Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Warum kleingläubig sein?

Gedanken zum fünften Sonntag der Osterzeit


»Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles« (1 Joh 3,18-20).

Hat ein Herz diesen Kernsatz der Frohen Botschaft vernommen, vergisst es ihn nicht mehr.

Im katholischen Kommentar von Rudolf Schnackenburg lesen wir: "Der von seinem Gewissen verurteilte Christ hält sich nicht bloß entgegen, dass Gott auch die Taten seiner Liebe kennt, sondern stürzt sich in das Meer des allgütigen göttlichen Verstehens und Erbarmens ... Es bleibt verhüllt, ob wirkliche Sünden oder nur ein subjektiv übersteigertes Schuldgefühl dem Herzen zu schaffen machen, und ob, falls wirkliche Sünden gemeint sind, an länger zurückliegende oder neu im Christenstand begangene gedacht ist. Solche an den Text herangetragene Fragen verdunkeln auch nur den Kerngedanken, dass die echte, in der Tat geübte christliche Liebe aus allen solchen inneren Nöten befreit und der Gemeinschaft mit Gott, 'der alles weiß', gewiss macht."

Warum? Weil ein so Liebender erkennt, dass seine (noch so schwache) Güte bloß weltlich nicht erklärbar wäre, ihre Quelle sprudelt in anderer Tiefe, als die Physik ausloten kann. Bei Dostojewski klagt eine kleingläubige Dame dem weisen Staretz: »... und da sterbe ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ,Kletten wachsen auf meinem Grabe', wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist doch entsetzlich! Wodurch aber den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken... Wodurch sich nun überzeugen? Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen; denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben. Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes Unglück! Ich stehe da und sehe, dass allen alles einerlei ist, oder fast allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr ertragen! Das bringt einen um! Es ist einfach tötend!«

»Zweifellos tötend. Doch beweisen lässt sich hierbei nichts, wohl aber kann man sich überzeugen.«

»Wie? Wodurch?«

»Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. in dem Maße, wie Sie in der Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie auch den vollen Glauben errungen haben, und dann wird sich kein Zweifel mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte Wahrheit.«

Der große evangelische Bibelkenner Rudolf Bultmann erklärt (mit 82) unseren Satz so: "... dass Gottes Maßstäbe andere sind als die des menschlichen Herzens, dass Gott sozusagen großartiger ist, und dass also die menschliche Selbstverurteilung vor ihm verstummen darf. Dass Gottes Größe darin besteht, dass er alles weiß, kann in diesem Zusammenhang nur bedeuten, dass er weiß, dass wir im Grunde Liebende sind (V. 14) und als solche 'aus der Wahrheit' sind (V. 19).

Romano Guardini erläutert: "Gottes Wissen um mich ist wie ein Meer, in das alles eingeht und Frieden findet. Es gibt ja doch Augenblicke, in denen die Erkenntnis des Verfehlten und Versäumten einem jeden den Mut nimmt, weil alles ausweglos scheint ... in denen keine Reue zustande kommt, weil man nicht mehr weiß, was recht und was falsch ist ... in denen Entschlüsse und Lebenspläne nichts helfen, weil man sich selber nicht mehr glauben kann ... Für einen solchen Augenblick hat Johannes diesen Satz geschrieben: Gib dich hinein in das Wissen Gottes, mit allem, was du bist. Ohne zu grübeln, noch dich zu rechtfertigen. Er weiß, und das ist genug."

Ja: Wir dürfen als schmutziger Eisklotz bis ins glühende Herz des Ganzen vordringen und ihn dort an Gottes verzeihender Liebe schmelzen lassen. Dabei müssen wir gar nicht unterscheiden können, was an dem bedrückenden Gefühl von Unreinheit, Schäbigkeit und Eigensucht nun wirklich Schuld ist, was bloß Schwäche und was gar falsches, uns eingeredetes Schuldgefühl. "Richtet nicht," sagt Jesus; am wenigsten kann jemand in eigener Sache Richter sein. Vielleicht liegt eine tiefe Schuld gerade darin, dass ich - trotz der Botschaft von Gottes Liebe - jenem dumpfen Schuldgefühl nachgebe, das überhaupt keine Gottesfurcht ist, sondern ein wüstes Gemisch aus Kleinkinderangst, schlechtem Schülergewissen und bürgerlicher Existenzsorge, kurz: eher teuflisch als göttlich. Die meisten Christen wissen nicht, dass "Satan" ursprünglich den Ankläger vor Gericht bedeutet! Gegen ihn nimmt Gottes Liebe uns in Schutz.

In noch abgründigere Tiefen weist ein Gedanke der großen Simone Weil (+ 1943 mit 34 Jahren): "Am Grunde jeder Sünde liegt Zorn auf Gott. Wenn wir Gott sein Verbrechen gegen uns verzeihen, dass er uns zu endlichen Geschöpfen gemacht hat, dann wird er uns unser Verbrechen gegen ihn verzeihen, dass wir endliche Geschöpfe sind." Einem nur logischen Verstand scheint das Unsinn, liebende Glaubensvernunft aber ahnt hier den Punkt, auf den alles ankommt. [Gabriele Kaufmann bemerkt: "Was, wenn ER uns gar nicht zu endlichen Geschöpfen gemacht hat und wir es IHM nur in die Schuhe schieben...?" In der Tat: Wo ein Organ sich als isoliertes Ding erlebt statt als Lebendiges im EINEN LEBEN, ist es krank, nicht das Ganze bedarf dann der Verzeihung, nur das so verirrte Organ. Freilich bleibt Simones Kühnheit eine gelungene Übersetzung dieser mystischen EINS-Wahrheit in die andere Sprache des Glaubens an DICH den zu mir anderen GOTT.] Versuchen wir nicht das Unmögliche. Jenen eisigen Schmutzklumpen aus Schuld, Endlichkeit und allzu schwach bekämpftem Schuldgefühl, ihn können wir nicht auflösen, er widersteht unserer Unterscheidungskraft. Bringen wir ihn darum so, wie er ist, vor Gott: Vergib Du uns unsere Schuld. Und glauben wir mit der gesammelten Kraft unseres Herzens, dass solches Gebet im selben Augenblick, da wir es vertrauend sprechen, auch schon erhört ist. Wir sind frei, Gott – größer als unser Herz – nimmt uns an seines.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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