Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Die Spannung von Antlitz und Gerechtigkeit

Gedanken zum einunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


A) Die Frage

Im heutigen Evangelium hören wir, wie Jesus ein theologisches Examen besteht. Ein Gelehrter prüft ihn, ob er das wichtigste Gebot weiß, und Jesus antwortet korrekt: "Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden." Der Examinator lobt den Prüfling. Da kehrt Jesus die Perspektive um und bescheinigt dem Fachmann: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes." Haben die Leute, die dabei standen, an Tonfall und Miene gespürt, daß dieses Urteil nicht aus der Studierstube kam, sondern aus dem Herzen der Wirklichkeit selbst? Jedenfalls wird berichtet: "Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen."

Das Wichtigste ist die Liebe. Auch Papst Benedikt hat sein erstes Rundschreiben unter den Titel "Gott ist die Liebe" gestellt. Warum - so fragen viele in der Kirche wie draußen - warum tritt die offizielle Kirche immer wieder scheinbar derart lieblos auf? Aus den Vorwürfen greife ich hier nur ein Beispiel heraus. Offenbar sind nicht wenige Menschen als Homosexuelle geschaffen - warum wird ihre Liebe zueinander kirchlich verteufelt?

Kann man diesen Zwiespalt verstehen? Und läßt er sich so bewältigen, daß weder die Liebe zu kurz kommt noch das, was die Kirche als Heilswahrheit den Menschen nahebringen will? Unmöglich scheint das auf den ersten Blick. Erinnern wir uns aber: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich" (Lk 1,37).

B) Das in sich gespannte Prinzip

Lassen wir das bestimmte Problem zunächst beiseite und gehen wir die Frage grundsätzlich an. Es gibt nie nur mich und dich, meinen Nächsten, da ist auch jene dritte Person, die uns beide angeht. Eine Mutter liebt ihr Kind, möchte dem Söhnchen seine Wünsche erfüllen. Was aber, wenn das kleine Monster seine Schwester an den Haaren durchs Zimmer schleifen will? Dann muß die Mutter ihm aus Liebe zu ihr widerstehen, es frustrieren, sagte man einst. Die Liebe bleibt unter ihrem Gegenteil, dem Zorn, verborgen.

Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas war einer der bedeutendsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. Ihm ist das "Antlitz des Andern" der wahre Sinn des Lebens. Am Allerursprünglichsten, vor meinem Sein, vor meiner Freiheit, sei in mir die Verantwortung vor dir: "Das Verhältnis zum Anderen ist etwas Originäres. Das Ethische ist ... der Anfang des Sinnes. Es ist ein Versuch, nicht von der Welt her zu denken, sondern vom Anderen - von der Nacktheit des Gesichtes, das mir begegnet. Denn es scheint wirklich so, daß die Freiheit nicht das erste ist, was das Mensch-Sein bestimmt. Das erste ist die unendliche Verpflichtung des Ich." Levinas war überzeugt, daß radikal gefaßte Nächstenliebe der gültige Kern des jüdisch-christlichen Erbes ist, der bis heute allen modernen Entwertungen getrotzt hat: "Heute werden die Werte nicht umgewertet, sondern schlicht entwertet. Man glaubt fast an nichts. Der einzige Wert, der dennoch besteht, noch in ganzer Kraft besteht, ist der Wert des Anderen. Man kann sagen, daß dies von einem neuen Humanismus zeugt. Neu daran ist: Es geht nicht darum, daß der Mensch als solcher Wert hat, sondern als der Andere. Als der Andere geht er meinem Wert vor."

So entscheidend wichtig diese Botschaft - die des heutigen Evangeliums - auch ist, so sehr weiß Levinas doch, daß über ihr etwas anderes nicht vergessen werden darf. Es gibt den Dritten. Wie "das Antlitz", gehört auch "der Dritte (le tiers)" dank Levinas in die zeitgenössische Denksprache. Seine Belange müssen die Klarheit des Ursprungs stören: "Wenn ein Dritter erscheint, muß man sich entscheiden ... Und es beginnt, was man Gerechtigkeit nennt ... [so daß] wir in der Gesellschaft, in der ja schon immer ein Dritter dabei ist, nicht mehr in dieser Schärfe der Einzigkeit des Ich leben. Wenn aber diese Schärfe verlorengeht, dann besteht die Gefahr, daß im Menschen die Bestie sich wieder zeigt. Dann ist der Staat die einzige Grenze zu diesem Zustand ... Wenn man mehr als zwei ist, also in der Gesellschaft, muß man vergleichen, kalkulieren. In der ursprünglichen Situation gibt es keine Berechnung."

