Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

In welchem Sinn hat der Glaube gesiegt?

Gedanken zum zweiten Sonntag der Osterzeit


"Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube" (1 Joh 5,4).

A) Das Problem

I. Drei statt eins

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Eine fromme Gemeinde hat sich zerstritten, wider einander wüten zwei Parteien, hin und her schwirren Ja wie Nein. Schließlich fassen beiderseits ein paar Friedensfreunde sich ein Herz und beraten miteinander. Und, wird einer dann gefragt, seid ihr jetzt wieder eins? - Leider nein. Jetzt sind wir drei."

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"Es gibt nicht mehr Juden und Griechen" (Gal 3,28). Auch die Christenheit heißt in der Antike das Dritte Volk ("tertium genus"). Sie sprengt das klare Schema Juden/Heiden, ist nicht mehr Teil der Synagoge, wird aber auch von den Heiden als gottlos ausgegrenzt. "Denk doch an dein hohes Alter," mahnte ums Jahr 165 der römische Prokonsul im Stadion von Smyrna den (fast 90jährigen) Bischof Polykarp, "geh in dich! Rufe: Nieder mit den Atheisten!" Der Bischof sagte "Nieder mit den Atheisten!" indem er seufzend mit der Hand auf die tobende Volksmenge wies. Die schrie: "Das ist der Verächter unserer Götter." Der Heilige wurde lebendig verbrannt. Wer war gottlos? Polykarp wusste, dass er recht hatte.

Was er nicht wissen konnte, ist die Wahrheit der anderen. Was ist denn später, als des Bischofs Glaubensgenossen die Macht ergriffen hatten, in den Gemütern vieler Beherrschter aus der holden Göttin Aphrodite und dem göttlichen daimonion des Sokrates geworden, aus der Urkraft Sexualität und dem Freiheitslicht des Einzelnen? Bis heute stehen beide an der Vatikanbörse leider niedrig. Haben hinsichtlich der klerikal-inquisitorisch eingeschnürten Jahrhunderte jene Heiden im Zirkus von Smyrna nicht etwas Wahres geahnt? Eben dafür starb Giordano Bruno im Jahr 1600 auf dem Blumenmarkt zu Rom.

Immer noch hallt in der Christenheit unbeantwortet die Frage nach, die Václav Havel im Oktober 1989 in seiner Friedenspreisrede gefragt hat: "Wie war eigentlich das Wort Christi? War es der Anfang der Geschichte der Erlösung und einer der machtvollsten kulturschaffenden Impulse in der Weltgeschichte - oder war es der geistige Urkeim der Kreuzzüge, Inquisitionen, der Ausrottung der amerikanischen Kulturen und schließlich der gesamten widersprüchlichen Expansion der weißen Rasse, die so viele Tragödien verursacht hat, einschließlich der, dass heute der größte Teil der menschlichen Welt in die traurige Kategorie einer angeblich erst Dritten Welt fällt?" [Václav Havel, Am Anfang war das Wort, Reinbek 1990,215]

II. Die un-endliche Wurzel der Widersprüche

Am Ursprung der scholastischen Theologie steht Abaelards (1079-1142) Schrift Sic et Non ("Ja und Nein"). In Bibel und Kirchenvätern gesammelte Widersprüche will er durch Interpretation lösen: "Indem wir nämlich zweifeln, gelangen wir zur Untersuchung und durch diese erfassen wir die Wahrheit" (Prolog). Auf dem Gipfel der Methode bietet Thomas von Aquin (1225-1274) dem wissen Wollenden die "Summe der Theologie": Hunderte von Fragen beginnen mit x Gründen für "scheinbar ist es nicht so", um dann zu klären, wie es ist und x-fach zu begründen, warum es doch so ist. Wer solches durchstudiert hat (wir römischen Studenten zum Teil noch in den Fünfzigern), kennt sich aus. Mindestens meint er das. Leider hat das ausgeklügelte System die Widersprüche aber nicht "radikal" geklärt. Denn deren "Wurzel" wird vom Verstand nicht erreicht, bezieht ihre Kraft aus un-endlicher Tiefe, wo die Spannung von "Vater" und "Sohn" im "Heiligen Geist" zwar versöhnt aber nicht entspannt ist. An einer ihrer göttlichen Polaritäten hat jede geistige Spannung teil, die Jahrhunderte hindurch in stets neuen Formen die Gemüter entzweit. Deshalb konnte weder das grandiose Projekt der Scholastik auf die Dauer gelingen - noch, später, irgend eine alles erklärende Dialektik.

