Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Das Unterprogramm ADAM/EVA

Gedanken zum ersten Fastensonntag


Schwierige Bibeltexte legt die Kirche uns heute vor. Wir hören die uralte Erzählung vom Paradies des Anfangs, und wie Adam und Eva von der Schlange zur Sünde verlockt worden sind. Paulus macht sich tiefe Gedanken über die Beziehung von Adam und Christus; das Evangelium berichtet, wie Jesus den Versuchungen des Teufels widerstanden hat. Aus zwei Gründen ist das alles schwer zu verstehen, einem geschichtlichen und einem inhaltlichen.

Zum einen wissen wir scheinbar doch, daß es in Wirklichkeit so nicht gewesen sein kann. Vor etwa 65 Millionen Jahren begannen, nach dem Aussterben der Saurier, die Säugetiere ihren Siegeszug; irgendwelche affenartigen Wesen wurden dann allmählich immer menschenähnlicher. Von paradiesischer Schönheit und Geborgenheit der Urmenschen keine Spur. Gehetzt waren sie, stets von Höhlenbären und riesigen Rauvögeln bedroht. Wie bringen wir dieses realistische Bild mit den idyllischen zusammen, die wir von Adam und Eva im Museum sehen und, wie heute, in der Kirche vor das innere Auge gemalt bekommen? Das ist die eine Frage.

Die andere verwirrt noch tiefer. Ich wenigstens kann gar nicht wünschen, der Sündenfall wäre nicht geschehen. Ist das denn ein Leben, allzeit nur in kindlicher Unschuld durch einen hübschen Garten streifen, brav den verbotenen Baum meiden, sonst total konfliktlos in Harmonie die Tage dahinleben - endlos, denn man ist unsterblich? Das kann es doch nicht sein, da fehlt doch etwas! Und mir fällt ein: Oh, "die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte." Auch die Schlange ist ein Geschöpf. Was mag der Schöpfer sich bei ihr gedacht haben? Hat sie gar einen heimlichen Wunsch Gottes ausgeführt, den er selbst den beiden nicht sagen konnte? "Seid doch nicht immer so gräßlich brav!" - wenn ein Vater das zu seinen Kindern nicht nur scherzhaft sondern im Ernst sagen wollte, kämen die womöglich zuletzt ins Irrenhaus ...

Diese beiden Fragen also wollen wir miteinander bedenken: 1) das Rätsel, wie die unsterblichen Adam und Eva im biblischen Paradies sich zu der zottig-scheuen Urmenschengruppe der Wissenschaft verhalten. Und 2) das Geheimnis, warum die Kirche von Sünden-Fall und Erb-Sünde spricht, obwohl Gott doch an bloß braven (und nicht auch selbstbewußt-freien) Kindern ebensowenig Freude haben dürfte wie menschliche Eltern? Kurz: Wie müssen wir die ehrwürdigen Texte der heutigen Liturgie neu verstehen, damit ihre alte Wahrheit, gereinigt von traditionellen wie modernen Mißverständnissen, wieder ermunternd strahle? "Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben", ist Jesu Programm (Joh 10,10): Was ergibt sich, wenn wir die biblischen Geschichten in diesem Geist lesen?

1) Adam und Eva - was sind sie?

Anfänge sind unbegreiflich. So der Urknall des Universums; wer weiß, wann er von einer anderen Wissenschaftsmode abgelöst wird. So der Embryo, der jeder von uns einmal war; wann wurde er Mensch? So wenig läßt diese Frage sich eindeutig entscheiden, daß nicht einmal feststeht, ob es eine biologische, philosophische, theologische oder auch soziologische Frage ist. Auch beim Anfang der Menschheit als ganzer ist der Verstand überfordert, das zeigt die simple Frage nach Evas Mutter. Angenommen, es gab irgendwann einen ersten Menschen, sagen wir: Eva - war ihre Mutter ein Tier? So sehr die Logik das verlangt, so heftig sträubt sich unser Gefühl. Gab es also nie einen ersten Menschen? Stimmt gar das spöttische Schild am Affenkäfig eines Zoos: "Das langgesuchte Zwischenglied zwischen Affe und Mensch bist du!"? Welches Lebewesen soll uns denn der erste Mensch sein? Das zuerst Feuer machte? Das zuerst "du" sagte oder "ich"? Das als erstes gebetet hat? (Wäre dann ein großer Teil der Menschheit schon wieder ausgestorben?)

