieder tröstlich gespürt, ist aber keine aufweisbare Realität. Die besteht vielmehr aus - das wissen Sie selbst. Falls nicht, abonnieren Sie Publik-Forum. Soviel zur einen Frage: ob das Christentum Licht sei.

Sind, umgekehrt, die anderen, zu denen wir gesandt sind, Finsternis? Eine Antwort gibt der Vortrag des Dalai Lama auf dem Kirchentag. Wenn Tausende von Christen ehrfurchtsvoll den Worten eines Buddhisten lauschen, dann ist Mission offenkundig keine Einbahnstraße. Dieser Repräsentant einer hohen nichtchristlichen Spiritualität tritt de facto als Missionar des Buddhismus im Westen auf. Fachleute berichten sogar von uralten tibetischen Prophezeiungen, laut welchen die chinesischen Grausamkeiten gegen Tibet im Weltlauf vorgesehen sind, damit Buddhas Wahrheit aus ihren asiatischen Grenzen befreit und über die ganze Erde verbreitet werde.

Trotzdem bleiben wir Christen zu allen Völkern gesandt. Wenn nicht als Licht zur Finsternis: wie dann? Zwei Gleichnisse schlage ich vor, ein optisches und ein organisches.

a) in "Gottes vielbunter Weisheit" (Eph 3,10 wörtlich) ist das Christentum eine bestimmte Farbe, ohne die dem menschheitlichen Sinn-Bild ein wichtiger Akzent fehlen müßte: Gottes "Entschluß, auf neue und endgültige Weise in die Geschichte der Menschen einzutreten". So faßt das Missionsdekret des jüngsten Konzils [AG, 3] unsere Botschaft zusammen, und das ist, wenn es stimmt und weil es stimmt, Grund genug, es allen Menschen immer wieder begeistert weiterzusagen. Nicht weil sie sonst in die Hölle kämen - das imperialistische Mißverständnis ist mindestens die katholische Kirche endgültig los - aber weil es gut zu wissen ist. Die geheimnisvolle Instanz in und hinter allem will kein unverständliches Rätsel bleiben sondern ein Herz wie unseres haben, Durst und Einsamkeit fühlen, und mit diesem Herzen zu jedem Menschen grenzenlos gut sein, Jahrzehnte lang damals in Palestina und seither, als auferstandener Sieger über den Tod, für alle Zukunft des Universums. Wenn das keine Story ist, die man erzählen muß, dann weiß ich keine. Und noch dazu ist sie wahr! Nicht gegen andere Sinnfarben wendet sich die christliche, im Gegenteil werden alle übrigen nur dank ihrer auf gerade diese Gott-menschliche Weise hell.

"Für alle Verheißungen Gottes hat sich in Christus das JA ereignet", schreibt Paulus an versteckter Stelle des NT; kaum jemand kennt sie (2 Kor 1,20), vermutlich weil es in der mittelalterlichen Theologensprache Latein weder einen Artikel noch das Wort "ja" gibt. Ohne das geschichtliche Ereignis damals "unter Pontius Pilatus" wäre Gottes Ja zu uns höchstens subjektiv erfahrbar und intersubjektiv kommunizierbar, nicht aber mit allgemeinem, vor jeder Vernunft verantwortbarem Wahrheitsanspruch aussagbar. Nicht grundlos trug ein Gandhi neben der Bhagavadgita auch das Neue Testament bei sich, und Charles de Foucauld, der selbst Jesu Weg ging, wußte gut, was er tat, wenn er Beduinen bessere Moslems zu werden half.

