Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr B

Für wahrhaft Wirkliches
kann ein Herz freudig danken

Gedanken zum dritten Adventssonntag


Was der heilige Paulus am Schluß des ersten Briefes, den wir von ihm haben, um das Jahre 50 an seine Gemeinde in Saloniki schreibt, diese Sätzlein klingen einfach, sie haben es aber in sich. Ratschläge sind auch Schläge, weiß ein Spottwort. Stellen wir jedem Rat des Apostels den Kommentar gegenüber, der einem fragenden Herzen dazu einfällt, so wird deutlich, wie wenig diese Worte sich von selbst verstehen, wie sehr auch in ihnen der ganze Christenglaube lebt.

"Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört." Für alles? Auch für fremdes Unglück? Das bestimmt nicht, Schadenfreude ist keine christliche Tugend. Ist deshalb aber nicht aller Dank höchst zweifelhaft, nämlich egoistisch, unsolidarisch? Es ist schon wahr: stets kann Unvorhersehbares einbrechen in meine ordentlichste Stunde. Ein Reifen kann platzen, ein blitzgescheites Kind nach einer Hirnhautentzündung schwachsinnig sein. Unser Leben wird von einem Punkt aus gesteuert, der mir unverfügbar bleibt. Wie kann ein Glied der informierten Gesellschaft aber der steuernden Instanz für das bloß eigene Wohl dankbar sein? Für unsere gesunden Kinder, wenn in der Nachbarschaft einige schwer behindert sind? Für unseren Festtisch, wenn ein paar Breitengrade südlich meine Geschwister sich vor Hunger krümmen? Für meine Lust auf dem Fahrrad, wenn nebenan in der Klinik anderen die Glieder abfaulen? Wäre solcher Dank nicht zynisch, lieblos, unchristlich? Hatte der anglikanische Bischof nicht recht, der nach dem Falkland-Sieg das von der Regierung gewünschte Te Deum verbot, im Gegensatz zu früheren Kirchenführern, die den Sieg der eigenen Waffen von Altar und Kanzel aus lauthals feiern ließen? Dürfen wir, angesichts des fremden Unglücks, Gott für eigenes Glück danken? Wenn aber nicht: Ist dann nicht jeglicher Dank verboten? Denn an fremdem Unglück fehlt es nie.

"Gaudete in Domino semper!" Mit diesem Jubelruf des heiligen Paulus (Phil 4,4) begann vor dem Konzil die heutige Liturgie. "Freut euch zu jeder Zeit!" Auch dann, wenn ich nach vierzig Jahren tröstlicher Gemeinschaft von einem Tag auf den andern allein dastehe, weil die Frau meines Lebens nicht mehr bei mir ist und ihre Stimme mich nie wieder begrüßt? Da soll ich mich freuen? Oder wenn eine Studentin zwar ihr Examen bestanden hat, ihr Freund aber ist durchgefallen? Sooft sie sich freuen will, macht der Gedanke an ihn ihr einen Strich durch die Rechnung. Ist dieser Rat des Paulus nicht arg naiv? "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitern Stunden nur" - derlei Optimismus führt nicht weit. Das sagt Paulus allerdings gerade nicht! Die unheiteren Stunden werden nicht ausgeblendet, auch sie gehören zu jeder Zeit. Warum und wie wir uns auch in ihnen freuen sollen: das ist die Frage.

*

Weil Freude und Dank aus derselben Wurzel wachsen, deshalb beruhen beide Einwände auf demselben Mißverständnis und erledigen sich durch dieselbe Antwort des Glaubens. Was ist dieses Mißverständnis, wie löst der Glaube es auf?

In Frage steht das Verständnis von gut und schlecht. Sobald jemand diese Beziehung als Polarität auffaßt, als eine Art Waage, wo auf der einen Seite das Gute, auf der anderen das Schlechte sich befindet, ist er schon in die Falle des Mißverständnisses getappt, kann nicht mehr an allem sich freuen und für alles dankbar sein. Denn das Wort "alles" bedeutet dann natürlich: beide Waagschalen, sowohl die mit dem guten als auch die mit dem schlechten Inhalt. An Schlechtem sich zu freuen wäre aber pervers, für es zu danken eine Lästerung.

