Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Freut euch der sommerlichen Ähren!

Gedanken zum elften Sonntag im Jahreskreis


"Automatisch bringt die Erde ihre Frucht." Im griechischen Text des heutigen Evangeliums steht tatsächlich dieses Modewort unserer Zeit (Mk 4,28). Freilich hat es in Jesu Rede vom Reich Gottes nicht den maschinenmäßigen Sinn, den wir dabei empfinden. Wenn die Erde aus einem ihr anvertrauten Samenkorn eine Getreidepflanze aufsprossen läßt, rattert keine ausgeklügelte Apparatur. Bewirkt wird solch wunderbares Wachstum allein von Gottes Schöpferkraft tief in der stillen Energie der Natur: "Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre." Diesen Werde-Rhythmus hatte Jesus bei seinen Wanderungen durch die Landschaft als guter Beobachter immer wieder miterlebt. Jesus war. Wenn er mit der Abfolge verschiedener Gestalten derselben Pflanze das Werden des Gottesreiches vergleicht - dürfen wir ihn auch in diesem Punkt ernstnehmen? Eine Antwort sollten wir nicht von Bibelwissenschaftlern erwarten, sie können nur den Sinn erforschen, den die Worte damals hatten, als sie für die Gläubigen der Urkirche aufgeschrieben wurden. Damals war von einer Folge wesentlich verschiedener Gestalten des irdischen Gottesreichs noch nichts zu sehen, die ruhten allesamt im Schoß der Zukunft, erst ein winziger grüner Trieb schaute schon aus der Erde hervor.

Heute überblicken wir, seit Jesus das Gleichnis erfand und vortrug, bald zweitausend Jahre. Unergründlich sind die Quellen wahrhaft kreativer Menschen, nicht aus den Zeitumständen lassen ihre Eingebungen sich ableiten, diese Einsicht überrascht uns im Mozartjahr stets aufs neue. Erst recht dürfen wir den Sinn des Evangeliums nicht auf das einengen, was strenge Wissenschaftler jenem Wanderprediger aus Nazareth gewußt zu haben erlauben wollen. Auch für uns, zu unserer Ermutigung sind seine Worte aufgeschrieben. Trauen wir uns, sie in diesem Geist zu lesen?

Ein Bauer geht am Feld entlang. Die Saat ist aufgegangen, spitzes Grün erfreut seinen Blick, aber noch kein Ansatz einer Ähre. Wie er Monate später wieder vorbeikommt, wiegen sich volle Ähren im Sommerwind. Gerade so, sagt Jesus, ist es mit dem Reich Gottes. Es wächst aus unscheinbarem Beginn und zeigt erst später, was in ihm steckt und einmal geerntet werden soll. Die Ernte geschieht nach dem Ende der Wachstumszeit: "Gott, der die Saat wunderbar wachsen und zur Ernte hin reifen läßt, so daß der Sämann zur bestimmten Zeit die Sichel schicken kann, vollendet, ebenso gewiß wie dem Wissen des Menschen entzogen, seine Herrschaft im Gericht." Die Ernte fällt mithin nicht mehr in die Zeit der Geschichte, weder beim einzelnen noch im Ganzen.

Wohl aber ereignet sich innerhalb der geschichtlichen Zeit - und zwar beim einzelnen wie im Ganzen - der wesentliche Fortschritt vom Halm ohne Ähre zum ährenbekrönten Halm. Beim einzelnen kann solches Wachstum mehr oder minder auffällig geschehen; die eine Ähre bildet sich sozusagen in unmerklichen Schüben, eine andere ist zum Staunen aller über Nacht aufgeschossen. Als 1978 der Vorgänger des jüngst verstorbenen Papstes, der liebenswerte "Septemberpapst" Albino Luciani gewählt worden war, sagte Pater Wilhelm Klein SJ (damals 89) zu einem Besucher: "Weißt du, der ist noch so jung. Der ist ja erst 64. Mein Gott, was habe ich mit 64 noch alles geglaubt!" Gestorben ist Pater Klein im zarten Alter von 107 Jahren.

