Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

In vieldeutigen Bildern: eindeutige Hoffnung

Gedanken zum fünften Sonntag der Osterzeit


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Vorsicht vor alles-neu-Machern!

Eindeutige Verheißungen? Nein.

Aber gläubiges Vertrauen schafft Eindeutigkeit

Ergreifende Zeugnisse Todgeweihter

Auf den gelebten, nicht den "gehabten" Glauben kommt es an

Utopisches Symbol: Kirschbaum voller Blüten und Früchte

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Vorsicht vor alles-neu-Machern!

"SEHT ICH MACHE ALLES NEU." Ist das eine eindeutige Verheißung, nur erfreulich, ohne Grund zu Sorge? Keineswegs. Macht ein Mächtiger alles neu, was wird dann aus dem, was uns vertraut war, aus den Erfahrungen unseres Lebens? Sie sind am Ende, gelten nicht mehr. Angehörige von Firmen und Behörden können davon ein Lied singen. Tobt sich an der Spitze ein neuer Besen aus, zieht man an der Basis die Köpfe ein und sucht zu retten, was zu retten ist. Ähnlich kämpft mancher Mann gegen das Ansinnen, jene unmögliche Jacke endlich für eine neue zu opfern.

Eindeutige Verheißungen? Nein.

Eindeutige Verheißungen gibt es nicht, überhaupt keine eindeutigen Wörter. Ohne Glaube, Hoffnung, Liebe sind sie allesamt zweideutig, mehrdeutig, vieldeutig, und auch diese drei entgehen, als Wörter, demselben Schicksal nicht. Hoffen und Harren hält manchen zum Narren, wer's glaubt wird selig, im Namen der Liebe wurde mehr Unrecht getan als im Namen der Macht - nein, die Wörter machen es nicht, auch nicht das Wort "neu". Zu Zweifel und Spott findet sich immer ein Grund. Selbst die herrlichen Worte "Ewiges Leben" erfordern Vorsicht. Verliert nicht, was man immer hat, seinen Reiz?

Aber gläubiges Vertrauen schafft Eindeutigkeit

Und doch! Was dem zupackenden, be-greifen wollenden Wissen sich entzieht, ist für unser Vertrauen die vollkommen klare Wahrheit, auf die wir unbesorgt unser Leben wetten. Wie halt eine Freundesgruppe sich auf ihren Freund blind verläßt. "Kinder", sagt im Evangelium Jesus zu den Seinen, die fast ebenso alt sind wie er, aber so redet man unter Freunden. Kinder, hab' ich einen Hunger, was gibt's denn? Im Kontext von Freundschaft wird auch unsere Lesung aus dem letzten Bibelbuch zu der durch und durch beglückenden Botschaft, wie sie von allen christlichen Jahrhunderten gehört worden ist. Besonders in schlimmen Zeiten. Als Trostbuch für Verfolgte ist die Johannes-Offenbarung ursprünglich zusammengestellt worden, nicht aus den Visionen eines Irren (auch das hat man schon vermutet), vielmehr mit kühlem Blut als Collage aus einer Unmenge von Zitaten des Alten Testaments, das zeigt ein Blick auf die Verweise am Seitenrand des Bibeltextes.

Ergreifende Zeugnisse Todgeweihter

Gibt es eine tröstlichere Vorstellung als ein liebes Gesicht, das sich über meines neigt, und eine liebe Hand, die mir die Tränen aus den Augen wischt? In dem feierlichen Augenblick, als Kaplan Hermann Lange vor seiner Hinrichtung durch die Nazis den Abschiedsbrief an seine Eltern schrieb, fiel ihm dieses Bild ein: "Wenn Ihr mich fragt, wie mir zumute ist, kann ich Euch nur antworten: Ich bin erstens froh bewegt, zweitens voll großer Spannung! Für mich ist mit dem heutigen Tage alles Leid, aller Erdenjammer vorbei - und ‚Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen'. Welcher Trost, welche wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tode vorangegangen ist! An ihn habe ich geglaubt, und gerade heute glaube ich noch fester an ihn und werde nicht zuschanden werden ... Was kann einem Gotteskinde schon geschehen, wovor sollte ich mich denn fürchten? ... Seht, die Bande der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja nicht durchschnitten. Ihr denkt an mich in Euren Gebeten, und daß ich allezeit bei Euch sein werde, für den es jetzt keine zeitliche und räumliche Beschränkung mehr gibt ..."