Wer an Gott glaubt und seinen Glauben recht versteht, faßt die Beziehung von gut und schlecht anders auf, nicht als Polarität zweier gleichberechtigter Seiten. Gott ist die Fülle des Seins und schafft endliche Wesen, die auf begrenzte Weise am unendlichen Sein teilhaben und insofern gut sind. "Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut" (Gen 1,31). Deshalb glauben wir, daß alles Schlechte, ja Böse - das sich freilich oft unwiderstehlich als real aufdrängt - trotzdem in einem eigentlichen Sinn nicht wirklich ist. Je tiefer wir diesen Unterschied von real und wahrhaft wirklich einsehen, um so lebendiger werden wir spüren, mit welch göttlichem Recht Paulus mahnt, sich an allem Wirklichen dankbar zu freuen.

Wenn keine Spannung gleichberechtigter Pole, was ist der Gegensatz von gut und schlecht dann? Weil die vorgeschlagene Antwort doppeldeutig ist, sei ein falsches Verständnis von vornherein ausgeschlossen: Mit "Loch im Sein" ist nicht ein harmloses Loch wie im Schweizer Käse gemeint, sondern eines wie ein Loch im Strumpf während einer hochvornehmen Modenschau. Ein solches Loch kann für die betroffene Dame entsetzlich real sein, es zieht alle Blicke auf sich, seine Folge sind Zorn und Schande - trotzdem sieht man bei genauem Nachdenken ein, daß an diesem Loch nichts Wirkliches ist. Sondern wo ein Wirkliches sein sollte, ein Stück Strumpf, ist einfach - nichts.

Gott ist das SEIN selbst und schafft nur Wirkliches. Ein Nichts ist kein Geschöpf. Weil jenes Loch zwar real aber keine echte Wirklichkeit ist, deshalb gehört es nicht zu dem Allen, an dem gläubige Menschen sich dankbar freuen. Dasselbe gilt für alles Schlechte, Böse, Sinnlose: so erschreckend real es auch auftrete, ist es in Wahrheit dennoch nichtig und darum kein Grund zu Freude und Dank. Aber auch - letztlich - kein Grund zur Angst. "Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,38 f).

Diese fundamentale Unbalance von Gut und Schlecht - Gutes ist wirklich, Schlechtes nichtig - kennzeichnet auch die bedrängendste Weise von schlecht: das Böse, die Bösen. Augustinus scheut nicht den letzten Schritt, wenn er seinen Christen in einer Predigt die erstaunliche Feststellung zuruft: "Die Sünde ist nichts, und nichts werden die Menschen wenn sie sündigen." Hören Lieblose auf, zu sein? Nein, scheinbar begehen sie ihre Untaten wirklich und effizient. Wir alle wissen, wie real und wirksam - in uns und um uns - das Böse sein kann. Und doch ist es, in der höheren Seinsordnung, auf die allein alles ankommt, unwirklich, nichtig.

