Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Paulus-Christen zwischen Gottesvolk und Heiden

Gedanken zum fünften Sonntag im Jahreskreis


"Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch" (1 Kor 2,2).

Nur den Gekreuzigten will Paulus verkündigen – kein Wunder, dass er Angst hat vor den beiden tonangebenden Kreisen. Da sind zum einen die Juden, stolze Erben einer langen Geschichte mit dem wahren Gott. Ihnen gilt – bis heute! – Paulus als Abtrünniger, bekennt er doch als Messias einen überspannten Hitzkopf, der nach göttlichem Recht als Gotteslästerer hingerichtet worden ist. "Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben" - sooft ich das als Chorbass singe, schüttelt es mich; anders als Paulus und Johannes wissen wir heute, welches Leid auf diesen Richtspruch hin über die Juden hereingebrochen ist. Damals war das nicht abzusehen; noch fünfzehn Jahre lang sollte in Jerusalem der prachtvolle Tempel aufragen. Mit Recht fürchtet Paulus sich vor den Juden.

Auch vor den Heiden, aufgeklärten Zweiflern an allem, was sich naiver Weise auf Göttliches beruft: Das sei doch alles längst als Märchen erwiesen, passe höchstens für Kinder und dummes Volk. Dass zu den Tausenden, die ringsumher überall gekreuzigt werden, auch ein junger Jude in Jerusalem gehört, was soll daran Besonderes sein? So ist der Lauf der Welt, lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Wie jene jüdische Stimme, so klingt diese heidnische laut auch durch unsere Zeit; nicht nur von Plakaten auf Atheisten-Bussen springt gottlose Frechheit uns an, mitunter sogar aus der eigenen Brust.

In beiden Richtungen besiegt Paulus seine Angst. Allen richtet er sein Evangelium aus, mahnt im selben Brief (10,32) auch die heutigen Christen: "Gebt niemandem Anstoß, weder Juden noch Griechen - noch der Gemeinde Gottes!" Das ist heute so wichtig wie damals, seit dem Neuen Pfingsten des Konzils in neuem Sinn. Vor fünfzig Jahren habe ich dem Pauluskreis angehört, einer katholischen Akademikertruppe (jetzt in GCL aufgegangen), versammelt vom Münchner Jesuiten Walter Mariaux. Über meine heutige Sicht wäre er entsetzt gewesen, ich sehe nämlich einen aufregend aktuellen Bezug zur Stellung des Apostels Paulus zwischen Juden und Heiden.

Wie er (Röm 2,16) dürfen auch wir ohne Arroganz "mein Evangelium" sagen. Der saftige Zweig der heiligen kat-holischen Kirche, an dem ich wachse, blüht und fruchtet exakt wie die paulinischen Gemeinden zwischen dem gläubigen Gottesvolk (seins versammelte sich im Tempel, unseres in Domen) und den aufgeklärten Humanisten. Zu beiden gehören wir, von beiden lassen wir uns nicht abschütteln, so gern verbohrte Ideologen beider Seiten uns los würden. Rechts bleiben auch wir Kat-holischen durchaus katholische Christen, links vernünftige Menschen, mag man uns auch dort jenes, hier dieses bestreiten.

Welches ist "unser Evangelium"? Wie Paulus verkünden wir Christus den Gekreuzigten, nicht als wäre er ein von uns getrenntes anderes Individuum. So missverstanden, könnte er nicht unser Heil sein. Nein: In uns lebt, stirbt und ersteht neu Gottes KIND. Sterbend erleben wir MICH, sooft als Zahnweh oder Liebeskummer oder Magenkrebs oder Schwächeanfall oder Ehekrise oder sonstiges Scheitern wieder ein Todestelegramm uns schreckt: EINTREFFE BALD SEI BEREIT

Kein anderer sondern derselbe Christus, der als Jesus gekreuzigt wurde, lebt, stirbt und ersteht in jedem seiner gläubigen Jünger, mehr noch: "Christus hat sich bei seiner Menschwerdung irgendwie mit jedem Menschen vereinigt" (Vat II, GS 22). Wie stehen heutig-paulinische Christen zum Gottes- und Heidenvolk? Wir paulinischen Christen wissen im Glauben auch unsere mystische Identität mit dem Messias, den die ältestgläubigen Juden (wie wir) erwarten, die altgläubig-vorrevolutionären Christen (wie wir) als "Herr, Herr" verehren, die Heiden (wie wir) als historischen Jesus mehr oder weniger respektieren.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014. Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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