Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Christus heißt: Gott in Maria

Gedanken zum Fest der Gottesmutter Maria am 1. Januar


Am Anfang des Neuen Jahres feiert die Kirche das Fest der Gottesmutter Maria. Von Kindheit an mit diesem Ausdruck vertraut, macht ein Christ sich selten klar, wie ungeheuer unser Glaube ist: Gott, der ewige, anfanglose Anfang von Allem hat eine Mutter! Als diese Lehre im Jahr 431 feierlich bekräftigt wurde, war – man merkt es den Akten noch heute an – den Konzilsvätern in Ephesus das Ungeheuerliche durchaus bewusst: "Sie haben sich getraut, Gottesgebärerin die heilige Jungfrau zu nennen."

Da hatte die christliche Erkenntnis seit den Anfängen schon einen großen Schritt getan. "Geworden aus einer Frau," schreibt Paulus in der heutigen Lesung (Gal 4,4). Kannte er ihren Namen? Wichtig war er ihm nicht. Vier Jahrhunderte darauf wird Maria als Gottesmutter verehrt, später werden ihr zu Ehren überall in der Christenheit herrliche Kirchen gebaut. 1854 wird ihre Unbefleckte Empfängnis, 1950 ihre leibliche Aufnahme in den Himmel katholische Glaubenslehre, in Lourdes und Fatima trägt sich Erstaunliches zu. Im 14. Jahrhundert nannte der katholische Dichter Petrarca [in der letzten Ode] sie gar "du unsere Göttin, wenn's zu sagen erlaubt und passend ist." Das fanden die Protestanten dann sehr unpassend. »Das Evangelium kann nicht schön werden, die schöne Maria werde denn häßlich,« schrieb Martin Luther 1523 wider eine ausgeartete Wallfahrt an den Rat zu Regensburg.

Bis heute denken wir Christen auch über Maria unterschiedlich, sogar Päpste. Das ist nicht schlimm sondern zu erwarten. Um so näher eine Person Gottes unbegreiflichem Geheimnis steht, desto weniger kann ein Verstand sie begreifen – und wer stünde Gott näher als jene unvergleichlich Begnadete, die seinen winzigen Leib neun Monate lang in sich heranreifen ließ! Deshalb richten die folgenden Gedanken sich nicht gegen Protestanten noch solche Katholiken, denen eine gewisse Marienfrömmigkeit übertrieben vorkommt. (Ist denn, im Orchester, die Bratsche gegen das Horn?) Ich erinnere nur das Gespräch der Christen an den Glauben eines Mannes, dem ich vor über einem halben Jahrhundert begegnen durfte und neben manchem anderen auch eine beglückende Ahnung des Lichtes verdanke, das vom "Mariengeheimnis" her die Herzen künftiger Christen erleuchten wird.

Bis 1961 war Pater Wilhelm Klein SJ (1889-1996) Spiritual, geistlicher Ratgeber im Germanikum, dem deutsch-ungarischen Priesterseminar in Rom. Obwohl er nie eine Zeile veröffentlicht hat, soll Karl Rahner ihn einmal den bedeutendsten lebenden katholischen Theologen genannt haben. "Meine Bücher seid ihr", sagte er zu uns. Später wurde vieles, was er notiert oder jemand mitgeschrieben hatte, trotzdem gedruckt und ist heute auf einer CD les- und bestellbar.

Christus war für ihn "Gott in Maria". Warum? In einem Brief an den drei Jahre älteren reformierten Kirchenlehrer Karl Barth (eine Antwort ist nicht bekannt) begründet Klein seinen Glauben: "Unser Erlöser und Herr ist nicht zwei - ein Schaffender und ein Geschaffener - sondern der eine Herr, wie unser Credo sagt. Er ist die eine ewige Schöpferperson des Wortes des Vaters. Wenn sein geschaffenes Wesen nicht bloß eine vorgestellte Illusion, sondern Wirklichkeit sein soll, so nehmen wir nach der Schrift doch recht einen geschaffenen Träger dafür an. Dieser geschaffene Träger des geschaffenen Wesens unsres Erlösers ist nicht Gott selber, nicht Christus. Denn er ist der Schöpfer und nicht Geschöpf."