b) Einheitlich wäre ein Kaninchen nur als Haschee. Auch dein Leib besteht aus verschiedenen Organen mit gegensätzlichen Programmen. "Die Religion des Heiligen Geistes, zu der ich mich bekenne, ist weiter und gleichzeitig inhaltsreicher als alle Einzelreligionen: sie ist weder ihre Summe noch der Extrakt aus ihnen, so wie der ganze Mensch weder die Summe noch der Extrakt seiner einzelnen Organe ist", schrieb der russische Christ Wladimir Solowjow am 27. November 1892 in einem Brief. Diese Bemerkung enthält ein packendes Gleichnis. Wollte dein Magen in ökumenischem Übereifer etwas aus dem Körper hinauswerfen, weil das Nierenprogramm das verlangt, dann würde dir schlecht. Ähnlich braucht Gottes Heil, wenn es unseren kriechenden Verstand prägen will, gegensätzliche Sinnprogramme, die nur dank wechselseitiger Korrektur dem Gemüt eine Ahnung der vollen Wahrheit vermitteln. Deshalb sollen sie einander dialogisch achten. Das versöhnende Gesamtprogramm ist keinem Einzelorgan verfügbar, uns Zellen je eines Organs bleiben die Widersprüche unlösbar. Wie das Auge nicht hören, das Ohr nicht riechen und die Nase nicht sehen kann - nur ICH bin sie alle und freue mich als ihre eine Person an der leuchtenden, zwitschernden, duftenden Sommerwelt -, so vermag niemand den Glauben eines Mitmenschen voll zu erfassen. (Streng genommen ist somit jede Ehe eine Mischehe.)

Was wird in diesem Modell aus dem Missionsauftrag? Soll etwa - wandte jüngst ein kluger Mormone ein - die Galle Zellen zur Niere mit dem Auftrag schicken, die Niere möge sich in Galle verwandeln? - Das täte dem Leib nicht gut. Tatsächlich heißt Mission heute nicht, daß man überzeugte Andersgläubige geistig und organisatorisch auf die eigene Seite herüberzuzerren sucht. "Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zieht" (Joh 6,44), dieses christliche Prinzip enthält die Antwort. Der Missionar rechnet damit, daß Gott die oder jene Seele innerlich zum christlichen Glauben ruft. Nicht weil ihr bisheriger Glaube an sich falsch wäre, aber weil er für diesen Menschen jetzt nicht mehr die Wahrheit sein soll. Konversionen ereignen sich in alle Richtungen. Vielleicht kann die Niere, die ja mit der Galle zusammenwirken soll, die eine oder andere Zelle mit Gallenerfahrung gut brauchen. Zudem gibt es (hier hinkt der Vergleich) im menschheitlichen Sinnkörper eine Unmenge programmloser Zellen zwischen den Organen. Sie gilt es - ohne ihnen etwas wegzunehmen - mit einem umfassenderen Sinnrahmen zu bereichern. In deinem Herzen hat ein Eiweißmolekül eine würdigere Existenz als wenn es ungebunden im Blut umherschwämme.

Wie gehen wir mit der Spannung zwischen ökumenischer Offenheit und missionarischem Eifer praktisch um? Nun: Gespräch heißt Wechsel zwischen Reden und Hören. Auf zweierlei Weise kann diese Umschaltung geschehen. Entweder nur äußerlich: auch während du sprichst, bleibe ich (deine Deinung mißachtend) bei meiner Meinung, suche schon nach Argumenten, dich zu widerlegen. Ein solcher Anti-Ökumeniker ist nicht Missionar sondern Ideologe. Oder ich nehme die Umschaltung ernst. Sprechend bin ich Missionar, verkünde so gut ich kann die mir aufgetragene Botschaft. Hörend jedoch öffne ich mich der fremden Wahrheit, vernehme (davon kommt "Vernunft") aufmerksam auch das, was ich jetzt nicht verstehe, was aber, wenn der Same später in mir aufgeht, meine Weltsicht möglicherweise so klärt, daß ich plötzlich einsehe, wie die andere Wahrheit eine mir bisher unbewußte Lücke meiner eigenen füllt. Weil die unendliche Wahrheit selbst unbegreiflich bleibt, kommt dieser Prozeß nie an ein Ende; weil sie uns zu sich zieht, führt er uns in immer reichere Sinngefilde.

Das Ziel ist, daß in jedem Menschengeist der ganze göttliche Sinn mit allen Organen repräsentiert wird, auch wenn dieser Mensch nach außen nur als Zelle sei es der Niere oder der Galle auftritt. Gewiß bin ich - der weder Hugo Lassalle noch Willigis Jäger heißt - nicht Christ und Buddhist, doch kann ich auch als Christ Buddhas Wahrheit zu leben versuchen und dadurch ein besserer Christ sein als ohne diesen anderen Akzent. [Wußten Sie, daß Buddha (als Josaphat) sogar in den offiziellen katholischen Heiligenkalender aufgenommen wurde?] Solche Bereicherung darf ich meinem buddhistischen Freund auch mitteilen. Falls er daraufhin fragt, ob ich nicht ein Gegengeschenk für ihn habe, werde ich ihm sagen, das Erlöschen aller Gier im Nirvana sei zwar ein hohes Ziel. Daß solches Erlöschen aber nicht nur etwas unfaßbar Himmlisches ist sondern im auferstandenen Herzen Jesu ein lebendiger menschlicher Vollzug: diese Osterbotschaft könnte doch auch sein buddhistisches Gemüt erfreuen.

