Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Das NEUE PFINGSTEN ereignet sich

Ewiges Licht ins düstere 2014


Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.

Vielen Christen ist der Heilige Geist der Unbekannte Gott. Bei Gott dem Vater können sie sich etwas denken, einen Vater erleben sie, zuerst sich gegenüber und dann, sind sie selbst Vater oder Mutter, von innen (was - nebenbei - gegen den Zölibat spricht: erst seit ein kleines Wesen von unten herauf "Papi!" strahlte, bete ich Vater Unser in wahrerem Geist). Auch den Glauben an das göttliche Kind kann jedes Kind in Mann oder Frau sich dank eigener Erfahrung leicht verständlich machen.

Wie aber klärt sich uns der Glaube an den Heiligen Geist? An dieser Frage knabbern Prediger Jahr um Jahr. Mancherlei findet sich, heute lassen wir zwei helle Scheinwerfer einander beleuchten. Vor 800 Jahren strahlte der eine, 1944 der andere, zu aufregendem Doppellicht verbinden sie sich uns. Am 28. Mai 1944 hielt der Münchner Jesuit Alfred Delp (36) seine letzte Pfingstpredigt [bei meiner (1972) war ich 35], Ende Juli wurde er verhaftet, Anfang 1945 in Berlin erhängt, die Asche auf Felder verstreut. An Pfingsten hatte er gesagt:

Dreimal hat Gott die Welt angerührt und ihr jedesmal Leben und Schöpfung und Ordnung gegeben. Immer ist es das gleiche Thema, daß der Herrgott die Kreatur aus seiner Fülle und seiner Freiheit entläßt und daß der Mensch aus der Ordnung herausspringt und nicht mehr heimfindet und die Rufe Gottes überhört werden. Am Schöpfungstag gab Gott seine Ordnung und die festen Gesetze für Himmel und Erde. Der Mensch hat sie zerbrochen. Und ein 2. Mal: Er schickte seinen eingeborenen Sohn. Er wurde einer von uns. Und das Menschengeschlecht hat Hand an ihn gelegt. Durch Gottes Gnade wurde Erlösung. Und ein 3. Mal: Es langte ihm nicht, die Schöpfungsordnung zu geben. Es genügt ihm nicht, Mensch unter Menschen zu werden. Er suchte sich das innerste Menschenherz, weil er diesen Kosmos hineinreißen will zu sich selber.

Was damals geschah an äußeren Zeichen und inneren Wundern, daß da Menschen gewandelt wurden, daß da verschreckte Menschen nun Zeugnis gaben und über Nacht andere Menschen werden, das sollte immer wieder geschehen, wo Menschenherzen die Menschenmenge brechen. Wo dies geschieht, da ist der Mensch nicht mehr allein. Wir alle erleben es: wir allein schaffen es nicht. Des Menschen Nerven und Gemüt sind den Dingen nicht gewachsen. Wir fallen in äußerste Einsamkeit, fallen aus der Angst nicht mehr heraus. Diesem Menschen wird heute gesagt, daß in seiner innersten Mitte der Glanz des gegenwärtigen Gottes ist, an seine Lebendigkeit sich anschmiegt, ihr göttliche Intensität gibt und den Menschen in eine Lebensfülle hineinreißt, die er nicht ahnen konnte.

Es braucht nur dies: des Menschen Herz muß sich auftun. Das ist das erste, daß der Geist die Verschlossenheit und Enge aufsprengt und die Verliebtheit zu sich selber. Diese dritte Person ist im Herrgott selbst die Leidenschaft und Ausschließlichkeit zu sich selbst als der absoluten Fülle. Gott kann nicht anders als sich bejahen und der Geist Gottes ist die glühende Leidenschaft zu sich selbst. Leben weiß sich selbst immer verschenkt und muß sich immer mitteilen - das ereignet sich in Gott in hohem Maß. Gott verbrennt zu sich selbst und das Menschenherz ist dann gesund, wenn es da einbezogen wird, wenn es nicht sich selbst sucht, sondern wenn das, was an echter Lebendigkeit aufbrechen kann, von dieser Glut Gottes aufbricht: das Geheimnis, das in dieser Seele machtvoll geschieht ...

