Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr B

Erlöst warten!

Gedanken zum ersten Adventssonntag


Zweierlei Warten trägt zur unverwechselbaren Adventsstimmung bei: zusammen mit unseren Kindern - auch dem inneren Kind in Mann und Frau - warten wir wieder auf Weihnachten, im Hören auf die Texte der Liturgie warten wir, zusammen mit den gläubigen Juden, auf das Kommen des Messias zur endgültigen Erlösung unseres Lebens und der ganzen Welt.

Zu den Grundspannungen, die im Kleinsten und im Großen vibrieren, gehört die von Schon und Noch nicht. Sie wird im Advent besonders aktuell. Beide Pole begegnen uns in den Lesungen von heute. Beim Propheten Jesaja betet das Volk Israel zu seinem Gott: "Du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser von jeher wirst du genannt." Und Paulus lobt die Korinther: "Ihr wartet auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn." Gott ist unser Erlöser seit jeher, also sind wir schon erlöst. Trotzdem heißt es warten, denn die Erlösung ist noch nicht vollendet. Trotzdem müssen wir uns keine Sorgen machen: "Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf" (Ps 127,2). Je nachdem, in welcher Richtung man die Spannung erlebt, hat der eine oder der andere Pol seinen kairós, ist jetzt dran.

Auf geradezu schelmische Weise wurde die Polarität beim Beginn der Matutin des Breviers thematisch, wenn die kaum erwachten Schläfer einander aufmunterten: "Nicht sei es uns umsonst, vor dem Lichte aufzustehn, denn eine Krone hat der Herr den Wachenden verheißen." Anfangs meinte ich: Eigentlich frech, ein offenbartes Psalmwort einfach umzukehren. Später sah ich ein: Es ist nicht frech aber geistreich und ehrlich. Nicht einzelne Sätze sind offenbart, vielmehr die Polarität als solche. Sie allein, nicht ihre isolierten Pole, ist wahrhaft wahr; wer irgendeinen - noch so fromm oder frei oder liebevoll klingenden - Offenbarungssatz aus dem Ganzen der drei-einigen Heilsspannung herausreißt, macht ihn zur "häretischen" (auswählerischen, sektenstiftenden) Lüge. Das ist das eine.

Das andere stimmt freilich auch: wer einen Gegensatz von Widersprüchen bloß unerklärt hinstellt, sagt gar nichts, weil dann für unser Begreifen jede Seite von der andern ausgelöscht wird. Im mathematischen Gleichnis gesprochen: Man darf (+1) und (-1) nicht simpel addieren, dann ergibt sich null, d.h. überhaupt kein Verständnis. Vielmehr muß man erforschen, zu welchen verschiedenen Sinn-Dimensionen beide Wahrheitspole gehören; trägt man dann den einen auf der x-Achse ein und den andern auf der y-Achse, so ergibt ihre Zusammenschau nicht null sondern einen eindeutigen Wert, der allerdings auf keiner der beiden logischen Denklinien liegt sondern den Geist in die "transrationale" Weite zwingt - wo allein ein gesunder Geist sich wohlfühlt.

Fragen wir deshalb an diesem ersten Advent: Inwiefern, in welcher Sinndimension, ist Gott seit jeher unser Erlöser, so dass schon Alles gut ist, und inwiefern sollen wir wachsam sein, damit wir unsere Erlösung nicht verschlafen?

Unterscheiden wir zwischen Gottes Willen für alle und seinem Willen an Bestimmte, was uns betrifft also: an uns. Das sind zwei voneinander unabhängige Fragerichtungen, denn Gott ist Gott. Wäre die Allgüte, wie unsereins, vom Ergebnis ihrer Aufträge abhängig, dann ließe ihr Wille für alle sich freilich nicht erreichen, außer ihr Wille an Bestimmte würde jeweils treu erfüllt. So ist es bei irdischen Chefs. Nur wenn die Unteren spuren, erreichen die Oberen ihre Ziele.

Gott wirkt aber nicht wie die Herrinnen und Herren in der Welt. Sein guter Wille für alle ist seit jeher erfüllt, außer jemand widerspricht dieser Gabe, weigert sich, das Geschenk des Seins anzunehmen. Gottes Freundlichkeit für alle frei zu bejahen ist darum sein erster Wille an uns; wer sie aus Mißtrauen oder Neid nicht wahrhaben wollte, könnte sie selbst zwar nicht schwächen, ihre Wirkung in der Welt wäre aber gemindert mit traurigen Folgen für diesen Menschen und seine Umgebung, nicht kurzfristig bloß sondern für immer; denn was in der Zeit geschieht, wird verewigt. Deshalb gilt es, wachsam zu sein und im Advent immer wieder zu fragen: Nehme ich mich selbst und meine Welt aus der Hand der Schöpfergüte so aufmerksam wie möglich an, oder gleiche ich dem Mann, der auf die Frage seiner Liebsten "schmeckt's?" bloß "der Hunger treibt's rein" brummelt?