Den Unterschied von Seinsordnungen gilt es zu verstehen. Der Gedanke dürfte viele zunächst befremden, doch kennt jeder von uns ihn längst, hat Ähnliches selbst erlebt: Jemand verschläft den letzten Examenstermin. Um zehn Uhr soll er vor der Prüfungskommission sitzen, aus unruhigem Schlummer aufschreckend schaut er auf die Uhr: viertel vor zehn. Keine Chance mehr. Entsetzt begreift er: endgültig durchgefallen, alle Berufspläne kaputt. Verzweifelt sinkt er in die Kissen zurück - wacht nach einiger Zeit wieder auf und blickt auf die Uhr: Halb acht. Sein Unglück war geträumt, raffiniert geträumt: um nicht aufstehen zu müssen, hatte er sich träumend vorgespiegelt, es sei eh' schon zu spät. "Gott sei Dank, bloß ein Traum!" denkt er da - erleichtert, weil das erlebte Unglück nicht, wie befürchtet, der Seinsordnung des Realen angehört sondern lediglich der niederen Seinsordnung des Vorgestellten. Dasselbe bedeutet der Seufzer "zum Glück ist es bloß ein Film". Was geschieht, ist in Traum, Film oder Computerspiel dasselbe wie in der Realität; nicht im Wesen des Erlebten liegt der Unterschied, allein im Grad seines Seins. Bloß Vorgestelltes - ob geträumt, auf Bühne und Leinwand dargestellt oder virtuell erzeugt - und real Geschehendes haben dasselbe Wesen aber verschiedenes Sein, und zwar ist das bloß Vorgestellte nach dem Seinsmaß des realen Daseins: nichtig, nichts. So begreifen wir das Prinzip: Was nur in der niederen Seinsordnung wirklich ist, enthüllt sich in der höheren als nichtig.

Dasselbe Prinzip gilt auch auf der nächsthöheren Stufe. Dort heißt es: Was nur in der Realität des weltlichen Daseins wirklich ist, enthüllt sich in der höheren Seinsordnung des göttlichen Lebens als nichtig. Verglichen mit der vollen, endgültigen Wirklichkeit des Gottesreiches ist alles, was nicht zu ihm sondern bloß zur Weltgeschichte gehört, nichts als Traum, Theater, eingebildete Virtualität, totes Getue. Nicht nur "Gott ist wirklicher als die Welt", auch - schon jetzt - das Winzigste in Seinem Reich.

Vor mir liegt etwas, was sich gestern noch kräftig als ich spürte. Jetzt ist der tote Zahn zwar immer noch real da, verglichen mit dem bewußt Lebendigen, das er gestern war, ist dieses angefaulte Stück Materie jedoch nichtig, gehört in den Müll. Davor habe ich es zunächst bewahrt, denn niemand ist unnütz, er kann mindestens als abschreckendes Beispiel dienen. Der Anblick der hilflosen Nichtigkeit dessen, der doch Jahrzehnte lang wacker gekaut hat, veranschaulicht Augustins Einsicht "Zu nichts werden die Menschen wenn sie sündigen". Weil wahrhaft wirklich sein dasselbe ist wie in Gott leben, deshalb ist Schlechtes und Böses nicht wahrhaft wirklich. Wohl unser Kampf gegen es, ebenso, wo der verloren geht, unser Ertragen des Schlimmen, bei Christen ineins mit dem verachteten, zuletzt gekreuzigten Jesus. Aber nicht das Schlechte und Böse als solches, es ist nichts als ein Albtraum, aus dem der Glaube unserem ahnenden Hoffen jetzt schon den Ausweg verspricht, bis der Liebe Blick uns DANN für immer aus ihm weckt. Zuletzt offenbaren alle Seinslöcher sich als so unwirklich wie sie immer schon waren, ähnlich wie einer gl├╝cklichen Braut der Angsttraum, der sie eben noch bekümmert hat, am sonnigen Hochzeitsmorgen in Nichts verweht.

Was ist aber mit der Hölle? Wird das Böse in ihr nicht verewigt? Hoffentlich nicht. Sollte aber doch eine geschaffene Freiheit sich total gegen das Gute entscheiden, so macht ein Loch sich trotzdem nicht zum Sein. "In der Hölle sein heißt im Himmel sein und es nicht glauben wollen" [Jörg Splett]. Der Höllenschlüssel steckt innen! Wer zum Mitfeiern zu hochmütig oder zu kleinmütig ist (also auch zu hochmütig: "Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht!" mahnt der weise Rabbi, oder umgekehrt, je nachdem), verschließt sich selbst in seinen Wahn, verweigert als abgestürzte Computerdatei die Kommunikation mit ihrem Schöpfer, will im Traum gefangen bleiben, macht den dadurch aber nicht echt wirklich.

