Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001
Lesejahr B 2002/2003

Eine hochaktuelle päpstliche Einsicht aus dem ersten Jahrhundert

Gedanken zum ersten Sonntag im Jahreskreis


"Wahrhaftig, jetzt begreife ich, daß Gott keine Günstlinge kennt, sondern daß ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist." Des erstaunten Petrus Ausruf versetzt uns in den schärfsten Konflikt der Urgemeinde. Der wurde damals zwar gelöst. Weil die Geschichte der Urgemeinde aber das Grundmuster für alle Epochen der Kirchengeschichte ausgebildet hat, deshalb kann die Einsicht, die den ersten Papst so überrascht hat, auch heute jeden Christen immer wieder wuchtig ergreifen. Wer ihr - rechts oder links - ausweichen wollte, hätte den Glauben, den er mit dem Verstand annimmt und mit dem Mund bekennt, im Herzen nicht erfaßt.

Folgendes war geschehen (Apg 10): Eines Mittags widerfuhr dem Petrus, was man eine Entrückung nennt: ein Erlebnis, überwältigend wirklich für ihn, obwohl es in der äußeren Realität nicht feststellbar gewesen wäre. "Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. Er sah den Himmel offen und ein Gefäß auf die Erde herabkommen, die aussah wie ein großes Leinentuch, das an den vier Ecken gehalten wurde. Darin lagen alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte, und iß! Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. Da richtete sich die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt, nenn du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde das Gefäß plötzlich in den Himmel hinaufgezogen. Petrus war noch ratlos und überlegte, was die Vision, die er gehabt hatte, wohl bedeutete."

Das sollte sich sogleich klären. Ein römischer Hauptmann lädt ihn zu einem Missionsvortrag ein. Den beginnt Petrus so: "Ihr wißt, daß es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, daß man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf." Es folgt die Petrusrede der heutigen Lesung und die Botschaft von Jesu Auferstehung. Dann geschieht das Außerordentliche: "Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, daß auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen. Petrus aber sagte: Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Danach baten sie ihn, einige Tage zu bleiben."

Wie geht es weiter? Wie nicht anders zu erwarten, und wie es im offiziellen Gottesvolk immer wieder zugeht, sooft der Heilige Geist sich erkühnt, irgendwo außerhalb der eingefahrenen Gleise der erwählten Schar tätig zu werden: "Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor: Du hast das Haus von Unbeschnittenen betreten und hast mit ihnen gegessen." Petrus verteidigt sich: "Wer bin ich, daß ich Gott hindern könnte?"

Bekannt ist die spöttische Erwiderung der vermeintlich allein Rechtgläubigen: Mancher schon habe seinen persönlichen Vogel für die Taube des Heiligen Geistes gehalten. Das stimmt. Es gibt Lügenpropheten und Spinner, kollektive Be-geist-erung ist eine zweideutige Angelegenheit. Im Rückblick zeigt sich manchmal, daß die Zweideutigkeit nichts als das zugleich riskante und chancenreiche Erscheinungsbild einer tieferen Doppeldeutlichkeit gewesen ist. Uns "Christen deutscher Zunge" bietet sich das Beispiel der Reformationszeit an, als Luther wie das Papsttum den einen als heilig, den anderen als teuflisch galt.

Martin Luther unter der Taube

Hans Baldung Grien, 1521

Martin Luther unter dem Raben und als Kochgehilfe des Teufels

Ausschnitt aus dem Flugblatt eines unbekannten Künstlers, etwa 1520

Heute dürfen wir gemeinsam hoffen, es habe zur Lutherzeit auf beiden Seiten neben menschlicher Hoffart auch echter geistgewirkter Glaube sich betätigt. Haben derlei Erinnerungen aber nicht denselben Einfluß auf die Gegenwart wie der Wurm auf den Apfel? Wird unser jetziges Handeln tief innen von der Ahnung angefressen, daß man später über uns ähnlich denken wird wie wir über unsere Vorfahren: wie soll jemand da kraftvoll seine Straße beschreiten, von der er ehrlicherweise annehmen muß, daß sie Späteren bloß ein überaus ambivalenter Weg, vielleicht sogar fataler Abweg durchs Gewirr der aktuellen Möglichkeiten gewesen sein wird?

Petrus hat im Geist genau gewußt, was er tat. Deshalb konnte er später auch nachgeben, als er am eigenen Mut irre geworden war und Paulus ihm - in derselben Frage - "ins Angesicht widerstehen" mußte, weil "er sich ins Unrecht gesetzt hatte" (Gal 2,11). Seine erste Einsicht hatte tiefer gereicht, blieb gültig, prägt bis heute christliches Verhalten, wo es diesen Namen verdient. In jedem Volk ist jeder Mensch, der gut zu sein sich müht, Gott willkommen. Keine Günstlingswirtschaft gibt es beim Herrn des Alls. Weder Christen noch Juden noch Muslime noch Brahmanen noch sonstwer ist vor ihm etwas Besonderes.

