Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Fair zu allen werden - stets neue Aufgabe

Gedanken zum sechsten Sonntag im Jahreskreis


"Werdet unanstößig sowohl Juden als auch Griechen als auch der Gemeinde Gottes." Welch ein Programm! Was Paulus mit ein paar Worten schnell hinwirft, hat er selber nicht geschafft, obwohl er sich ausdrücklich als Vorbild hinstellt: "wie auch ich in allem allen gefalle, indem ich nicht meinen Nutzen suche sondern den der Vielen, damit sie gerettet werden." Erreicht hat er das nicht. Von Juden erhielt er "fünfmal die 39 Hiebe" (2 Kor 11,24), noch heute gilt er ihnen als abtrünniger Urheber der Gegenreligion Christentum, während Jesu Verkündigung noch ein innerjüdisches Programm gewesen sei. Von den Griechen anderseits wurde Paulus nicht ernst genommen; als die Leute in Athen "von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören" (Apg 17,32). In der urchristlichen Gemeinde schließlich gab es Kreise, denen Paulus stets eine etwas unheimliche Randfigur blieb, schwerverständlich-zweideutig (2 Petr 3,16), ja korrekturbedürftig: "So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat," schreibt der angesehene Judenchrist Jakobus, vermutlich um die scheinbare Gegen-Behauptung des Paulus (Röm 3,28) richtigzustellen.

Juden, Griechen und Christen unanstößig zu werden (so die wörtliche Übersetzung) war damals schwierig; uns heute vorgelesen, scheint die Mahnung kaum jemanden zu treffen. Mit Juden und Griechen haben die meisten wenig Umgang. Zielt das "Wort des lebendigen Gottes" an uns vorbei? Das kann nicht sein. Recht verstanden, ist es vielmehr brandaktuell und zentral bedeutsam. Wie verstehen wir es recht?

Indem wir begreifen: das damalige Spannungsgefüge Juden/Griechen/Christen entspricht der heutigen Spannung Gläubige/Unreligiöse/Christen. Es sind dies drei fundamental voneinander verschiedene Weisen, wie jemand sich als Mensch in der Welt verstehen kann. Es gibt noch andere, die Paulus damals nicht im Blick hatte (z. B. Buddhisten, Hindu-Mystiker, Stammeskulte). Wo Paulus "Juden" sagte, dürfen wir alle die gemeint wissen, die sich vom einzigen Gott in seine besondere Heilsgemeinschaft berufen glauben: fromme Juden, Muslime, Bahais sowie religiöse Christen, von den Sondergruppen wie Mormonen, Zeugen Jehovas, Adventisten bis zu den Freikirchen und großen Volkskirchen der Christenheit. Ihnen allen, auch den sogenannten Fundamentalisten unter ihnen, sollen wir keinen Anstoß geben, will sagen, wir sollen ihnen deutlich machen, daß wir mit ihnen zusammen Gottes Anspruch bejahen, der einzig maßgebliche Herr des Ganzen zu sein.

Da dies auch unser Credo ist, gäbe es insoweit kein Problem - wäre da nicht die nächste Aufgabe: auch den unreligiösen "Griechen" nicht anstößig zu sein. Natürlich gab es zur Zeit des Paulus auch viele religiöse Griechen, die Zeit der Götter war noch keineswegs um. Trotzdem darf man heidnische Religiosität und aufgeklärte Religionslosigkeit - damals wie heute - in unserem Kontext unter dem einen Etikett "unreligiös" deshalb zusammenfassen, weil diese Menschen nicht an den einen Gott glauben, der die Menschen in seine Heilsgeschichte ruft. Ob sie daneben mehr oder minder aufgeklärt oder esoterisch angehaucht sind, ob getauft, ob Kirchensteuerzahler oder nicht, ist unwesentlich.

Wie stellen wir es an, ihnen ebenfalls unanstößig zu sein? Indem wir auch ihnen einräumen, worum es ihnen im Prinzip geht: daß es einen Gott, der sich aller Welt auf weltlich klar vernehmbare Weise kundgetan hätte, tatsächlich nicht gibt, daß man sich wehren muß, wo Menschen angeblich im Namen Gottes anderen unzumutbare Lasten aufzwingen, daß vielmehr allen Menschen das Recht zusteht, nach ihrer Fasson selig zu werden. Wie in der Aida keine all-zuständige Figur mit Namen Verdi auftritt, so im Universum kein Gott, das stimmt schon.