Für unser Thema sind diese Fragen allesamt unwesentlich. Nicht von einem empirisch, historisch ersten Menschen spricht die Bibel. Ähnlich wie Astronomie und Glaube in verschiedenen Dimensionen denken (daran erinnert der Name Galilei), so auch Paläontologie und Glaube. Wohlgemerkt: Die Verfasser der Bibel-Sätze haben sich vermutlich durchaus auch den historischen Anfang so vorgestellt, wie sie den Ursprung beschrieben; von biologischer Evolution wußten sie nichts, wie auch vom Kreisen der Erde um die Sonne. Diesen Beginn meint aber nicht das Wort Gottes in der Bibel; denn es spricht allein zu unserem Glauben, nicht zu unserem Naturkunde-Wissen.

Auch der Glaube hat es jedoch mit echtem Anfang zu tun, deshalb heißt "Adam" mehr als "jedermann" und "Eva" mehr als "jede Frau". Um diese Frage gab es 1969 einen heftigen Streit innerhalb der katholischen Kirche. "Adam, das ist der Mensch schlechthin", hieß es im Holländischen Katechismus. Dessen deutsche Ausgabe durfte der Herder-Verlag damals nur zusammen mit einem Ergänzungsheft verkaufen, welches zahlreiche Änderungen seitens einer römischen Kardinalskommission enthielt. Sie bestand darauf, der Bericht vom Sündenfall habe zwar "zum Teil eine symbolische Bedeutung", handle jedoch sehr wohl "über den tragischen Beginn der religiösen Geschichte der Menschheit". Diese erzwungene Korrektur hat damals viele empört. Ich hoffe, ihr Sinn läßt sich mittlerweile verständlich machen.

"Adam" und "Eva" sind Urkategorien des christlichen Geschichtsverständnisses, ähnlich wie "Raum" und "Zeit" Kategorien des Naturverständnisses sind. Während z.B. "Ort", "Sekunde" oder "jemand" bloß leere, abstrakte Allgemeinbegriffe sind, bedeuten die Wörter Raum, Zeit, Adam/Eva jeweils die volle Wirklichkeit der betreffenden Realitätsdimension. Der RAUM ist wirklich, mein Zimmer gehört zu ihm. Die ZEIT ist umfassender, nicht minder wirklich als diese Sekunde. So sind die Ur-Anfänge ADAM und EVA nicht weniger wirklich als jener Mann und diese Frau. Nur weil er in Adam und sie in Eva ist, können beide wirklich sein, wie mein Zimmer nur im Raum und diese Sekunde (eine andere, jetzt, als eben) nur in der Zeit real sein können.

Der Sinn einer Urkategorie ist heute schon Schülern leichter erfaßbar als vor dreißig Jahren den meisten Professoren. Denn jeder Schüler kennt WORD und weiß, WORD an sich ist nicht weniger wirklich als jedes einzelne Word in diesem oder jenem Computer. Während die ihre Macken haben (meines schreibt derzeit keine korrekten Akzente), ist WORD an sich zwar nicht ideal, doch eine machtvolle Wirk-lichkeit eigener Art: weder Materie noch Bewußtsein sondern Information. Die bisher herrschende Meinung des Philosophen Descartes, alles Wirkliche sei entweder ausgedehnt oder denkend, hat sich im Computerzeitalter schlicht als falsch erwiesen: Auch Information, Software ist eine Weise von Wirklichkeit, unrückführbar auf Materie wie Bewußtsein. Ein Programm ist immer es selbst, egal welche Materie (Papier, Strom- oder Lichtkabel, Bildschirm) oder welches Bewußtsein (Erfinder, Dozentin, Student, Anwender) von ihm geformt, in-formiert wird.