Sie sehen, wie ausgewogen dieses Denken ist. Ursprünglich bin ich von deinem Anspruch bestimmt, als erstes Prinzip gilt die Nächstenliebe. Weil es neben - oft gegen - dich aber auch den Dritten gibt, der gleichfalls mein Nächster werden kann, deshalb braucht es das uns alle berücksichtigende Denken der Gerechtigkeit. Auch es darf sich freilich nicht als allein maßgeblich aufführen, sonst enden wir als Büttel oder Opfer eines herzlosen Apparats. (Nach Jahrzehnten im Arbeitsamt weiß ich, wovon ich rede.) Wider die Arroganz der Apparate muß ich dein nacktes Antlitz immer neu als ursprünglichen Ruf an mich gelten lassen - allerdings auch aufpassen, daß dein Gesicht nicht von deinem psychischen Apparat überwältigt wird, der meine Beziehung zu einem Dritten tötet, bevor dessen Antlitz mir aufleuchten kann. Es darf bei der Schwingung zwischen Antlitz und Gerechtigkeit nie einen Schlußpunkt geben, mehr als bei theoretischen Themen gilt hier Wilhelm Kleins Feststellung: "Wer einen Punkt macht, lügt."

C) Ein Lösungsvorschlag

Das geistliche Ineinander von Gerechtigkeit und Antlitz erlaubt auch beim christlichen Umgang mit Homosexualität keine starre Regel. Liebe ist das Höchste - dennoch spricht für das Tabu zum einen die Verbundenheit mit der eigenen Tradition wie auch mit den Schwesterreligionen Judentum und Islam (in der anglikanischen Kirche droht Afrika mit Spaltung, weil in den USA ein Schwuler Bischof wurde), hauptsächlich aber ein innerer Glaubensgrund: Aufgabe der Kirche ist es, das Zeichen für Gottes Heil zu sein. Es besteht in unserer menschlichen Teilhabe an der drei-einen Liebesgemeinschaft im einen göttlichen Bewußtsein. Sie wird zwar auch von einer gleichgeschlechtlichen Freundschaft abgebildet: in Form der Zweier-Analogie DU-ICH-WIR. Was einem solchen Paar fehlt, ist aber die Dreier-Analogie des anderen Zeichens Familie, wo das Kind (ICH) als Leibesfrucht in IHR beginnt, dann, geboren, zu DIR hin schaut, bis es dank der durchlebten Spannung zwischen Geborgenheit im EINS der Liebe und Gefordertheit von DIR dem bestimmenden Anderen allmählich zum SELBST reift, das sich im Seiltanz des Herzens zwischen den Sinnpolen Urvertrauen, Gehorsam und Selbstgewißheit mehr oder minder vollkommen bewegt. Das zu können ist seelische Gesundheit, sie zu bedeuten und dadurch zu befördern ist die Kirche da.

Weil einem Homo-Paar solch klare Dreipoligkeit abgeht, deshalb steht es außerhalb des vollen Heilszeichens, das die christliche Kirche sein soll [in Spanien wird gerade prozessiert, ob das Kind eines Lesbenpaares offiziell zwei Mütter hat oder nicht!], da anderseits eine gelingende homosexuelle Beziehung als leuchtendes Ineinander von DU, ICH und WIR durchaus ein gültiges Heilszeichen ist, deshalb kann nicht nur der einzelne Christ sondern auch die Kirche selbst mit Gemeinschaften ohne Homo-Tabu - mögen sie sich Kirchen nennen oder sonstwie - krampflos ökumenisch-geschwisterlichen Umgang pflegen, ohne den mindesten Hauch von Diskriminierung. Biblisch gesprochen: Der Weg vom verlorenen Sohn (der bereuen und bekennen muß, ehe die Familie ihn wieder ans Herz zieht) zum getrennten Bruder (dessen zu meiner widersprüchliche Gewissensentscheidung ich auch öffentlich achte) - dieser Weg sollte nicht mehr, wie bislang - denken wir an die Beziehung von Katholiken zu Luther und den Seinen - Jahrhunderte dauern, sondern in einem Moment geschehen.