Mit "Juden und Griechen", das heißt also Frommen und Unreligiösen je einzeln auszukommen ist gar nicht so schwer. Weil beide mit dem Wort "Gott" nicht dasselbe meinen, können aufgeklärte Christen beiden Seiten zustimmen: den Frommen, daß der gute Schöpfer und Herr des Universums der all-entscheidende Sinn-Pol jedes Menschen und jeder menschlichen Kultur ist; den Unreligiösen, daß es einen Gott, wie sie allein ihn denken können, als eine Art Oberwaltungsdirektor des Kosmos, das heißt einen Faktor x + 1 innerhalb der Welt über dem Rest der Welt, in Wahrheit nicht gibt und nie gegeben hat.

Schwierig wird es für die christliche Gemeinde, sobald sie - wie es schon bald geschah - in der Öffentlichkeit und folglich vor beiden Seiten zugleich steht. Wie soll sie sich verhalten? Verkündet sie Gottes Anspruch, gibt sie den Aufgeklärten Ärgernis; tritt sie religionskritisch auf, stößt sie die Frommen vor den Kopf; unternimmt sie es (wie ich jetzt), sich beiden Seiten zu erklären, ist das Ergebnis oft genug eine falsche Versöhnung der sonst zerstrittenen Parteien: wir wissen mindestens, worum es geht, um einen unvermittelbaren Widerspruch nämlich, du mit deinem Wischi-Waschi hingegen hast noch nicht einmal den Ernst der Frage kapiert!

Wie antworte ich? So, daß es den "Griechen" dumm und den "Juden" ärgerlich klingt: indem ich beiden nicht glatt widerspreche! Könnte menschlicher Verstand diese Frage angemessen lösen, so begriffe er das Geheimnis des Ganzen; da auch der Vernünftigsten Gehirn das nicht vermag, muß es im Dienst eines angemessenen Gesamtverständnisses auf Erden immer die drei einander ausdrücklich widersprechenden Gruppen geben, von denen Paulus spricht: die "Juden" als sich beauftragt Glaubende des wahren Gottes, die "Griechen" als kritische Kämpfer gegen den weltlich mißbrauchten falschen, die "Christen" als beiderseits beargwöhnte Vermittler zwischen ihnen - auch über ihnen? Nur im selben Sinn, wie "Juden" und "Griechen" sich ebenfalls je über den beiden anderen fühlen: indem sie bei der eigenen Perspektive nur auf die Wahrheit achten, bei den fremden nur auf die Falschheit. Diese Einstellung ist beim existentiellen und gemeindlichen Vollzug im Kleinen angebracht, anders können wir Menschen nicht leben. Sie soll aber durch freundschaftliche Ehrfurcht vor den anderen und demütige Selbstrelativierung beim ökumenischen Leben der größeren Gemeinschaft hin und wieder ergänzt werden - keineswegs auf Dauer ersetzt! Synkretistisches Einerlei und abstrakte Allgemeinheit taugen nicht zur geistlichen Wohnung.

Von Gottlosen und Ayatollahs, nicht nur persischen, angegiftet oder belächelt, versucht christliche Vernunft immer wieder gewissenhaft, allen in allem zu gefallen. Nicht liebedienerisch, nicht als Fähnlein im Wind. Sondern gefallen sollen wir jeweils dem ganzen Ich des Mitmenschen, nicht seinem irgendwo verirrten Teil. Nicht selten braucht der andere gerade deinen Anstoß, wartet am Ende gar auf ihn.

Hier ist freilich die Sackgasse jeder allgemeinen Theorie erreicht, sinnvoll weiter geht es nur auf engen Pfaden persönlicher Verantwortung. Darf deine "jüdische", lies: fromme Bekannte von dir Respekt vor ihrer Religiosität fordern, wenn sie ihre Kinder nach altem Brauch in die Kirche drängt, oder bedarf sie deiner Aufklärung, daß diese Kinder eher "griechisch" fühlen und bei solcher Erziehung statt frömmer nur gottvergiftet oder zynisch werden?

Ist es, umgekehrt, für deinen freidenkerischen Freund besser, du bejahst seinen fortwährenden Abschied aus kindlichem Religionszwang, weil nur ein freier Mensch wahrhaft gläubig sein kann? Oder ist inzwischen der Tag gekommen, da er dein Zeugnis für den unentrinnbaren Anspruch des wirklichen Gottes braucht?

"Werdet unanstößig", heißt, exakt übersetzt, des Paulus Mahnung. Das ist tröstlich, deutet dieser Wortlaut doch die Vermutung an, daß wir es zunächst nicht sind. Wie sollten wir! Jeder schleppt von Jugend auf eine Unmenge Vorurteile mit. In besseren Kreisen war das sogar ein Erziehungsziel, das ist zum Glück vorbei. Oder war der konservative Baron im Gespräch mit seinem liberalen Bruder bloß ehrlicher als heutige Erzieher?

