Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Das besondere Zeichen meint alle

Gedanken zu Weihnachten


Bei der zweiten Lesung der Heiligen Nacht sollten wir auf den Rahmen aus Anfangs- und Schlußsatz achten: »Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten ... und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört« (Tit 2,11.14). Zwei Ziele Gottes stehen hier da: alle Menschen zu retten und sich ein Volk als besonderes Eigentum zu schaffen. Wie gehören beide Ziele zusammen?

Wer eines wegläßt, fällt in einen von zwei Hauptirrtümern. Fundamentalisten fühlen sich stolz als Gottes besonderes Volk und vergessen alle anderen Menschen; Relativisten vermuten alle Menschen im gleichen Heil [statt sie auf verschiedene Weisen im selben zu hoffen] und wollen von besonderer Erwählung nichts wissen. Beide Versimpelungen sind nicht christlich.

Dient ein Ziel dem anderen als notwendiges Mittel? Soll das besondere Volk alle dazu bringen, sich ihm eingliedern zu lassen, um gerettet zu werden? So haben in allen Jahrhunderten viele Christen gedacht, auch heilige Missionare, die sich die Hände müdtauften, um möglichst viele Heiden zu retten. Einer von ihnen mußte enttäuscht den Fehler solcher Logik erleben, als ein adeliger Täufling, schon im Becken, ihn fragte: Und was ist mit meinen Eltern und Ahnen? Auf die Antwort, die seien leider in der Hölle, stieg er empört aus dem Becken.

Eine christlichere Antwort gab das Zweite Vatikanische Konzil. Schon im Vorwort der Liturgiekonstitution (2) wird die Verheißung von Jes 11,12 auf die Kirche bezogen: das »Zeichen, das aufgerichtet ist unter den Völkern«. Wer richtet es auf? Gott selbst. Gottes besonderes Volk bedeutet seinen Willen für alle. Etwa so, wie der Schriftzug ALLE BUCHSTABEN auf der Grundschultafel mehr bedeutet als er ist. Denn die meisten stehen nicht da. Schreibt man die fehlenden dazwischen, so ergibt sich Unsinn. Mir scheint: Deshalb haben bekennende Schwule, Geschiedene und Abtreibungspropagandisten keinen Zutritt zur katholischen Kommunion. Nicht weil sie nicht zu den allen gehörten, die Gott gerettet sehen will - mag sein, sie sind es längst, mehr als gewisse brave Fromme; dazu hat Jesus im Gleichnis von Pharisäer und Zöllner das Nötige gesagt. Doch hat die Ordnung der Zeichen gleichfalls ihr Recht. Obwohl die Huren in der Himmelsschlange vorn stehen (Mt 21,31), baut man doch eine Mädchenschule besser nicht neben ein Bordell.

»Alle Buchstaben« enthält kein r, »all letters« kein u, beide weder o noch d wie auf Spanisch. So gibt es auch verschiedene christliche Zeichensysteme. Ich stelle mir eine brasilianische Basisgemeinde in der favela vor, wo manches arme Straßenmädchen sich willkommen weiß, nicht aber der Parasit aus der Villa ein paar Straßen weiter. Kann auch die europäische Kirche sich als Heilszeichen soweit klären, daß unverschämte Abzocker es nicht länger verunzieren dürfen? (Was wird dann aber aus den Bistumsetats?) Kyrie eleison!


Zum Weiterdenken:

Schwule


Andere Weihnachtspredigten:

  • Das lebendige Kind
  • Mach's wie Gott, werde Mensch!
  • Das Geheimnis der leuchtenden Nacht

  • Hinweis auf eine spannende Radio-Sendung am 2. Februar:

    Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


    Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-weihnacht.htm

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    Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

    und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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