Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr B

Wer baut wem ein Haus?

Gedanken zum vierten Adventssonntag


»In jener Nacht erging das Wort des Herrn an Nathan: Geh zu meinem Knecht David, und sag zu ihm: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen ... und ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist ... Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben« (2 Sam 7,4-6;9.16).

Die erste Lesung führt uns zurück in die Zeit tausend Jahre vor Christus. König David will für Gott einen Tempel bauen, weil er sich schämt, besser zu wohnen als sein Herr. Dessen Antwort, durch den Propheten überbracht, klingt abweisend: Deinen Tempel brauch' ich nicht. Wir dürfen verstehen: Gott will nicht an etwas von Menschen Verfertigtes gebunden sein sondern Sich frei offenbaren, wo, wann, wie und wem ER will. Das ist das eine. Es beherzigen sollen alle Frommen, aktuell z.B. auch solche Christen, die zornig protestieren, weil in ihrer Nachbarschaft eine Moschee geplant wird. Wer sind wir, den unermesslichen Schöpfer des Alls in unsere – oft so leeren – Kirchen zu sperren?

Allerdings ging Gottes Antwort damals weiter. ER will, umgekehrt, dem David ein Haus bauen, das »ewig bestehen bleiben« soll. »Haus« ist hier im Sinn von z.B. »Haus Windsor« gemeint. Weil als Sohn Davids zu diesem Adelshaus auch Jesus gehört, deshalb hat die Kirche unseren Text für den letzten Adventssonntag gewählt. Für Christen ist mit Christus jene alte Verheißung an David erfüllt worden: Auf ewig hat sein Haus vor Gott Bestand.

Wer beide Teile von Gottes Antwort an David versteht und ihre innere Spannung im Sinn behält, verfügt über ein starkes ökumenisches Denkzeug.

a) David will für Gott ein Haus bauen, dessen Annahme wird vom Empfänger verweigert. Zwar unternimmt Davids Sohn und Nachfolger Salomon es, den ehrgeizigen Plan des Vaters doch durchzuführen; zwar bringen seine Leute tatsächlich und sogar (7,13) mit Gottes Einverständnis einen prachtvollen Tempel zustande, dennoch bleibt der – und jeder spätere Tempel – vom anfänglichen Nein Gottes von vornherein »fundamental« erschüttert. Längst ehe der Tempel einstürzt (ich schreibe dies am 9. November 2008, siebzig Jahre nach dem Brand der deutschen Synagogen), bebt das innere Fundament jedes von Menschenhand errichteten religiösen Gebäudes. Ein für alle Mal gilt des Propheten »Wort des Herrn: Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Denn nur wenn ihr euer Verhalten und euer Tun von Grund auf bessert, wenn ihr gerecht entscheidet im Rechtsstreit, wenn ihr die Fremden, die Waisen und Witwen nicht unterdrückt, unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt und nicht anderen Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort« (Jer 7,4-7).

b) Und doch ist es Gott selbst, der für David und seinen Samen ein unzerstörbares Haus baut. Gültiges Symbol dafür waren auch die vor siebzig Jahren verbrannten Synagogen, sind auch die nach dem schmählichen Ende der Brandstifter neu erstandenen. In der Nürnberger prangt der Schlußstein jener Synagoge, die man 1499 abriss. Ein Handwerker fügte ihn in seine Werkstatt ein. Für die 1874 neueröffnete Synagoge erwarben Nürnbergs Juden diesen Stein; als das Gebäude 1938 zerstört wurde, versteckten die Nazis ihn im Keller des Polizeipräsidiums. Heute ziert er die neue Synagoge.

Dieselbe Spannung schwingt durch Kathedralen und Kapellen überall in der Christenheit, sowie Moscheen und Bahai-Tempel; denn neben der Moses-David-Linie geht (Gen 17,20) vom Stammvater Abraham über dessen anderen Sohn Ismael auch eine andere Segenslinie aus.

