Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Will Gott den Tod?

Gedanken zum dreizehnten Sonntag im Jahreskreis


"Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Sein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich."

Wenn wir diese Sätze aus dem biblischen "Buch der Weisheit" lesen, springt uns in aller Schärfe der Weltbildwandel an, den die Christenheit seit Darwins Entdeckung der Entwicklungsgeschichte durchmacht. Er ist - anders als viele meinen - noch lange nicht abgeschlossen. Denn hier, im Verständnis des Todes, liegt der springende Punkt; ob der Mensch "vom Affen abstammt", ist eine zweitrangige Frage. (Die Antwort heißt: Nicht vom Affen, aber von einem gemeinsamen Vorfahren beider, der vor etwa 7 Millionen Jahren lebte.) "Gott hat den Tod nicht gemacht", versichert uns das Wort des lebendigen Gottes; Darwins Zeitgenosse, der katholische Theologe Scheeben (1835-1888), gibt die Lehre der ganzen christlichen Tradition wieder, wenn er schreibt, daß "die Notwendigkeit des Todes erst zur Strafe für die Sünde über den Menschen verhängt worden sei". Diesem Glaubens-Verständnis entsprach bis zu Darwins Entdeckung das zu ihm passende Geschichts-Verständnis: Vor dem Sündenfall der Stammeltern gab es keinen Tod, erst danach, außerhalb des Paradieses, wird auf Erden gestorben, getötet, gemordet.

Wie läßt, nachdem dieses Geschichtsverständnis endgültig widerlegt ist, das Glaubensverständnis sich neu so fassen, daß es nicht haltlos in der Luft frommer Märchen hängt sondern einem zeitgenössischen Bewußtsein zugemutet werden, mehr: als erlösende Botschaft aufgehen kann? Das ist die Frage. Bei ihr hilft der beliebte Trick nicht, daß man schlicht die Zeit verlängert, in welcher Gott aus dem Staub der Erde den Leib des Menschen bildete, und als diesen Formprozeß die gesamte Zeit der vormenschlichen Evolution ansieht. Der Gedanke stimmt zwar, unterschlägt aber das Entscheidende: daß während vieler Millionen Jahre, also lange vor der ersten Sünde, schon der Tod in der Welt war. Erst nach dem Massensterben der Saurier hatten unsere winzigen Vorfahren von damals überhaupt die Chance, sich zu uns Menschen weiterzuentwickeln. Wie kann ein Gläubiger da sagen "Gott hat den Tod nicht gemacht"? Auf wen sonst als auf den Schöpfer von Raum und Zeit, Individualität und geschlechtlicher Zeugung ginge die Notwendigkeit zurück, daß jedes Einzelwesen wie einen zeitlichen Anfang so auch ein Ende hat? Vielleicht ließe sich ja eine Welt ausdenken, wo niemand je umkommt, wo für neue Generationen zur neuen Zeit hinzu auch ständig neue Räume entstehen; mag ja sein, daß es sich in irgendeinem anderen Universum tatsächlich so verhält - in unserem gehört der Tod zur Grundstruktur. Können wir der ersten Lesung von heute trotzdem ehrlich zustimmen? "Gott hat den Tod nicht gemacht" - in welchem Sinn ist das wahr?

Er klärt sich, sobald wir den Satz wieder in seinen biblischen Zusammenhang stellen. Dort steht er nicht für sich, sondern begründet eine Mahnung, und dieser Beweis stimmt nur, wenn das Wort "Tod" hier gerade nicht im Sinn des biologischen Todes gebraucht wird! Also heißt es hier etwas anderes: "Jagt nicht dem Tod nach in den Irrungen eures Lebens, und zieht nicht durch euer Handeln das Verderben herbei! Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden."

In einem Kommentar lesen wir: "Leben ist im Sinn des Verfassers mehr als das biologische Leben. Und der Tod ist mehr als nur der medizinische Tod. Denn Leben ist Leben von Gott her, ist Leben vor Gott, ist Leben in Gemeinschaft mit Gott. Nur dieses Leben ist eigentliches Leben, vor und nach dem physischen Tod. Hingegen hat den Tod auch schon erfahren, wer in diesem irdischen Leben sein eigentliches Leben verspielt hat. Leben und Tod sind also Relationsbegriffe, Begriffe nämlich in Relation zu Gott."

