Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Das Unterprogramm ABRAHAM

Gedanken zum zweiten Fastensonntag


Abraham ist eine wichtige Figur, erst recht seit dem 11. September. Juden wie Muslimen gilt er als ihr Stammvater, und auch die Christen bekennen sich (z.B. im Magnificat und im Requiem) als "Same Abrahams", nicht biologisch, aber geistlich-wahrhaft, weil wir durch Glauben und Taufe in Christus eingepflanzt sind, in die Person Jesu, des Samens von Abraham.

In der ersten Lesung hören wir Gottes Wort an Abraham: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen." - Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte (Gen 12,1-4).

Zieh fort! Gib auf, was dir selbstverständlich ist! Aufs furchtbarste verschärft hat sich Gottes Befehl bei jener Begebenheit, die als Abrahams Opfer berühmt ist. Wen die schauerlichen Bibelsätze (Gen [= 1. Mos] 22) nicht ergreifen, ein solcher Mensch hätte eine ganze Dimension seiner selbst abgeschaltet:

"Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf ..." Sie wissen, wie es weiterging. Der Bericht endet: "Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, daß du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar."

Angenommen, Sie würden bei einem Quiz gefragt: Was hat Abrahams Opfer mit deutscher Justiz zu tun - wüßten Sie die Antwort? Richtig: Das umstrittene Urteil unseres höchsten Gerichts, laut welchem - wie schon den Juden - jetzt auch den Muslimen erlaubt ist, Tiere unbetäubt zu "schächten", es bezieht sich auf das islamische Opferfest, das jedes Jahr rituell an Abrahams Opfer erinnert, damit die Gläubigen Gott ebenso gehorsam seien wie damals der vollkommene Moslem Abraham.

Das Aufregende ist nun, daß diese Opferszene auf zwei gegensätzliche Weisen verstanden wird je nachdem, ob der Akzent auf dem Beginn oder dem Schluß liegt. Das eine Verständnis ist das offenkundigere, das andere das kritischere. Wahr sind sie aber beide! Und nur zusammen zeigen sie uns die geoffenbarte Wahrheit.

Offenkundig ist der Kommentar, den die Bibel den Engel, d.h. Boten Gottes selbst geben läßt: "Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweitenmal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen - Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast."

In diesem Sinn gilt Abraham bei Juden, Christen und Muslimen als leuchtendes Vorbild des radikalen Glaubensgehorsams. 1843 redet Sören Kierkegaard ihn an: "Ehrwürdiger Vater Abraham! Zweiter Vater des Geschlechts! Du, der zuerst vernahm und Zeugnis ablegte von jener ungeheuren Leidenschaft, die den schrecklichen Kampf mit der Elemente Rasen und den Kräften der Schöpfung verschmäht, um mit Gott zu streiten, du, der zuerst jene höchste Leidenschaft gekannt hat, den heiligen, reinen, demütigen Ausdruck für den göttlichen Wahnsinn, den die Heiden bewunderten - vergib dem, der dir Lob sprechen wollte, wenn er es nicht richtig gemacht hat."

Beim gegenteiligen Verständnis wird die Szene anders gewichtet, vom Schluß her gelesen: als eine Legende, die auf packende Weise Gottes Verbot des Kinderopfers solchen Gemütern einhämmern soll, die sich davon nach uralter Gewohnheit Segen versprechen. Jene blutigen Menschenopfer, vor denen die Spanier sich in Mexiko vor fünfhundert Jahren so entsetzt haben, daß sie eine ganze Zivilisation zerstörten (auch so lassen jene Ereignisse sich deuten ...), sie waren zu Abrahams Zeit und noch weit später auch bei Hebräern Brauch, wenn es in schlimmer Not galt, die Gottheit zu versöhnen. König Ahas "ließ sogar seinen Sohn durch das Feuer gehen und ahmte so die Greuel der Völker nach, die der Herr vor den Israeliten vertrieben hatte" (2 Kön 16,3). Später kämpfte König Joschija gegen diesen Schandkult, "er machte das Tofet im Tal der Söhne Hinnons unrein, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter für den Moloch durch das Feuer gehen ließ" (2 Kön 23,10). Das wollte Gott nicht, durch den Propheten Jeremias (32,35) beteuert der Herr, er habe so etwas nie befohlen: "Sie errichteten die Kulthöhe des Baal im Tal Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter für den Moloch durchs Feuer gehen zu lassen. Das habe ich ihnen nie befohlen, und niemals ist es mir in den Sinn gekommen, solchen Greuel zu verlangen und Juda in Sünde zu stürzen."