"Meine Kinder werden dich lehren, was das heißt, erzogen sein in Ehrfurcht vor dem Ehrwürdigen, aber - ohne Vorurteil ..."
"Deine Kinder! Bleib mir mit deinen Kindern vom Leibe!" schrie Friedrich auf und focht mit verzweiflungsvoller Hast in der Luft umher, als gälte es, von allen Seiten in hellen Schwärmen heranfliegende kleine, vorurteilslose Gemperlein von sich abzuwehren, "sie dürfen mir nicht über die Schwelle, deine Kinder! Ich verbiete ihnen mein Haus!"
Tief verletzt in seinem etwas verfrühten Vaterstolze wandte Ludwig sich ab.
"Kinder ohne Vorurteile!" fuhr Friedrich empört fort, "Gott bewahre einen vor solchen Ungeheuern!"

Als Mensch konnte nicht einmal die göttliche Wahrheit in Person sich von Vorurteilen frei halten, hätte Jesus die flehende heidnische Mutter sonst mit einer Hündin verglichen? Zu persönlicher Schuld wird ein Vorurteil erst, wenn jemand es aktuell zu einem negativen Urteil verfestigt, obwohl er es dank der Begegnung mit wirklichen Mitmenschen aufgeben sollte, um diesen gemäß der Mahnung des Apostels "unanstößig" zu werden.

"Unrein! Unrein!" mußten die unglücklichen Aussätzigen rufen, damit niemand ihnen zu nahe kam und sich ansteckte. Im heutigen Evangelium mißachtete Jesus die Distanzvorschrift, "streckte seine Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es. Werde rein! Sofort wich der Aussatz von ihm, und er war rein." Als die Gemeinde Gottes in Europa mächtig war, hat sie weder die Mahnung des Apostels befolgt noch sich an das Vorbild ihres Stifters gehalten. Sich Aussätzigen freundlich zu zeigen, überließ sie ihren Heiligen, offiziell hat sie Juden und Heiden, Ketzer und Hexen zu Aussätzigen erst gemacht, aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen. Wir wollen das nicht vergessen sondern uns prüfen, wie sehr das Gift kränkender Vorurteile, das die Älteren ja reichlich mitbekommen haben, das Blut unseres Geistes noch immer verseucht. Selbst wenn wir nichts finden, ist es ratsam, die Bitte des Aussätzigen herzlich mitzubeten: "Wenn du willst, kannst du mich rein machen!"


Zum Weiterdenken:

Aida

Christen als Vermittler: Nicht nur, indem sie in Jesu Nachfolge die Zweideutigkeit der Religion aufdecken ("Vater Unser" / "den Alten ist gesagt worden - ich aber sage euch"), sie verbinden auch in ihrem Rhythmus des Handelns beide gegensätzliche Wahrheiten. Das hat niemand klarer erkannt und deutlicher vorgelebt als Ignatius von Loyola, zeigt der französische Jesuit Gaston Fessard. Um die hier noch verborgenen Takte des Heiligen Geistes (die Buddha-Offenbarung) ergänzt, ist dies unser dreieiniger Lebensrhythmus. Ausführlicher in diesem Buch:

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Das Buch (94 Seiten, Nürnberg 1996, ISBN: 3-923733-21-6, Preis: 10 Euro) gibt es - mit 10% Rabatt - direkt beim Autor.

Unser göttlicher Rhythmus wird auf den Seiten 65-73 dargestellt. Drei gegensätzliche Sinn-Takte vor der Gott-menschlichen Freiheitsmitte und drei nach ihr: dies scheint mir eine gültige Ausprägung christlicher, weil trinitarisch-inkarnatorischer Philosophie, auch ökumenischer; denn zu jeder der großen Glaubensweisen enthält sie einen Brückenpfeiler.

Baron: Marie von Ebner-Eschenbach, Die Freiherren von Gemperlein

Hündin

Hexen: Erschreckende Auszüge aus päpstlichen Dokumenten zwischen 1374 und 1484 finden sich hier, 1967 zusammengestellt, um die Fehlbarkeit der damals noch geltenden katholischen Mischehe-Regelungen zu untermauern. Die haben sich seither erledigt, dafür drohen andere Minenfelder, auf denen die Erinnerung an die Hexen uns vor unangebrachter Bravheit warnen kann.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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