Jürgen Kuhlmann: Die zweckentfremdete Brücke

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Die zweckentfremdete Brücke

Gedanken am Palmsonntag


"Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort ... Ich mache mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate" (Jes 50,4.7). Am Beginn der Großen Woche ruft Jesaja uns die Grundspannung ins Bewusstsein, von der Jesus als "Mittler eines Neuen Bundes" (Hebr 9,15) erfüllt war und mit der Christus auch uns beleben will: das nie auflösbare Ineinander von selbstloser Freundlichkeit und selbstbewusster Härte. Mittler kann nur sein, wer zu beidem entschlossen ist und jeweils den Pol zeigt, den die Situation verlangt. Mittler zu werden sind auch die Christen berufen, immer schon, doch heute deutlicher als je. "Ohne Gleichnis sagte er ihnen nichts" (Mk 4,33) - warum die Geschichte des Christentums nicht einmal als Gleichnis erzählen?

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Mit dem Himmelreich ist es, wie wenn ein Land durch einen Fluss geteilt wird, Am einen Ufer wohnen die einen, auf der anderen Seite die anderen. Zwischen beiden herrscht Feindschaft. Die einen wissen, dass nur sie richtig leben, und verurteilen die anderen. Die lachen deren Anmaßung aus. Eines Tages wird bei den einen ein Junge geboren. Er weiß sich den Seinen zugehörig, kommt aber allmählich darauf, dass auch die anderen sein dürfen. Deshalb sammelt er Freunde und beginnt mit ihnen, über den Fluss eine Brücke zu bauen. Das ist, beiderseits, den Bestimmern nicht recht. Was würde ohne Trennung aus ihrer Besonderheit? Sie stören den Brückenbau; zuletzt bringen sie - nur in diesem Punkt eines Sinnes (vgl. Lk 23,12) den jungen Mann gemeinsam um.

Doch o Wunder! Bald nach seinem Tod steht die Brücke. Von seinen Freunden bei den einen gehen manche zu den anderen hinüber und werben ihm dort neue Freunde. Zusammen bauen sie an der Brücke weiter. Dass es keine gewöhnliche ist, wissen sie; glauben tun sie Erstaunliches: die Brücke ist kein Ding sondern geheimnisvoll ihr gestorbener und wieder lebendiger Freund in Person.

Bald gelten sie bei einen wie anderen als fremd. Von beiden werden sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Das stört sie wenig, wissen sie doch: Uns gehört die Zukunft.

Damit haben sie recht. Fragt sich nur, ob im Sinn ihres Freundes. Denn statt wie er zwischen den einen und den anderen Frieden zu schaffen, errichten sie erst Zelte, später Häuser, schließlich eine Festung auf der Brücke und in stets weiterem Umkreis um sie her. Damit die teure Zollstation nicht umschwommen werden kann, werden im Fluss Krokodile angesiedelt. Zuletzt wird die Festung zu einer Art DDR verschärft: bei Todesstrafe darf niemand hinaus. Während der Stifter die Wahrheit der einen wie der anderen zur Geltung bringen wollte, fordert die Brückenbesatzung - gegen beide - totale Unterwerfung unter ihre eigene dritte Wahrheit. Statt als liebende Mitte das Stereo-Leben der einen mit den anderen zu pflegen, setzen die Brückenleute das (= den) MonoPol der eigenen Position gewaltsam durch.

So steht es offiziell weithin noch heute. Was muss sich ändern?

- Die Droh-Mauer um das Gefängnis wird niedergelegt. Wer sich nicht selbst der Brückengemeinde zurechnet, gehört nicht zu ihr; ihn durch Höllenbilder scheinbar halten zu wollen ist widersinnig, verdreckt ihr gutes Zeugnis.

- Die Krokodile werden fortgebracht, freies Schwimmen ist wieder möglich.

- Minder kühnen Schwimmern wird von der Brücke aus mit biegsamen Stangen über den Fluss geholfen.

- Die Brückengebäude werden von der Besatzung nicht zur eigenen Bequemlichkeit genutzt, sondern dienen zur friedlichen Begegnung mit den einen wie den anderen.

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Das Gleichnis verdeutlicht, warum Christen sowohl kieselhart als auch liebevoll weich sein sollen. Hart muss die Brücke sein und mit Härte gegen Angriffe aller Spalter verteidigt werden. Bei seinem Auftrag, Gottes Frieden zu vermitteln, macht Jesus keine Kompromisse. Lieber lässt er sich töten. Doch darf solche Härte nie Selbstzweck werden oder dem Eigenwohl der Brückenmenschen dienen. Ob wohl auch Jesus einmal die beiden Schriftworte ineinandergefühlt hat, das heutige Jesaja-Wort von seinem "Gesicht hart wie ein Kiesel" und den Schluss von Psalm 114 über Gott, der da wandelt "einen Kiesel zum Wasserquell"?


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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