Hat er aber dem Abraham nicht etwas ebenso Schlimmes doch befohlen? Oder kann man es anders sehen: die Grammatik der Offenbarung entspreche hier gewissermaßen der deutschen (die ja, wie man weiß, Übersetzer vor besondere Schwierigkeiten stellt)? "No lo quiero", "I don't want that": daß der Satz insgesamt negativ ist, weiß man da von Anfang an. Anders auf deutsch: " Ich will das - - - nicht." Die Negation kommt erst im zweiten Band (ließe ein Spott von Mark Twain sich abwandeln). Um zu sagen, daß ich etwas nicht will, muß ich zuerst sagen, daß ich es will. Das kann, wenn ein Tonband - oder gar eine Kehle - rechtzeitig zerfetzt wird, eine gemeinte Aussage in ihr Gegenteil fälschen. Dasselbe passiert aber, wenn jemand die Erzählung von Abrahams Opfer zerreißt, indem er die Sätze bis dahin, wo der Vater das Messer zückt, für sich allein versteht, ohne den Schluß. Dieser Bericht zeigt einen entsetzlichen, ja: bösen Gott. So grausam darf mit einem wirklichen Vater niemand umspringen, am wenigsten ein Gott, der sich "die LIEBE" nennt. Dieser Bericht steht aber auch nicht in der Bibel. So wenig wir den Satz "Ich will das nicht." vor dem letzten Wort abhacken dürfen, so wenig die Geschichte von Abrahams Opfer. Beider Aussagen Sinn steckt erst im Ende.

Wenn aber der Engel des Herrn ("SEIN Bote", übersetzt Martin Buber) erst zuletzt Gottes Willen verkündet: "Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide!" - welcher "Gott prüfte Abraham" dann mit dem Befehl, den Sohn zu schlachten? Etwa jener "Gott", der damals ringsum verehrt wurde, vor dem die Leute solche Angst hatten, das sie ihm vor Verzweiflung ihr Kostbarstes zum Opfer brachten? Dieser Gott bin ich gerade nicht. Das bedeutet die biblische Erzählung von Abrahams Opfer. Wie nennen wir dann den angeblichen "Gott" des Mordbefehls? Götze? Teufel? Krankes, tödliches Gottesbild? "Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier in einem Experiment ohne Ausweg", schreit ein Opfer strengreligiöser Erziehung seinen übermächtigen Quäl-Geist an.

Das also sind die zwei gegensätzlichen Deutungen der Erzählung von Abrahams Opfer: a) der wahre Gott hat den wirklichen Abraham wirklich derart hart geprüft, damit sein Glaube sich aufs Äußerste bewähren könne; b) gegen ein falsches, ja teuflisches Gottesbild samt dem mörderischen Wahn, zu dem es verführt, setzt der wahre Gott sich erlösend durch. Lassen beide Auffassungen sich so verknüpfen, daß aus Gottes "unbegreiflichstem Selbstwiderspruch" helles Glaubenslicht strahlt?

Die "dunkle Seite Gottes" wird vom Glauben einerseits geleugnet, am schärfsten im 1. Johannesbrief (1,5): "Gott ist Licht, und Finsternis ist in Ihm keine." Anderseits wird die Frage nach Gottes dunkler Seite schon innerhalb der Bibel schroff gestellt. So wird David zur selben Sünde der Volkszählung ([2 Sam 24,1 - 1 Chron 21,1] - Statistik war immer schon ein Problem) im früheren Bericht vom Zorn Jahwes gereizt, im späteren vom Satan. Und wie kann Paulus von den Ungläubigen schreiben, "denen der Gott dieser Welt das Denken verblendet hat" (2 Kor 4,4)? Ganz nahe bei unserem Thema ist schließlich die fast zynisch klingende Gottesrede, die der Prophet Ezechiel (20,25) überbringen muß: "Ich erhob in der Wüste meine Hand (zum Schwur), daß ich sie unter die Völker zerstreuen und in alle Länder vertreiben werde, weil sie meine Rechtsvorschriften nicht befolgten, meine Gesetze ablehnten und meine Sabbat-Tage entweihten und weil ihre Augen hinter den Götzen ihrer Väter her waren. Auch gab ich ihnen Gesetze, die nicht gut waren, und Rechtsvorschriften, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben. Ich machte sie unrein durch ihre Opfergaben; sie ließen nämlich alle Erstgeborenen durch das Feuer gehen. Ich wollte ihnen Entsetzen einjagen; denn sie sollten erkennen, daß ich der Herr bin."

