Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Epiphanie aktuell verstanden

Gedanken zum Fest der Erscheinung des Herrn


"Sterndeuter aus dem Osten" haben das Jesuskind angebetet. So verkündet es uns das heutige Festevangelium. Die Frage, was damals tatsächlich passiert sei, überlassen wir der Wissenschaft, die es nie wissen wird. Ebenfalls kein Thema sei Kölner Stolz auf den Reliquienschrein oder die Kinoblödelei, mit der "das Leben des Brian" beginnt.

Aufrüttelnd aktuell für Katholiken und Protestanten, die in ihrem Land mit Muslimen zusammenleben, ist etwas ganz anderes. Nachdem Papst Benedikt in Regensburg gelehrt hatte, der Glaube danke seine Vernünftigkeit der Begegnung mit dem altwestlich-griechischen Seinsdenken, legte der evangelische Bischof Huber seinen Gegen-Akzent auf den Einfluss neuwestlich-kritischer Wissenschaft. Dazu meint der Philosoph Jürgen Habermas: "Auf beiden Seiten verrät sich im Eifer des Gefechts ein Quentchen Zuviel an Vernunftstolz." Denn "die Verträglichkeit des Glaubens mit der Vernunft" müsse "allen religiösen Bekenntnissen zugemutet" werden, sei kein Sondergut des christlichen Westens. Wieder anders wehrt sich ein persischer Denker dagegen, wie der Papst als Fürsprecher "eines hellenisierten Christentums und Europas den Rest der Welt [von der echten Vernünftigkeit] ausschließt".

Das sind tiefe Fragen an denkende Christen. Was ergibt sich für sie daraus, dass "Sterndeuter aus dem Osten" dem Krippenkind huldigten, es so zur "Epiphanie", zur öffentlichen Erscheinung brachten? Laut dem Evangelium ist demnach - in Maria - die beginnende Kirche lange vor griechischem oder gar modernem Denken jener östlichen Weisheit begegnet, die neben der monotheistisch-religiösen und der logisch-denkerischen Weise von Vernunft eine dritte solche darstellt: die spirituelle. Sie schüttet religiöse, philosophische und wissenschaftliche Widersprüche nicht zusammen, überwölbt sie jedoch nach innen, ähnlich wie deines Leibes Lebendigkeit die gegensätzlichen Funktionen deiner Organe fördert und zusammenhält. Was der Magen durchlässt, wird von der Niere ausgeschieden; nur dank solcher Widersprüche auf der Organ-Ebene lebt der Leib. So ist es auch im großen Sinnleib der vernünftig glaubenden Menschheit.

Könnte es sein, dass die seit jeher wahre "Erscheinung des Herrn" sich erst in unserem neuen Jahrtausend real durchsetzt: als radikale Umgestaltung der Christenheit dank ihrer Begegnung mit dem weisen Morgenland - weit inseits modischen Esoterik-Betriebs? Ich erinnere an das prophetische Wort von Romano Guardini: "Einen Einzigen gibt es, der den Gedanken eingeben könnte, ihn in die Nähe Jesu zu rücken: Buddha. Dieser Mann bildet ein großes Geheimnis. Er steht in einer erschreckenden, fast übermenschlichen Freiheit; zugleich hat er dabei eine Güte, mächtig wie eine Weltkraft. Vielleicht wird Buddha der letzte sein, mit dem das Christentum sich auseinanderzusetzen hat. Was er christlich bedeutet, hat noch keiner gesagt. Vielleicht hat Christus nicht nur einen Vorläufer aus dem alten Testament gehabt, Johannes, den letzten Propheten, sondern auch einen aus dem Herzen der antiken Kultur, Sokrates, und einen dritten, der das letzte Wort östlich-religiöser Erkenntnis und Überwindung gesprochen hat, Buddha."

Johannes der Täufer gilt auch den Muslimen als Prophet, mit klugen Worten des Sokrates beschloss der Papst in Regensburg seine Rede. Ich glaube: Ohne Buddhas Beitrag wird die Vernunft der Menschheit nicht so drei-einig wahr, wie sie als Gottes Gleichnis sein muss.

Und das in jedem einzelnen! "Spirare" heißt (italienisch noch heute) schlicht: Atmen. Hätten frühere Mönche das lateinische "Spiritus Sanctus" statt als "Heiliger Geist" als "Heiliger Atem" übersetzt, dann wäre das Wichtigste der östlichen Weisheit uns längst vertraut. Als ein Besucher ihm "ich kann nicht mehr beten" klagte, schalt ihn der uralte Jesuit Wilhelm Klein 1948-1961 Spiritual im Germanikum): "Was für ein Unsinn! Du atmest doch ununterbrochen." Ja: Atmend sind wir mit jedem atmenden Wesen verbunden. Liegst du schlaflos, dann lass irgendwann alle spaltenden Gedanken los und sei als Glied Christi im unendlichen Atem nur mehr einatmend DANK, ausatmend JA. Das war auch Jesu Rhythmus, vom ersten Atemzug des Neugeborenen bis zum letzten am Kreuz, da er seinen Hauch dem Vater zurückerstattet und zugleich der Kirche eingeküsst hat.


Zum Weiterdenken:

Sterndeuter: Umgang mit Zeichen heißt eine Drei-Königs-Predigt von 1992 im alten Korb.

Jürgen Habermas: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Staatspreises 2006

Persischer Denker: Kambiz GhaneaBassiri lehrt in den USA. Zum Namen "Regensburg", dann findet Google seinen bemerkenswerten Essay.

Umgestaltung der Christenheit: Eben der Einbruch des Heiligen Geistes in Welt und Kirche, den Abt Joachim von Fiore vor 1200 angekündigt und den (laut Prof. Ratzinger in seiner Habilschrift) auch der heilige Bonaventura erhofft hat.

Romano Guardini: "Der Herr", S. 360

Buddha: Hier Dialog-Gedanken

Drei-einig: Hier etwas dreidimensionale "Theometrie" (selbstverständlich ist GOTT nicht messbar - doch der christliche Gottesgedanke wäre ohne dreidimensionale Vorstellungshilfe nicht trinitarisch vollziehbar!): Seelisch widerspruchsfrei zueinander senkrecht stehen die drei Sinn-Dimensionen


a) ich/DU-Religion
b) ich-SELBST-Identität
c) ich-EINS-Spiritualität.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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