Auf den gelebten, nicht den "gehabten" Glauben kommt es an

Thomas Mann, der 1954 im Vorwort zu dem Buch "Briefe Todgeweihter" dieses Glaubenszeugnis bringt, fährt fort: "'Daß ich allezeit bei Euch sein werde': von diesem Gedanken sind auch diejenigen erfüllt, die sich zur Religion indifferent oder ablehnend verhalten ... Ja, es ist merkwürdig, festzustellen, daß diejenigen, die nicht von Gott und vom Himmel sprechen, für die Idee des Fortlebens den höheren, geistigeren, poesievolleren Ausdruck finden. ‚Heute sterbe ich, es ist ein Maitag, wir sind vier im Raum und warten, bis wir scheiden ... Bei Euch, unter Euch werde ich sein, mit Euch werde ich auf der Bank im Garten sitzen, mein Geist wird immer mit Euch sein ... Euch werde ich mit der Morgenröte zulächeln, Euch mit der Dämmerung küssen. Möge die Liebe, und nicht der Haß die Welt beherrschen ... Ich bin nur ein kleines Ding, mein Name wird bald vergessen werden, aber der Gedanke, das Leben und das Gefühl, die mich durchdrangen, werden weiterleben. Du wirst ihnen überall begegnen, auf den Bäumen im Frühling, in den Menschen auf Deinem Weg, in einem flüchtigen und süßen Lächeln. Dem wirst Du begegnen, was für mich Wert hatte, Du wirst es lieben und mich nicht vergessen.' - ‚Ich werde wachsen und reifen, in Euch werde ich leben, deren Herzen ich einnahm, und Ihr werdet weiterleben, da Ihr wißt, daß ich vor Euch bin und nicht hinter Euch, wie Du vielleicht geneigt warst, zu glauben ... Ich bin nicht alt, sollte nicht sterben, und doch scheint mir alles einfach und selbstverständlich. Nur die jähe Art des Scheidens erschreckt mich im ersten Augenblick. Die Zeit ist kurz, die Gedanken zahlreich. Ich verstehe nicht warum, aber meine Seele ist ruhig ...'
Diese Worte stammen von einem jungen Tschechen, die einen, von einem dänischen Partisanen die anderen."

Wie schön: Alles machst DU neu, in allen, nicht nur in solchen, die dich jetzt schon dafür preisen. Auf religiöse Vorstellungen kommt es überhaupt nicht an! Ein junger Franzose schreibt: "Da ich keine Religion habe ..." Ihm widerspricht Thomas Mann: "Es ist entschieden nicht recht gesagt, dieses ‚Comme je n'ai pas de religion', es ist ein Irrtum. Denn wo Liebe, Glaube und Hoffnung sind, da ist doch wohl Religion."

Utopisches Symbol: Kirschbaum voller Blüten und Früchte

"SEHT ICH MACHE ALLES NEU", im richtigen Kontext ist das keine zweideutige Aussage. Weit weg ist das Ummodeln einer Anstalt in eine Agentur und ähnliche Verschlimmbesserungen. Wie strahlend neu hat der Kirschbaum vor meinem Fenster vor einer Woche geblüht, überirdisch weiß schimmerte die Pracht im Sternen- oder Sonnenlicht. Und jetzt? Über den Boden verstreut der Blütenschnee, recken die Äste sich unansehnlich unter dem grauen Himmel. Aber schon ahne ich ihre dunkelrote Sommerfreude. Zugleich voll strahlender Blüten und leuchtender Kirschen zu sein, das schafft in dieser Zeit kein Baum. Mir gefällt die u-topische Vorstellung, ob einmal auch einem Maler? Zwischen Blüten und Früchten lustig umher klettern eine Menge handgroßer Menschlein in bunten Gewändern, jeder auch selbst die schließlich gelungene Einheit von Jugendblüte und reifer Frucht. "Credo quia absurdum", ruft Tertullian, spero quia impossibile, schließe ich mich an. Illusion? Ich glaube, nein. Illusionen spielen Möglichkeiten vor, nicht Unmögliches.

Wir Gläubigen aber - damit sind, wie gesagt, nicht nur explizit Fromme gemeint sondern im Sinne Thomas Manns alle, die es in Glaube, Hoffnung und Liebe mit sich wie den anderen gut meinen - wir Gläubigen geben gern zu, daß wir nicht wissen und uns auf keine Weise vorstellen können, wie DU DANN ALLES NEU machst. Daß es sich neu macht, darauf verlassen wir uns im tiefsten Herzen, mit oder ohne utopische Phantasien. Auf sie kommt es nicht an. Allein auf DEINE Treue zu allem was DU erschaffen und an DEIN Herz gezogen hast. Kein Gott der Toten willst DU sein sondern der Lebendigen.

"Rubinen gleich die Wunden all", ähnelt das kühne Bild, in dem ein Osterlied Kreuz und Auferstehung zusammenschaut, nicht dem Baum voller Blüten und Kirschen? Nicht zu vergessen seine Zwischenphasen, da die harten grünen Früchtlein wachsen und sich allmählich röten: auch die gehören zum Ewigen Kirschbaumleben. Wie bei uns Menschen die grausamen Stunden. "Auch die Nase!" erwiderte grimmig eine alte Dame, als jemand ihr mit "SIEHE ICH MACHE ALLES NEU" Trost ins Herz zu sprechen versuchte. Krebszerfressen wucherte die Nase in dem ehedem so anmutigen Gesicht. DANN, so vertraue ich heißen Herzens, ist es heil, ganz, ewig neu. Lassen wir uns überraschen!


Zum Weiterdenken:

Keine eindeutigen Wörter:: Daß es solche nicht gibt, war zeitweise die Dauerpredigt von Pater Wilhelm Klein, dem Spiritual im Germanikum. Einmal lobte er einen Wettbewerb aus. Wer ihm ein eindeutiges Wort bringe, dem könne er als armer Ordensmann kein Geld versprechen, werde aber einen Tag sein Brevier für ihn beten. Wir suchten. Einer aus Fulda schlug ihm seine Lösung vor: "Nichts" ist ein eindeutiges Wort, bedeutet schlicht bloß: nichts. Was antwortete der Meister? "Ja das sag' ich euch doch immer, daß nichts eindeutig ist!"

"Im Namen der Liebe wurde wahrscheinlich mehr Unrecht getan als im Namen der Macht", die Vermutung der Pfarrerin Ursula Seitz während ihrer Einführungspredigt in N-Mögeldorf hat leider viel für sich.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/allesneu.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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