Das hat Gott dem ersten Papst offenbart; auch um diese Wahrheit auf Erden bewußt zu machen, entstand die Christenheit. Ihr Besonderes ist der Glaube, daß keine Glaubensweise etwas Besonderes ist, auch sie nicht. Einem Verstand, der alles total aufhellen möchte, bleibt dies Paradox eine Dauerstörung; gut mit ihm leben kann jedoch, wer sich selbst als endliches Lebewesen unter unendlichem Himmel annimmt. Dann versucht er gar nicht erst das Unmögliche, sich dem Urteil kommender Zeiten anzupassen, sondern nimmt seine bestimmte Perspektive als Willen des Schöpfers an und urteilt getrost je jetzt und hier.

Die folgende "Entparadoxierungs-Strategie" schlage ich vor: Wie der Jude Petrus damals den Heiden Kornelius als vor Gott gleichberechtigt anerkannte und deshalb durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufnahm, so soll jede Christin und jeder Christ heute einen andersdenkenden Mitmenschen als vor Gott gleichberechtigt anerkennen. Zu diesen andersdenkenden Mitmenschen gehören auch, ja (wegen der Struktur-Parallele) gerade die unreligiösen "Heiden": skeptische oder gottlose Humanisten.

Der damaligen Einsicht des Petrus entspricht genau jene theologische Fackel, die sich dem Martyrer Dietrich Bonhoeffer im Nazi-Zuchthaus entzündet hat, deren Flamme dann die Kerzen des 2. Vatikanischen Konzils zum Leuchten brachte und von keinem provozierten Sauerstoffmangel mehr ausgelöscht werden kann, denn der Himmelswind weht.

Am 30. April 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer aus dem Berliner Kerker: "Die paulinische Frage, ob die Beschneidung Bedingung der Rechtfertigung sei, heißt m.E. heute, ob Religion Bedingung des Heils sei."

Diese evangelische Aktualisierung der Einsicht des Petrus wird in dessen römischem Dom vom Konzil (Kirche,16) feierlich bestätigt: "Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen."

Was folgt aus dieser prinzipiellen Anerkennung praktisch? Wer sich der Auskünfte von Radio Eriwan erinnert, weiß gut, daß mit "im Prinzip: ja" noch nicht alles gesagt ist. Petrus hat den Kornelius als Heiden zwar geachtet aber nicht gelassen sondern gleich zum Christen gemacht. Hätte er sich nicht taufen lassen, wäre es mit der Achtung dann vorbei gewesen? In der Urkirche nicht. "Ehrt alle!" werden die Christen im ersten Petrusbrief (2,17) ermahnt.

Anders denkt die Reichskirche. 1442 unterschreibt des Petrus Nachfolger Eugen IV. ein Dekret des Konzils von Florenz, das mit seiner Autorität diese extremen Sätze des Bischofs Fulgentius († 532) bekräftigt:

"Die hochheilige römische Kirche, von der Stimme unseres Herrn und Heilands gegründet ... glaubt fest, bekennt und verkündet, daß niemand, der nicht innerhalb der katholischen Kirche existiert, nicht bloß Heiden, sondern auch Juden oder Häretiker oder Schismatiker nicht, des ewigen Lebens teilhaft werden kann, sondern sie werden ins ewige Feuer gehen, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn sie nicht vor dem Lebensende ihr eingegliedert worden sind ..."

Das klingt reichlich unverschämt. Galt aber, und gilt, als Dogma! Um der Ehre so vieler Christengenerationen willen sei versucht, in der ärgerlichen Anmaßung einen Wahrheitskern aufzuspüren. Wie verträgt diese Lehre sich mit der entgegengesetzten des jüngsten Konzils? Welcher Weisung sollen wir - wie - folgen?

Beiden, in zueinander senkrechten Sinndimensionen. Dank sauberer Unterscheidung kommt es zu keinem Widerspruch, ähnlich wie die Grundsatz-Frage "soll ich vorwärts oder hinauf?" jemandem, der scheinbar zwischen Gang und Aufzug wählen muß, sofort verschwindet, sobald er die Treppe betritt. Der notwendige Dimensionen-Spagat hat viele Namen erhalten; leider haben sie alle nicht dazu geführt, daß er dem Kirchenvolk als geistliche Technik vertraut wurde, so daß die Christen mit vollem Herzen beides fertigbringen: ihre Mitmenschen als vor der Wahrheit gleichberechtigt zu achten und ihnen den eigenen Glauben als verbindliche Lebensform vorzuleben.

