Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Das Zeichen des Regenbogens

Gedanken zum ersten Fastensonntag


"Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde."

Seit es Menschen gibt, staunen sie über die Erscheinung des Regenbogens. Wenn bei tiefstehender Sonne ihre Strahlen, vielfach gebrochen, von Regentropfen zurückgespiegelt werden und wie durch Zauber der bunte Bogen da steht, dann ruft, wer ihn zuerst sieht, begeistert den anderen zu: Schaut, ein Regenbogen! Und alle blicken auf das Naturschauspiel. Es ist hier überhaupt kein Unterschied zwischen uns heutigen Menschen und unseren Vorfahren vor zehntausend oder hunderttausend Jahren. Sollte auch der moderne Mensch, weil Physiker, genau verstehen, warum und wie es zu dem strahlenden Halbkreis kommt, während sein Ahne auf der Savanne von dieser Ursachenkette nicht das Geringste wußte, sogar dann ist der unmittelbare Eindruck bei beiden derselbe: wie schön!

Ob die Erscheinung etwas bedeutet? Diese Frage kommt nicht allen Beobachtern in den Sinn. Einem Wissenschaftler, der z.B. auch weiß, daß der Mittelpunkt des Kreises exakt in der Verlängerung der Linie zwischen Sonne und Auge liegt, mag alles so klar scheinen, daß er nicht weiter fragt. Umgekehrt ebenso ergeht es einer gläubigen Jüdin, die unsere Lesung von Kindheit an kennt und bei jedem Regenbogen die alten Segensworte betet: "Gepriesen bist Du, Herr unser Gott, König des Universums, weil Du des Bundes gedenkst, ihm die Treue hältst und zu Deinem Wort stehst." Sie weiß zwar nicht, wie der Regenbogen zustande kommt, wohl aber, warum, und was er bedeutet: "Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen".

Vor urlanger Zeit hat ein Mensch zum ersten Mal dieses Wort des lebendigen Gottes gehört, wahrscheinlich Jahrtausende vor der Niederschrift der hebräischen Worte. So lange schon ist das Gehirn unserer Vorfahren dem unseren gleich, und ein derart packendes Symbol ist der farbige Bogen, daß ich mir die Frage nach seinem Sinn nur als ungeheuer alt vorstellen kann. Ein Gewölbe aus Licht, das sowohl Himmel und Erde verbindet als auch so viele verschiedene Farben einträchtig zusammen leuchten läßt, was kann er bedeuten? Eben das, was er zeigt: den Bund von Himmel und Erde, und den Frieden zwischen gegensätzlichen Denk- und Fühlfarben wie im Himmel so auf Erden. Wer das als erster vernahm und seinen Stammesgenossen erklärte, hatte tatsächlich eine göttliche Offenbarung empfangen, auch wenn der biblische Bericht von ihr erst nach der Sintflut erzählt.

Für unseren Glauben wichtig ist ja nicht, wann und wie zerstörerisch jene Große Flut war, von der die Sagen vieler Völker wissen, auch in Alt-Amerika. Wichtig ist, was die Bibel Gott zu Noach und seinen Söhnen sagen läßt: "Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen." Das heißt: Alle jetzt lebenden Menschen sind Gottes Bundespartner. Alle, nicht bloß irgendwelche eigens Erwählten. Auserwählungen gibt es, Israel ist aus den Völkern herausgerufen, Jesus aus Israel, die Getauften aus der Menge der anderen, Heilige wie Franziskus und Teresa aus der Menge der Getauften. Spätere Berufungen heben den Ältesten Bund mit der Menschheit als ganzer aber nicht auf, fügen ihm nur den einen oder anderen Akzent hinzu, nicht bei den großen Heiligen allein sondern auch bei uns kleinen. Ein solcher zeichnet die mit ihm Begabten aus, nicht gegen die übrigen aber sondern ihnen zum Zeichen der gemeinsamen Würde. An der Besonderheit einzelner sollen alle ablesen können, was - minder ausdrücklich aber in Wahrheit - auch ihr Stand ist.

Daraus folgt eine entscheidende Einsicht. Sie täglich einzuüben ist der beste Vorsatz für diese Fastenzeit. Sie werden in diesen Wochen nie einer Frau oder einem Mann oder einem Kind begegnen, mit dem nicht der Allerhöchste einen Freundschaftsbund geschlossen hätte. Solches ist gut zu wissen, das kann Ihnen bestätigen, wer als Mitarbeiter einer Behörde oder Großfirma von einem Kollegen den Tip erhält: Passen Sie bei Ihrer nächsten Besucherin extra gut auf, ich weiß zufällig, daß sie eine Nachbarin unseres Präsidenten ist. Eben die freundliche Wachheit, die daraufhin in dem so Aufgeklärten entstehen wird, sei unser Grundgefühl bei jeglicher Begegnung. Jesu Satz, Hauptquelle der heute gültigen Überzeugung von den Menschenrechten: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan" - er ist eine christliche Aktualisierung des Alten Bundes zwischen dem Herrn der Welt und jedem Menschen.

Eine ausführlichere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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