Die kalte Logik mittelalterlicher Scholastiker, daß die Seligen sich an den Qualen der Verdammten freuen, dürfen wir für mißlungen halten. Nur Wirkliches gilt im Himmel, höllische Wut wäre nichts als ein endlos böser Traum. Hoffen wir, daß auch die böseste reale Person zuletzt aus ihm erwachen darf um doch noch mitzufeiern; das bezaubernde Märchen "Von Himmel und Hölle" scheint mir christlicher als die Vorstellung feixender Seliger auf den Rängen rings um die Höllenarena.

Als Antwort auf den Einwand des Anfangs ergibt sich: Dank für eigenes Wohl bei fremdem Unglück liefe dann auf Zynismus hinaus, wenn der Dankende sich selber aus dem solidarischen Verband des Ganzen herausrisse. Die eigene isolierte Realität für das Wirkliche zu nehmen und dafür zu danken, daß es gerade mir gut ergeht, anders als den anderen, die leiden müssen: das wäre allerdings nicht in Gottes Sinn. Daß viele es nicht mehr fertigbringen, ist ein geistlicher Fortschritt. Doch kann mein Dank auch anders gemeint sein: Ich preise DICH für das, was mein gegenwärtiges kleines Glück anzeigt und bedeutet, nämlich unser aller unzerstörbares Heil in DIR. Irdisches Wohl ist Spürbarkeit, lebensvolles Zeichen für das Wohl überhaupt; immer auf dieses Ganze (heil = whole) bezieht sich der Dank des Glaubenden. Denn gut und schlecht sind, wie gesagt, keine gleichberechtigte Polarität, vielmehr gilt das herrlich einseitige Prinzip (gründend im ewigen Ostersieg des Seins über das Nichts): Zwar ist im Glück des Teils das Heil des Ganzen da (ähnlich wie ich die Lust meiner Zunge, meines Ohrs voll mitlebe), nicht aber umgekehrt. Am Tod des einzelnen leidet wohl, stirbt aber nicht das Ganze. Das irdische Leben ist ein Organismus mit gesunden und kranken Gliedern. Weil er, aufs Ganze gesehen, heil ist, deshalb können die gesunden Glieder ihr unmittelbares Wohl als Zeichen des totalen Heiles deuten und für dieses Gott (d.h. der Person des Ganzen) dankbar sein.

Und die kranken, ja schmerzgequälten Glieder? Auch sie gehören zum gesunden Leib und sind für die Genesung bestimmt. Im Tiefsten können darum auch sie das Ganze preisen - wie Ijob tat - auch wenn sie zur Zeit nicht seine Freude erfahren, sondern sein Gericht. Vorsicht jedoch! Verfallen wir nicht in die Dummheit der Freunde Ijobs. "Erfolg ist keiner der Namen Gottes" (Martin Buber), Unglück muß nicht Strafe für Sünden sein. Nicht von moralischer Korrektheit wird der Weltlauf bestimmt. Wohl aber tut - je aktuell - die gläubig hoffende Liebe gut daran, Glück und Leid als gegensätzliche Heilszeichen anzunehmen: das Glück als den Einbruch der totalen Freude in meine Enge, das Leid als Angebot und Chance, diese Enge immer radikaler zu sprengen und in die göttliche Einheit hineinschmelzen zu lassen.

"Freut euch zu jeder Zeit! Dankt für alles!" Wenn wir Paulus so verstehen, daß er nicht das reale Weltgetriebe meint sondern die wahre Wirklichkeit des schon begonnenen Gottesreiches, dann stimmen seine Ratschläge und sind es wert, daß wir sie mit täglich neuem Eifer beherzigen.