Wir sind Menschen in Not und Schuld und Ausweglosigkeit und Ratlosigkeit. Da stehen die Stürme Gottes und seines Geistes bereit, in unser Leben einzubrechen und die große Fahrt zu ermöglichen. Bitten wir, daß diese Feuerzungen in unser Leben fallen. Wir wollten so klug sein ohne Gott. Nun fallen andere Feuer über uns her. Es wird nur anders werden, wenn diese Gottesfeuer alles überbrennen. Sie verbrennen nicht, sie richten auf. Dann wird das Pfingstwunder geglaubt werden, weil gewandelte Menschen dastehen, weil Menschen da sind, in denen Gottes Feuer vibriert, in denen die Gaben Wirklichkeit geworden sind: der Geist wird kommen, den Mut Euch aufrichten und ihr werdet mit mir Zeugnis geben. Es handelt sich nicht nur um Erinnerungen, sondern um Dinge, die an uns geschehen sollen, um Steigerung der Wirklichkeit, wenn wir unser Herz Gott auftun. Halten wir stille Stunden der Besinnung über die große Würde und Weihe des Menschen, über die innere Ertüchtigung durch den Geist Gottes und stille Stunden des Betens: Rühr uns an, mach uns helläugig, daß wir in Deinem Namen und in deiner Kraft und in deinem Sturm alles neu schaffen.

"Dreimal hat Gott die Welt angerührt", 1. als Vater bei der Schöpfung, 2. als Sohn bei der Menschwerdung, 3. als Heiliger Geist beim Entzünden unserer Herzen.

*

Anders als Pater Delp verstand um 1200 Joachim von Fiore dieses Dreimal: 1. Im Reich des Vaters wurde Israel berufen, 2. im Reich des Sohnes die Kirche des Buchstabens, 3. vom (damals !) künftigen Reich des Heiligen Geistes erhoffen wir die erneuerte Geistkirche. Versuchen wir, uns als heutige Menschen dem Kern von Joachims Idee zu nähern. Jeder Mensch ist immer schon vor das Unendliche gestellt. Das Rätsel des Ganzen bleibt unbegreiflich. Mal beglückt, mal entsetzt es ihn, nie läßt es sich fassen. Wohl kann er es mit symbolischen Projektionen überziehen und wird vielleicht, wie er sich auf Erden vor Höheren neigt, einen himmlischen Hofstaat von Göttern und Göttinnen verehren. Echtes Wissen waren diese Versuche aber nie; spätestens seit Immanuel Kant weiß die Menschheit, daß sie von sich aus die Wahrheit des Ganzen nicht wissen kann.

Einmal jedoch - so glauben Juden und Christen, Muslime und Bahais - ist das Unendliche aus seinem Schweigen herausgetreten und hat sich bestimmten Menschen als Person offenbart, als der/die Unendliche: ICH BIN WER ICH BIN. Seither beziehen Menschen sich nicht nur auf selbstgemachte Gottesbilder (Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, steht auf dem Feuerbach-Denkmal in Nürnberg), sondern wahrhaft auf Gott selbst. Nicht weil wir so klug wären, sondern weil DU, Gott, dich uns zeigen willst. Das glaubt der eine, bezweifelt die andere, leugnet ein dritter. Für das Wissen entscheidbar ist die Frage nicht. Doch sollte klar geworden sein, was der Glaube mit dem Ersten Zeitalter des Vaters meint: Das Unendliche tritt von sich aus bestimmten Menschen - Abraham, Moses, uns - als ihr DU gegenüber, zugleich fordernd und bejahend.