Das also sind EVA und ADAM: zwei wirkliche, weil vom Schöpfergott gewirkte und in aller Geschichte wirkende Grundprogramme, Urkategorien, Softwarepakete, belebende Informationen. Sie ermöglichen und steuern von Anfang an jede Frau und jeden Mann, ähnlich wie derzeit WORD die meisten elektronischen Schreibgeräte des Globus. - Soviel zur formalen Frage nach Adam und Eva. Wenden wir uns nun der inhaltlichen zu.

2) Adam und Eva - wer sind sie?

ADAM/EVA ist kein selbständiges Programm, umfaßt vielmehr die zwei gegensätzlichen Programmschritte PARADIES und FALL, die ersten Etappen des Gesamtprogramms MENSCH. Fertiggestellt wird es durch die Ziel-Etappe MARIA/CHRISTUS, dabei wird die Schöpfung ins göttliche LEBEN einbezogen. Zu diesem Ziel ist sie ursprünglich bestimmt: "Denn in IHM [Christus] wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden" (Kol 1,16).

Jetzt braucht es eine Klarstellung. Wir denken hier als Christen. Adam und Eva sind Gestalten der jüdischen Bibel. Nimmt diese Deutung sie den Juden weg? Keineswegs. Das griechische Wort Christós verweist auf dieselbe endgültige Person wie das aus dem Hebräischen stammende Messias. Nicht der Christus-Glaube trennt Juden und Christen, sondern die Frage, ob Jesus der Christus sei. Der Messias als Hoffnungs-Kategorie ist jüdischem Denken vertraut.

Warum enthält das MENSCH-Programm die Spannung Adam/Christus? Wieso muß der Mensch erst in Sünde fallen, um dann erlöst zu werden? Das ist nicht schwer zu verstehen. Freie Menschen will Gott: Programmgesteuerte Abläufe oder von ihm selbst bewegte Marionetten - und seien sie noch so vollkommen - zu ersinnen wäre des Schöpfers nicht würdig. Freiheit heißt aber: Möglichkeit einer Wahl, und nicht bloß einer wie zwischen Käsekuchen und Leberwurst. Ein echter Entschluß muß möglich sein, bei dem es ums Ganze geht. So will Gott seine Welt, daß der Sinn des Lebens in ihr die LIEBE ist, d.h. eine geschöpfliche Anteilhabe an der in Gott vibrierenden drei-einigen Spannung. Damit ein Geschöpf Liebe frei vollziehen kann, muß es sich wider ihr Gegenteil entscheiden, das Böse. Um zum Bösen frei Nein! sagen zu können, muß ich es als möglich begriffen haben; sobald ich das ernsthaft tue, bin ich nicht mehr rein. Ohne Fall keine Freiheit! Die Entscheidung zum Guten setzt Freiheit voraus, die gibt es aber nicht ohne die vorgängige Erkenntnis (und Bejahung!) des Bösen als echt möglich. Ohne Freiheit kein voller Mensch, deshalb steht am Beginn seiner (nicht natürlichen sondern geschichtlichen) Entwicklung das Doppelprogramm ADAM/EVA mit seinen beiden Unterprozeduren PARADIES im Licht unschuldiger Einfalt noch ohne Freiheit, sowie FALL ins bitter-reale Erfahrungswissen um den schauerlichen Riß zwischen böse und gut.

Vor dem Fall keine Freiheit - scheint Ihnen das verdächtig moderne Ketzerei, weit weg vom Glauben der Kindheit? Das Letzte mag sogar stimmen, nicht umsonst spricht man vom Paradies der Kindheit, im Paradies aber ist der Fall unbekannt. Die Kirche als ganze ist jedoch nie kindisch gewesen. Bloß modern ist dieses Verständnis keineswegs, vielmehr im besten Sinn traditionell. Als einer der rechtgläubigsten Kirchenväter gilt der heilige Bischof Irenaeus (oder Eirenaios) von Lyon. Schon um das Jahr 190, also zwei Jahrhunderte vor der unselig-einseitigen Verschärfung der Erbsünden-Lehre durch den Ex-Manichäer Augustinus, die bis heute das Menschenbild des Christentums und dessen Image so belastet, hatte Irenaeus sein großes Buch "Wider die Irrlehren" fertig, dort lesen wir [IV,38 f]:

"Sollte aber jemand sagen: 'Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?' so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß ... Es empfing also der Mensch die Kenntnis des Guten und Bösen. Gut ist es aber, Gott zu gehorchen und ihm zu glauben und seine Gebote zu beobachten; und das ist das Leben des Menschen, wie Gott nicht zu gehorchen, böse ist und der Tod des Menschen. Indem also Gott sich großmütig zeigte, lernte der Mensch das Gute des Gehorsams und das Böse des Ungehorsams, damit das Auge seines Geistes beides kennen lernte [und] für die Wahl des Besseren sich einsichtig entscheide ... diese aber hätte er nicht haben können, wenn er nicht das Gegenteil vom Guten kannte. Denn sicherer und zweifelloser ist die Kenntnis realer Dinge als die auf Vermutungen beruhende Meinung. Wie nämlich die Zunge durch den Geschmack die Kenntnis des Süßen und Bitteren empfängt und das Auge durch das Gesicht das Schwarze vom Weißen unterscheidet und das Ohr durch das Gehör die Unterschiede der Töne wahrnimmt, so empfing auch der Geist durch die Erfahrung des Guten und Bösen das Verständnis für das Gute und wurde gefestigt, es durch den Gehorsam gegen Gott zu bewahren."

Dazu eine wahre Geschichte vom Sommer 1945: "Ich hab' nicht genascht!", rief ein fünfjähriges Flüchtlingsmädchen Mutter und Bruder laut entgegen, als die aus der Kirche heimkamen. Aber das ganze Apfelkompott war weg. Der Satz bedeutete: Ach, jetzt weiß ich's, das war schlecht was ich getan habe. Ihr zwei wolltet doch auch was davon. Ich liebe euch ja und gönne es euch, aber es ist leider weg. Wie sehr wünsche ich jetzt, ich hätte nicht genascht! Und dieser heiße Wunsch, der bin ich wirklich, viel wahrer als das dumme Naschen vorhin. Bitte glaubt mir deshalb: Ich [die ich jetzt eigentlich bin] hab' nicht genascht! - Als wir sie (wie ich annehme) bald verzeihend trösteten, war alles gut: nicht nur wieder, sondern jetzt erst recht, dank der kleinen Untat. Systematisch gesprochen: MARIA (so heißt sie mit zweitem Namen noch immer) blickt auf EVA zurück, mißbilligt deren Fall, verneint Evas Tat zwar, bejaht zugleich aber doch den ganzen Ablauf samt EVA und ihrer Scham; nur so konnte sie zur neuen Freiheit gelangen.

Im Licht dieser Episode, scheint mir, lassen sich leichter die rätselhaften Sätze begreifen, mit denen der evangelische Denker Karl Barth 1926 den ersten Satz der zweiten Lesung von heute erläutert hat. Software-Entwicklern ist nichts geläufiger als die Koppelung mehrerer Programmteile, die nur miteinander das gewünschte Ergebnis liefern. Barth schreibt:

"Also nicht auf der Fläche der historisch-psychologischen Erscheinungen existiert Adam als dieser Eine, sondern als der erste Adam der das Vorbild des zweiten, kommenden ist, als der Schatten, der vom Lichte des zweiten lebt. Er existiert als das rückwärtige Moment der im Christus siegreich nach vorwärts gerichteten Bewegung, Drehung und Wendung des Menschen und seiner Welt vom Fall zur Gerechtigkeit, vom Tode zum Leben, vom Alten zum Neuen. Er existiert also nicht an sich, nicht als positive zweite Größe, nicht als eigener Pol in der Bewegung, sondern nur in seiner Aufhebung. Er ist bejaht, indem er im Christus verneint ist."

