Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001
Lesejahr A

Gott kommt anders

Gedanken zum ersten Adventssonntag


I. Noach heute, oder: Wie baut man eine Arche?

Dazu macht Christa Bing praktizierbare Vorschläge. Im Evangelium "hat mich die Noachgestalt besonders angesprochen, weil ich mir denken kann, dass sein Auftrag alles andere als einfach war: Einen Auftrag (Gottes) auszuführen, in einer Welt, die diese Angelegenheit möglicherweise für verrückt hält, etwas weitergeben zu sollen, das andere für Blödsinn halten oder überkommene Märchen, den Willen eines (angeblich guten) Gottes ausführen zu sollen in dem Bewusstsein, dass die Mitwelt in der kommenden Katastrophe zugrunde gehen wird, weil sie nicht glaubend hören und verstehen kann (oder will). Nein, Noach ist nicht zu beneiden. Aber ich frage mich, was hat ihn dazu gebracht, so fest zu glauben, dass seine Überzeugung von Gott kommt? Warum "sieht" er und seine Mitmenschen nicht? Haben sie nach dem Wort gehandelt: Augen zu und durch? Wenn Noach in reinem Gottvertrauen die Arche gebaut hat, gegen allen Anschein und nicht nur, um seine eigene Haut zu retten, kann man ihn nicht mit den Selbstgerechten gleichstellen.

Wenn jemand sich darauf vorbereitet, ein alternatives Leben führen zu müssen, ein Leben zu ganz anderen Bedingungen, die man sich freiwillig nie gewählt hätte, kann dies bei der Umgebung Staunen, Bewunderung oder gar Hochachtung hervorrufen. Fühlen sich die Menschen jedoch durch ein solches Verhalten in Frage gestellt, werden sie mit Abwertung, Spott und Ablehnung reagieren. Doch der eine oder andere beginnt doch zu ahnen, dass ein Aufbruch nötig wäre, ein gutes Wort mehr als sonst, ein etwas längerer Geduldsfaden als bisher, den eigenen Frust abgestoppt und eben nicht als Ringsumschlag weiterverteilt; jeder von uns kennt solche guten Umlenkmanöver und ich könnte mir denken, aus solchem Material könnte mindestens ansatzweise die Arche gebaut werden, die Arche, in der einst alle Platz finden. Wann wird begonnen? Heute, wenn ihr seine Stimme hört... Es heißt nicht umsonst, dann verhärtet nicht euer Herz; denn die Versuchung dazu wird sehr hoch sein."

Dem biblischen Noach wird Christa Bing scheinbar gerechter als im Folgenden ich. Allerdings tritt Noach da doppelt auf: die in der fremden Perspektive Ertrinkenden sind in ihrer eigenen gleichfalls Erwählte. Auch die biblischen Pharisäer waren in ihrer Mehrzahl ja nicht so schlimm wie die Evangelien sie darstellen. Laßt uns also untitanisch aber fleißig an der Arche bauen, jede Gruppe an ihrer, um so toller wird die Überraschung sein, wenn mehrere Archen einander begegnen und zuletzt niemand ersäuft.

II. Gott kommt anders

In unserem Innersten lebt eine Überzeugung, die mit dem Adventstext, wie er im Matthäusevangelium steht und am ersten Adventssonntag in den Kirchen vorgelesen wird (Mt 24,37-44), nicht leicht zurechtkommt. Unsere Leitwörter sind: Demokratie, Gleichberechtigung, Solidarität, Durchsichtigkeit, Mitbestimmung. Wie uns aber hier die Ankunft des Herrn geschildert wird, das scheint alldem ins Gesicht zu schlagen. Die Menschen vor der großen Flut waren ahnungslos, sie aßen und tranken und heirateten darauflos, nur Noach war von Gott gewarnt, konnte deshalb rechtzeitig die Arche bauen und wurde gerettet. Läßt sich eine größere Willkür vorstellen? Wenn diese Geschichte heute passierte, dann möchte ich nicht Noach sein. Kann man sich etwas Gräßlicheres vorstellen als allein in einer sicheren Arche dahinzutreiben, während ringsum alle Mitmenschen elend ertrinken müssen? Genauso aber, sagt uns Jesus, wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein: Von zweien, die miteinander pflügen, darf einer dabeisein, der andere nicht; von zwei Frauen, die mit der Handmühle mahlen, darf die eine dabeisein, die andere nicht. Seid also wachsam!

Liegt vielleicht hier der tiefste Grund dafür, daß der Advent viele von uns von Jahr zu Jahr weniger anspricht? Wie oft hört man doch solche Klagen: ja früher, da habe ich die Adventszeit wirklich erlebt; alles hatte plötzlich eine andere Stimmung: so schön feierlich war mir zumute. Und jetzt? Der Trott geht weiter, es ändert sich nichts, außer daß mich der Weihnachtsrummel in den Geschäften und all die verlogene Lichterpracht scheußlich ärgert. Das einstmals so stolze Land Irak versinkt in Haß und Blut, und bei uns glitzern die Laternen.

