Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Betriebssysteme der Herzen

Gedanken zum siebten Sonntag im Jahreskreis


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Zwei Mensch-Programme

a) in der 2. Lesung

die Dauerspannung

Gleichnis der Betriebssysteme

b) im Evangelium

dieselbe Spannung

Erlösung für alle

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Zwei Mensch-Programme

"So ist es auch geschrieben: Es wurde der erste Mensch - Adam - zum lebendigen Lebewesen, der letzte Adam zum lebenschaffenden Geistwesen. Doch kommt nicht zuvörderst das Geistbewegte, sondern: das Lebendige, danach das Geistbewegte. Der erste Mensch ist von Erden, lehmgemacht; der zweite Mensch vom Himmel . Wie der lehmgemachte, so sind auch die Lehmgemachten; und wie der himmlische, so auch die Himmlischen. Und wie wir das Bild des Lehmgemachten getragen, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen."

a) in der 2. Lesung

So schreibt Paulus an die Korinther. Uns kommt es auf den letzten Satz an. Seine Grammatik reißt den aufmerksamen Leser mitten in die urchristliche Gefühlswelt. Fällt Ihnen etwas auf? (Jetzt nach Luther:) "Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des Himmlischen." Der Nebensatz blickt zurück auf Vergangenes, der Hauptsatz schaut voraus in die Zukunft.

die Dauerspannung

Da fragt es sich: Und jetzt? Welches Bild tragen wir in der Gegenwart? Die überraschende Antwort heißt: So fragt ein Christ gerade nicht! Seine Gegenwart läßt sich nie als Zustand verstehen. Sie ist nichts anderes als die Dauerspannung zwischen der vergehenden, im Grunde schon überwundenen wenngleich noch höchst wirksamen opak-irdischen Vergangenheit und der hereinbrechenden, alles Frühere machtvoll mit Himmelslicht durchstrahlenden Zukunft.

So hat die Generation der Osterzeugen sich gefühlt. Und nichts spricht dagegen, daß auch wir uns so fühlen. Nichts - außer einer langen Gewohnheit der Christenheit, die sich in der von ihr bestimmten Gegenwart behäbig eingerichtet hatte. Damit ist es jedoch anscheinend vorbei. Greifen wir deshalb wachen Herzens solche Anregungen der ersten Christen auf, die uns etwas von ihrem so anderen Grundgefühl verraten.

Gleichnis der Betriebssysteme

Internetnutzern mag ein Gleichnis aus der Informatikwelt helfen. Das Betriebssystem ADAM-1 läuft zwar noch in mir, ist aber schon nicht mehr aktuell, weil die Neue Version ADAM-2 (= CHRISTUS) bereits installiert ist. Allerdings gibt es zwischen ihr und vielen mit dem früheren System eingespielten Anwendungsprogrammen noch eine Menge Kompatibilitäts-Probleme; in deren Bewältigung soll hinfort meine Gegenwart bestehen. Sie wird darum nie ein lockerer Zustand sein, stets ein je anderer Fall der Spannung von ADAM-1 und ADAM-2.

"Wie wir das Bild des Lehmgemachten getragen, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen." Auch in den fortgeschrittensten Heiligen wirkt ADAM-1 sich noch immer aus, auch sie müssen zugeben: "Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns ... Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns." Umgekehrt dürfen die noch unvollkommensten Anfänger auf dem Glaubensweg sich an den anderen Sätzen aufrichten: "Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht ... Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt." Vermutlich hat der biblische Verfasser (1 Joh 1,8-2,2) seine Aussagen derart ineinander verwoben, damit die Dauerspannung ADAM-1 / ADAM-2 den Lesern in die Augen springe. War sie doch die allbestimmende Erfahrung der ersten Christen, die am Karfreitag und im eigenen Fleisch das Ende des irdischen Menschen erlitten und seit Ostern den wunderbaren Aufgang des himmlischen Menschen in sich selbst erleben durften.