Oft wird gegen die Erbsündenlehre protestiert: Man könne eine Schuld doch nicht erben. Und kleine Kinder hätten doch noch nicht gesündigt. Das stimmt natürlich; Sie merken aber jetzt, daß solcher Protest die (im alten Sinn des Irenaeus) recht verstandene Lehre der Kirche gar nicht trifft. Allerdings haben Generationen von Christen sie leider nicht recht, sondern grausig falsch verstanden, bis heute. Das beweise ein einziger Satz des heiligen Johannes Eudes (1601-1680): "Es hilft allen Müttern von Adamskindern zur Demut, wenn sie als Schwangere wissen, daß sie in sich ein Kind tragen ... das Gottes Feind ist, Gegenstand seines Hasses und Fluches, und Gefäß des Teufels." Schrecklich. Da möchte man dem Zen-Meister Suzuki zustimmen: "Gott gegen Mensch. Mensch gegen Gott. Mensch gegen Natur. Natur gegen Mensch. Natur gegen Gott. Gott gegen Natur. Sehr komische Religion."

Die anderthalbtausendjährige Verwirrung rührt daher, daß man zwischen Programm und Text nicht sauber trennte. Schauen Sie sich in Ihrem Computer einmal den Quelltext einer Internet-Seite an [=> Ansicht, => Quelltext]: ähnlich konfus, steuerndes Heils-Programm und zu steuernder Lebens-Text wild durcheinander, sieht das sogenannte Glaubenswissen vieler gutwilliger Christen aus. Im Kategorien-Programm wird das Teilprogramm ADAM/EVA (das als PARADIES und FALL den Beginn jedes zeitlichen Freiheitsvollzuges wirkt) umgriffen vom Gesamtprogramm CHRISTUS/MARIA: "Im Anfang war das WORT und das WORT war zu Gott und Gott war das WORT. Dieses war im Anfang zu Gott. Alles ist durch Es geworden ... in Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen" (Joh 1). Das heißt: Jeder konkrete Lebenstext - sei das ein Baby im Korb, die Hochzeit einer chinesischen Köchin tausend Jahre vor Buddha oder die Weise, wie Sie den kommenden Mittwoch verbringen - wird wahrhaft beurteilt nur als ein Ausdruck einer Etappe des ganzen Programms. Dieses ist zwar pro-grammiert, vor-geschrieben, insofern geht auch das Teilprogramm ADAM/EVA jedem Text voraus, nicht auf der Ebene des Textes aber sondern quer zu ihm, im Programm.

Insofern hat das Baby zwar das Programm SÜNDENFALL aber keine reale Sünde geerbt. Deshalb gehört jener französische Barock-Heilige von der jungen Mutter ausgelacht: "Ach Sie! Gottes Feind sind Sie mit Ihrem lieblosen Geschwätz viel schlimmer als meine schuldlose Leibesfrucht. Die ist in Christus geschaffen und von Adams Schuld erlöst. Zum Zeichen dafür wird sie getauft, in Wirklichkeit ist es aber auch jetzt schon so, war in Ewigkeit nie anders." Dem hätte der Volksmissionar hoffentlich nicht widersprochen, sondern reuig zugestimmt, daß sein verunglückter Satz nur so richtig verstanden wird.

Bleibt das Baby am Leben, so geht ihm die Ursprungs-Einfalt programmgemäß irgendwann verloren, nur deshalb jedoch, damit die nächsten Unterprogramme REUE VERZEIHUNG und BUSSE die Freiheitswaage ins Gleichgewicht bringen. Erst dann kann ein Mensch als Person Gutes tun, freilich auch Böses: wenn er sich für es entscheidet obwohl er weiß, daß es böse, sinnlos, zuletzt tödlich und für ewig schändlich ist. Sobald beide Äste der Alternative einem Willen real sind, bestimmt nicht mehr das Programm sondern der jeweilige Mensch selbst, wozu er sich machen, von welchem Unterprogramm - EVA/ADAM oder MARIA/CHRISTUS - sie/er sich leben lassen will.