Unterscheiden wir also zwischen Mystik und Geschichte. Gefordert ist stets, aber trennscharf, beides: Mystisch die Hoffnung des universalen Heils beim gemeinsamen Blick empor, geschichtlich das bezeugende Weiterführen des Christus-Ereignisses heute und hier.

Allerdings ist das klärende Bild der Treppe auch gefährlich. Ihr schräger Anstieg, gemeint als Symbol der Verknüpfung beider Heilsdimensionen Hinauf und Voran, wurde und wird häufig mißverstanden als deren gewaltsame Ineinander-Biegung zu realem Unheil. Dann wird die Geschichte verabsolutiert, für besessene Geister kommt das Absolute nicht nur in die Geschichte sondern geht in ihr auf. Beide Dimensionen müssen jedoch, wie ungetrennt beisammen, so auch unvermischt auseinander gehalten werden. Statt unsere Mitmenschen schräg die Treppe hinauf zu zerren, wie es die konstantinische Kirche bis heute zu versuchen geneigt ist, sollen wir auf jeder Stufe sowohl gemeinsam den Blick nach oben richten wie selber mit der Hand einladend nach vorn weisen. Beides hat Petrus dem Kornelius gegenüber getan.

Und wenn der sich, wie seit damals zahlreiche Juden und Heiden, nicht taufen ließe aber weiterhin "Gott fürchtend täte, was recht ist"? Dann würde sich an der Heilsspannung beider Dimensionen nichts ändern, nur ein aus des Petrus Sicht geschichtlicher Fortschritt bliebe aus. Das wäre aber nicht schlimm; denn für das christliche Gottesvolk gilt, wie für das jüdische: Nicht das äußere Bundeszeichen macht es sondern Glaube, Hoffnung und Liebe. Zwar ist jedem Bundesvolk sein Zeichen -Beschneidung oder Taufe - verbindlich vorgeschrieben, samt allem zu ihm gehörenden Engagement, insofern gibt es für die zur Kirche Berufenen "außerhalb der Kirche kein Heil". Sich selbst aber und die anderen bindet Gott nicht an unser Zeichen; das war Bonhoeffers Einsicht und ist die Wahrheit des Pluralismus.

Ist diese Erkenntnis neu? Unerhört ist sie für jene angeblich Konservativen, die gegen den Zeitgeist wettern und nicht merken, "dass sie dies nicht im Namen der wahren Botschaft Christi tun, sondern lediglich im Namen ebenfalls zeitgeistiger Einbrüche vergangener Zeiten ... Das Anliegen der 'Fortschrittlichen', besser: 'Urkonservativen' ist, ihre Kirchen von all dem zeitgeistigen Geröll zu befreien, das das reine, belebende Quellwasser Jesu Christi verschmutzt hat, damit es wieder Leben spendendes Wasser werden kann."

Der Urgemeinde war die geforderte Zweidimensionalität klar. Im selben Lukas-Evangelium lesen wir drei Sätze, die einlinig Denkenden als Widersprüche vorkommen müssen:

a) "Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch" (9,50).
b) "Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich (11,21)."
c) "Wer euch hört, hört mich; wer euch verwirft, verwirft mich" (10,16).

Diese Aussagen sind keine unverbindlichen Kalendersprüche, sondern bilden miteinander ein verblüffend ausbalanciertes ökumenisches System.

Zweierlei Büromenschen gibt es: die einen brauchen offene Türen, die anderen geschlossene. Dieser Scheidung der Temperamente entspricht in den Religionen der Gegensatz von ökumenisch und konfessionell Eingestellten. Beide Typen kennen sich aus. Der eine trennt die Menschen säuberlich in ökumenisch Gutgesinnte und Hardliner, der andere in Weicheier und Glaubensfeste. Ein derart klares Weltbild ist träumerisch-naiv, das wurde jemandem eines Nachts schmerzlich klar. Im finsteren Schlafzimmer tut es einen Schlag. Au! das war der Kopf. Nase noch dran? Ja, Glück gehabt. Nur der Schädel brummt. Schuld ist, natürlich, sie. Schon will er rufen "also, man macht eine Tür auf oder zu, läßt sie aber nicht halboffen stehen!" - da verstummt er, überwältigt von der Einsicht: Doch. Man kann sie auch halboffen lassen. Im Prinzip nämlich, damit sie dann, je nachdem wohin der Geist sie weht, mal auf mal zu gehen kann.