Und vergraben wir ja nicht unser Talent! Nicht für uns allein sondern für "die anderen, die keine Hoffnung haben" (1 Thess 4,13) wirken wir als Redakteure und Elektriker im Sendehaus von RADIO EVANGELIUM. Zusammen mit unseren Hörern tummeln wir uns auf der Weltbühne, bevölkern den Welttraum, für sie ist uns die Wahrheit des Festes um die Bühne her, des wachen Lebens über alle Träumerei hinaus anvertraut. Mögen die andern auf ihre Weisen tausendmal auch recht haben, das dispensiert uns nicht vom Auftrag Christi, ihnen seine Botschaft als auch ihre Wahrheit deutlich zu machen. Es gibt zwischen Dialog und Mission keinen Widerspruch, nur zusammen sind Offenheit für Fremdes und Treue zum Eigenen das Leben des Glaubens in der einen Welt.


Zum Weiterdenken:

Strich durch die Rechnung: Mit Recht, denn die wahre Freude ist keine Rechnung von plus gegen minus sondern feiert den ewigen Sieg des Seins über das Nichts. Aus diesem Grund ist (laut Jörg Splett) Mitfreude vollkommener als Mitleid: jene wird vom eigenen Leid nicht gemindert, dieses vom eigenen Besser-dran-Sein fast notwendig triumphalistisch befleckt.

Nichts werden die Menschen wenn sie sündigen: "Peccatum nihil est, et nihil fiunt homines cum peccant." (Augustinus, in ev. Joh I,13) Genau besehen, steht das schon bei Paulus: "Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts" (1 Kor 13,2).

Unterschied von Seinsordnungen: In scholastischer Sprache war diese dreifache Proportionalgleichung (Materie zu Form ist wie Wesen zu Dasein wie Dasein zu "Jasein") das Thema meiner philosophischen Lizenzarbeit 1959 in Rom.

"Gott ist wirklicher als die Welt": "Im Kern geht es letztendlich nur darum: Das Christentum enthält eine absolut revolutionäre, befreiende, lebensbejahende Botschaft. Daß Gott wirklicher ist als die Welt. Daß alles Leben und Sein von ihm kommt. Und daß er uns liebt. Daß es deswegen unsere große, wenn nicht einzige Aufgabe ist, seine Liebe anzunehmen. Und weiterzugeben" (Filmregisseur Wim Wenders, zitiert (aus "Chrismon") in "Christ in der Gegenwart" [Nr. 50/2002, S. 414]).

Bei Christen: Doch ist solch tapferer Glaube kein Privileg der Christen. Der antike Philosoph Epikur, zu Unrecht als geistloser Lüstling verschrieen, hat diese Lebenskunst aufs vollkommenste praktiziert. An seinen Freund Idomeneus schreibt er: "Den glückseligen Tag feiernd und zugleich als letzten meines Lebens vollendend schreibe ich euch dies, ihn begleiten Blasen- und Darmkoliken, die keine Steigerung der ihnen innewohnenden Heftigkeit zulassen. Doch all dem widersetzt sich die Freude meines Herzens über die Erinnerung an die von uns abgeschlossenen Erörterungen. Du aber erweise dich würdig deiner von Jugend an vorhandenen Zuneigung zu mir und der Philosophie und sorge für die Kinder des Metrodoros!"

Abgestürzte Computerdatei als höllisches Symbol

Märchen :

VON HIMMEL UND HÖLLE

Es war um die Zeit, wo die Erde am allerschönsten ist und es dem Menschen am schwersten fällt zu sterben, denn der Flieder blühte schon, und die Rosen hatten dicke Knospen: da zogen zwei Wandrer die Himmelsstraße entlang, ein Armer und ein Reicher. Die hatten auf Erden dicht beieinander in derselben Straße gewohnt, der Reiche in einem großen, prächtigen Hause und der Arme in einer kleinen Hütte. Weil aber der Tod keinen Unterschied macht, so war es geschehen, daß sie beide zu derselben Stunde starben.

Da waren sie nun auf der Himmelsstraße auch wieder zusammengekommen und gingen schweigend nebeneinander her.

Doch der Weg wurde steiler und steiler, und dem Reichen begann es bald blutsauer zu werden, denn er war dick und kurzatmig und in seinern'Leben noch nie so weit gegangen. Da trug es sich zu, daß der Arme bald einen guten Vorsprung gewann und zuerst an der Himmelspforte ankam. Weil er sich aber nicht getraute anzuklopfen, setzte er sich still vor die Pforte nieder und dachte: Du willst auf den reichen Mann warten; vielleicht klopft der an.