Ihm verdanke ich meine Jahrzehnte bei der Weltbewegung "Religionen für den Frieden", er hat mich auf sie aufmerksam gemacht: "Das ist einer der wichtigsten geistlichen Impulse heute, da solltest du mitmachen!" Dank ihm trägt der Halm meines Glaubensverständnisses, der zuvor als dürre Spitze endete, inzwischen eine Ähre, die zwar noch unreif ist, doch läßt sie schon deutliche Körnlein erkennen. Zum Beispiel hätte ich mir vor dreißig Jahren nicht träumen lassen, daß ich beim morgendlichen Psalmgebet einmal zwei verstorbene muslimische Freunde an meiner Seite glauben und in ihrer Gemeinschaft das Privatbrevier mit "Allahu akbar" eröffnen würde, nicht nur mit ihnen zusammen überdies, sondern auch mit einer riesigen und doch exakten Zahl anderer Muslime und Muslimas, all jener längst verewigten, bei Gott lebendigen spanischen Gläubigen nämlich, deren Gene in meinen Kindern so erfreulich aktiv sind. Auf Erden sind sie vergessen, unser Wissen kennt von dieser Menschengruppe nur mehr schattenhafte Umrisse, tatsächlich ist sie eindeutig festgelegt - warum sollten spezielle Event-Engel eine solche irdisch-himmlische Gebetsgemeinschaft nicht korrekt arrangieren? Wahrlich: Gott ist groß.

Sakramental wird der Fortschritt eines Christen vom bloßen Halm zur Ähre von der Firmung bedeutet. Der Sinn dieses Zeichen ist, daß die bislang eher passive Kirchenmitgliedschaft nunmehr aktiviert wird. Laut dem berühmten evangelischen Fledermauswitz sieht die Überzahl solcher Ähren für die kirchliche Brille zwar leer aus, dieser Eindruck mag aber täuschen. Sind vielleicht die geistlichen Körner in mancher gefirmten oder konfirmierten Ähre nur kirchlich nicht feststellbar, den Mitmenschen dieses Besiegelten aber durchaus? Der WIND weht nicht nur wo sondern auch wohin er will, keine Richtung muß, weil ungewohnt, auch falsch sein. Manche erfordert zur rechten Einschätzung freilich ein Neues Denken.

Ein solches setzt sich in der Kirche derzeit im Großen durch. Daß in unseren Jahrzehnten am Halm des Neuen Gottesvolkes deutlich sichtbar eine Ähre gewachsen ist, die zuvor nicht da war, daran kann keiner zweifeln, der um die siebzig Jahre alt oder in Kirchengeschichte wohlbewandert ist. Klarstes Zeichen ist das offizielle katholische Verhältnis zu den Juden. Wie schauerlich sind wir als Machtkirche mit ihnen umgesprungen! Bis zum seligen Papst Johannes XXIII. (1958-1963) wurden sie in der Karfreitagsliturgie an feierlichster Stelle "treulos, ungläubig (perfidi)" genannt. Seither, erst recht nach dem Konzil, noch deutlicher dank dem Einsatz von Papst Johannes Paul II. gilt Gottes Bund mit Israel für ungekündigt. Nicht länger darf ein Christ Juden als verworfene "Gottesmörder" schmähen, vielmehr ehren wir sie als die geliebten älteren Kinder desselben Vaters. Auch für anders Gläubige hofft das Konzil Gottes Heil, sogar für solche Atheisten, die glauben, es gebe keinen Gott (und weil jeder echte Glaube unfehlbar ist, insofern nicht irren, als im Universum tatsächlich kein Gott-Faktor vorkommt, wie in der Aida kein Verdi).

