Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Warum Sühne?

Gedanken zum dritten Sonntag der Osterzeit


»ER ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt« (1 Joh 2,2).

Bitterer Streit tobt in der Kirche derzeit um die Rede von Jesu Sühnetod. Deutsche Protestanten werfen einander Schlimmes vor. Von rechts nach links schallt es: Abfall vom biblischen Glauben! von links nach rechts: Sadistisches Gottesbild! Auch spanische Katholiken entrümpeln die blutige Vorstellung des Sühnopfers: "Weder gerettet noch erlöst, nur geliebt, berufen und erhofft", so überschreibt mein Madrider Freund Jairo seinen flammenden Protest.

Ein Netz-Prediger weiß nicht, an wen seine Worte sich richten. Ist es ein ängstliches, von früher her gottvergiftetes Gemüt, das erleichtert aufatmet bei der Kunde, unser Gott wolle keine Opfer, sondern als großherzige Liebe allein unser volles Glück, noch viel intensiver als wir selbst? Dann soll dieser Mensch sich mit dem schwierigen Wort "Sühne“ nicht belasten, die damit gemeinte Perspektive der göttlichen Wahrheit ist für ihn nicht dran. Er lasse ihm nicht geltende Sätze ungerührt abtropfen, warte auf das Evangelium, befolge Jesu freundschaftliches Zweifelverbot (»Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?«) und freue sich wie die Jünger beim Essen mit dem jetzt ewig Lebendigen.

Gewiss nicht (als Widerspruch hierzu) das Gegenteil aber doch den notwendigen Gegenpol im christlichen Stereo-Heilssignal vermelde ich einem andern mir wohlbekannten Menschen. Er geht mit seinen Nächsten locker um, merkt oft gar nicht, wie er sie verletzt. Immer wieder einmal aber reißt ein Windstoß den Nebel auf und ihm wird klar, wie blind er fremde Würde einem eigenen schäbigen Vorteil geopfert hat. Haben die anderen ihm verziehen? Vielleicht. Fragen kann er sie nicht, manche sind tot, andere verschollen. – Da erblickt er Jesus am Kreuz und vernimmt: »ER ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.« Also – o mein geschundener Gott! – auch für die meinen. Danke. Und hilf mir, fortan aufmerksamer zu sein.

Im Zusammenhang des Glaubens an den unendlich liebenden Gott soll die vor einem wütenden Überich zitternde Angst sich verwandeln: zur mündigen Einsicht in die strenge Würde des Guten. Eine Person, die sich lieblos gegen es entscheidet, muss spätestens DANN, wenn alle zeitlichen Kulissen verschwinden, tief erschrocken sich als die Frau oder den Mann erkennen, wozu sie sich selbst gemacht hat. Ich stelle mir vor, wie ich dann alle die Situationen, da ich anderen weh tat, wieder erleben muss, jetzt aber von der anderen Seite aus, in innerer Teilnahme an Schmerz, Wut, Enttäuschung jenes Mitmenschen. Und ich bin schuld daran! Wie solche Schande in jemandem brennt, auf dessen Befehl Tausende von Judenkindern Angst, Qual und Tod erleiden mussten, kann niemand sich vorstellen.

Das Böse darf sich nicht lohnen, kann sich nicht lohnen, lohnt sich nicht. Dessen sind wir im Glauben gewiss, diesen vernünftigen Kern des Sühnegedankens löst kein harmloser Kuschelgott-Zeitgeist auf. Gott ist gerecht. ER will aber nicht den Tod des Sünders sondern dass er sich bekehre und lebe. Einmal trat aus dem Seniorenstift vor der Nürnberger Synagoge ein 88jähriger jüdischer Uhrmacher aus Prag. Er war in Auschwitz, seine Frau und sein Kind wurden dort ermordet, nach dem Krieg sperrten die Kommunisten ihn jahrelang als Spion ins Gefängnis. Ich traue mich, ihn zu fragen: Werden Sie dann, vor Gottes Angesicht, all diesen Menschen, die Ihnen soviel Böses angetan haben, verzeihen? Er schaut mich an und sagt langsam: "Das will ich mir gut überlegen."

Wie Gottes überströmendes Erbarmen die Missgestalten unserer Schande so bedeckt, dass doch keine Untat vertuscht wird, dieses Geheimnis bleibt uns Zeitlichen verborgen. Hoffen dürfen wir aber, dass der unlöschbare Brand der vollen Gerechtigkeit zuletzt nicht Qual sondern Segen bringt - allen? Auch dem Millionenmörder Adolf Hitler?

Wenige Wochen vor diesem wurde Wilhelm Klein geboren. Am achtzigsten (!) Jahrestag seiner Priesterweihe kam der 103jährige Jesuit am 28. Oktober 1992 vom Altar aus auch auf Hitlers Selbstmord zu sprechen und fuhr fort: "Macht das alles, machte das alles der eine Geist? 'Ja, ja, jetzt weiß ich nicht, da komm ich nicht mehr mit!' Ich selber auch nicht. Da bleibt mir auch der Verstand stehen, aber nur der Verstand - die Fähigkeit, mit der wir aus dem allen, was da geschieht, etwas rausschneiden, um es uns anzusehen, und wo wir menschlich eigentlich da immer sagen: 'Lieber Gott, lass mich mal einen Augenblick Du sein, der liebe Gott, damit ich sehe, was Du alles vorhast mit all dem, was Du da gewirkt hast von Ewigkeit zu Ewigkeit.'
Ja, da steht uns der Verstand still, aber nicht die Liebe, nicht der Glaube, nicht die Hoffnung. Und ich wiederhole: qui Mariam absolvisti et latronem exaudisti, mihi quoque spem dedisti [Du hast Maria (von Magdala) losgesprochen, den Räuber erhört und auch mir Hoffnung gegeben]. Wir werden alle einmal, alle, wenn die Zeit in diesem Tränental, die Vorbereitungszeit, die wir oft auch Purgatorium nennen, wenn die ihren Dienst an uns getan hat. Dann heißt es: 'So, jetzt darfst du kommen!' Und wenn man mich fragt: 'Dein Lieblingsgebet?' Komm Herr Jesu, komm!"


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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