Sobald sie zu ist, befindet man sich in einer Religion, Konfession oder Sondergemeinde unter sich, die Binnensprache klingt abgrenzend-exklusivistisch; denn ihre Sätze richten sich nur an die eigenen Leute, sind nicht objektiv sondern existentiell gemeint und so durchaus wahr: auch im göttlichen SINN-Leib erlaube ICH z.B. einer Zelle des katholischen Gleichgewichts-Organs nicht, nach Belieben in andere Organe abzuwandern. Außerhalb ihres Zellverbundes gibt es für sie kein Heil.

Ist die Tür dagegen offen, gilt die ökumenische Wahrheit: ICH bejahe die Gesundheit aller noch so gegensätzlichen Organe; deren Teilhabe am kat-holischen Gesamt-SINN ist deshalb ein notwendiges Unterprogramm jedes einzelnen Organ-Programms.

Unser Ausgangsthema, des Petrus Predigt bei Kornelius, enthält beide Dimensionen. "Gott kennt keine Günstlinge. In jedem Volk ist IHM willkommen, wer das Rechte tut": das Rechte, wie ER es von gerade diesem Volk erwartet. Vom Christenvolk erwartet ER, daß die Orthodoxen rechtgläubiger werden, die Protestanten evangelischer und die Katholiken kat-holischer.

"Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?"


Zum Weiterdenken:

Reformationszeit: Die Bilder entnehme ich dem Katalog der Nürnberger Luther-Ausstellung 1983 (Nr. 280 und 286). Eine Adventspredigt von 1971 zum Thema konfessioneller Doppeldeutlichkeit.

Frage an Radio Eriwan: "Stimmt es, daß jeder, der den Roten Platz in Moskau betritt, ein Auto geschenkt bekommt?" Radio Eriwan antwortete: "Im Prinzip ja. Nur handelt es sich nicht um den Roten Platz in Moskau, sondern um den Gorkiplatz in Kiew. Es handelt es sich auch nicht um Autos, sondern um Fahrräder. Und die werden nicht verschenkt, sondern gestohlen!"

Viele Namen: Es ist kaum glaublich, wie vielfach dieselben Grundbegriffe ausgedrückt werden können. In einer Zusammenfassung von 1962 heißt es von der neueren katholischen Ekklesiologie:
Man erkannte auch wieder, daß die irdische Kirche selbst nicht nur ein "äußeres", sondern auch ein "inneres Sein", nicht nur eine unsichtbare", sondern auch eine "unsichtbare", nicht nur eine "hierarchische", sondern auch eine "mystische" Seite, nicht nur einen "Leib", sondern auch eine "Seele" besitzt.
So kann uns die Feststellung, daß die einzelnen Autoren sich einer sehr unterschiedlichen, sei es theologisch, philosophisoh, soziologisch, juristisch, biologisch oder sonstwie geprägten Terminologie bedienen, nicht in der Erkenntnis wankend machen, daß sie in Grunde das Gleiche meinen, wenn sie unterscheiden zwischen "Erscheinung" und "Wesen", "Wirklichkeit" und "Ideal", "Reohtskirche" und "Liebeskirohe"" "Organisation" und "Organismus", zwischen "Gesellschaft" und "Gemeinschaft", sichtbarer "Sakramentskirche" und unsichtbarer "Gnadenkirche", hierarchischer "Kirche" und mystischem "Leib Christi", "Heilsanstalt" und "Heilsgemeinde" - wozu man als evangelische Parallelen ergänzend noch die Unterscheidungen zwischen "Institution" und "Ereignis" und zwischen "Kirchentum" und "Kirche" hinzufügen kann."
(Ulrich Valeske, Votum Ecclesiae, München 1962, S. 30 f)