Immer schon haben auch die größten Theologen in manchem geirrt, ein Gigant des abgelaufenen Jahrhunderts sei brüderlich kritisiert. Hans Urs von Balthasar schreibt in seinem Werk "Theodramatik" auf derselben Seite (II/2,470) zwei Sätze, die einander m. E. glatt widersprechen. Gegen die Prophetie des Abtes Joachim von Fiore (+ 1202), der ein künftiges Zeitalter des Heiligen Geistes angekündigt hat, stellt er knapp fest: "Auch ist der Gedanke einer sukzessiven Offenbarung der drei göttlichen Personen widersinnig, da sie ja wesentlich ineinander sind." Gleich danach heißt es über die Zeit vor Jesu Auftreten: "Aber das Wort war noch nicht endgültig auf die Seite der Menschen übergetreten und dabei als göttliche Person erkennbar geworden." Weil eben darin - im Sinn von Abt Joachim - die Offenbarung des Wortes bestand, die das Zweite Zeitalter begründet hat, stimme ich diesem zweiten Satz zu; deshalb ist der erste - so wahr er in anderem Sinn sein mag - doch als Argument gegen die Abfolge trinitarischer Epochen hinfällig: Wir dürfen unsere Zeit als echt Neues Pfingsten deuten und allen "Alt-Katholiken neuer Façon", die den grenzüberströmenden geistlichen Schwall durch Wort und Tat leugnen, so brüderlich wie beherzt widersprechen. Nichts gegen einen noch ährenlosen Halm zu seiner Zeit; wer dessen bisherige Gültigkeit aber als vernichtende Kritik gegen eine daneben schon gewachsene Ähre durchsetzen wollte, würde unserem heute erwogenen Herrenwort nicht gerecht: "Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre."


Zum Weiterdenken:

In der Urkirche hatte das Gleichnis etwa diesen Sinn: "Die Saat der Gottesherrschaft ist durch Jesus und seine Boten gesät und geht in der Kirche auf; allein ihre Vollendung steht aus und ist nicht verfüg- oder berechenbar. Der Blick auf die Erfolglosigkeit der Mission (VV 14-19) soll aber nicht zur Anfechtung in der Hoffnung führen. Vom Standpunkt der Zwischenzeit aus, zwischen Saat und Ernte also, mag der scheinbare Mißerfolg, die Verborgenheit des Wachstums, zum Zweifel Anlaß geben. Aber dieser Zweifel, sosehr er auf reale Unsichtbarkeit der basileia sich stützen kann, ist nicht berechtigt. Er schätzt die Zeiten nicht richtig ein, vergißt, daß notwendig auf die Saat die Zeit unsichtbaren Wachstums und daß darauf mit Sicherheit die Ernte, Gottes Stunde, kommt." [Rudolf Pesch, Das Markusevangelium I (1976),259]

Ernte: Ebenda, S. 258

Fledermauswitz: Er wird jetzt sogar schon bei Konfirmationen amtlich vom Pfarrer erzählt! Treffen sich drei Pfarrer. Klagt einer: Es ist schrecklich, was soll ich nur machen? Meine Kirche ist voller Fledermäuse. Sie verdrecken alles, erschrecken die Frommen. Ich kriege sie nicht weg. Nichts hilft. - Mir geht's genauso, fährt der zweite fort. Die Feuerwehr war schon da, drei Ungeziefer-Vertilgungs-Spezialisten haben sich bemüht, ohne Erfolg. Die Biester sind immer noch da. - Komisch, sagt der dritte. Auch meine Kirche war voll davon. Aber jetzt sind sie weg. - Toll! Was hast du gemacht? - Sehr einfach. Ich hab' sie konfirmiert.