Hierzu meint ein Fachmann: "Die Auffassung, daß Gott mit dem Gebot der Darbringung der Erstgeburt eine ‚ungute' Satzung gegeben habe, die gar nicht zum Leben führen sollte, schlägt allen bisherigen Vorstellungen vom Wesen der göttlichen Gebote ins Gesicht." Entspricht sie in ihrer Rätselhaftigkeit nicht genauestens dem zuletzt zwar abgewendeten, zuerst aber befohlenen Opfer Abrahams? Wie läßt sich mit dem Rätsel so leben, daß es uns zum Segen wird?

Ich glaube, es läßt sich christlich sogar erklären, und zwar ebenso wie am letzten Sonntag das Geheimnis von Adam und Eva. Auch Abraham ist mehr als eine nur historische Figur. "Zweiter Vater des Geschlechts!" spricht Kierkegaard ihn an, und eben das ist er, zusammen mit Sara der zweiten Mutter. Auch ABRAHAM ist ein Urprogramm, das notwendige dritte nach PARADIES und SÜNDENFALL, den beiden Prozeduren des Programms ADAM-EVA. Gott ist drei-einig DU-ICH-EINS, und wir sind zur Teilhabe an jeder Sinndimension seines inneren Lebens berufen, zu schwach aber, alle auf einmal zu lernen, deshalb müssen die Programme, je einseitig, nacheinander wirken:

a) Erster Programmschritt: Im PARADIES herrscht noch ungetrennt die Ur-Einheit. "Wie ein kleines Kind (erst in, dann) bei der Mutter, ist meine Seele still in mir" (Psalm 131,2), mit solcher Geborgenheit im EINS-Urschoß Ihrer, der Heiligen Geist-Liebe, fängt alles an. Es kann aber so nicht bleiben; nicht ein göttlicher Sinnpol nur, alle drei wollen uns beleben. Dazu bestimmt der Schöpfer die Schlange. Von ihr gereizt, weiß Eva - nein, sie weiß es natürlich nicht, lebt ja im Paradies, spürt aber bebend und ahnt, daß ohne freien ICH-Vollzug das Paradies des Nur-Eins eine öde Sache wäre: "Da sah die Frau, daß es köstlich wäre, von dem Baum zu essen."

b) Zweiter Programmschritt: Einen Rückweg gibt es von da an nicht mehr. Unsere Teilhabe auch an seinem ICH ist Gottes Ziel; daß es deshalb um der Freiheit willen zum FALL kommt (denn ohne Kenntnis beider Möglichkeiten, des Guten wie des Bösen, könnten wir uns nicht frei gegen das Böse entscheiden), haben wir am vorigen Sonntag verstanden. Daß der Fall in den Eigenwillen gegen Gottes Gebot, ins Ich ohne DU also, auch das Ich und das Eins zerstören muß, merken Adam und Eva sofort: "Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten, daß sie nackt waren." Auch jetzt gibt es keinen Rückweg.

c) Dritter Programmschritt: Wohl aber treibt Gottes Heilsprogramm uns weiter. Nach dem Paradies des Nur-Eins und dem Fall ins bloße Ich fehlt zur drei-einigen Ganzheit noch die Erfahrung des isolierten Du und seines Ungenügens sowie zuletzt die Ganzheit selbst als menschlich gelebt. Vom Programmschritt SELBSTENTFREMDUNG, dem strengen Du gegen Ich-Würde und ohne Eins-Frieden ist Abraham auf seiner gräßlichen Reise bis ins Innerste durchglüht worden, früher auch alle Katholiken, beim Beichten und während einer Höllenpredigt. Auf welche Weise mag diese unentbehrliche Prozedur sich in der künftigen Kirche organisieren? Derselbe HERR, der den Abraham damals anrief, wird ihn auch jetzt in denen, die ER will, erreichen.