Das also ist das Erste was wir sollen: auf Gottes guten Willen für alle uns herzlich verlassen. Daraus folgt, weil wir Menschen zusammengehören, unmittelbar das Zweite: die Güte des Ganzen und ihre Annahme durch uns sollen wir einander auch bezeugen. Im Tiefsten hat die junge Mutter unendlich mehr recht als sie meistens meint, wenn sie ihr Baby beruhigt: "Ist schon Alles gut!" Eben dieses Zeugnis, dass der gute Wille des Ganzen für alle immer schon erfüllt ist, so dass es für Angst und Sorge einen letzten Grund nicht gibt und nie gegeben hat: dieses Zeugnis ist, vor allem Sonstigen, die Hauptaufgabe der Religion. Solange die Menschen nicht in diesem Urvertrauen ruhen sondern zuinnerst vor Angst zittern, gibt es weder inneren noch äußeren Frieden.

Das durch nichts anfechtbare Vertrauen auf den guten Vater im Himmel war Jesu Botschaft, steht deshalb in der "Hierarchie der Wahrheiten", die das Konzil lehrt, an höchster Stelle. Wichtiger als "Es ist für alle schon ALLES gut" ist nichts. Wem nicht ganz innen die Sonne dieser Gewißheit leuchtet - mag sein hinter finsteren Wolken versteckt! - kann sich an der Oberfläche religiös oder unreligiös noch so abstrampeln, es ist - ebendort - alles umsonst. Obwohl ALLES gut bleibt.

Wenn soviel über Gottes Willen für alle erkannt ist und auch über den ersten Hauptpunkt bei Gottes Willen an uns, sollen wir weiter fragen: Herr, was willst DU außerdem von uns? Worauf sollen wir, nach Jesu Wort, noch wachsam gespannt sein? Wachsam nicht in Hektik und Angst, von der eben erfaßten Hauptwahrheit des Glaubens wird nichts zurückgenommen. Im Grunde ist schon Alles gut. Weil von diesem allem aber noch eine Menge aussteht, die ganze irdische Zukunft und deren Ewige Gültigkeit, deshalb heißt es wachsam sein, damit die künftigen Tage nicht nur im Prinzip und letztlich gut seien sondern im einzelnen je auf die Weise gut, die der Schöpfer gerade durch unser Mittun verwirklichen will. Nicht nur staunend glücklich will er uns, auch - wie jeder irdische Vater sein Kind - auf das eine oder andere ein bißchen stolz. Dieser Plan aber geht daneben, sooft jemand einen Wink verschläft.

Wie erreichen uns solche Winke? In drei Richtungen empfiehlt sich im Advent ein besonderes Wachsamkeits-Training.

Einmal hinüber zu deinem Antlitz, mein Mitmensch. In jedem wartet ja, wie wir wissen, Gott selbst auf unsere Freundschaft. Man erinnere sich an Zeiten der Verliebtheit, wie ich dir damals jeden noch unausgesprochenen Wunsch gern erfüllte. Jeglichem noch so unsympathischen Zeitgenossen derart begegnen zu sollen wäre freilich eine verderbliche Überforderung, nicht darum geht es. Doch ist die Richtung unserer Trainingsbemühungen klar. Ganz ohne Krampf kann man etwas bereitwilliger auf die Winke der Mitmenschen achten wollen, als man es gemeinhin tut.

Eine andere Richtung der Achtsamkeit erstreckt sich nach innen. Wer sich durch mancherlei Krisen hindurch sein einsozialisiertes Über-Ich zum freien Gewissen hat veredeln lassen, lausche dessen freundlich gebietender Stimme und vertraue ihr, so steht ihm auch in nebliger Seelenlandschaft ein deutlicher Kompass zur Verfügung.

Drittens sind anscheinend nicht alle Glaubenden, einige aber doch dazu berufen, auf "Zeichen am Weg" zu achten, auf bedeutsame Verknüpfungen um sie her. Diese Kunst ist bei uns im rationalen Westen entweder unterentwickelt oder gleitet in Aberglauben ab, indem man einen besonderen Wink nach dem Muster allgemeinen, intersubjektiv kommunizierbaren Wissens mißversteht und propagiert. Solche Hinweise können in Form von erstaunlichen oder auch nur interessanten Koinzidenzen, Träumen begegnen, neuerdings auch als unerklärliche Computerspinnereien. Vielerlei Esoterisches, worauf die einen schwören, die anderen höhnisch pfeifen, gehört hierher, taugt freilich nichts als Wissenschaft, wohl aber - je jetzt achtsam erwogen - zuweilen als Lebenskunst: Psychoanalyse, Astrologie, I Ging usw. Am Material des Zufalls liegt nichts, wichtig ist die Einsicht, dass unsere traditionelle Wissenschaft der kausalen Wirkungen nur eine Weise von Sinnverständnis ist; eine andere erfaßt jene nicht kausal aber raumzeitlich verknüpften Sinngestalten, die sich nicht wissenschaftlich verstehen lassen aber manches Mal, und zwar mit unabweisbarer Evidenz, ahnend und gehorsam.