Theodramatik: Hier ist der Absatz im Zusammenhang: "Das zweite Schema ist das von Joachim von Floris aufgebrachte und seither bis in die Gegenwart immerfort abgewandelte: demnach wäre dem Zeitalter des Vaters, dem Alten Bund, ein Zeitalter des Sohnes gefolgt (in dem der Vater vertieft offenbar wird), und nach diesem bleibe ein Zeitalter des Geistes zu erwarten, in welchem endlich das wahre Geistwesen des ganzen Gottes (nicht mehr durch kirchlich-klerikale Vorschriften verdeckt) hervortreten müßte. Ob das Thema enthusiastisch-spiritualistisch oder auf klärerisch oder idealistisch oder atheistisch abgewandelt auftritt: immer steht ihm die schlichte Tatsache entgegen, daß das "Zeitalter" des Geistes mit der Auferstehung Jesu, bzw. an Pfingsten beginnt und keinesfalls ein trinitarisch belangvolles Ereignis die Kirchengeschichte entzweischneiden kann. Die "ganze Wahrheit", in die der Geist einführen wird, ist keine andere als die Jesu, und diese ist, nach seiner eigenen Aussage, nochmals keine andere als die des Vaters (Joh 16,13-15). Da der Geist, "der die Tiefen der Gottheit durchforscht" (1 Kor 2,10), je schon durch Jesus den Glaubenden geschenkt worden ist und damit das denkbar innigste Gottesverhältnis zur Welt verwirklicht wurde, ist jeder qualitative Überstieg in die Zukunft unmöglich. Auch ist der Gedanke einer sukzessiven Offenbarung der drei göttlichen Personen widersinnig, da sie ja wesentlich ineinander sind; im vorchristlichen Gottesverhältnis kann nur der lebendige (dreieinige) Gott, wenn auch nicht formell in seiner Dreifaltigkeit, offenbar gewesen sein, wie die Kirchenväter (spätestens seit Irenäus) bestätigen; daß bei der Menschwerdung des Sohnes im Neuen Testament primär der vom Himmel her sendende Vater als "Gott" angeredet wird, spricht nicht dagegen, denn natürlich verweisen Sohn und Geist immer auf den Vater, den nunmehr ganz neu ausgelegten, aber immer identischen Gott der alten Bündnisse, den Gott, der immer schon sein Wort und seinen Geist aussandte und ohne diese keinen Bund mit den Menschen hätte schließen können. Aber das Wort war noch nicht endgültig auf die Seite der Menschen übergetreten und dabei als göttliche Person erkennbar geworden, und so war auch der auf den Menschen ruhende Geist noch nicht endgültig in ihr Herz eingedrungen - das war erst Verheißung: Jer 24,7; 31,33 - und dabei als ein unfehlbarer göttlicher Gebetsruf aus den Herzenstiefen erfahren worden. Was im Christusereignis sich vollzogen hat, ist eschatologisch unüberholbar." Ja: Wie die Weizenpflanze, an der jetzt die goldene Ähre prangt, sich als leeren Halm nicht abgelöst sondern erfüllt hat! (Und den anderen daneben, der auf seine Ähre noch wartet, nicht als unfruchtbar schmäht sondern freundlich zu Geduld ermuntert.)

Die Prophetie des Abtes Joachim kritisch zu aktualisieren halte ich für das derzeit wichtigste theologische Thema.

Das volle Korn in der Ähre ist ein unmachbares Wunder, rühmt die letzte Strophe eines tiefsinnigen Gedichts:

HEIL dem Geist, der uns verbinden mag;
denn wir leben wahrhaft in Figuren.
Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren
neben unserm eigentlichen Tag.

Ohne unsern wahren Platz zu kennen,
handeln wir aus wirklichem Bezug.
Die Antennen fühlen die Antennen,
und die leere Ferne trug ...

Reine Spannung. O Musik der Kräfte!
Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte
jede Störung von dir abgelenkt?

Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt,
wo die Saat in Sommer sich verwandelt,
reicht er niemals hin. Die Erde schenkt.

[Rainer Maria Rilke, Sonette an Orpheus (I,12)]


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/aehre.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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