Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Neue Erscheinung des Herrn

Überraschende Deutung des alten Hochfestes


»Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt ... den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium« (Eph 3,3-6).

Früher war es den Menschen unbekannt, jetzt aber ist es uns offenbart worden. Das war der Posaunenstoß einer rettenden Sensation. Wer sie hörte, gab sie begeistert weiter, nicht wenige mit dem eigenen Blut, manche sangen noch in der Arena. Kein Wunder, dass der Christenglaube so schnell hochloderte, wie eine Stichflamme ergriff er die müden Herzen der Antike.

Wenig Wunder auch, dass der Brand heute bloß mehr zu schwelen scheint. Eine Sensation, so lange schon Woche für Woche vermeldet doch nie erblickt, verliert an Kraft. Lässt die Botschaft sich auffrischen? Daran arbeiten viele in allen Gemeinden der Christenheit, nicht wenige auch heute mit Begeisterung und dem Einsatz ihres Blutes. Manche nehmen moderne Werbetricks zu Hilfe, setzen auf Spektakel. In einem anderen Brief sagt Paulus dazu das Nötige: »Was soll's? Wenn nur auf alle Weisen, vorgeblich oder wahrhaft, Christus verkündigt wird – darüber freue ich mich« (Phil 1,18). Diese zunächst erstaunliche Einstellung war doch vernünftig. Denn wer bestimmt, wie die Botschaft ankommt? Nicht die Motivmischung beim Sender, vielmehr die Offenheit der Empfänger und der Wille des lebendigen Christus, er ist ja nicht nur Thema sondern personhafter Quellgrund einer christlichen Botschaft.

Am Fest der »Erscheinung des Herrn vor der Völkerwelt« sei die alte Sensationsmeldung anders aktualisiert, nicht durch menschliche Maßnahmen, sondern dank neuer göttlicher Tat. Bestürzt und beglückt zugleich merken immer mehr gläubige Christen: Es geht uns gerade jetzt ebenso wie damals der Urkirche. »Was früheren Generationen nicht bekannt war, wurde uns offenbart.« Sie zweifeln? Das ist verständlich.

Auch Israel zweifelt, bis heute, an der den Christen neu offenbarten Wahrheit, dass Gott nicht nur (wie die Juden seit Abraham glauben) hoch über und tief in den Berufenen ihr Herr sein will, sondern auch, erst sicht- dann glaubbar, mit bestimmtem Namen und Antlitz bei seinen Freunden überall. Bis heute und auf Erden immer kann Israel das nicht annehmen, sondern bleibt beim alten Glauben, hofft auf den Messias, kennt ihn aber nicht als schon Gekommenen. Und anders als frühere christliche Generationen ist die heutige (von wenigen Traditionalisten abgesehen) im Glauben gewiss: Obwohl Israel die Neue Offenbarung ablehnt, fällt es nicht aus Gottes Gnade heraus, sondern lebt – ohne Glauben an Christus – gültig in Jesu und Mariens jüdischem Glauben weiter.

Nein. Nicht ohne Glauben an Christus! Dank ihrer Hoffnung auf den Messias glauben auch die Juden an Christus, erkennen ihn nur nicht in Jesus. Wie es ihnen auch in den Jahrhunderten vor Jesus erging: »Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben«, heißt es (1,12) im selben Brief an die Epheser. Dessen Verfasser (Paulus oder jemand in seinem Geist) überliefert der Kirche eine hoch ausbalancierte Botschaft: Was wir als sensationelle Neuigkeit jetzt ausdrücklich verkünden, hat den Glauben des Gottesvolkes immer schon wirklich belebt, war nur nicht (was weiß ein Baby von seinem Ich?) ausdrücklich bewusst. Das ist es, durch neue Offenbarung, jetzt geworden. Gott sei Lob und Dank!