Zum Weiterdenken:

Bei Angst kein Friede: Das ist die überragend wichtige Botschaft des Priesters Eugen Drewermann; allein schon ihretwegen verdient er von seiner Kirche nicht Abwehr sondern jetzt schon die Ehre, die sie ihm später zuerkennen dürfte. 1982 schrieb er: "Es mag von der religiösen Symbolik her noch ein weiter Weg sein, um aus dem Geist des gemeinsamen Mahles auch de facto die gemeinsamen Güter dieser Erde sozial so zu verteilen, dass sie allen Menschen zugute kommen, und zugleich in der Beseitigung des schreienden sozialen Unrechts einen der wichtigsten Gründe des modernen Krieges zu beseitigen; aber erst auf dem Hintergrund einer universellen Symbolik der Einheit entstehen die Motive und Fähigkeiten eines universellen Fühlens menschheitlicher Zusammengehörigkeit, Gemeinsamkeit und Verantwortung. Nach dem offensichtlichen Scheitern der ethischen Vernunft scheint in dieser religiösen Möglichkeit jedenfalls die einzige noch verbleibende Chance zum Überleben zu liegen. Wenn der Krieg das ist, als was wir ihn bisher kennengelernt haben: eine Perversion der menschlichen Vernunft unter dem Diktat archaischer Ängste und Antriebe, die ihre Maßlosigkeit und objektive Unvernunft sogar erst von seiten der sich entwickelnden menschlichen Vernunft erlangen, - dann gibt es für das Problem des Krieges keinen aufgeklärten 'vernünftigen' Ausweg, sondern nur eine Lösung, die ebenso geistig wie archaisch ist, ebenso triebhaft wie sublim, ebenso sinnlich wie mystisch, und eben so sind die großen Symbole und Riten der Religion: sie vermitteln eine Überzeugung von Sinn und Geborgenheit, in der die Angst des Bewußtseins sich beruhigt, und zugleich formen sie Urszenen zur sozialen Abreaktion der sonst zerstörerischen Triebenergien, - ein kollektives Psychodrama, in dem Trieb und Vernunft nach Beseitigung der Angst in eine fruchtbare Synthese, statt, wie im Feld der Angst, in einem circulus vitiosus zusammengeschlossen werden. Nicht eine einseitig 'vernünftige', nur eine integrale Antwort auf die menschliche Zerrissenheit ist möglich, und die Religion wäre gerade in der unschätzbaren Weisheit ihrer Symbole und Riten zu eben der menschheitlichen Psychotherapie an der Krankheit des menschlichen Daseins berufen, von welcher der Krieg eines der schlimmsten und wichtigsten Symptome ist." [Der Krieg und das Christentum (Regensburg 1982), S. 336 f]

"Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder 'Hierarchie' der Wahrheiten' innerhalb der katholischen Lehren gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens" [II.Vat. Konzil, Ökumenismus-Dekret, Art. 11].

"Zeichen am Weg": Das ist der Titel, unter dem die mystischen Notizen des im September 1961 tödlich abgestürzten UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld veröffentlicht wurden. Ein großes Buch.

Computerspinnereien: Z.B. mein Abenteuer mit den Akzenten.

Evidenz: Einer solchen Folgsamkeit verdankt sich z.B. auch dieser Predigtkorb. Sie führte zu unerwarteten Begegnungen, aus denen sich dann dieses Unternehmen ergab. Von irgendwem stammt der Vergleich: Ähnlich wie der Erdball von Meridianen und Breitenkreisen gegliedert wird, so gibt es auch zweierlei von einander total unabhängige Verständnisse der Vorgänge in der Welt. Die Wissenschaft fragt von Wirkungen zurück nach deren Ursachen und weiter nach Folgen, durchzieht unser Erfahrungsfeld mit lauter Kausalitäts-Linien: Weil das Stromnetz in Ordnung ist, deshalb leuchtet, wenn ich das Licht anknipse, die Lampe auf. Die Gesamtheit solcher Denklinien entspricht, auf dem Globus, den Meridianen. Senkrecht zu ihnen gibt es jedoch auch unkausale Verknüpfungen, die wissenschaftlich nicht faßbar sind, mindestens nicht für die Naturwissenschaft, wie sie von deren Experten bisher verstanden wurde. Sollten allerdings Rupert Sheldrake seine "morphogenetischen Felder" und Ervin Laszlo sein "Psi-Feld" durch einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel durchsetzen können, dann wäre die Synchronizität für die Zunft ein seriöses Forschungsgebiet. Für ein bestimmtes Bewußtsein hier und jetzt ist sie jedoch oft so überaus sinnvoll, dass der Mensch fassungslos sagt: Das gibt's doch nicht! Solche Koinzidenzen gleichen den Breitenkreisen. Erst das Netz beider Systeme zusammen macht unser Dasein verständlich. Die Wissenschaft kennt nur allgemeine Gesetze, ist sich aber nie ganz gewiß, welche Faktoren jetzt gerade am Werk sind, so dass der konkrete Ablauf - in unserer chaotischen Welt - immer einen Rest Zufall behält. Ein Reifen platzt, ein Computerprogramm stürzt ab. Koinzidenzen umgekehrt ereignen sich stets für Einzelne. Man kann sie erzählen, ihren Sinn aber nicht beweisen.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/b-adv1.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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