Die Geschichte verabsolutieren: Davor warnte im September 1967 P. Wilhelm Klein SJ (damals 78), in kleiner Runde den Römerbrief deutend:
"Die Heillosigkeit ist nie das Letzte. Die Sünde ist der dunkle Hintergrund, die Wolke, durch die Gottes Licht immer hindurchscheint. Es ist sehr wichtig, daß wir frohe Menschen sind ... Vor Gott ist kein Ansehen der Person. Sie stehen vor ihm in der Gemeinschaft. Nicht wie Ameisen oder ein Bienenvolk. Aber es hat doch Analogien dahin, daß der Einzelne sich nicht herausstellen soll aus der Gemeinschaft in all den Sünden, die im Grunde alle auf Durchbrechen der Nächstenliebe gehen ... Ich würde nicht sagen: Anonyme Christen, sondern außerbiblische Christen. Sie haben die Bibel nicht, sie wollen sie auch nicht. Sie werden sie vielleicht eines Tages wollen, wenn der Missionar sie mit der Tat predigt ... Wenn's denn doch egal ist im Letzten und wenn es im Letzten darauf ankommt, daß Gott in uns das Gute wirkt und von ihm all unser Wollen und Können kommt, folgt dann nicht daraus Libertinismus? Das wird tatsächlich mir vorgeworfen, mir dem Prediger, und auch im Kreis meiner Gemeinschaft. Es wird vorgeworfen, wir relativieren die Bibel, das heilige Gesetz Gottes, die Sakramente, die Beschneidung, die Taufe, wir relativieren, wir sagen: Das macht es nicht ...
Gott, in die Geschichte kommend, macht doch nicht die Geschichte zur Wahrheit, aber er kommt in die Geschichte, und er kommt auch in die Einmaligkeit der Geschichte. Aber sobald das so verabsolutiert wird: er kommt nur in jene Zeit, selig die damals gelebt haben, wir sind zu spät geboren - da sagt Paulus: So ist es nicht ... Aus der Beschneidung wird die Taufe, aus einem Zeichen ein anderes Zeichen, wir bleiben in der Welt der Zeichen, wir werden nicht aus ihr herausgenommen. Es ist nicht so, als ob das Alte Testament das der Zeichen gewesen wäre und das Neue keine Zeichen mehr hätte ... Die Menschen, die in ihrer Oberflächlichkeit versucht sind, diese ihre Oberfläche der Geschichte zu verabsolutieren, werden immer in der Gefahr sein, daß sie die sog. Tradition der Kirche falsch verstehen, nicht als den immer lebendigen, Mensch werdenden Gott, Christus gestern, Christus heute, Christus immer, sondern sie werden immer versucht sein, einen Christus abzuspalten vor 1967 Jahren, und immer nach dem zurückschauen ... Wenn die Erde und die Weltgeschichte sagen wir einmal statt viertausend, fünftausend, Millionen Jahre weiter geht, so wird immer der Blick von gläubigen Menschen notwendig zurückgehen müssen auf ein ungeheuer fernes Jahr, was sie vielleicht gar nicht mehr ausdrücken können, schreiben können. Aber so ist es nicht. Das ist eine Verabsolutierung der Geschichte, der Einmaligkeit der Geschichte sei es in Vergangenheit, sei es in der Gegenwart, in der Zukunft, sei es bei diesem oder jenem menschlichen Individuum, das wir für eine menschliche Person ausgeben: im Grunde die eigentliche Leugnung unseres christlichen Glaubens ..."

Urkonservativ nennt sich Pfarrer Rudolf Schermann in Heft 1/2003 von Kirche In (S. 4).

Ökumenisches System bei Lukas: Auf Erfahrungen der Integrierten Gemeinde aufbauend erläutere ich es in einem Anhang des Etappen-Buches 2001, S.114-118.

Halboffen: Man kann sich der Unterscheidung Tür zu / Tür auf verweigern, indem man die Mitte wählt. Wer dann zu wissen meint, die Glaubenstür sei (mit senkrechtem Riegel am Boden befestigt) entweder auf oder zu, nimmt an der Mitte Anstoß. So ergeht es manchem, der die Leitunterscheidung Tür zu / Tür auf nach Luhmannscher Manier trifft und einseitig (ökumenisch oder konfessionell) bezeichnet. Der eine trennt die Menschen säuberlich in ökumenisch Gutgesinnte und Hardliner - der andere in Realisten und Weicheier. Stößt er dann auf eine Person, die sich zu dieser Unterscheidung neutral verhält, nicht nur tatsächlich - indem sie den Riegel hochzieht und zwischen beiden Programmen (hoffentlich) geistgeleitet abwechselt - sondern ausdrücklich, indem sie das Recht solcher Abwechslung zu ihrem "Standpunkt" erwählt, d.h. die Tür halboffen stehen läßt, dann kann, ähnlich wie in jenem Schlafzimmer, ein rüder Anstoß den über seiner (so oder anders markierten) Leitunterscheidung Dösenden plötzlich zur neuen Einsicht wecken: Vernünftige durchschauen selbst diese Unterscheidung noch als allzu fixiert, ihnen schwingt frei die TÜR (die Christus ist, Joh 10,7), deshalb gilt gleichberechtigt auch die neutrale Mitte, nennen wir sie (im Gegensatz zu den Ideologien Konfessionalismus und Ökumenismus): unideologische Achtsamkeit auf das, was je "dran" ist.

Kat-holisch

Rabbi Sussja: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim (Zürich 1949), 394


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/apg-1034.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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