Wie man sieht, ist das Programm SELBSTENTFREMDUNG, diese Vernichtung des Ich durch den niederzwingenden Blick des allmächtigen DU, die exakte Umkehrung des Programms SÜNDENFALL, bei dem das Verbot des Du vom selbständig sich durchsetzenden ICH mißachtet wird. Beide in der Zeit notwendigen Einseitigkeiten führen aber zum selben Ziel: dem vollen Bewußtsein sowohl der DU- als auch der ICH-Dimension als miteinander vereint, ja aufeinander angewiesen im End-PARADIES, dem Neuen EINS gereifter LIEBE. Sie ist das unbegreifliche aber geglaubte und von ganzem Herzen erhoffte HEIL, das vom Schöpfer ursprünglich erstrebte Ziel des Gesamtprogramms MENSCH. In CHRISTUS und MARIA ist es sichtbar auf Erden erschienen, um sich in glaubenden Christen auszuwirken.

Seit Abraham wissen Jude und Christ, Moslem und Bahai beides: daß Gott den äußersten Glauben und Gehorsam fordert und daß dabei (obwohl unser Verstand diese Vereinbarkeit nie ganz begreifen kann) des Menschen Würde und die Liebe zwischen Gott und Mensch voll gewahrt bleibt - woraus allerdings folgt (so daß die praktische Zweideutigkeit unüberwindbar ist): Sooft ein angeblich göttlicher Auftrag sich gegen Menschenwürde und Liebe auswirkt, hat nicht Gott ihn erteilt sondern der Teufel, d.h. ein fälschlich aus göttlicher Fülle herausgerissener Teil-Sinn der Dreieinigkeit. Insofern das wirklich geschieht, ist der Teufel wirklich; als absolute Größe ist er stärker als ein bloßes Geschöpf sein kann; weil Christus jede der drei Einseitigkeiten (laues Einerlei, Egoismus, religiöse Sklaverei) als Lüge entlarvt, hat er uns aus des Teufels Gewalt zur Freiheit des Heils erlöst.

Wie kann ABRAHAM aber eine Unterprozedur des allgemeinen göttlichen MENSCH-Programms sein, wenn er doch - als Stammvater Israels - der Beginn von Gottes Sondereigentum ist, um welches der erwählende HERR sich auf unvergleichliche Weise eigens kümmert, ähnlich wie im Sozialismus eine Bäuerin ihren Hausgarten, dessen Gemüse sie behalten durfte, mit mehr Hingabe pflegte als die staatlichen Äcker? "Du bist ein Volk, das dem Herrn deinem Gott heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört" (Dtn = 5. Mos 7,6).

Schauen wir vom umgreifend-erfüllenden CHRISTUS-Programm aus ("ehe Abraham ward, bin ICH" [Joh 8,58]) auf ABRAHAM zurück. In Christus gilt nicht mehr der Gegensatz von Juden und Völkern. "Er hat uns freigekauft, damit den Völkern durch ihn Abrahams Segen zuteil wird" (Gal 3,14). Darum ist dies die christliche Antwort: Israels Sonderberufung (wie später auch die andere der Kirche) ist ein öffentlich-sakramentales Zeichen jener besonderen Zuwendung Gottes, die jedem Menschen gilt und, stärker als das Überich, sein Gewissen prägt. An den SINN des Ganzen glauben und dem bestimmten Befehl des erkannten Guten gehorchen muß deshalb jeder, und sei es bis zur härtesten Konsequenz, egal ob er mit seinem Verstand als religiöser Mensch in der Du-Dimension denkt oder etwa als unreligiöser Humanist auf die Ich-Weise, oder als Zen-Mystiker im gestaltlosen Eins am liebsten nicht-denkt. Um mündig im Heil zu leben, muß jeder Mensch alle drei Unterprogramme vollziehen (denn eben die Drei-einigkeit DU-ICH-EINS ist das Heil), auch wenn er wegen der Schwäche unseres Verstandes - dem die Vereinbarkeit der drei Sinnweisen unbegreiflich bleibt - vor sich und anderen jeweils nur eine davon als "die eigentlich wahre" ausdrücken kann.