Probieren Sie es aus. Mag sein, auch Sie stellen fest, daß eine durch ökumenisch offene Ohren ausbalancierte Missionarszunge uns Heutigen nicht weniger geschenkt ist als früheren Glaubensboten. Je gelassener wir unsere Gesprächspartner Gottes innerem Zug anvertrauen, je unverkrampfter wir auf ihre Wahrheit hören, um so deutlicher dürfen wir auch unsere Heilsperspektive mitteilen. Ob sich dann Bekehrungen ereignen, muß uns nicht kümmern. Charles de Foucauld hat niemanden bekehrt und bis zum Tod in der Wüste keinen Gefährten gefunden. Erst lange nachher wurde sein Impuls von anderen aufgegriffen, das Ergebnis sind die blühenden Gemeinschaften der kleinen Schwestern und Brüder Jesu.


Zum Weiterdenken:

Nicht nur die Missionare: "Diesen menschlichen Gruppen also muß die Kirche gegenwärtig sein durch ihre Kinder, die unter ihnen wohnen oder zu ihnen gesandt werden. Denn alle Christgläubigen, wo immer sie leben, müssen durch das Beispiel ihres Lebens und durch das Zeugnis des Wortes den neuen Menschen, den sie durch die Taufe angezogen haben, und die Kraft des Heiligen Geistes, der sie durch die Firmung gestärkt hat, so offenbaren, daß die anderen Menschen ihre guten Werke sehen, den Vater preisen und an ihnen den wahren Sinn des menschlichen Lebens und das alle umfassende Band der menschlichen Gemeinschaft vollkommener wahrnehmen können." [Vat. II, AG, 11]

Konversionen: Über sie hat Christian Heidrich ein anregendes Buch geschrieben.

Packendes Gleichnis: Neu ausgeführt und mit anderen zusammengedacht, findet es sich in diesem Denk-Vorschlag. Dort auch der Hinweis auf mein neuestes Buch zum Thema "Friede der widersprüchlichen Glaubensweisen". Weil die großen Verlage das finanzielle Risiko scheuen und ich den Muff der Schublade, habe ich für denkbereite Gemüter die 155 Seiten als pdf-Datei ins Netz getan, habeat sua fata libellus.

Willigis Jäger

Josaphat: "Barlaam u. Joasaph (Josaphat). Seit 1583 führt das röm. Martyrologium B. u. J. als Heilige an; sie sind aber legendäre Gestalten. Die Legende erzählt v. einem Mönch B., der den Königssohn J. gegen den Widerstand v. dessen Vater z. Christentum u. Mönchtum bekehrte. Sie fand in der zu einem Mönchsroman erweiterten griech. Fassung seit dem 11. Jh. weiteste Verbreitung im ganzen Abendland u. übte durch Inhalt u. Form großen Einfluß auf Dicht- u. Bildkunst aus ... Joh. v. Damaskus verarbeitete die Buddhalegende u. indische Fabeln (wahrsch. bereits verchristlicht) mit verschiedenen christl. theol. u. asketischen Schriften zu einer geschlossenen Einführung ins Mönchsleben." (LThK I (1957), 1246)

Mitteilen: Die Unterscheidung zwischen sprechendem Missionar und hörendem Ökumeniker gilt auch jetzt, aber in einer Meta-Dimension. Ich spreche als Verkünder nicht eines bestimmten Glaubens sondern verbindender Hoffnung (ebenso im Namen Gottes!), muß aber bereit sein, widersprechenden (antisynkretistischen) Christen wie Buddhisten demütig zuzuhören: die existentielle Spannung missionarisches Sprechen / ökumenisches Hören hat sich von der inhaltlich-konfessionellen in die formale Dimension verschoben, fordert dort aber dieselbe Umschalt-Bereitschaft.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s14.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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