Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Trittfest und schwungvoll die Heilstreppe hinauf!

Gedanken zum siebten Sonntag der Osterzeit


»Das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet« (Apg 1,26).

»Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm« (1 Joh 4,16).

Dem letzten Satz der Lesung fügt der Lektor oft hinzu: "Wort des lebendigen Gottes". Auch heute gebührt beiden Schlusssätzen dies hohe Lob. In ihrem Zusammenklang steckt ein tiefer Sinn. Denn sie stehen zueinander in Spannung. Der erste drückt eine konfessionelle Wahrheit aus, der zweite eine ökumenische.

a) Die Ordnung der Urgemeinde verlangte zwölf Apostel, elf galt als unvollkommene Zahl. Also musste der ausgeschiedene Verräter ersetzt werden. Indem man unter zwei Bewerbern loste, legte man die organisatorische Frage in Gottes Hand und vertraute: Das Ergebnis entspricht Deinem Willen. Eben das ist die Wahrheit aller konfessionell Fühlenden: Es kommt im Angesicht Gottes sehr wohl darauf an, ob man in einer bestimmten Angelegenheit so oder anders verfährt.

b) Mit dem ökumenischen Gegenpol schließt die zweite Lesung. Ob jemand dies oder jenes glaube und tue, das macht es nicht. Wichtig ist nur das eine: "Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott." Augustinus sagt es genial kurz: "Liebe, und was du willst, tu!" Auf nichts Bestimmtes komme es an, einzig darauf, nach Jesu Vorbild ein liebender, zu allen guter Mensch zu werden. Eben das sei mit dem Bibelsatz gemeint, dass außer durch ihn niemand zum Vater kommt, keineswegs müsse man immerzu »Herr, Herr!« sagen.

Jede christliche Gemeinschaft, winzig oder Erd-umspannend, vibriert von dieser Polarität, allzu leicht verkehrt sie sich zu Polarisierung, Gegnerschaft, Feindseligkeit, schließlich Spaltung. Zeitgeist-Historiker können nachzeichnen, wann wo der eine, wann der andere Pol vorherrscht. Aktuell sprechen Soziologen von »identity turn«, einer Wende zur Besonderheit. Katalanen wollen keine Spanier sein, gewisse römische Katholiken anscheinend mehr dies als Christen und Menschen. In der aufregenden Konzilszeit war der Gegenpol modern. Solch geistliches Schaukeln zeigt Lebendigkeit an; jedes grundsätzliche Zurückdrängen eines Pols um des andern willen wäre allerdings unchristlich, weil dadurch, soweit an uns liegt, die göttliche Balance von Wort und Heiligem Geist zerstört würde.

Diese Einsicht verdanke ich einem der weisesten Christen des vergangenen Jahrhunderts. An Neujahr 1958 sagte Pater Wilhelm Klein, Spiritual im Germanikum zu Rom, seinen jungen Zuhörern: »Ein pneuma, das nicht aus dem logos und der arché hervorginge, wäre kein pneuma. Ebenso wäre aber auch der logos, aus dem vereint mit dem ihn Sprechenden das pneuma nicht gehaucht würde, kein logos. Und so ana-log zu ana-pneumatisch im Geschaffenen. Wenn also das Geschöpf nur einen logos will, aus dem kein pneuma hervorgeht, ist es auch kein logos, auch keine Wahrheit. Wenn abstrahierend nur von Wissen und Wahrheit gesprochen wird, und diese Abstraktion einfach der Wirklichkeit gleichgesetzt würde, wäre auch das Wissen unwahr. In der Versuchung dazu stehen wir, die Sünde wider den Hl. Geist zu begehen.«

Anschaulich symbolisiert wird diese Spannung von Wort und Geist als die von waagrecht und senkrecht, etwa als eine Treppe, auf jeder Stufe kann man sowohl ankommen und stehen als auch weiter steigen. Gerecht wird der Heilstreppe nur, wer beide Faktoren der Diagonale gelten lässt, in ihrer inneren Spannung mitschwingt. Sie sich lebendig zu halten, empfiehlt sich beim Treppen- (oder Berg-)Steigen eine Meditation. Hinauf zum Himmel oder hinab zur Mitte stapfend lebe ich jeweils beide Dimensionen: die Waagrechte der von Gott gewollten Situation und die Senkrechte ihrer Überschreitung ins Ganze.

Das Heil verfehlt, wer nur flach an seine Situation gepresst daliegt. Warum schaltet ein solcher die Vertikale ab? Aus Schwäche oder Feigheit die einen, andere aus Machtgier, Gewaltlust: wie ein Wolf der Taube gern die Flügel ausrisse, dann wäre sie ihm verfallen. Ohne pneumatische Senkrechte gilt allein die Übermacht hier unten, so gewinnt kalte, finstere Logik ihre Machtspielchen – und merkt nicht, dass sie in Wahrheit längst erstickt ist. Frischer Atem strömt je nur von oben. Nicht zufällig sind die Wörter Identität und Idiotie sprachlich verwandt.

Gleich fatal wie der Sprung von der diagonalen Himmelstreppe in die flache Situation ist der andere Sprung - ins senkrecht baumelnde Seil des Gehenkten ohne Standpunkt. Reißt ein Kinderdrachen sich los, so stürmt er vielleicht eine Zeitlang frei zum Himmel empor, aber nicht lange. Bald sinkt er zu Boden und wird zertreten. Ortloser Spiritualismus muss böse enden, man denke an die Täufergerippe im Käfig am Kirchturm zu Münster. »Die Taube fand keinen Halt für ihre Füße« (Gen 8,9), deshalb kehre sie zur Arche zurück.

Haltloser Relativismus und Fundamentalismus ohne Weite sind beide unmenschlich, nur miteinander sind unsere beiden Lesungen das Wort des lebendigen Gottes.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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