Dies also meint unser Satz: den eigentlichen Tod hat Gott nicht gemacht. Allerdings zeigt der Schluß der Lesung, wie sehr ihr Verfasser (vermutlich um das Jahr 30 vor Christus) den eigentlichen Tod und den biologischen Tod in eins zusammensah, als ein einziges Unheil: "Durch den Neid des Teufels ist der Tod in die Welt hereingekommen, und ihn erfahren alle, die ihm angehören." Wahrscheinlich hat Paulus sich an diese Stelle erinnert, als er im Römerbrief (5,12, mit exakt denselben Wörtern) schrieb: "Durch einen einzigen Menschen ist die Sünde in die Welt hereingekommen und durch die Sünde der Tod." Seither stellten die Christen es sich buchstäblich so vor: Hätten Adam und Eva nicht gesündigt, wären sie nicht gestorben. Physischer und eigentlicher Tod wurden ungeschieden als die eine Unheilswirklichkeit aufgefaßt.

Dieses Weltbild ist uns unmöglich geworden, weil wir wissen, daß der physische Tod schon lange, bevor es Menschen gab, auf Erden geherrscht hat. Welches neue Weltbild bietet sich an, das sowohl unserem Wissen als auch unserem Glauben entspricht? Wenn biologischer und eigentlicher Tod nicht von Anfang an verknüpft sind: wie ist ihr Verhältnis dann christlich zu denken?

Ich schlage vor, eine ehrwürdige Idee der griechischen Kirchenväter aufzugreifen, die in der lateinischen (und später auch der evangelischen) Volkskirche des Westens allerdings unbekannt blieb, höchstens bei mystischen Außenseitern zum Zuge kam. Der heilige Basileios (330-379) schreibt: "Wie die Sehkraft im gesunden Auge, so ist die Energie des Geistes in der gereinigten Seele." Diese Lehre enthält eine ebenso (sachlich) geheimnisvolle wie (begrifflich) wasserklare Proportionalgleichung: So, wie ein materieller Körper ohne die Gegenwart der belebenden Seele biologisch tot wäre, ebenso ist ein biologisch lebendiger Mensch ohne die Gegenwart des Gottesgeistes in ihm spirituell-eigentlich tot. In der Ostkirche hat dieser packende Glaube sich zu einer Leitidee entwickelt. Wir finden sie z.B. in einer Unterweisungsschrift, die der Athosmönch, spätere Bischof und Kirchenlehrer Gregor Palamas (1296-1359) für die Prinzessinnen-Erzieherin am Hof von Byzanz verfaßt hat.

Scheinbar klingt in diesem Text alles ganz traditionell, jedem Christen ist solche Sprache vertraut. Allerdings wissen wir jetzt, welches Rahmenmodell hier das Verständnis leitet; wenn Gregor deshalb "so - wie" sagt, dann ist das nicht der übertriebene Vergleich eines Redners, sondern eine exakt definierte Entsprechung: wörtlich zu verstehen. Es macht einen wichtigen Unterschied, ob jemand in lockeren Bildern spricht oder in strengen Begriffen; Worte wie die folgenden kann man von mancher Kanzel hören, und doch haben sie im Munde Gregors, weil systematisch gemeint, ihren besonders eindringlichen Ernst. Sieht man nicht geradezu den herausgerissenen Zahn vor sich, eben noch so "vital" - und jetzt bloß mehr ein armes totes Ding?

"Wie die Trennung der Seele vom Leib der Tod des Leibes ist, so ist die Trennung Gottes von der Seele der Tod der Seele, und das ist der eigentliche Tod. Ebenso besteht auch im Leben der Seele das eigentliche Leben; das Leben der Seele aber ist die Einigung mit Gott, so wie das des Leibes die Einigung mit der Seele ist ... jenes Leben ist aber nicht nur das der Seele, sondern auch des Leibes; denn es macht auch diesen durch die Auferstehung unsterblich, weil es nicht nur von der Sterblichkeit erlöst ist, sondern - mehr noch - vom niemals aufhörenden Tod, jener künftigen Pein."

Trauen wir uns, in diesem grandiosen Gedanken den Keim eines christlichen Weltbildes für das begonnene Jahrtausend zu erkennen? [Ausführliche Fortsetzung]


Zum Weiterdenken:

Scheeben: Die Mysterien des Christentums (Freiburg 1941), 181

Kommentar: Hans Hübner, Die Weisheit Salomons (Göttingen 1999)

Gregor Palamas: Näheres hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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