Wegen des gemeinsamen Vollzugs ist ideologischen Gegnern, über leere Toleranz hinaus, tiefe Übereinstimmung möglich; um des bleibend getrennten Ausdrucks willen ist von jedem die Treue zu seiner besonderen Denkform verlangt - oder nach einer Bekehrung zur neuen. Zwischen Einheit und Gegensatz vermitteln soll, damit der geistige Erdball weder explodiert noch zum einförmigen Zwangsgehäuse erstarrt noch zum Eintopf schmilzt, eine möglichst reiche Kette freundschaftlich-wechselseitiger Besuche der Art, wie z.B. die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden sie pflegt. Weil ich uns als - dank Christus - zuinnerst eins glaube, kann ich dich und deine mir fremde Wahrheit achten; weil wir äußerlich getrennt bleiben müssen und dürfen, können wir endlos voneinander lernen.

So erfüllt und versteht sich Gottes Verheißung für ABRAHAM, wofern wir uns gegen sein Du-Programm nicht sträuben, auch im dritten christlichen Jahrtausend und in uns wie allen unseren Freunden: "Durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen."


Gottes Fremdheit

von Christa Bing

Es ist wahrscheinlich auch Ihnen schon so ergangen, dass man mit Logik oder gar mit einem inneren Plan, den wir meinten, erkannt zu haben, am Ende war, weil auf einmal alles anders kam oder uns der Weg versperrt war. Besonders schlimm ist das, wenn zu Beginn Gott dabei im Spiel war, wenn der Anfang des Weges ganz bewusst mit ihm vollzogen wurde. Es bedeutet eine große Herausforderung an unser Gottvertrauen und wehe uns, wenn wir am eigenen Konzept unbedingt festhalten wollen! Land der Verheißung ist kein eigener Besitz, sondern will angestrebt werden und der Weg dorthin dauert ein ganzes Leben lang. Manchmal denkt einer, dass es einen Blick hinein gibt, in dieses Land voll Seligkeit, wie jene, die uns im Evangelium dieses Sonntags begegnen. Doch es lassen sich hier eben keine Hütten bauen, um zu behalten, was man als umwerfende Freude erfahren hat. Sie mussten herab vom Berg, zurück in die Gewöhnlichkeit, ja bis in das Tal der Todesangst. Der Vater des Glaubens, Abraham und alle, die auf seinen Spuren gehen, werden sich auf bekannte und unbekannte Wegstrecken einlassen. Es ist oft nicht so, dass ein Engel im letzten Moment ruft: Halt! Es wird dir der bittere Rest erspart. Was ist mit den Eltern, deren Kind trotz aller Anstrengung um seine Gesundheit dann doch stirbt? Oder wie geht es jenen Ehepaaren, deren Beziehung scheitert, nachdem sie durch eigene Bemühung und Beratung eben nicht zu retten war? Manchen wird abverlangt, was Abraham erspart wurde, nur mit dem Unterschied, dass er damals seiner Auffassung nach selber handeln sollte und seine Glaubensgeschwister dies eher erleiden.

Wenn wir den Weg durch die vierzigtägige Fastenzeit gehen, folgen auch wir einem Ruf, der zum Ziel hat, uns dem Reich Gottes näherzubringen. Dazu benötigen wir innere Freiheit, Mut und Durchhaltevermögen. Darauf werden wir uns im alltäglichen Miteinander einüben. Zum Neuen gehört mehr als das, was wir bis jetzt erkannt haben. Wir werden damit zu rechnen haben, dass Gott manche Wegstrecke in fremder Gestalt mit uns zieht oder sogar so, dass wir ihn überhaupt nicht mehr erkennen und entsetzt rufen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Selbst wenn wir scheitern kann er den Vorhang aufreißen zu einer tieferen Einsicht, die uns bisher verborgen war. Über gut und böse zu urteilen überlassen wir besser IHM, dessen Blick hinter alle Fassaden reicht. Vertrauen wir dem Wort:

Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (vgl. Jes 55, 10-11)".

Zum Weiterdenken:

Eine eindrucksvolle jüdische Stellungnahme zu Abrahams Opfer ist die Darstellung von Prof. Jonathan Magonet, dem Leiter des Londoner Leo-Baeck-College, "Die Fesselung Isaaks", enthalten im EZW-Text Nr. 168 von 2003: "Wo aber ist das Opferlamm?", bestellbar (info@ezw-berlin.de) bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfrage. Das Heft enthält auch noch andere instruktive Beiträge.