Nach langer Zeit langte der Reiche auch an, und als er die Pforte verschlossen fand und nicht gleich jemand aufmachte, fing er laut an zu rütteln und mit der Faust dran zu schlagen. Da stürzte Petrus eilends herbei, öffnete die Pforte, sah sich die beiden an und sagte zu dem Reichen: "Das bist du gewiß gewesen, der es nicht erwarten konnte. Ich dächte, du brauchtest dich nicht so breit zu machen. Viel Gescheites haben wir hier oben von dir nicht gehört, solange du auf der Erde gelebt hast!"

Da fiel dem Reichen gewaltig der Mut; doch Petrus kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern reichte dem Armen die Hand, damit er leichter aufstehen könnte, und sagte: Tretet nur alle beide ein in den Vorsaal; das Weitere wird sich schon finden!"

Und es war auch wirklich noch gar nicht der Himmel, in den sie jetzt eintraten, sondern nur eine große, weite Halle mit vielen verschlossenen Türen und mit Bänken an den Wänden.

"Ruht euch ein wenig aus", nahm Petrus wieder das Wort, "und wartet, bis ich zurückkomme; aber benutzt euere Zeit gut, denn ihr sollt euch mittlerweile überlegen, wie ihr es hier oben haben wollt. Jeder von euch soll es genau so haben, wie er sich es selber wünscht. Also bedenkt's, und wenn ich wiederkomme, macht keine Umstände, sondern sagt's, und vergeßt nichts; denn nachher ist's zu spät." -

Damit ging er fort. Als er dann nach einiger Zeit zurückkehrte und fragte, ob sie fertig mit Überlegen wären und wie sie es sich in der Ewigkeit wünschten, sprang der reiche Mann von der Bank auf und sagte, er wolle ein großes goldenes Schloß haben so schön wie der Kaiser keins hätte, und jeden Tag das beste Essen. Früh Schokolade und mittags einen Tag um den andern Kalbsbraten mit Apfelmus und Milchreis mit Bratwürsten und nachher rote Grütze. Das wären seine Leibgerichte. Und abends jeden Tag etwas andres. Weiter wolle er dann einen recht schönen Großvaterstuhl und einen grünseidenen Schlafrock; und das Tageblättchen solle Petrus auch nicht vergessen, damit er doch wisse, was passiere.

Da sah ihn Petrus mitleidig an, schwieg lange und fragte endlich: Und weiter wünschest du dir nichts?" - "O ja!" fiel rasch der Reiche ein, "Geld, viel Geld, alle Keller voll, so viel, daß man es gar nicht zählen kann!"

"Das sollst du alles haben", entgegnete Petrus, "komm, folge mir!" und er öffnete eine der vielen Türen und führte den Reichen in ein prachtvolles goldenes Schloß, darin war alles so, wie jener es sich gewünscht hatte. Nachdem er ihm alles gezeigt, ging er fort und schob vor das Tor des Schlosses einen großen eisernen Riegel. Der Reiche aber zog sich den grünseidenen Schlafrock an, setzte sich in den Großvaterstuhl, aß und trank und ließ sich's gut gehen, und wenn, er satt war, las er das Tageblättchen. Und jeden Tag einmal stieg er hinab in den Keller und besah sein Geld. -