Exakt gleich geht es uns Christen der Konzilsgeneration. Nach der ersten Offenbarung des Vaters an Abraham und das Gottesvolk Israel, nach der zweiten Offenbarung des Sohnes an Abrahams Tochter Maria und das Gottesvolk Kirche aus Juden und Heiden, ereignet sich in unseren Jahrzehnten die dritte Offenbarung des Heiligen Geistes (Jesus sagte »ruach«, ein weibliches Wort!) an die in der Kirche und überall, deren Herz SIE, die zarte Freundlichkeit des Ganzen für jedes seiner Glieder, innerlich berührt und mit allen gleich fühlenden Herzen zum Neuen Gottesvolk verbindet, das noch keinen Namen hat (vielleicht, weil unorganisierbar, nie einen haben kann? Helder Camara sprach von »abrahamischen Minderheiten«).

Vor achthundert Jahren hat Abt Joachim von Fiore diese spirituelle Revolution prophezeit, sich bloß im Datum geirrt. 1260 geschah sie noch nicht; fünf Jahre zuvor hatte eine Kardinalskommission die Prophetie auch deshalb für irrgläubig erklärt, weil – wäre sie wahr – dann ja die (Amts-)Kirche des Buchstabens ebenso aufhören müsste, wie durch den zweiten Bund der erste wegfiel. Heute, nach und dank der Neuen Revolution des Heiligen Geistes, wissen die aktuell Glaubenden, warum die Logik jener Kardinäle hinkte, nämlich: Wie der erste Bund vom zweiten nicht abgetan sondern auf die Völker, die an Jesus glauben, erweitert wurde, so wird die Kirche des Wortes durch die spirituelle des Geistes nicht abgeschafft, sondern fängt endlich an, ihre eigene Botschaft nicht bloß zu plappern sondern zu verstehen. An Pfingsten glauben und feiern sogar Traditionalisten – was sollte uns am aktuell-intensiven Verständnis dessen hindern, was auch sie seit je schon singen: »DER GEIST DES HERRN ERFÜLLT DEN ERDKREIS«? Den Sinn aller Geschwister Jesu erfüllt der Heilige Geist, bekenne und denke eins was immer – solange es sein Herz nicht gegen die Liebe versperrt!

Im Erzbistum Cosenza (Kalabrien) müht man sich um Joachims Heiligsprechung; »selig« und als Person rechtgläubig nennt ihn Professor Ratzinger 1960 im Lexikon für Theologie und Kirche, als Kardinal in Rom sah er seinen Hauptgedanken kritischer. Jetzt, als allgemeiner Hirt, neu wohlwollend? Gab er in seiner Rede an die Kurie vor Weihnachten 2005 einen versteckten Hinweis [siehe den Nachtrag am Schluss], Joachim könnte recht behalten? Scheint Benedikts Freundlichkeit für die Traditionalisten ihm eine notwendige Entsprechung zur katholischen Rehabilitation des jüdischen Glaubens seit dem Konzil? Weil jede spätere Offenbarung die frühere eben nicht abtut sondern bereichert?

Mein Denkvorschlag im Brief an den Papst-Sekretär wurde freundlich registriert, eine Antwort hatte ich nicht erwartet. Wo jedes Wort von Parteien zerrissen wird, ist Schweigen das Klügste.

Wir aber, denen die kat-holische Offenbarung das Herz entzündet, uns darf von der Wir-Revolution auch der Mund übergehen und die Hand schreiben, nicht anders als den ersten Christen. Wie sie die Sensation meldeten, dass Gott als Mensch bei uns Menschen sein will, so jubeln wir allen die Neuigkeit zu, die unsere Väter nicht kannten: dass Gewissensfreiheit kein Wahn ist, das Judentum nicht geistlich tot, und viele Andersgläubige draußen, weil anders Gläubige, vom LICHT nicht ferner als viele drinnen, die seiner allzu weltlich gewiss sind.

Was trällerten die heiligen drei Könige auf dem Heimweg?

»Ist ein Stern dir eingefallen, arbeite ihn aus!
Weißt du, wie man wohnen könnte: wart nicht auf das Haus.
Auf! Kein fremder Schöpfer plant ja deine Taten.
Lass das Raten,
nimm dir Lehm und mach dich an die Wände deines Baus.«

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-erscheinung.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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