Wenn wir schon einmal soweit sind, wollen wir auch den letzten Schritt nicht scheuen. Kann es Jesus denn überhaupt so gemeint haben? Er war doch der solidarischste aller Menschen. Zu allen ist er gegangen, eben nicht bloß zu den Noach-Typen seiner Zeit. Wie hatte Gott noch zu Noach gesagt? "Geh mit deiner ganzen Familie in die Arche, denn dich allein habe ich unter diesem ganzen Geschlecht als gerecht vor mir befunden." Nun, zur Zeit Jesu gab es manche, die sich selbst für eine Art neuer Noachs hielten. Wir wenigen sind gerecht, alle anderen sind schlecht. Aber die Pharisäer waren gerade nicht die besonderen Freunde Jesu. Er hat sich in schlechter Gesellschaft wohler gefühlt als bei den Supergerechten, und die waren ja am Ende auch seine Mörder. Wie kann dieser Jesus, der ausdrücklich für die vielen, ja für alle leben und sterben wollte, wie kann er im Himmel eine so grausame Verwandlung durchmachen, daß er bei seiner zweiten Ankunft auf einmal ein willkürlicher, parteiischer Herr ist?

Was sollen wir also tun? Können wir uns freuen über die Ankunft des Menschensohnes? Ich glaube, ja. Eine interessante Unsicherheit mag uns den Einstieg weisen. Bei dem Evangelium, das wir gelesen haben, sind die Bibelwissenschaftler nämlich gar nicht sicher, wem von den zweien auf dem Feld es besser geht. Der eine wird genommen, der andere zurückgelassen. Man weiß nur nicht, heißt das: der eine wird mitgenommen in die Herrlichkeit, der andere muß draußen bleiben, oder heißt es: der eine wird weggerafft vom Verderben, der andere bleibt heil übrig. Mir scheint nun, diese Unsicherheit liege nicht bloß am Text, sondern an der Sache selbst.

Versetzen wir uns etwa 480 Jahre zurück. Da brodelte es ungeheuer unter den Christen. Sollte man Luther folgen oder zum Papst halten? Für die einen war sozusagen die katholische Kirche das Gesicht Gottes, und Luther war bloß die bittere Medizin, die dieses Gesicht mit Gewalt von einem Ausschlag heilte, der es seit Jahrhunderten verunstaltet hatte. Gott war im Kommen, das hieß für diese Menschen, die damaligen Katholiken: die katholische Kirche als das Gesicht Gottes war schon dabei, wieder zu heilen und zum Heil zu werden. Einer durfte dabeisein bei dieser erneuerten katholischen Kirche, der andere "fiel ab", gehörte nur zur Medizin, die man zwar erst auf das Gesicht aufstreicht, die aber dann mit der kranken Haut zusammen abfällt.

Für den Evangelischen sah es gerade umgekehrt aus. Auch er erlebte Gottes Kommen; aber für ihn war die neue, die evangelische Kirche Gottes Gesicht, während die verdorbene katholische bloß seine Maske war, die nun endlich, endlich abgerissen wurde. Von zweien wurde einer mitgenommen, aufgenommen in das neue Antlitz Gottes, das da am Kommen war. Der andere hingegen wurde zurückgelassen in dem verdorbenen, unfruchtbaren Alten.

Und heute? Heute treffen sich vielerorts beide Konfessionen und feiern miteinander ihren gemeinsamen Glauben. An sich hat Gott viele Gesichter. Er liebt alle Menschen und möchte, daß alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Gottes Geheimnis ist umfassender, als ein armes Menschenhirn jemals begreifen könnte. An sich hat Gott viele Gesichter.

Für dich aber nur immer eines. Darum sei wachsam! Denn du weißt nie vorher, wann und wie er kommt. Sei weder für die Mode noch gegen die Mode, sondern folge deinem Gewissen. Wer sagt dir denn, daß du so sein mußt wie die meisten? Vielleicht kommt Gott zu dir mit einem ganz anderen Gesicht als zu deinem Nachbarn. Vielleicht will er dich als einsamen Zeugen dessen, was war und erst später wieder einmal kommt. Oder mag sein, daß er mit einem Gesicht zu dir kommt, das vielen deiner Freunde bloß wie Mode und schlechter Zeitgeist vorkommt. Auch dann sei wachsam und mutig.

Wem diese Wahrheit aufgegangen ist: Gott kommt mit vielen Gesichtern, aber zu mir immer nur mit einem ganz bestimmten - ihm oder ihr ist dann vielleicht auf einmal die alte Adventsstimmung wieder erwacht. Man zünde im dunklen Zimmer die Kerze an und frage SICH: Wann kommst du, mein Gott, und wie kommst du? Wie wirst du morgen für mich sein, und in zehn Jahren?


Dies wurde, noch vom Kaplan, vor 33 Jahren formuliert. Hier die damalige Fassung


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/advent71.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

Schriftenverzeichnis

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