Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Gegen- und miteinander im SINN-Würfel

Gedanken zum siebten Sonntag im Jahreskreis


"Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott" (1 Kor 3,21-23).

Vor zwei Wochen habe ich hier angedeutet, dass "Paulus-Christen" sich vom offiziellen Gottesvolk und den Heiden heute ähnlich unterscheiden wie damals. Damit diese Vermutung nicht - missverstanden - in Irrtum führe, sei sie nun erläutert. Am Schluss der heutigen Lesung stellt Paulus, um einen widerlichen Parteienhader zu bekämpfen, sich in eine Reihe mit den Rivalen Apollos und Kephas (= Petrus). Sollten wir seinem Vorbild nicht nacheifern? Parteiungen ärgern uns auch. Kampfschriften ziehen wider einander aufs theologische Schlachtfeld, stört schon vorreformatorischer Pulverdampf das freie Atmen? Ich sehe drei Grundeinstellungen streiten: um jedes christliche Gemüt, in jeder Gruppe.

Wir kennen Gottes Willen, schallt es aus der einen Ecke. Denn Gott tut ihn uns kund: durch sein Wort in der Heiligen Schrift und das Lehramt der Kirche. "Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land." Zwar ist es in letzter Zeit durch Übeltaten verdreckt und beschädigt worden, doch haben wir Gottes Verheißung: Die Mächte des Bösen vernichten es nicht. In ihm sind wir sicher. Egal, was draußen geschieht.

Wir wissen, worauf es ankommt, tönt die zweite Ecke: "Gottes Ehre ist der lebendige Mensch" (Irenäus). Wacher Humanismus ist die Wahrheit. Um alles, was Menschen zum Leben hilft, sollen Christen sich kümmern, nichts anderes ist Jesu Programm. "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan." Wir sind Kirche, wenn wir das glauben und tun.

Wieder anders ruft es aus der dritten Ecke: Das Schlimme sind die falschen Grenzen. Reißen wir sie ein! Gott ist die Liebe, vor Ihr gilt keine angemaßte Besonderheit. Auf meinen Denkvorschlag vor zwei Wochen schrieb mir G.K.: "Ich meine, radikales Denken auf der Basis des EINEN Geistes, Gottes, müsste das Gebot der Stunde sein. Aber wie? - Nun, wer sollte denn spirituelle Einheit überhaupt herstellen oder herbeiführen können, wenn sie nicht schon Bestand im EINEN Sein hätte, von 'Anbeginn' und ohne die kleinste Unterbrechung? Das zu wissen, müsste doch ausreichen, um das 'Wie im Himmel, also auch auf Erden' erfahrbar zu machen."

Müssen diese drei Botschaften einander nicht auslöschen oder zu unerträglichem Lärm sich mischen? Wie kommen amtsbewusste, den Menschen dienende und einheitsbegeisterte Christen miteinander und mit der Wirklichkeit aus? Die verlangt alle drei Einstellungen. Ohne aufweisbaren Bezug auf den wirklichen Jesus Christus dürften wir uns nicht Christen nennen; ohne kritischen Dienst an Menschen wären wir eine erloschene Fackel und schales Salz; ohne an die tiefe Einheit mit allen zu glauben und sie vorzuleben, gäben wir kein Zeugnis von dem Gott, der die Liebe nicht nur will sondern selber ist.

Unter gewaltigen Wehen und Geisteskämpfen hat sich Jahrhunderte hindurch der Christenheit allmählich ihr Glaube geklärt: an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Wer sie sich in kindlicher Einfalt als drei Personen im Himmel vorstellt, ähnlich wie einen wohl abgeschotteten Milliardärsklüngel im Südsee-Urlaub, dem steht, falls er zu denken bereit ist, eine hinreißende Überraschung bevor. Als "relatio subsistens", in sich schwingende Beziehung, hat das katholische Mittelalter sein Glaubensthema "göttliche Person" schließlich zu verstehen gesucht.

Wir sollten statt an drei Ecken einer Fläche an drei Achsen eines Raumes denken, deren keine die anderen stört. Im Neuen Testament wird die erlöste Gottesstadt als eine Art Würfel beschrieben: "Ihre Länge und Breite und Höhe sind gleich" (Offb 21,16). Drei Spannungen finden wir: Oben/unten, links/rechts, vorn/hinten. So können wir grundverschiedene geistliche Wahrheiten ineinander ahnen. Religiös von unten nach oben schauen im Alten Bund (bis heute) die Juden, im Neuen vorkonziliare Katholiken und Evangelikale. Menschenfreundlich zwischen links und rechts spannen sich säkular gestimmte Heiden und Heidenchristen. Einheitsbegeistert zwischen vorn und hinten schwingen - draußen wie drinnen - die Freunde von Zen und sonstwie ichlösender Meditation. Existentiell drei-einig lebende Christen schließlich üben sich, achtsam auf den je aktuellen Kairós, mal in die eine, mal die andere Heilsspannung ein und helfen bei dieser lebenslangen Aufgabe auch ihren Mitmenschen.

Hüten sollen wir uns vor dem Irrtum, als gäbe es hier eine eindeutige Richtung des Fortschritts. Insoweit mein Denkvorschlag neulich einheitsbewusste Paulus-Christen als die Vollkommensten hinzustellen schien, gehört er korrigiert. Gewiss ist jemand, dem die tiefe Einheit aller Menschen aufgegangen ist, auf seinem Seelenweg weiter als das schlicht fromme Kind gewesen war. Doch ergeht es seinem Mitchristen vielleicht umgekehrt. Dessen Bewusstsein ist dank einer frischen Offenbarung des lebendigen Gottes ganz mit der Unten/Oben-Spannung erfüllt, so dass er die Einheitsdimension vorn/hinten derzeit bloß als relativistisches Wischiwaschi empfinden kann, die humane Richtung links/rechts nur als ethische Konsequenz des allein voll gültigen göttlichen Willens. Merke: Deine aktuelle Situation im drei-einigen Kraftfeld ist für deinen Mitmenschen nicht maßgeblich, seine nicht für dich, noch die eben herrschende Zeitgeistmode für euch. Die wird übermorgen erstaunlich anders sein.

"Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott." In allen Heilsdimensionen hat Jesus gelebt. Nächte lang hat er (unten/oben) zu Gott gebetet, zuletzt IHM seinen Geist übergeben. Entfremdender Religion hat er (links/rechts) widersprochen: "Den Alten ist (von Gott!)gesagt worden, ICH aber sage euch." Schließlich hat er, Zen-Meister ohne von Japan zu wissen (vorn/hinten), "im Heiligen Geist gejubelt" (Lk 10,21).

Wer - egal von welcher Achse aus - diesem Evangelium widerspricht: ihm lasst uns im Namen des wahrhaft kat-holischen Glaubens die heilende Botschaft vom drei-einigen SINN-Würfel ausrichten. Ich glaube: Minder komplex kann ein erwachsener Christ zu Beginn des dritten Jahrtausends nicht vernünftig auftreten. Können unsere Petrus, Apollos und Paulus sich darauf - über alle Parteigrenzen hinweg - friedlich einigen?


Dasselbe Thema habe ich vor kurzem auch in einer Radio-Sendung zu klären versucht:
Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014. Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-s7.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

Schriftenverzeichnis

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