Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Zartes Ja gegen die Kletten

Gedanken zum sechsten Sonntag im Jahreskreis


"Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2,9).

"Kein Auge hat es gesehen" - aber mancher Sinn geahnt: bei jenem unvergesslichen Sonnenaufgang, jenem glückverheißenden Abendrot, bei dem schon so wachen Gesichtlein, kaum drei Wochen auf der Welt, beim Blick ins lachende Auge deines, deiner Liebsten.

"Kein Ohr hat es gehört" - aber mancher Sinn geahnt: beim Flöten einer morgendlichen Amsel,

[wie Bert Brecht 1956 kurz vor dem Tod von einer getröstet worden ist:
"Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wusste ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch."

Mein christlicher Kommentar: Was fehlt im Ewigen Heil? Ich? Ja, sofern ein Ich sich vordrängt, etwas Besonderes sein will wie der schmerzende Zahn oder quälende Hämorrhoiden. Nicht aber fehlt im endlich geheilten Gottesleib ein gesund sich ins Ganze einfügendes Organ: etwa der Fuß des Olympiasiegers im Hochsprung. Achten wir also Brechts weise Wahrheit, jubeln wir aber dennoch österlich über unser verheißenes DANN-Dabeisein !]

bei der Bachfuge im Dom, beim Trällern der Liebsten in der Küche, bei wieder mal der "Aufforderung zum Tanz" aus dem Radio.

"In keines Menschen Herz ist es aufgegangen" - aber manches Herz kann es ahnen. Das Große? So verdeutlicht im Ex-Wirtschaftswunderland das Komitee der Einheizübersetzung, was die Heilige Schrift offen lässt und wir hier auch. "Das Große" (so wird in vielen Kirchen heute vorgelesen) denken wir weg, es steht nicht da. Tatsächlich war der erste Schluck Kamillentee nach der Magenkrebsoperation gar nicht groß, aber ein köstliches Symbol dessen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Unser unbegreiflich wunderbares Hoffnungsgut wider das Sterben verliert nur an Wert, wenn ein Zeitgeist, der den Hals nicht voll kriegen kann, es als groß vergröbert, obwohl Gottes Ja zu uns nur so größer als das Riesigste sein will, dass es unser Herz auch zarter anrührt als der leiseste Kuss.

Oder, im Januar 2014, ein nächtlicher Atemzug aus dem Jenseits: Leise - damit sie nicht aufwacht - kippe ich das Fenster und strecke die Nase hinaus in die kühle Nacht. Ah! Wie gut tut die Frische jenseits der Fensterscheibe. Das also - merke ich plötzlich - ist mit "Jenseits" gemeint! Gar nichts Eingebildetes, Märchenhaftes, Illusionäres. Nur die wahre Wirklichkeit auf der anderen Seite unseres sich von ihr meist so wirksam abschottenden Alltags. Jederzeit ist sie für uns schon da. Ich muss ihr nur die Nase des Herzens achtsam hinstrecken und glaubend auftun. Ah!

Wann ahnen wir das Ja. auf das es ankommt? Sooft ein Hunger gestillt wird, den Durstigen ein Trank erquickt; wenn du, krank, neu siegreiche Lebendigkeit spürst. Vor allem aber, wenn jemand eine Tat herzlicher Liebe für einen Mitmenschen tut. Warum? Weil ein so Liebender erkennt, dass seine (noch so schwache) Güte bloß weltlich nicht erklärbar wäre, ihre Quelle sprudelt in anderer Tiefe als die Physik ausloten kann.

Bei Dostojewski [Brüder Karamasoff 2,IV] klagt eine kleingläubige Dame dem weisen Staretz: »... und da sterbe ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ,Kletten wachsen auf meinem Grabe', wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist doch entsetzlich! Wodurch aber den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken... Wodurch sich nun überzeugen? Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen; denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben. Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes Unglück! Ich stehe da und sehe, dass allen alles einerlei ist, oder fast allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr ertragen! Das bringt einen um! Es ist einfach tötend!«

»Zweifellos tötend. Doch beweisen lässt sich hierbei nichts, wohl aber kann man sich überzeugen.«

»Wie? Wodurch?«

»Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie auch den vollen Glauben errungen haben, und dann wird sich kein Zweifel mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte Wahrheit.«

Warum sie nicht neu erproben?


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014. Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

Schriftenverzeichnis

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