Die Muslime sehen in Abraham gleichfalls ihren Ursprung: Sein erstgeborener und dann in die Wüste verbannter Sohn Ismael gilt ihnen als Stammvater der Araber. Dabei ist wichtig - und wird von Juden wie Christen meist überlesen - daß auch Ismael Gottes Segen empfängt! Zur Stelle Gen = 1 Mose 17,20 ("Auch was Ismael angeht, erhöre ich dich. Ja, ich segne ihn, ich lasse ihn fruchtbar und sehr zahlreich werden. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich mache ihn zu einem großen Volk.") schreibt Karl-Joseph Kuschel (Streit um Abraham, Düsseldorf 2001, S. 173): "Auch diese Selbstaussage Israels ist von erheblicher theologischer Bedeutung. Sie besagt nämlich: Gottes Segen über Abraham setzt sich nicht nur in Isaak / Israel fort, sondern auch in dem verstoßenen Ismael und dessen Nachkommenschaft. Daß es diese trotz aller Beseitigungspläne von Sara und Abraham gibt, ist Ausdruck von Gottes Willen. Deren Siedlungsgebiet wird denn auch in der Genesis ausdrücklich umschrieben, wobei es wiederum kein Zufall sein dürfte, daß auch Ismael - analog den 12 Söhnen und schließlich Stämmen Jakobs - ebenfalls 12 Söhne und Stämme zugeschrieben werden, was dessen Stellung gegenüber Jakob / Israel nur aufwerten kann (25,12-18). Grund genug also, theologisch über das merkwürdige "Schicksal" Ismaels nachzudenken: Ismael, der Mensch der Wüste, verstoßen von seinem Vater, ausgeschlossen aus der spezifischen Bundesgeschichte - und doch des Segens Gottes teilhaftig, von Gott offenkundig geliebt, anders geliebt freilich als der im Lande gebliebene Isaak ... Nicht nur Isaak, sondern auch Ismael ist anwesend bei Abrahams Begräbnis."

Zieh weg aus deinem Land: Alle drei Religionen verehren in Abraham ein Urbild des Glaubens. Immer wieder gibt er seine Sicherheit auf: "Schaut man in die Ur-Texte, fällt auf, wie sehr Gottvertrauen bei Abraham mit 'Auf-dem-Weg-sein' identisch ist, beginnt doch seine Geschichte nicht zufällig mit dem programmatischen Wort: 'Zieh weg'. Zieh weg 'aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus'. Seither zieht Abraham, wie er später selber sagen wird, 'ins Ungewisse' (20,13), ins Offene einer Zukunft mit all ihren Unwägbarkeiten. Seine Geschichte steht damit im Gegensatz zu der eines anderen großen Wanderers der antiken Kultur: Odysseus, der am Ende nach Ithaka, sein Heimatland, zurückkehren durfte. Anders Abraham. Er - so der französische jüdische Philosoph Emanuel Levinas zu Recht - verläßt sein Vaterland 'für immer', um 'nach einem unbekannten Land aufzubrechen' - ohne Aussicht auf Rückkehr. Steht Odysseus archetypisch für eine Lebensbewegung zurück ins Selbe und Bekannte, so Abraham für eine Lebensbewegung ins Offene und Unbekannte. Die Schlüsselworte seiner Existenzform lauten denn auch: Weggehen, Auswandern, Herumziehen, Aufbrechen, Weiterziehen." (Kuschel ebda S. 52 f)