Deshalb brauche es "jene geschaffene Vermittlung", die auch "im wissenschaftlichen Suchen der [damals aktuellen] Philosophie" angezielt werde: "Wenn anders die etwa von Heidegger (aber ihm nicht allein) gelästerte Seinsvergessenheit (bei Jaspers sind andere Ausdrücke dafür) keine bloße Einbildung ist, sehen wir darin einen philosophischen Vor-Weg für das, was im Selbstverständnis christlichen Glaubens Marienvergessenheit ist, durch die unser Ausdruck der alles umfassenden und allein entscheidenden Christuswahrheit gehemmt wird."

Damit Christus nicht bloße Illusion sei, muss Maria mehr sein als nur ein weiteres Seiendes neben den unfassbar vielen anderen Seienden in der Welt des Nichtigen, so verstehe ich Pater Klein. Gäbe es bloß die Seienden, nicht wahrhaft wirklich das in allen wirkende eine Sein, dann hätte nicht der Glauben an des wirklichen Gottes echte Liebe zu uns recht (denn dem göttlich Liebenden würde die Partnerin fehlen), sondern die – offene oder maskierte – Verzweiflung an unserer totalen Sinnlosigkeit. Nur weil die erlöste Schöpfung in Maria persönliche Wirklichkeit ist ("einzig ist meine Taube", preist ihr Freund sie im Hohen Lied [6,9]), die in der Gottheit ebenso gleichrangig mit ihm ist wie in der Zeit beim innigen Spüren des Zappelns ihrer Leibesfrucht – nur weil ihr uns allesamt bergender Schutzmantel symbolisch unser Enthaltensein in ihrer (geschaffenen aber nicht vereinzelten sondern allgemeinen) Person bedeutet, können wir wirklich erlöst sein. Ohne die wirkliche Maria aus wirklich vergottetem Fleisch und Blut hätte die Christenheit Feuerbachs kalter Vermutung nichts entgegenzusetzen, der Mensch habe Gott nach seinem Bilde geschaffen.

Ich glaube: Maria verdankt Christus ihre Vergottung, Christus verdankt seiner Mutter die Du-Beziehung zum Vater. Hätte Gottes LOGOS nicht aus der reinen Schöpfung seine endliche Natur samt deren Nicht-Gott-Sein, so wäre er zwar von Ewigkeit zu Ewigkeit Gottes vollkommenes Selbst-Wort "ICH" im und zum Heiligen Eins-Geist ICH!, nicht aber das echte Du von Anbetung, Gehorsam und Liebe. Denn solche erfordert den Gegensatz von Ich und Du. Nur weil Christus aus Maria ihr Nicht-Gott-Sein annimmt, gibt es in Gott die Dreieinigkeit ICH-DU-WIR. Weil Christus ohne seine Menschwerdung in Maria zwar Gottes Selbstaussage aber nicht Gottes Sohn wäre, deshalb preisen wir sie wahrhaft als Mutter Gottes; weil das Geschaffene ohne Gott in Maria = Christus nur eine Unsumme ungöttlich belangloser Dinge wäre, nicht Gottes Partnerin, deshalb beten wir Christus als einzigen Heiland an.

Zum Glück wird der Christenheit, sich in dieses unseren Eulenaugen allzu helle Licht einzuleben, nicht nur das eine heute beginnende Jahr geschenkt sondern alle ihm folgenden. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns Sünder, (immer je) jetzt und (wenn alle Jetzt-Momente sich zum einen JETZT sammeln) in der Stunde unseres Todes. Amen.


Kurz vor der Weihnachtsfeier einer anhebenden Großfamilie (in Gegenwart dreier ungeborener Enkelchen - eins wird wohl katholisch, eins evangelisch, eins Bahai ...) hat sich 2011 Lustiges begeben und zu einem erwägenswerten Kirchen-Gleichnis geführt.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-gottesmutter.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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