An das Zweite Zeitalter des Sohnes glauben die Christen. Eines Tages offenbarst DU dich uns in einem bestimmten menschlichen Ich: Jesus, Gott und Mensch zugleich. Wer sein Jünger sein will, gehört zum Reich des Sohnes, zur Kirche. Die sie stiftende Offenbarung gilt in der offiziellen Kirche als Gottes letzte Große Heilstat innerhalb der Geschichte; wesenhaft Neues wird erst der offene Anbruch des Gottesreiches beim Weltende bringen. Uns scheint selbstverständlich, daß wir in einer unabsehbaren Geschichts-Zeit leben. Ihr Ende steht noch aus, wer weiß, nach wieviel tausend oder Millionen Jahren. Anders fühlten die ersten Christen. Sie wußten sich am Ende der Zeiten. Es gab für sie in der ganzen Zeit zwischen Sündenfall und Weltende nur zwei wesentliche Einschnitte: a) Abrahams und Moses' Berufung schied die Zeit der Heiden vor dem Gesetz und die Zeit des erwählten Gottesvolkes unter dem Gesetz; b) das Christus-Ereignis trennte die Zeit unter dem Gesetz von der Erfüllung der Zeit und des Gesetzes, beider Ende bringt die Herrschaft der Gnade. c) Joachim von Fiore widerspricht beiden Selbstverständlichkeiten. In unsere unabsehbare Geschichtszeit seit Christus ahnt er - bald! - vom Himmel her das Feuer des Heiligen Geistes zünden und eine wesenhaft neue Epoche eröffnen. Dadurch wird die Sohn-Zeit der Kirche aus der letzten zur vorletzten.

Lassen Joachims und Delps Perspektiven sich verbinden? Ich glaube, ja. 1) Denn eben Gott der SCHÖPFER ist es, der seit Abraham und bis heute im Ersten Bund vom Himmel her, d.h. aus der uns unerreichbaren innersten Mitte des Wirklichen das Volk Israel (und durch seine Vermittlung alle Menschen) erwählt, beruft und durch die Geschichte leitet. 2) Und eben Gott das KIND ist es, das als Jesus im Zweiten Bund den Christen (und durch ihre Vermittlung allen Menschen) als einer von uns und spürbares Heilszeichen brüderlich nahe sein will. 3) Und eben Gott die Heilige LIEBE ist es, die jetzt das beim jüngsten Konzil zum Dritten Bund endlich kat-holisch erwachte Gottesvolk (und durch seine Vermittlung alle Menschen) aus Buchstaben-Enge erlösen will, damit wir zwischen innerster Mitte und jeweilig Realem hier draußen frei schwingen.

Alle drei Bünde (besser: Etappen des einen Bundes) legen historisch deutlich zu bestimmter Zeit (darauf achtet Joachim) ihren Akzent – für uns - auf eine Heilsdimension, die – an sich – seit jeher die Wahrheit ist, Delp drückt sie aus. Wäre er dank dem Konzil auch zu Joachims Schar gestoßen, hat er am Pfingstmontag 1944 gar das von Johannes XXIII. aufgestoßene Fenster zum "Neuen Pfingsten" vorausgeahnt? "Gott zeigt sich immer als Gott der Weite. Sinngebung der Geistsendung: dass die Enge zerbricht. Gott kann die Schmalspur nicht leiden, die engen Herzen ..." Papst Benedikt und sein Nachfolger Franz glauben das auch.

Immer wieder ertönt der Wunsch nach einem 'neuen Pfingsten', Pfingsten ist aber kein Event. So wenig Jesu Auftreten ein Event war. Sondern ein Ereignis, gleichen drei-einigen Ranges wie die Berufung Abrahams. Immer wieder ertönt der jüdische Wunsch nach dem Messias - in Jesus, glauben wir Christen, ist der Ersehnte da. Trotz noch so missverstandener Wünsche kann Gewünschtes sich ereignen. Fürchtet euch nicht: Das von Joachim prophezeite und von Papst Johannes dem Guten zugelassene Neue Pfingsten umbraust uns. Wohin es die Kirche noch führt, weiß erst die unserer Enkel.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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