Ein Segen sollst du sein. Das deutet Thomas Mann so: "Was ihn in Bewegung gesetzt hatte, war geistliche Unruhe, war Gottesnot gewesen, und wenn ihm Verkündigungen zuteil wurden, woran gar kein Zweifel statthaft ist, so bezogen sich diese auf die Ausstrahlungen seines neuartig-persönlichen Gotteserlebnisses, dem Teilnahme und Anhängerschaft zu werben er ja von Anbeginn bemüht gewesen war. Er litt, und indem er das Maß seiner inneren Unbequemlichkeit mit dem der großen Mehrzahl verglich, schloß er daraus auf seines Leidens Zukunftsträchtigkeit. Nicht umsonst, so vernahm er von dem neuerschauten Gott, soll deine Qual und Unrast gewesen sein: Sie wird viele Seelen befruchten, wird Proselyten zeugen, zahlreich wie der Sand am Meer, und den Anstoß geben zu Lebensweitläufigkeiten, die keimweise in ihr beschlossen sind, - mit einem Worte, du sollst ein Segen sein. Ein Segen? Es ist unwahrscheinlich, daß mit diesem Wort der Sinn desjenigen richtig wiedergegeben ist das zu ihm im Gesicht geschah und das seiner Lebensstimmung, der Empfindung seiner selbst entsprach. In dem Worte ‚Segen' liegt eine Wertung, die man fernhalten sollte von Bezeichnungen des Wesens und der Wirkung von Männern seiner Art - von Männern also der inneren Unbequemlichkeit und der Wanderung, deren neuartige Gotteserfahrung die Zukunft zu prägen bestimmt ist. Einen reinen und unzweifelhaften ‚Segen' bedeutet das Leben solcher Männer selten oder nie, mit denen eine Geschichte beginnt, und nicht dies ist es, was ihr Selbstgefühl ihnen zuflüstert. ‚Und sollst ein ‚Schicksal' sein‚ - das ist die reinere und richtigere Übersetzung des Verheißungswortes, in welcher Sprache es immer möge gesprochen worden sein; und ob dies Schicksal einen Segen bedeuten möge oder nicht, ist eine Frage, deren Zweitrangigkeit aus der Tatsache erhellt, daß sie immer und ohne Ausnahme verschieden wird beantwortet werden können, obgleich sie natürlich mit ja beantwortet wurde von der auf physischem und geistigem Wege wachsenden Gemeinschaft derer, die in dem Gotte, welcher den Mann von Ur aus Chaldäa geführt, den wahren Baal und Addu des Kreislaufs erkannten und auf deren Zusammenhang Joseph sein eigenes geistiges und körperliches Dasein zurückführte." [Joseph und seine Brüder, I,14 f]

Muslimisches Opferfest: "Abrahams Opfer ist denn auch das Urbild des rituellen Opfers, das den Höhepunkt jeder großen Wallfahrt nach Mekka bildet (vgl. Sure 37,107; 2,124), Urbild auch des Opferfestes, das in der gesamten islamischen Welt am 10. Tag des Wallfahrtsmonats gefeiert wird. Wenn die Pilger im acht Kilometer von Medina gelegenen Dorf Mina die vorgeschriebenen Riten vollziehen, u. a. das Schlachten von Opfertieren wie Kamelen, Rindern, Schafen oder Ziegen (vgl. Sure 22,28.30), dann vollziehen sie nach ihrem Selbstverständnis die Opferbereitschaft Abrahams nach, dann vollziehen sie im wahrsten Sinne des Wortes "Islam" - nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Ja, mehr noch: Der Muslim erlebt im Vollzug des Opfers und der Wallfahrt Abrahams Leben noch einmal neu, realisiert und aktualisiert körperlich wie geistig, was Glauben wie Abraham heute bedeutet: Abschwörung jeder Idolatrie und Überantwortung an den einen und wahren Gott." [Kuschel, ebda, S. 197]

Kierkegaard hat sich [in: Furcht und Zittern] wie kaum jemand sonst in Abrahams Gemüt eingefühlt.

Gottesratte: "Es galt gleichzeitig als ausgemacht, daß bei dem, der dich nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt. Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier in einem Experiment ohne Ausweg." [Tilmann Moser, Gottesvergiftung, Frankfurt 1976, 29]

Gottes "unbegreiflichster Selbstwiderspruch": Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments I,185

Eine "ungute" Satzung: Ebendort II,416

SELBSTENTFREMDUNG: Ihr Verhältnis zur Erbsünde war vor 32 Jahren geplantes Thema meiner eventuellen Habilitation. An ihre Stelle trat dann die Heirat und Familiengründung.

Teufel: Siehe dazu zwei Texte, von 1968 und 1986.

Die andere Berufung der Kirche, verglichen mit denen von Juden, Muslimen, Bahais und Humanisten, ist Thema meines neuen Buches "Etappen der Großen Liebesgeschichte".

Die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden ist vielen Menschen, auch mir, zur zweiten geistlichen Heimat geworden wider das dumme Trilemma von fundamentalistischer Einigelung, synkretistischer Babel-Turm-Bauerei und relativistischer Beliebigkeit. Erst recht seit dem 11. September ist sie einer der wichtigsten Impulse des Planeten.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/abraham.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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