Und zwanzig und fünfzig Jahre vergingen und wieder fünfzig, so daß es hundert waren - und das ist doch nur eine Spanne von der Ewigkeit -, da hatte der reiche Mann sein prächtiges goldenes Schloß schon so überdrüssig, daß er es kaum mehr aushalten konnte. "Der Kalbsbraten und die Bratwürste werden auch immer schlechter", sagte er, "sie sind gar nicht mehr zu genießen!" Aber es war nicht wahr, sondern er hatte sie nur satt. "Und das Tageblättchen lese ich schon lange nicht mehr", fuhr er fort; es ist mir ganz gleichgültig, was da unten auf der Erde sich zuträgt. Ich kenne ja keinen einzigen Menschen mehr. Meine Bekannten sind schon längst alle gestorben. Die Menschen, die jetzt leben müssen, machen so närrische Streiche und schwatzen so sonderbares Zeug, daß es einem schwindlig wird, wenn man's liest." Darauf schwieg er und gähnte, denn es war sehr langweilig, und nach einer Weile sagte er wieder:

"Mit meinem vielen Geld weiß ich auch nichts anzufangen. Wozu hab ich's eigentlich? Man kann sich hier doch nichts kaufen. Wie ein Mensch nur so dumm sein kann und sich Geld im Himmel wünschen!" Dann stand er auf, öffnete das Fenster und sah hinaus.

Aber obschon es in dem Schlosse überall hell war, so war es doch draußen stockdunkel; stockdunkel, so daß man die Hand vorm Auge nicht sehen konnte, stockdunkel, Tag und Nacht, jahraus, jahrein und so still wie auf dem Kirchhof. Da schloß er das Fenster wieder und setzte sich aufs neue auf seinen Großvaterstuhl;, und jeden Tag stand er ein- oder zweimal auf und sah wieder hinaus. Aber es war noch immer so. Und immer früh Schokolade und mittags einen Tag um den andern Kalbsbraten mit Apfelmus und Milchreis mit Bratwürsten und nachher rote Grütze; immerzu, immerzu, einen Tag wie den andern. -

Als jedoch tausend Jahre vergangen waren, klirrte der große eiserne Riegel am Tor, und Petrus trat ein. "Nun", fragte er, "wie gefällt es dir?"

Da wurde der reiche Mann bitterböse: "Wie mir's gefällt? Schlecht gefällt mir's; ganz schlecht! So schlecht, wie es einem nur in so einem nichtswürdigen Schlosse gefallen kann! Wie kannst du dir nur denken, daß man es hier tausend Jahre aushalten kann! Man hört nichts, man sieht nichts; niemand bekümmert sich um einen. Nichts wie Lügen sind es mit eurem vielgepriesenen Himmel und mit eurer ewigen Glückseligkeit. Eine ganz erbärmliche Einrichtung ist es!"

Da blickte ihn Petrus verwundert an und sagte: "Du weißt wohl gar nicht, wo du bist? Du denkst wohl, du bist im Himmel? In der Hölle bist du. Du hast dich ja selbst in die Hölle gewünscht. Das Schloß gehört zur Hölle."

"Zur Hölle?" wiederholte der Reiche erschrocken. Das hier ist doch nicht die Hölle? Wo sind denn der Teufel und das Feuer und die Kessel?"

"Du meinst wohl", entgegnete Petrus, daß die Sünder jetzt immer noch gebraten werden wie früher? Das ist schon lange nicht mehr so. Aber in der Hölle bist du, verlaß dich darauf, und zwar recht tief drin, so daß du einen schon dauern kannst. Mit der Zeit wirst du's wohl selbst innewerden."

Da fiel der reiche Mann entsetzt rückwärts in seinen Großvaterstuhl, hielt sich die Hände vors Gesicht und schluchzte: In der Hölle, in der Hölle! Ich armer, unglücklicher Mensch, was soll aus mir werden!"

Aber Petrus machte die Türe auf und ging fort, und als er den eisernen Riegel draußen wieder vorschob, hörte er drinnen den Reichen immer noch schluchzen: "In der Hölle, in der Hölle! Ich armer, unglücklicher Mensch, was soll aus mir werden?" -

Und wieder vergingen hundert Jahre und aber: hundert, und die Zeit wurde dem reichen Manne so entsetzlich lang, wie niemand es sich auch nur denken kann. Und als das zweite Tausend zu Ende kam, trat Petrus abermals ein.