Aber: "Richtet nicht!" Jesu Verbot (Mt 7,1) ist nicht nur moralisch gemeint sondern warnt vor Unmöglichem. Denn bei keiner Sünde können wir exakt unterscheiden, wie weit sie in Wahrheit nur "Vor-Sünde" ist, weil sie in neuer, noch nicht angelebter Tiefe das Programm FALL aktualisiert, wie weit sie im Gegenteil vom dadurch erreichten Zustand echter Freiheit aus als wirklich böse Tat getan wird. Ebenso können wir bei etwas, das uns gut gelingt, oft nicht wissen, ob es tatsächlich eine freie Tat ist oder erst im noch unangefochtenen PARADIES geschieht, vor dem Eingriff der Schlange. Nicht auf eine theoretische Kenntnis von gut und böse kommt es ja an, sondern auf die existentielle Erfahrung in bestimmter Tiefe. Manches, was als freie Entscheidung erscheint, Beobachtern als Untat, sieht dem späteren Rückblick eher wie ein notwendiger Durchbruch aus, als Fall in eine neue Freiheit, die damals dran war. Umgekehrt entdecken feinfühlige Seelen auch in ersten Regungen echte Sündwurzeln. So erschrak Augustinus über den neidischen Blick eines Säuglings auf seinen Milchbruder. Und Karl Rahner erwog, ob wir auch beim Träumen sündigen können ...

Jesus und Maria waren, so glaubt der Katholik, von der Erbsünde frei: In ihnen mußte das Unterprogramm FALL in keinem Augenblick realisiert werden. Die zur Freiheit nötige Kenntnis des Bösen ward ihnen durch identifizierende Einfühlung in ihre gefallenen Mitmenschen zuteil, so total, daß Maria die Zuflucht der Sünder ist und Paulus über Jesus den erschütternd-unbegreiflichen Satz schreiben konnte (2 Kor 5,21): "Der Sünde nicht kannte, ihn hat ER für uns zur Sünde gemacht, damit wir zu gottgemäßer Gerechtigkeit würden - in Eins mit ihm".

Wie unser Herr dank der inneren Erfahrung dieses Abgrunds sein NEIN! zu allem Bösen gelebt hat, berichtet das heutige Evangelium in der Sprache des orientalischen Märchens. Die Botschaft ist klar und ernst. Weil und soweit Christus in uns lebt, handelt die Erzählung - in der angebrochenen Bußzeit härter als sonst - hoffentlich auch von uns.


Wenn uns die Augen aufgehen

von Christa Bing

Wenn uns die Augen aufgehen, kann dies sehr nützlich und wichtig sein. Dabei wird sehr Erfreuliches und Schmerzliches zutage gefördert. Wahrheit aber ohne Liebe kann Leben zerstören, kann uns treffen wie ein Stein. Vielleicht liegt gerade da eine wichtige Botschaft unserer Geschichte: Die Beiden im Paradies erkannten die eine Seite, die nur vom Menschen her gesehene Seite ihrer Wahrheit. Wer sind sie? Wer sind wir, von uns her gesehen? Ein Stäubchen auf der Waage, sagt ein Psalmwort, und dies kann man täglich erleben. Wenn der Mensch sich selber definiert, kann einem bange werden. Der Mensch, sein eigener Schöpfer - wird das auch ausprobiert werden müssen? Gott bewahre uns davor!

Im Evangelium lesen wir über Jesus, dem die ganze Herrlichkeit des Geschaffenen aufging. Auch er stand vor der Frage, ist das Geschöpf anzubeten, dem alles gegeben ist? Darf es deshalb nach göttlichen Ehren verlangen? Eigenartigerweise widerlegt Jesus den Versucher nicht, diskutiert nicht mit ihm, sondern antwortet: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Er bekennt und entscheidet sich deshalb nicht gegen die Schöpfung, wertet sie nicht ab, sondern spricht für sie und mit ihr die Antwort, seine und unsere. Und siehe, da gingen ihm die Augen auf und Engel dienten ihm.