b) im Evangelium

Im heutigen Evangelium (Lk 6,27-38) stellt Jesus sein Neues Programm gegen das veraltete. Liebt eure Feinde, verleiht ohne Hoffnung auf Wiederbekommen, halt die andere Backe hin! - ist das nicht Irrsinn und totale Überforderung? Im System des irdischen Betriebs gewiß, deshalb kann man "mit der Bergpredigt keine Politik machen." Allerdings stürzt das alte Betriebssystem dauernd ab; wohin eine Politik gegen Jesu Grundsätze führt, das spürt der Bürger, nicht der deutsche allein, derzeit mit Schrecken. Schade, wenn man das christliche Lebensprogramm dadurch ausschaltet, daß man sagt: Das sind halt Ideale. Die vielleicht irgendwo am Horizont locken. Nein: Mitten im Alltag, da wo wir sind, will das Betriebssystem ADAM-EVA-2 = CHRISTUS-MARIA sich auswirken, in diesem Leben, Stunde für Stunde.

dieselbe Spannung

Nicht im Kontext von Herrschaft und Strafe treten diese Anforderungen an uns heran; so mißverstanden, würden sie zum Programm ADAM-EVA-1 gehören und müßten uns in Verzweiflung stürzen. Sondern im Klima von Freundschaft und Liebe zeigt Jesus uns, werbend, wie ein erneuerter Mensch sinnvoll lebt: nicht aus eigener irdischer Kraft, aber dank der Himmelsenergie DESSEN, der uns einlädt, sein eigenes Leben aktiv mit ihm zu teilen, weil er unser wahres Leben ebenso ist wie du das gesunde Leben deines pelzigen Fingers.

Erlösung für alle

"Nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt" ist das von Jesus gestiftete Betriebssystem "Neuer Mensch" die Lösung. Das ist wichtig. Wer Christ sein will aber diese Allgemeinheit nicht beherzigt, gerät schnell in die Position des Privilegierten, geistlich Reichen und wäre sogleich nicht mehr selig sondern der eigenen Enge versklavt. Auserwählt sind wir (Kol 3,12), aber nicht wie die Inhaber von Westvaluta, die in sozialistischen Luxusläden sich über die Minderbemittelten vor den Schaufenstern erhaben fühlten. Zum Dienst im Funkhaus sind wir ausgewählt, nicht zu einzigen Nutzern der erlösenden Botschaft. Die gilt allen. "Verurteilt nicht, dann werdet ihr nicht verurteilt. Laßt frei, dann werden ihr freigelassen. Gebt, dann wird euch gegeben werden." Von Taufscheinen, Kirchensteuer, Sonntagspflicht ist hier nicht die Rede. Sogar wer schon den siebten Mahnbrief der GEZ zerknüllt hätte, wird von den Sendungen, die mitzufinanzieren er sich weigert, dennoch erreicht. Sollte die Unterscheidung erlaubt / gültig, die jeder Theologiestudent beim Thema "Sakramente" lernt, auf ähnliche Weise beim Hauptzeichen "ausdrücklicher Glaube an das Gute" zutreffen? Voll verständlich in der Kirche, verschleiert wahr überall, wo ein Kind des Universums dem unergründlichen Geheimnis traut und solches Vertrauen weiterstrahlt?

So zu denken und es zu bezeugen scheint mir eine heute notwendige Weise, dem Schlußsatz unseres Evangeliums zu entsprechen: "Ein gutes, gestopftes, gerütteltes, überquellendes Maß wird man euch in den Schoß geben. Denn: Mit welchem Maß ihr meßt, wird euch zurückgemessen."


Zum Weiterdenken:

Korinther: 1 Kor 15,45-49 in der getreuen Übersetzung von Fridolin Stier. Die Einheizübersetzung verschlampt auch diese Feinheit durch das, was jenes Komitee wohl für frei und elegant hielt: "Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden."


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/adam-1-2.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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