Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Wie wir Christus nicht kennen sollen

Gedanken zum zwölften Sonntag im Jahreskreis


I.

Paulus muss sich verteidigen. Kreise der Gemeinde werfen ihm vor, er spiele sich auf, wolle wegen irgendwelcher Ekstasen etwas Besonderes sein. Ach Leute, bricht es da aus ihm heraus, darum geht es doch überhaupt nicht, mit solchen Maßstäben ist es seit Karfreitag und Ostern total vorbei! Immer noch denkt ihr "nach dem Fleisch", das ist aber inzwischen grundfalsch geworden; "daher kennen wir von jetzt an niemanden mehr dem Fleische nach, [um von mir zu schweigen, nicht einmal Jesus selbst!]. Selbst wenn wir Christus nach dem Fleische gekannt haben (sollten), kennen wir ihn jetzt nicht mehr (so)."

Dies ist die Übersetzung des angesehenen evangelischen Theologen Rudolf Bultmann; der offizielle katholische Text gibt "nach dem Fleisch" mit "nach menschlichen Maßstäben" wieder (echt Einheizübersetzung auch dies – sollen wir denn trotz Menschwerdung Gottes unmenschlich denken?). Laut Bultmann handelt es sich darum, "wie ein Mensch verstanden und beurteilt werden soll, nämlich nicht nach seiner Vorfindlichkeit, nach seinen sichtbaren Vorzügen oder Schwächen, sondern nach dem Unsichtbaren seines eigentlichen Wesens. Fleisch ist die Sphäre des Vorfindlichen, und eine Größe, ein Mensch nach dem Fleische ist diese Größe, dieser Mensch hinsichtlich der sichtbaren Vorfindlichkeit ... Jemanden kennen, wie er weltlich vorfindlich ist, heißt zugleich, ihn in weltlicher Weise kennen ... Der Christus nach dem Fleische ist Christus in seiner weltlichen Vorfindlichkeit, vor Tod und Auferstehung. Als solcher soll er nicht mehr in den Blick gefasst werden ... also auch ich [Paulus] darf nicht nach dem Fleisch in den Blick gefasst werden."

II.

Was dem Paulus vor bald zweitausend Jahren als Warnung an Gegner in die Feder floss, zur Begründung seiner Weigerung, sich nach deren überholten Maßstäben beurteilen zu lassen, das hat seither für die ganze Kirche ungeheure, sagen wir getrost: lebenswichtige Bedeutung erlangt. Urteilen Sie selbst, wie unser Satz die folgenden Worte eines großen Christen von innen her zum Leuchten bringt. Zunächst eine kurze Einführung von Walter Romahn:

1967 lebt Pater Wilhelm Klein S.J. in Bonn als Superior und Seelsorger, sechs Jahre nach seinem Fortgang aus Rom in schwieriger Zeit. Er registriert Verunsicherung und Aufbegehren im gläubigen Volk gegenüber bis dato wenig hinterfragten Glaubenswahrheiten oder vernünftig nicht mehr nachvollziehbaren Teilen der kirchlich verordneten Sexualmoral.

In Walberberg bei Bonn ist im September desselben Jahres eine Gruppe jüngerer Altgermaniker zu Exerzitien versammelt. Sie sind gerade ein paar Jahre in der Seelsorge tätig. Die Frage nach dem, was in der Praxis der Gemeinden lediglich historisches Beiwerk und vielleicht zu vernachlässsigen ist, und nach dem, was unverzichtbares Glaubensgut ist, wird dringender und harrt der Beantwortung. Seine Gesprächspartner suchen Orientierung in einer Umbruchszeit, in der damals wie heute Bischöfe, soweit sie Seelsorger ihrer Priester sein müssten, offensichtlich ratlos sind und versagen. [Ihr alter Spiritual (damals 78) sagt zu ihnen auch:]

"Die Menschen, die in ihrer Oberflächlichkeit versucht sind, diese ihre Oberfläche der Geschichte zu verabsolutieren, werden immer in der Gefahr sein, dass sie die sog. Tradition der Kirche falsch verstehen, nicht als den immer lebendigen, Mensch werdenden Gott, Christus gestern, Christus heute, Christus immer, sondern sie werden immer versucht sein, einen Christus abzuspalten vor 1967 Jahren, und immer nach dem zurückschauen. Wenn die Erde und die Weltgeschichte sagen wir einmal statt viertausend, fünftausend, Millionen Jahre weiter geht, so wird immer der Blick von gläubigen Menschen notwendig zurückgehen müssen auf ein ungeheuer fernes Jahr, was sie vielleicht gar nicht mehr ausdrücken können, schreiben können. Aber so ist es nicht. Das ist eine Verabsolutierung der Geschichte, der Einmaligkeit der Geschichte sei es in Vergangenheit, sei es in der Gegenwart, in der Zukunft, sei es bei diesem oder jenem menschlichen Individuum, das wir für eine menschliche Person ausgeben: im Grunde die eigentliche Leugnung unseres christlichen Glaubens. Und dann antworten wir auf die Frage des Herrn: Für so einen wie Johannes den Täufer oder Elias oder Jeremias. Jedenfalls für eine menschliche Person, für die erhabenste menschliche Person, die je gelebt hat. Die erhabenste, beste, tapferste, alle guten Eigenschaften sind bei dieser Person, Dinge, die wir oft genug in Lehrbüchern lesen können als Beweise für die Gottheit Christi aus den Eigenschaften dieser Person, die wir mit anderen geschichtlichen Personen vergleichen, mit Buddha, Sokrates, oder was wir sonst so in dieser unserer verhältnismäßig kurzen Etappe überblicken. Wenn die Zeit weiterschreitet, dann wird diese Zeit zusammenschrumpfen. Vor Gott sind tausend Jahre ein Tag. So gerechnet, sind wir noch nicht einmal am dritten Tag der christlichen Kirche. Der zweite ist noch nicht zu Ende. Schon durch solche einfachen Erwägungen werden wir an die Relativität aller bloßen Geschichtlichkeit und geschichtlichen Tatsächlichkeit gemahnt, dass wir nicht daran alles aufhängen.

Der Römerbrief relativiert alles außer Gott. Auch die Bibel. Auch die heiligen Zeichen der Sakramente. Auch das Tun und Lassen der einzelnen geschichtlichen Individuen. Es geht ein allgemeines Relativitätsgesetz durch diesen Brief, durch die ganze Bibel hindurch. Aber das ist nicht das letzte Wort. Denn in diese Relativität kommt Gott, der Absolute, der von jeder bloß geschichtlichen Verweslichkeit Freie, und indem er hineinkommt, darin ist, und nicht bloß war und sein wird sondern ist, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, alle Zeitlichkeit und Zeit überwindend, da ist der Sieg, der den Relativismus überwindet, unser Glaube."

III.

Möge der Heilige Geist in dieser pfingstlichen Epoche der Weltgeschichte uns immer drängender hindern, Christus und uns selber bloß nach dem Fleisch zu verstehen, als durch riesige Zeitstrecken getrennte Einzelne, statt geistlich, d.h. wahrheitsgemäß als das eine gott-menschliche Leben auch hier und jetzt, in dir und deinen Lieben - wie minder Lieben!


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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