Frage sich deshalb jedes glaubende Herz, sooft es in einem steinernen oder organisatorischen Tempel ratlos ist: Stammt der Anspruch dieses Gebäudes an mich jetzt aus menschlichem Machtwillen oder göttlicher Verheißung? Dann wird es nicht selten so sein wie bei Zweien unter dem goldstrahlenden Rundschreiben (Mt 16,18) der Peterskuppel. Während ein katholischerer Rompilger hinaufschaut, spürt er herzliche Freude. Der Kirche gehört er an, die damals von Christus selbst auf den Felsen Petrus gegründet worden ist. Mindestens in Europa und Amerika - vom japanischen Kaiserhaus weiß er zu wenig - ist sie die älteste, ehrwürdigste Institution. Eine seit fast zweitausend Jahren nie unterbrochene Reihe von Ereignissen verbindet ihn materiell-sinnlich mit Petrus: eine Hand schüttet Wasser über einen Kopf zu den Worten "ich taufe dich", Hände legen sich auf den Kopf des neugeweihten Priesters. So sind wir alle spürbar mit Christus dem Gott-Menschen verknüpft und glauben seinen Worten "ICH bin die Auferstehung und das Leben." Dem Petrus und seinen Nachfolgern hat ER damals die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, deshalb ruft unser Katholik hier, nahe dem Petrus-Grab, zum ersten Papst - der freilich keine Ahnung hatte, was aus seinem Amt einmal werden würde! - und bittet ihn um seine Fürsprache für die heutige Kirche: dass sie durch ihre schlimmen Krisen hindurch zu neu überzeugender Form finden möge, damit auch unsere Urenkel noch, oder wieder, mit Freude katholisch sein können - und vielleicht sogar die Nachkommen unserer evangelischen Freunde sich in der einen Kirche wieder wohl fühlen, zu der sich ja auch sie in jedem Gottesdienst bekennen, wenn ihre Kantorei im gemeinsamen Credo auf lateinisch singt "et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam."

Daneben steht eine Protestantin und liest in ihrer Bibel ein paar Zeilen weiter (Mt 16,23). Sie weiß, dieses kalt-prächtige Gotteshaus wurde seinerzeit auch mit Ablassgeld finanziert und so zu einem Anlass für Luthers Reformation. Im Religionsunterricht hat sie gelernt, dass Jesu Verheißung an Petrus, die von dort oben so herrisch in alle Augen springt, keineswegs einem Weltkonzern für gebührenpflichtige Gnadenvermittlung gilt, vielmehr dem Glauben jenes galiläischen Fischers und all seiner Nachfolger(innen), auf die derselbe Glaube nach Gottes Willen übergeht: nicht durch aktenkundige Vorgänge, aber durch lebendiges Zeugnis. Dank sei Gott, betet sie, dass ich evangelisch bin, und lass bitte auch meine katholischen Freunde endlich begreifen, dass ihr römisches Gepränge nicht in Jesu Sinn ist. "Satan!" hat er den Petrus damals geheißen, insofern hatte Luther schon recht, als er im Papst den Antichrist sah - wenn ich auch, denkt sie, zugeben will, dass der letzte Papst Gutes bewirkt hat: gegen den menschenverachtenden Kommunismus und für die Versöhnung von Christen und Juden; auch gegen den totalitär-unmenschlichen Kapitalismus trat er beherzt schon auf, als die Herren dieser Welt ihn noch für unangreifbar hielten.

Solche Gegensätze sind während der zeitlichen Phase von Gottes Reich normal. Am 5.Juni 1552 schrieb der Gründer der Jesuiten in einer Tagesfrage an seinen Freund Franz von Borja: "Es gibt da keinen Widerspruch, denn es kann sein, dass derselbe Geist Gottes mich aus den einen Gründen zu dem einen drängt und andere, aus anderen, zum Gegenteil." An sich und Luther hat Ignatius damals nicht gedacht, erst recht nicht an Jesus und Kaiphas oder Mohammed. Dürfen wir inzwischen so denken? Ich hoffe: Auch für den Widerspruch zwischen diesem Ja und diesem Nein gilt des erleuchteten Ignatius ökumenisches Prinzip.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-adv4.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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