III. Friedenstifter machen Rechthaber aggressiv

Die neueste Weltreligion der Bahais erkennt alle Offenbarungen Gottes für Juden, Buddhisten, Christen und Muslime als gültig an. Erschütternd die Berichte über die aktuelle grausame Verfolgung der Bahais im Iran. Gott gebe den Verfolgten Kraft und Hoffnung und taue die Herzen der Verfolger auf! Warum muss, wer gegen niemanden ist, Hass erregen? Ich erinnere mich an einen Kongress 1997. Als ich einem gut konservativ-katholischen Referenten klar zu machen suchte, warum er und sein Gegner beide recht hätten (sie hatten heftig gestritten), schaute er mich wehmütig an und sagte: "I feel ground" (von: to grind = zermahlen, zB Kaffee).

Unterscheiden wir zwischen objektiver und existentieller Wahrheit. Beide kann man glauben, aber nur bei der objektiven Richtigkeit gilt das Widerspruchsprinzip. Wollte wer leugnen, dass in Australien Känguruhs umherhüpfen, befände er sich eindeutig im Irrtum. Deuten Menschen ihre Glaubenswahrheiten aber gleichfalls nach diesem Muster, enden sie entweder im Fundamentalismus oder im Unglauben. Bei Existenzwahrheiten gilt das Widerspruchsprinzip nicht, weil in gegensätzlichen Aussagen die Wörter nur scheinbar, tatsächlich aber nicht exakt dasselbe bedeuten. Betet z.B. ein Glaubender zu Gott, meint er den Grund des Seins; leugnet ein Atheist "Gott", meint er ein Seiendes über allen anderen, ein solches gibt es aber so wenig, wie in der Oper Aida eine Figur namens Verdi auftritt.

Solcher Begriffs-Hagel zerreibt jedes wissen wollende Herz. Demütige halten ein zerriebenes Herz aus (Ps. 51,19), Hochmütige nicht. An die Spitze von Organisationen (auch religiösen) gelangen aber leichter Hochmütige als Demütige. Werden die Bahais diesen Mechanismus besiegen? Oder stoßen auch bei ihnen Friedfertige auf Gewalt?

B) Eine christliche Lösung

"Unser Glaube hat die Welt besiegt", von Anfang an bekennen wir Christen das, und mit Recht. Nicht aber, weil im Hinblick auf das Stehen in der Wahrheit unser Drittes Volk fromme Juden wie heidnische Humanisten abgelöst hätte. Deren Wahrheiten gelten vielmehr weiter und helfen selbstkritischen Christen, die sich in der Kirche gegen Götzendienst und Unmenschlichkeit einsetzen. Denn nicht fremden Glauben sondern die Welt besiegt unser Glaube.

Erst recht folgt aus dem Sieg des Glaubens nicht, dem Dritten Volk stehe die Weltherrschaft zu. Diese Meinung mancher Christen nach Konstantin war eine Illusion; gegen sie fragte im Mittelalter ein englischer Bischof, ob der Papst wirklich des Petrus Nachfolger sei, nicht eher des Nero? Hatte Rom das Christentum etwa nicht angenommen sondern übernommen? Ebenso wenig gibt der Sieg des Glaubens dem Anspruch der Scholastiker recht, allein wir Christen verstünden das Ganze. Auch das war - oder ist - Illusion. Denn nicht von der Welt in uns wird die übrige Welt besiegt, sondern die Welt von unserem Glauben.

Was heißt unser Satz aber dann? Von den vielen Weisen, wie Christen ihn gläubig verstanden haben, stammt eine der eindringlichsten von einem berühmten Mathematiker. Im Jahr 1655 zeigte Pascal mit unwiderleglicher Logik jedem, der sich auf seine Frage einlässt (die meisten weichen ihr locker aus), dass allein das Evangelium den inneren Widerspruch des weltlichen Denkens überwindet. Ich gestehe: Seit ich diesem packenden Gedanken begegnet bin, kann ich wieder unbefangen christlich missionieren. Nicht um andere zu unsrem Klüngel herüber zu zerren, aber damit sie unsere rettende Wahrheit vernehmen und dann - wie Gott will, auf ihre oder unsere Weise - an sie glauben.

