Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Ent-fremdung positiv

Gedanken zum elften Sonntag im Jahreskreis


»Wir sind immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib einheimisch sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende« (2 Kor 5,6).

Zur Zahnärztin unterwegs mit diesem Satz beschäftigt, leuchtet mein Gegenüber in der U-Bahn plötzlich in neuem Licht. Da ich auch in der Fremde lebe, zeigt die verhärmte Dame, am Kopftuch als Mitfremde kenntlich, sich als insofern überhaupt nicht fremd. Denn dank unserem gemeinsamen Gegensatz zu den Einheimischen sollten wir Fremde ja solidarisch sein. Anscheinend erreicht mein Lächeln es nicht, der Mitreisenden etwas von diesem Wir-Bewusstsein mitzuteilen. Aber Worte würden es noch weniger schaffen. Leider bleiben wir uns fremd. Doch mindestens meine Beziehung zu Fremden hat sich neu geklärt, hoffentlich für dauernd.

Auch solange wir in zeitlichen Leibern von einander und vom Herrn scheinbar fern sind, ist unsere Fremdheit dann und wann plötzlich zu Ende, so dass Unbekannte sich auf einmal als beieinander daheim erfahren. Mitsammen »beim Herrn daheim« sind wir nicht erst nach dem Tod, vielmehr bricht das geglaubte DANN von innen her in jeden Augenblick – auch wenn wir das nur selten fast schon schauen. Manchmal allerdings blitzt eine solche Ahnung überwältigend klar in den Alltag.

Für die Nordland-Urlaubsfahrt 1971 hatte ich meinen Freund, den dänischen Jesuiten Peter Tantholdt Hansen – damals und bis Juli 2010 arm bei armen Indios in Perú – um eine Liste möglicher Unterkünfte samt Empfehlungsbrief gebeten. Mit beiden wohl ausgerüstet, sind wir auf der Rückfahrt zu dritt an einem Spätsommerabend in Helsingborg angelangt, der letzten schwedischen Stadt vor der Fähre nach Dänemark. Auf meiner Liste steht ein junger estnischer Ingenieur. Wir fragen uns durch, sehen Licht in einem Fenster, stellen den staubigen VW-Variant ab und gehen zum Haus, wild unrasiert alle drei. Jemand öffnet und sieht uns argwöhnisch an. »Sind Sie Herr XY?« »Ja.« »Dann habe ich einen Brief für Sie.« Erstaunt nimmt er das Empfehlungsschreiben und geht hinein ins Helle. Dann der laute Ruf: »Lebt er?« »Ja, vor ein paar Wochen hat er noch gelebt.« »Ah. Kommt rein!« Es wurde ein fröhlicher Abend und eine friedliche Nacht samt skandinavischem Frühstück. Wir haben einander nie wieder gesehen. Einige Tage nach der Heimkehr ins Nürnberger Pfarrhaus stapfte eine junge Spanierin die Treppe zum Kaplan empor. Aber das ist eine andere Geschichte.

ER, unser nur scheinbar ferner Freund, lebt wirklich und ist uns unmittelbar nah, deshalb sollte es zwischen Christen, seien sie noch so unbekannt oder all zu bekannt, keine Fremdheit geben. Und von uns aus womöglich auch zu allen anderen hin nicht. Vergessen wir nicht: »Christus hat sich bei seiner Menschwerdung irgendwie mit jedem Menschen vereinigt« (Vat. II, GS 22). Somit sind wir, genau bedacht, in jedes Menschen Gegenwart beim Herrn daheim. Sooft das jemandem ein bisschen klarer wird, geschieht auf der Heilstreppe ein Schritt in Richtung Himmel. Oder

(denn wer das Geheimnis der Treppe verstanden hat, nutzt Auf- und Abstieg zur Meditation)

hinunter in den Grund des Ganzen.

Am 29. Juli 2012 um 8.05 Uhr bringt der Kirchenfunk von Bayern2 Radio [http://bayern2.radio.de/] mein Gespräch mit Meister Eckhart zu diesem Thema. In den von ihm geschilderten Weinkeller hat Jesu Abstieg die Unterwelt verwandelt!


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-s11.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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