Es handelt sich um eine Frage des rechten Rhythmus. Vor der Entscheidung eines einzelnen muß die Kirche um ihres Zeugnisses für das volle Heil willen von einer wesenhaft unfruchtbaren Liebschaft abraten - wie ja auch von der Amputation eines vielleicht noch heilbaren Beines. Es leichtfertig abzuhacken, weil Einbeinige doch auch vollwertige Menschen sind, kann nicht im Sinn unseres Schöpfers sein, ist auch nicht im Sinn der Einbeinigen. Träte die Kirche dem Anspruch der Schwulen und Lesben auf volle Gleichberechtigung nicht entgegen, geriete möglicherweise manch junger Mensch auf eine allzu verengte Lebensbahn. Als Vater von Fünfen bin ich dem kirchlichen Homo-Tabu dankbar bei der Erinnerung an jenen glühenden Sommertag, als bei Rom zwei lachende Seminaristen erhitzt durch einen Weinberg streiften und ich eine unbegreiflich zauberhafte Anziehung spürte, ohne zu wissen, wozu. Die uns beiden eingepflanzte Scheu ließ neugieriges Ausprobieren nicht zu. Die Wissenschaft ist sich nicht einig, mit wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit meine Kinder ihre Existenz auch diesem damals wirksamen Tabu verdanken; aus dieser Ungewißheit schöpfe ich meine Überzeugung: Weil die Institution Kirche es zu jeder Zeit auch mit Menschen zu tun hat, die sich existentiell in solch ungeklärter Schwebe befinden, deshalb darf sie es um des vollen Lebens der Vielen willen bei ihrem Veto belassen. Bevor der jüngere Sohn fortging, hatte sein Bruder, der ihn zurückhalten wollte, nicht nur unrecht. Anders, als er danach des Verlorenen Heimkehr nicht mitfeiern wollte. Da stürzte er selbst in eine noch tiefere Verlorenheit.

Wandeln wir Jesu Gleichnis fürs jetzige Thema ab. Nicht als Bettler kommt der Verlorene zurück, sondern in mäßigem Wohlstand, begrüßt Mutter und Vater, und sagt zum Bruder: Schön, Lieber, daß ich dich wiedersehe. Aber in mein altes Zimmer neben deinem ziehe ich nicht mehr ein. Die Regeln, die unter diesem Dach gelten, können nicht meine sein. Der verlorene Sohn bin ich nicht mehr, laßt mich als getrennten Bruder in einiger Entfernung von eurem Hof mein anderes Dasein leben. Zu den Festen laden wir einander ein. Gell, ich g'hör zu uns der Großfamilie, auch wenn ich zu eurer Kleinfamilie in beiderseitigem Einvernehmen nicht gehören kann. Let's agree to disagree. Einverstanden?

Wiese der Ältere dieses Angebot zurück, hätte er dafür nur schlechte Gründe. Ähnlich könnte der Papst am Dienstag im Interesse der Familien gegen die Lesben-Ehe von Christinnen wettern und bei der Mittwochs-Audienz einem schwulen Oberbürgermeister mit ungeheuchelter Freundlichkeit ins Antlitz blicken und die Hand reichen. Da er für dessen Lebensform jetzt keinerlei Verantwortung trägt, gilt nicht mehr das Vorher-Prinzip "Nein!" sondern die Nachher-Regel "deine Sache". Sollten unbekehrte ältere Geschwister den Händedruck als angebliche Aufweichung klarer Werte anprangern, müßte man ihnen zu bedenken geben: Jesus hat seinen Liebesprotest gegen jeglichen Ausschluß mit dem Tod besiegelt, Gott selbst bestätigte ihn durch die Auferstehung, der Heilige Geist hat ihn der Kirche als Lebensprinzip eingestiftet - seither ist Diskriminierung die eigentliche Sünde. Gutgemeinte Vorschriften packen sie nur schwer (der Buchstabe macht es nicht), doch ist die unvergebbare Sünde wider den Heiligen Geist (Mt 12,32) das Allergefährlichste, worein ein Christ sich verstricken kann.


Zum Weiterdenken:

Levinas: Die Zitate stammen aus seinem (deutsch gesprochenen) Text "Das Ich kann nicht vertreten werden", F.A.Z. vom 15. April 1995, ohne Seitenzahl.

Wider die Arroganz der Apparate: Ein Buch dieses Titels (Nürnberg 1984) ist in der Druckfassung vergriffen, findet sich aber auf der unten angebotenen CD.

Lösungsvorschlag: Ausführlicher hier.

Gell, ich g'hör zu uns war 1982 ein kindlicher Heilsblitz.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/antlitz.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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