Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Mit Jesus im Kraftfeld dreieiniger Liebe

Gedanken zum sechsten Sonntag der Osterzeit


"Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe" (1 Joh 4,8).

Sieht Ferdinand seiner Sabine ins Auge, dann kann er das scheinbar nur entweder als Liebender oder als Augenarzt tun, nie zugleich ausdrücklich als beides. Und doch kann gerade die Liebe vom Arzt verlangen, dass er nicht als Liebender den Blick, sondern mit sachlichem Interesse das Auge der Frau erforscht. Das Auge als selbständiges Organ mit eigenen realen (d.h. "sachlichen") Sinnbezügen, unabhängig von dem Sinn, den der Blick der es beseelenden Person meint: es will ernst genommen sein. Gegen den nur schmachtenden, nicht fachmännisch-kritischen Blick ihres Liebsten würde die kranke Frau sich mit Recht wehren. Exakt hier wird der Beitrag unseres modernen, westlichen Lebensgefühls zum Reich Gottes deutlich. Nein, Faust: Gefühl ist nicht alles. Wer nicht auch nüchtern lieben will, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist schöpferische Liebe, IHR geht es um das reale Glück der Geschöpfe.

Um ihr wirkliches Glück im Ganzen allerdings, nicht um krebsiges Scheinglück eines isolierten Bruchstücks! Ein vernünftiger Westler weiß, dass Sinn und Ziel des Auges sein Blick ist und zuhöchst dessen Begegnung mit einem Blick der Liebe. Jene distanziert unbeteiligte Kühle, welche unsere drangvollen U-Bahnen und leeren Hochhauskorridore gleichermaßen bestimmt und gegen die viele sich so wütend auflehnen, drückt treffend die neuzeitliche Grundannahme aus, das Sein komme nur je dem einzelnen Seienden zu und sei deshalb auch selbst nicht eines, sondern unverbunden ins Viele zerstreut. Einander Würde zuerkennen können getrennt sich fühlende Wesen aber nur, wenn sie – mag sein von östlicher Weisheit angeleitet – aus der wechselseitigen Objektivierung ausbrechen, so dass jeder den anderen als Verwirklichung eines gemeinsamen Würdeprinzips ehren kann. Den Namen Liebe verdient sachliche Tüchtigkeit nur, wenn sie aus ursprünglicher Verbundenheit erwächst und in sie mündet. Tüchtig waren manche KZ-Mediziner auch.

In welcher Sprache auch immer solch polare Spannung bergender Einheit und bestimmten Tuns gelebt wird,

Ein chinesisches Beispiel ist über tausend Jahre alt. Ein Zen-Jünger gerät bei dichtem Schneetreiben ins Schwärmen über die »große Einfarbigkeit«. Ein Zenmeister bemerkt trocken: »Ich hätte ihm gleich einen Schneeball aufgeknallt.« Schön erläutert Gundert: »In Pangs Augen war der Anblick jenes Schneegestöbers das denkbar schönste Sinnbild für das, was ihm schon längst die Seligkeit bedeutete: für das beglückende Verschwinden aller Grenzen, Unterschiede, Gegensätze, das Aufgehen und Zergehen all der ungezählten Einzeldinge in das in sich gleiche reine Eine, das unfassbare Leere. Dies ist auch in der Tat das Herzstück und der Mittelpunkt, um welchen sich beim Zen das ganze Ringen und Bemühen dreht. Dennoch setzt gerade an diesem Punkte Yüan-wu mit einer sehr bemerkenswerten Warnung ein. Zur ganzen Wahrheit gehöre auch das Gegenteil, die Dinglichkeit, die Welt mit ihren Gegensätzen, ihrem unsagbaren Jammer. Es gilt, zwei scheinbar völlig gegensätzliche Pole festzuhalten bzw. sich dauernd zwischen beiden hin und her zu bewegen, und eben dies ist der Sinn des Lebens, ist selbst das, was wir Leben nennen. Auf einem der zwei Pole sitzen bleiben, führt zu geistigem Tod.« (Bi-yän-lu [hgg. v. W. Gundert] Band II, München 1967, S. 187. Beim Blick auf das dichte Schneetreiben vor meinem Fenster in Naila habe ich - ohne das Wort zu kennen - eine Zen-»Erleuchtung« erlebt, die jedem leicht fallen sollte.)

da geschieht heilsame Liebe, ihre Frucht ist ewig. Beziehen beide Pole sich zudem auf DICH, Gott, so klärt das Selbstverständnis der Liebe sich um eine ganze, die religiöse Dimension: DU willst mich als liebend und richtest streng meine Lieblosigkeit, wirst sie aber, wenn ich ihrer Vernichtung zustimme, zuletzt liebend verzeihen. In diesem Glauben sind die abrahamischen Religionen eins.

In christlichem Licht erstrahlt das dreieinige Kraftfeld der Liebe am Schluss unserer Lesung: "Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat." An Jesus sehen wir, wie der Schöpfer sein Selbst-Experiment Mensch will: als lebendige Balance von Selbstbewusstsein und Nächstenliebe. Jesus ist nicht schüchtern, tritt der Arroganz der herrschenden Kreise selbstsicher entgegen. Und denen am Rande, den Verachteten stärkt er die Gewissheit, dass sie gleichberechtigt dazu gehören. Je schwungvoller jemand solche Liebes-Balance schafft, um so besser erreicht Gottes Menschwerdung auch in ihm ihr Ziel.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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