Seine Geschwister entscheiden sich oft anders und wenn ihnen dann die Augen aufgehen, was sehen und empfinden sie? Erbärmliche Feigheit und gekränkten Stolz; ein Gefühl von Schalheit bis Ekel. Manchmal ergreifen wir dann die Flucht, bedecken die Blöße durch falsche Ausreden oder machen die Augen gleich wieder zu und lenken uns ab. Sind nicht die andern noch viel schlimmer als wir? Aber es nützt uns nichts; früher oder später holt es uns ein. "Adam, wo bist du?" ruft einer, wenn wir wieder in eine Entscheidung geraten. Werden wir den Mut aufbringen, uns stellen und bekennen: Auch wenn ich manchmal ein Scheusal bin; wenn Du mich immer noch rufst und ein Interesse an mir hast, hier ist Dein(e) ...


Zum Weiterdenken:

Evas Mutter: "Adams Mutter" brachte mir 1970 eine (harmlose) Begegnung mit der Inquisition.

Den Streit um den Holländischen Katechismus habe ich 1970 ausführlich dargestellt. Im selben Aufsatz finden sich auch die folgenden beiden Texte.

Kategorien Raum, Zeit, Adam/Eva: Die erhellende Zusammenschau verdanken wir dem Jesuiten Gaston Fessard, er hat sie 1966 im 2. Band seines großen Exerzitienkommentars veröffentlicht. Zitat.

Information ist eine Weise von Wirklichkeit, lehrt C.F. von Weizsäcker.

Über den Messias schreibt z.B. Walter Benjamin: "Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber dadurch doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte." (Näheres siehe in meinem Buch "EWIG LEBEN JETZT - nach Hölderlin Unamuno Proust Benjamin")

Wir sind keine Marionetten: Ein Hinweis auf zwei schöne Texte von Schelling und Chesterton.

Schelling schreibt in der Freiheitsschrift von 1809: "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Es ist nicht einzusehen, wie das allervollkommenste Wesen auch an der möglich vollkommensten Maschine seine Lust fände. Wie man auch die Art der Folge der Wesen aus Gott sich denken möge, nie kann sie eine mechanische sein, kein bloßes Bewirken oder Hinstellen, wobei das Bewirkte nichts für sich selbst ist; ebensowenig Emanation, wobei das Ausfließende dasselbe bliebe mit dem, wovon es ausgeflossen, also nichts Eignes, Selbständiges. Die Folge der Dinge aus Gott ist eine Selbstoffenbarung Gottes. Gott aber kann nur sich offenbar werden in dem, was ihm ähnlich ist, in freien aus sich selbst handelnden Wesen; für deren Sein es keinen Grund gibt als Gott, die aber sind, so wie Gott ist. Er spricht, und sie sind da. Wären alle Weltwesen auch nur Gedanken des göttlichen Gemütes, so müßten sie schon eben darum lebendig sein."

Chesterton hat dazu ein großartiges Theaterstück verfaßt: "The Surprise". Ein längeres Zitat findet sich in meinem neuen Buch "Etappen der Großen Liebesgeschichte".

Moderne Ketzerei? Wie ich meinen Denkvorschlag im Rahmen eines Katechismus-Kommentars rechtfertige.

Bischof Irenaeus: Ausführliches Zitat.

Ex-Manichäer Augustinus: Seinen leider zu erfolgreichen Kampf gegen die andere Wahrheit des Pelagius schildert Elaine Pagels.

Karl Barth: Längeres Zitat.

Johannes Eudes, Suzuki: Zitiert von Edward Brennan.

Getauft: Hier die Ansprache zur Taufe eines Kindes kirchenferner Eltern

Neidischer Blick eines Säuglings

Maria von der Erbsünde frei: Das ist eine ökologische Grundwahrheit, die mein Spiritual P. Wilhelm Klein SJ im Germanikum vielen der "Klein-Gläubigen" weitergegeben hat.

Christus ist für Bischof Wanke Gottes Letztes Wort nach unserer Schuldgeschichte.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/adam-eva.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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