"Ach!" rief ihm der reiche Mann entgegen, "ich habe mich so sehr nach dir gesehnt! Ich bin sehr traurig! Und so wie jetzt soll es immer bleiben? Die ganze Ewigkeit?" Und nach einer Weile fuhr er fort: "Heiliger Petrus, wie lang ist wohl die Ewigkeit?"

Da antwortete Petrus: "Wenn noch zehntausend Jahre vergangen sind, fängt sie an."

Als der Reiche dies gehört, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und begann bitterlich zu weinen. Aber Petrus stand hinter seinem Stuhl und zählte heimlich seine Tränen, und als er sah, daß es so viele waren, daß ihm der liebe Gott gewiß verzeihen würde, sprach er: "Komm, ich will dir einmal etwas recht Schönes zeigen! Oben auf dem Boden weiß ich ein Astloch in der Wand, da kann man ein wenig in den Himmel hineinsehen."

Damit führte er ihn die Bodentreppg hinauf und durch allerhand Gerümpel bis zu einer kleinen Kammer. Als sie in diese eintraten, fiel durch das Astloch ein goldener Strahl hindurch, dem heiligen Petrus gerade auf die Stirn, so daß es aussah, als wenn Feuerflammen auf ihr brannten.

"Das ist vom wirklichen Himmel!" sagte der reiche Mann zitternd.

"Ja", erwiderte Petrus, nun sieh einmal durch!"

Aber das Astloch war etwas hoch oben an der Wand und der reiche Mann nicht sehr groß, so daß er kaum hinaufreichte.

"Du mußt dich recht lang machen und ganz hoch auf die Zehen stellen", sagte Petrus. Da strengte sich der Reiche so sehr an, als er nur irgend konnte, und als er endlich durch das Astloch hindurchblickte, sah er wirklich in den Himmel hinein. Da saß der liebe Gott auf seinem goldnen Thron zwischen den Wolken und den Sternen in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit und um ihn her alle Engel und Heiligen.

"Ach", rief er aus, "das ist ja wunderschön und herrlich, wie man es sich auf der Erde gar nicht vorstellen kann. Aber sage, wer ist denn das, der dem lieben Gott zu Füßen sitzt und mir gerade den Rücken zukehrt?"

"Das ist der arme Mann, der auf der Erde neben dir gewohnt hat und mit dem du zusammen heraufgekommen bist. Als ich euch auftrug, es euch auszudenken, wie ihr es in der Ewigkeit haben wolltet, hat er sich bloß ein Fußbänkchen gewünscht, damit er sich dem lieben Gott zu Füßen setzen könne. Und das hat er auch bekommen, genau so wie du dein Schloß"

Als er dies gesagt, ging er still fort, ohne daß es der Reiche merkte. Denn der stand immer noch ganz still auf den Fußspitzen und blickte in den Himmei hinein und konnte sich nicht satt sehen. Zwar es fiel ihm recht schwer, denn das Loch war sehr hoch oben, und er mußte fortwährend auf den Zehen stehen; aber er tat es gern, denn es war zu schön, was er sah.

Und nach abermals tausend Jahren kam Petrus zum letztenmal. Da stand der reiche Mann immer noch in der Bodenkammer an der Wand auf den Fußspitzen und schaute unverwandt in den Himmel hinein und war so ins Sehen versunken, daß er gar nicht merkte, als Petrus eintrat.

Endlich legte ihm aber Petrus die Hand auf die Schulter, daß er sich umdrehte, und sagte:

"Komm mit, du hast nun lange genug gestanden! Deine Sünden sind dir vergeben; ich soll dich in den Himmel holen. - Nicht wahr, du hättest es viel bequemer haben können, wenn du nur gewollt hättest?"

[Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen (Reclam 6091/92),129-136. Dort auch "Die himmlische Musik".]

Freut euch: Siehe auch eine Predigt zum Sonntag Gaudete 1970.

Dankt für alles: Danken kann nicht nur zynisch scheinen, auch unwürdig und pharisäisch. Siehe hier.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-adv3.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann