Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Will Gott Opfer?

Gedanken zum zweiten Fastensonntag

"Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken" (Röm 8,31) ?

Gott ist reines Licht und keine Finsternis in ihm. Er ist das Licht aber nicht nur in sich und zu meinen Gunsten sondern auch in der Tiefe und zu Gunsten jedes meiner Mitmenschen. Sofern ein solcher in Gottes Licht steht, kann die Situation es ergeben - denn die Welt ist endlich - daß er mir im Licht steht, so daß auf mich nicht Licht sondern Schatten fällt, und zwar nach Gottes Willen, weil meines Nächsten beleuchtete Seite für ihn wichtiger ist als für mich die meine. Es bleibt wahr, daß Gott nur Licht ist, doch kann sein Licht für andere mir als seine Finsternis erscheinen müssen. Dann fordert Gott mit Recht, daß ich mein Licht aufopfere. Nicht weil er ein Gott der Gewalt wäre, der Opfer wünscht, sondern weil er selbst LIEBE ist und mich als Liebenden will, der in dieser Situation auf sein eigenes Wohl verzichtet, weil es des Mitmenschen Unglück mit sich brächte.

In diesem Sinn bedarf der wunderbar klärende Trompetenstoß von Eugen Biser [Bindet ihn los! Zur Frage nach dem Sinn des Todes Jesu, in: Lebendiges Zeugnis 51 (1996) 54-66] doch der Ergänzung durch die Weisheit von Carl Gustav Jung, der mir dringend rät, meinen Schatten anzunehmen. Das gilt, im dargelegten Sinn, sogar für Gott in uns! Zu Recht schreibt Biser (61 f.) über Jesu "Eingriff in das traditionelle Gottesbild der Menschheit, der ihn zum größten Revolutionär der Religionsgeschichte werden ließ. Im Zug dieser wahrhaft 'sanften' Revolution beseitigte er den Schatten des Grauen- und Schreckenerregenden aus dem Bild des gleicherweise 'grausamen und gütigen' Gottes, von dem noch Martin Buber am Schluß seiner 'Reden über das Judentum' gesprochen hatte, um darin statt dessen das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters zum Vorschein zu bringen. Deshalb tilgt er den 'Tag der Rache' ersatzlos aus der jesajanischen Verheißung (61,2), die er in sich selbst erfüllt sieht (Lk 4,19), und deshalb fordert er Feindesliebe, indem er auf den Gott verweist, dessen Güte sogar die 'Undankbaren und Bösen' umfängt (Lk 6,35)."

Ja: Sofern Gottes Schatten angeblich sein eigener ist, hat Jesus ihn für immer beseitigt. Sofern Gottes Schatten auf mir aber nichts als die Wirkung des göttlichen Lichtes auf meinem Mitmenschen ist, soll ich den Gottes-Schatten nicht verdrängen noch bekämpfen sondern habe ihn, will ich nicht aus der Liebe fallen, opferbereit anzunehmen. Ohne diese bittere Gegenwahrheit würde der Gott reiner Liebe zum Kuschelgott banalisiert, der ist derzeit zwar in, aber weder wahrer noch heilsamer als der Vampirgott der blutrünstigen Religionsgeschichte.

Warum "mußte" (wie der Auferstandene den Emmaus-Jüngern erklären wird) Gottes Schatten so vernichtend über Jesus herfallen, warum forderte nicht ein archaischer Blutgötze sondern der liebende Vater der evangelischen Gleichnisse den blutigen Tod seines Sohnes? Die christliche Antwort enthüllt sich, sobald wir dieselbe Frage anders stellen.

Was hätte Jesus tun können, als er wegen seiner revolutionären, die religiösen Autoritäten herausfordernden Botschaft allmählich in die Fänge der Tempelbehörden geriet? Er konnte klein beigeben: War nicht so gemeint, ist schon gut. Hätte Maria sich gefreut, wenn er an die Hobelbank zurückgekehrt wäre? - Oder Jesus hätte sich so, wie Judas es vermutlich gewünscht hatte, mit an die Spitze eines Aufstandes stellen können und wäre nicht fast allein sondern zusammen mit vielen Kämpfern zuletzt den Römern erlegen. Beide Entscheidungen hätten Jesus zu einer kleinen Figur der jüdischen Geschichte gemacht, wir aus den Völkern hätten von ihm nie gehört.

Der Vater hat es anders gewollt. "Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?" Niemand weiß, ob er das ratlos gerufen oder den ganzen Psalm 22 gemeint hat einschließlich seines versöhnlichen Schlusses. An Ostern hat der Vater die Frage beantwortet: Dazu, daß deine Botschaft sich vor den Augen der ganzen Welt als gültig erweisen kann. ICH bin, wie du mich zeigst. Nicht Blutgötze, nicht Kuschelgott, sondern die alles schenkende und - deshalb und danach, damit der Gnadenstrom weiterfließt - alles fordernde Liebe. Damit alle Menschen meine total vergebende Güte glauben können, von der du in so vielen Gleichnissen gesprochen hast, durfte deine Botschaft weder durch deinen Rückzug noch durch dein Ausweichen in Gewalt verblassen, deshalb mußte - so wie die Welt ist - zum Vollzug der Sündenvergebung dein Blut vergossen werden. Denn die ist so lange nicht vollzogen, wie sie zwar vom Vergebenden gewährt, beim Sünder aber noch nicht angekommen ist; aller Welt bewußt werden kann sie aber nur, indem das herrschende grausame Gottesbild vom wahren abgelöst wird, das du in meinem Auftrag verkündet hast, im Leben und bis in den Tod, billiger war dieses Werk nicht zu tun.

"Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht." Wer das in der Johannespassion gesungen oder auch nur wirklich gehört hat, begreift erschrocken: Wie die Dinge lagen, gab es für Jesus keinen Ausweg. Nur Gottes Sohn kann Gottes abgründige Zweideutigkeit in reines Licht wandeln. Hätte er - so oder so - von diesem Anspruch gelassen, wäre Jesus nicht nur zeitlich und scheinbar gescheitert sondern ganz und gar. Einen Neuen und Ewigen Bund hätte es nicht gegeben, die Angst vor dem Zorn des Himmels hätte unbesiegbar weiter geherrscht.

Die von den Kirchen ehedem geschürte Höllenangst war schlimmes Unrecht, hoffentlich gleicht diese Krise aber dem Anstieg des Fiebers vor der Genesung. Im Prinzip kennt das christlich gläubige Herz keine letzte Angst. Am griffigsten hat das vor dreihundert Jahren ein aufgeklärter Engländer gesagt: Warum sich fürchten? Gott ist entweder gut oder es gibt ihn nicht!


Zum Weiterdenken:

Mir im Licht steht: Dein Tod ist mein Leben heißt ein Gesetz der Welt, Goethe bringt es in einem Divan-Gedicht auf den Punkt.

"Keinen Reimer wird man finden
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler, der nicht lieber
Eigne Melodien spielte.

Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben
Müssen wir uns selbst entadeln,
Lebt man denn, wenn andre leben?

...

Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten."

Jan Philipp Reemtsma kommentiert, man solle das nicht als moralisierende Mahnung zu Toleranz und gegen Selbstüberschätzung verstehen, "obwohl es ganz nett wäre, es so zu lesen. Es stimmt nur nicht. Es ist das Hohelied der Rivalität, man könnte auch sagen: der Konkurrenz ... Woher den Tadel nehmen, wenn wir nicht über schlechte Angewohnheiten, sondern über die Beschaffenheit der Welt reden? Wenn wir - letzte Strophe - erkennen sollten, daß die Mahner zur Bescheidenheit Trickbetrüger sind? ... Wichtig ist, daß Goethe mit der eigenen Profession beginnt und ihr zuschreibt, daß sie - und nicht nur die Fiedler und Reimer, sondern alle, nämlich von oben bis hinunter zu ihnen - hier ihr Lebenselement haben. 'Und ich konnte sie nicht tadeln'. Das darf man nicht ironisch, das muß man sachlich sprechen: Ich konnte sie nicht tadeln, Punkt. Aber dann kommt es: 'Lebt man denn, wenn andre leben?' Das ist eine ungeheuerliche Zeile. Man möchte fragen, ob es sein Ernst sei - die Antwort heißt ja, und das ist ernst genug. Da ist die mörderische Grundierung der sozial gebändigten Rivalitäten benannt. So spricht keiner, der nicht aus eigenem Empfinden weiß, was er sagt. - Doch spricht auch einer, der ein solches Gedicht gemacht hat." [F.A.Z. v.08.03.2003, S.36]
Als Herbert Rosendorfer den Finanzamtssachbearbeiter Anton L. als einzigen Menschen übrig ließ, so daß er sogar Papst war, erschrak ich über dieselbe irre Faszination.

Wozu hast du mich verlassen? Der jüdische Theologe Pinchas Lapide erklärt, daß dies die wörtliche Übersetzung des Psalmbeginns ist. Nicht kausal zur Vergangenheit zurück sondern final in die Zukunft richtet der Beter sich aus, fragt nicht warum? nach einer Ursache sondern wozu? nach dem Sinn und Ziel der ihm gewissen guten Absicht seines Gottes.

Engländer: Anthony Earl of Shaftesbury.

Eine ausführlichere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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