Ohne die Wahrheit des Evangeliums hängen wir entweder in einer von zwei Einseitigkeiten fest oder reiben uns zwischen ihnen auf. Die eine Position ist das Bewusstsein des menschlichen Elends, die andere behauptet unsere Größe. Beide haben sich seit Pascal noch radikalisiert:

     a) Auf der einen Seite stellt ein Zeitgeist die äußerste Armseligkeit des Menschen fest. Was sind wir? Auch nur eine Tier-Art. Im Darwin-Jahr wird das weniger bestritten als je. Treibt man den Reduktionismus logisch weiter, ist jeder von uns nichts als ein kurzfristiges Gewimmel von Elementarteilchen, bald trennen die sich wieder und tun sich zu neuen Sinnlosigkeiten zusammen. "Jenseits von Freiheit und Würde", heißt ein programmatisches Buch des angeblich bedeutendsten "Psychologen" des 20. Jahrhunderts. Kann jemand sich erbärmlicher vorkommen, als wenn er diese sog. Wissenschaft als einzige Selbstbeschreibung gelten lässt? Für solches Denken ist "Menschenwürde" kein gültiger Begriff. Als Stimmung, schätze ich, kennen wir es alle. Wenn einen das Chaos überfällt und man sich irgendwo verkriechen will. Ärzte sagen: Depression, und erklären sie zur schlimmen Epidemie.

     b) Auch die gegenteilige Stimmung ist uns vertraut: der Stolz eines freien Selbst, das niemandem unterworfen sein will. Seit wir als Kinder mit dem Fuß aufstampften und "ich will nicht!" brüllten, kennen wir die tiefe Lust auf Selbständigkeit. Gegen jede Zumutung irgend eines Chefs spreizt unser Herz seine Stacheln. Nietzsche ruft aus: "Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein!" Und der russische Anarchist Bakunin stellt fest: "Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: folglich existiert Gott nicht."

Seltsame Situation: Äußerster Kleinmut auf der einen Seite, riesigster Hochmut auf der anderen. Die Vernunft allein findet da nicht heraus. Nüchtern stellt Pascal fest: "Da nun der eine die Wahrheit hat, wo der andere im Irrtum ist, hat es den Anschein, als könnte man durch ihre Vereinigung eine vollkommene Moral schaffen. Aber statt solchen Friedens würde ihre Vereinigung nur den Streit und eine allgemeine Zerstörung zur Folge haben; denn da der eine die Gewissheit aufstellt, der andere den Zweifel, der eine die Größe des Menschen, der andere seine Schwäche, zerstören beide ebenso sehr die Wahrheit, wie der eine den Irrtum des anderen zerstört. So können sie wegen ihrer Mängel nicht für sich allein bestehen, noch wegen ihrer Widersprüche sich vereinen, und so zerbrechen sie und werden zunichte, | um der Wahrheit des Evangeliums Platz zu machen. So bringt eine ganz göttliche Kunst die Widersprüche in Einklang, und indem sie alles in sich vereint, was wahr ist, und alles fortjagt, was falsch ist, bildet sie daraus eine wahrhaft himmlische Weisheit, in der jene Widersprüche, die in den menschlichen Lehren unvereinbar waren, miteinander in Einklang kommen. ... Denn sie ist der Mittelpunkt aller Wahrheiten; das wird hier vollkommen klar, da sie alle Wahrheiten, die sich in jenen Anschauungen finden, ganz sichtbar in sich enthält. Auch sehe ich nicht, wie die beiden sich weigern könnten, ihr zu folgen. Denn wenn sie erfüllt sind von dem Gedanken an die Größe des Menschen, können sie sich dann unter dieser Größe etwas vorstellen, das nicht zurückbliebe hinter den Verheißungen des Evangeliums, die nichts anderes sind als der würdige Preis für den Tod eines Gottes? Und wenn es ihnen Freude macht, die Schwäche der Natur zu sehen, dann bleibt ihre Vorstellung von dieser Schwäche ebenso weit zurück hinter der wahren Schwäche der Sünde, deren Heilmittel der gleiche Tod gewesen ist. So finden alle mehr darin, als sie begehrt haben; und was wunderbar ist: darin begegnen sie einander - sie, die sich auf einer unendlich niedrigeren Stufe nicht verbünden konnten."

Wie besiegt unser Glaube die Welt? Indem er uns in Jesu Spannung von Kreuz und Ostern hinein reißt, erst als vernommene und liturgisch mit begangene, tiefer und tiefer dann als selbst erlebte, für zuletzt als total erwartete und unsere Lebenszeit schließlich vollendende. MARANATHA !


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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